75 und ein bisschen weise? Teil I

Am Montag bin ich 75 geworden. Lange Strecke. Lädt ein, zum Zurückschauen.

In der ersten Erinnerung bin ich 4 Jahre und mein Vater kommt aus der Gefangenschaft in Frankreich zurück. Ich hatte ihn nie gesehen. Ein fremder Mann mit Holzschuhen ohne Strümpfe bringt mir Schokolade und Buntstifte mit. Kostbar und nie zuvor gesehen. Mutter behielt die Schokolade im Schrank und raspelte ab und an ein wenig ab für ein Kakao ähnliches Getränk. Ein Stück essen war verboten.

Es gibt ein Bild von mir mit einem überlangen Stock. Der muss es gewesen sein, mit dem bin ich in die Schule zu den Großen im zweiten Stock, sie hatten ihren Spaß und mich gefragt, wer ich sei. Ich sei der fremde Mann fo Selwerich (Silberg, dem Nachbarort) hing mir noch lange nach.Mai 1947 R mit Dreirad im Hof

Gelernt haben wir nicht viel bei Hamann. Er war ein lieber Mensch, lebte mit seiner Mutter zusammen, ging täglich mit ihr spazieren. Sie hatten ihn, den ehemaligen Offizier, in einem Schnellkurs zum Lehrer gemacht und uns vorgesetzt. Er las Kärtchen mit Rechenaufgaben ab und die Schnellrechner unter uns bewiesen ihm öfters ein falsches Ergebnis. Bei Filmen wurden hohe Gestelle mit dunkler Pappe in die Fenster gestellt. Die mussten öfters auf dem Speicher repariert werden, eine begehrte Aufgabe. Der Speicher war eine Fundgrube. Da lagerten alte wundersame Sachen. Einmal ist einer aufs Dach geklettert und hat den Schornstein mit einer Glasplatte abgedeckt. Aus den Bulleröfen kam plötzlich Rauch, wir durften heim und der Schornsteinfeger hat mit seinem Spiegel, den er unten in den Schornstein hielt, einen freien Kamin gesehen. Erst spät ist er aufs Dach. Auf den Bulleröfen stand im Winter eine Heringsbüchse voll Schnee am Morgen. Lehrer Hamann ging immer zuerst durch den Raum, sich die Hände reibend und schaute aufs Thermometer. Die Öfen waren noch nicht lange an. Zwei Mal haben wir das Thermometer mit Schnee eingedeckt und runter gefahren. Wir kriegten frei bis 10:00 und fuhren Schlitten.
Erst als Lehrer Milbrot im 7. Schuljahr kam, lernte ich mehr. Er war streng, musikbegeistert, brachte denen, die es wollten, fehlenden Stoff bei und ließ mich aus der Bibliothek lesen was ich wollte. Ich wollte viel lesen. Und durfte die Arbeit auf dem kleinen Nebenerwerbshof nicht vernachlässigen. Jeden Klobesuch nutzte ich mit einem Buch unterm Hemd zum Schmökern aus. Bis jemand rief, der sitzt schon wieder auf dem Klo.

Bei Klaus, ich war 6, hat mich Mutter noch ein Zuckerstück auf das Fensterbrett legen lassen. Der Storch holte es, ich habs genau gehört. Bei Hanne wollte Mutter mich aufklären. Ich bin aus dem Bett geflohen. Schließlich war ich schon 12 und verklemmpt, wie es in einem pietistischen Haus üblich ist. Klaus wollte immer nur Mörtel machen und sein Zigarettchen aus Holz rauchen. Bis er eines Tages hin fiel und das Stöckchen im Hals steckte. Mit der Göricke und ihm auf dem Schoss von Mutter sind sie zum Arzt im Nachbarort gefahren, der hat genäht. Ansonsten erinnere ich, dass wir am Samstag den Hof kehren mussten. Sein kleineres obere Teil hab ich schnell fertig gekehrt weil danach kam baden und dann war frei. So um 6.00. Hanne war meine kleine, niedliche Schwester. Da musste ich aufpassen, dass ihr nichts passiert.

