II.6 Lehre 1958-1961

 

Vater (links) und sein Bruder, Onkel Otto

Mit knapp 14 kam ich in die Lehre. Die Auswahl war einfach: entweder aufs Büro oder in den Betrieb. Aufs Büro wollte ich nicht, ich hatte meiner Meinung nach schon lange genug in der Schule gesessen. Mit Betrieb war die Fabrik gemeint, in der Vater Herde und Öfen ausmauerte, Onkel Ernst Fahrer war und Onkel Otto Betriebsingenieur. Ingenieur war die Vorstellung meiner Eltern. Der erste Tag war schlimm und hat mich sehr geprägt. Um 11.00 Uhr morgens dachte ich, der Tag müsse vorbei sein. Ich hatte genug von den Lärm und dem ungewohnten Betrieb in der Schlosserei. Die Uhr war in der Stanzerei. Mir fuhr ein riesiger Schreck in die Glieder. Das sollte ich nun ein Leben lang aushalten? 

Der niedrige Anbau mit Blechdach, in dem Drehbänke, Hobelbänke, Metallsägen, Werkbänke, Bohrwerke, Schleifsteine, eine Schmiede und andere Sachen eng an eng standen, war im Sommer sehr heiß und im Winter eisig kalt. Es gab nur einen Bullerofen, den ich als Stift zu bedienen hatte. Alle Maschinen waren alt, zum Teil  uralt. Die Drehbank, an der ich lernen sollte, wurde schon von Marx beschrieben, aber das wusste ich damals noch nicht. Sie war an ein Deckenvorgelege angeschlossen wie mehrere andere Maschinen.

Ziemliche Ähnlichkeit mit meiner ersten Drehbank

Ein Deckenvorgelege ist eine lange Welle unter der Decke, die von einem starken Motor getrieben wird. Die angeschlossenen Maschinen werden mit breiten Flachriemen, die von Scheiben an der Decke kommen, angetrieben. Zum Aus- und Einschalten schob man den Riemen auf eine Leerscheibe, zum Wechsel der Geschwindigkeit schlug man mit einem Knüppel den laufenden Riemen auf die nächste Stufe der verschieden dicken Scheiben. Die alten Fachmänner machten das mit der Hand. Das Vorgelege rappelte und die Riemen wimmerten. Waren alle Maschinen am Arbeiten, gab es kaum Kraft, war nur eine Maschine dran, musste das ganze Krach machende Ungetüm auch laufen. Heute kann man dieses Antriebssystem aus der Gründerzeit im Deutschen Museum in München bewundern.

Stift war der Lehrling. Und damit der unterste Dienstrang und für Dienstleistungen zu gebrauchen. Ich musste Werkzeuge holen, anreichen, festhalten, aushelfen, bei Reparaturen in die dreckigste Ecke und vor allem Essen holen. Zum Frühstück und zu Mittag. Dafür hatte ich eine Holzkiste und da kamen die Bestellungen rein. Hack Rind, Hack Schwein, Leberwurst mit oder ohne Grieben, Fleischwurst, Brötchen, Getränke. Einer wollte nur grünes Bier und das im Winter warm. Wehe ich brachte das Falsche. Dann flogen schon mal Eisenstücke. In der Stanzerei aushelfen war hart. Eine große Halle voller alter Stanzen, Blechbiegemaschinen, Bohrwerke, die jammerten und jaulten und krachend abwärts fuhren. Nur durch Schreien konnte man sich verständigen und der Fußboden vibrierte. Nach Feierabend brauchte das Gehör lange Zeit um auf Normalgeräusche umzuschalten. Stanzen war gefährlich. Sicherheitsvorrichtungen gab es kaum. Einem meiner jungen Kollegen hat es die Hand abgehackt als die Maschine beim Hochfahren nicht einrastete und zurück kam mit Wucht. Seitenbleche für Herde und Öfen wurden gestanzt.  Glück hatte ich. Mein Onkel, der Betriebsingenieur teilte mich nur selten ein. Dafür brachte er mir den Pythagoras  bei. Ich aber begriff nicht, für was der gut sein sollte. Überhaupt war mein Interesse gering. Lieber stand ich bei Fritz, dem Vorarbeiter, der mir die Grundzüge klassischer Musik und des Fotografierens beibrachte. Und die Geschichten der Facharbeiter interessierten mich ungemein. Besonders wenn sie von Liebe handelten.

Klassische Musik hören, war in unserem Haus verpönt. Ich sollte christliche Musik oder Volksmusik im Radio anmachen. Mein Anreiz war, dass Vorarbeiter Fritz sich ab und an im sonntäglichen Wunschkonzert ein Musikstück wünschte. Dann saß ich Stunden am Radio. Es war für