Die Lehre begann, ich war 13, mit einem Schrecken am ersten Tag. Irgendwann dachte ich, es müsse doch gleich Feierabend sein. Doch die große Uhr im Nachbarsaal zeigte 11.00 Uhr morgens! Zur Auswahl hatte eine Lehre im Büro und die bei Onkel Otto im Betrieb bei Arnold gestanden. Mein Kriterium war, jetzt hast du genug gesessen in der Schule. Was mich erwartete, davon hatte ich keine Ahnung. Besser so. Es war nicht gut. Gut war Fritz, der Vorarbeiter. Der war im Nebenberuf Fotograf und liebte klassische Musik. Ab und an wurde Sonntag Nachmittag ein Wunsch von ihm im Radio gespielt. Den Namen von jemand zu hören, den ich kannte genügte, um die Musik zu hören. Und Fritz erklärte mir an nächsten Tag den historischen Hintergrund des Gefangenenchors aus Nabuco. Vater mochte die Musik nicht.
Morgens um 10 vor 8:00 kam der Schnellzug nach Siegen vorbei. Ich sah ihm nach und träumte von der Ferne.

Opa war Vorsteher der Freien Gemeinde. Missionare kamen nach ihrem Vortrag zu uns. Und erzählten weiter. Mit 8 wollte ich Missionar werden.

Noch in der Pubertät musste ich wie jeden Sonntag nach Gottesdienst und Kaffeetrinken mit Vater und Mutter spazieren gehen. Auf einem kleinen Hügel sah ich das Dorf. Und der Gedanke setzte sich erschreckend fest. Das soll alles gewesen sein?

Die Gesellenprüfung war theoretisch gut und praktisch ein Desaster. Gelernt hatte ich an alten Maschinen, die neuen bei Banss waren fremd und reagierten anders. Manfred half aus als alle fertig waren. Nun war ich Geselle, musste nicht mehr zwei Mal täglich Muckefuck und belegte Brötchen holen und bekam keinen Fußtritt, wenn ich statt grünflaschigem Bier ein braunes gebracht hatte. Gespräche und Erzählungen der Kollegen waren interessanter als die Arbeit. Und Abends  die Landwirtschaft.

Zwei Mal die Woche durfte ich zur Fachhochschule nach Biedenkopf. Ich sollte Ingenieur werden wie Onkel Otto. Das waren 10 km hin und 10 zurück. Zum ersten Mal hörte ich, dass die Bildzeitung lügt. Eine Welt brach zusammen. Gedrucktes war bis dato heilig und wahr. Soziale Themen nahmen mich gefangen. Und der Fotokurs als Zugabe war besser als Fachkunde. Nach Berlin durfte ich mit und brachte die Gruppe ob meiner Begeisterung zur Weißglut.

Und dann kam der Tag des Abschieds. Der langen Weg über Fachschulabschluss, Vor- und Hauptstudium in Giessen konnte abgekürzt werden. Und ich kam weg. TEWFA in Stockach bot eine private Ausbildung zum Techniker und Ingenieur in nur einem Jahr an. Stockach liegt am Bodensee. Unterm Dach juchhe wohnten wir zu zweit, Zeichenbretter bedeckten den Tisch, um den man kaum herum zu den Betten kam. Und die Hemden musste ich selbst waschen. An den Wochenenden gab es nichts Warmes zu essen, nur Käseecken und Servelatwurst. Und Tee.

Am 22. November 1963 kam der Hausherr hoch. Etwas Schreckliches ist passiert. Im Fernsehen brachten sie Trauersendungen. Kennedy war ermordet worden.

4 Gedanken zu “75 und ein bisschen weise? Teil I

  1. Lieber Reinhold,
    nachträglich einen dicken Kuss zum Geburtstag und die allerbesten Wünsche für viele weitere weise Jahre, mit tollen Geschichten, wunderbarer Musik, liebenswerten Menschen und natürlich mit Gesundheit!
    Herzliche Grüße aus FFM
    von Elke & Jörg

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    1. Unverhofft kommt oft, danke. Ist ja auch nicht gut, alles auf einmal zu kriegen. In Lima sind wir jetzt. Und Dienstag fliegen wir nach AREQUIPA, Donnerstag Nacht zurück nach Paracas mit dem Bus und das Wochenende zusammen mit der Familie in einem super Hotel am Strand. Und am 6. 4. wollen wir zurück sein.
      Danke Euch
      Und bis dann und wann?
      R

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  2. WEIT, ist der kleine Bauernjunge von damals, bis HEUTE gekommen ! DAZU, Seine Träume, FERNWEH und mehr, stets WAHR gemacht !! DABEI, Sich selbst, immerzu TREU geblieben !!! BLEIB so, LIEBER Reinhold !…!! LIEBE Grüße, Dieter 🙂

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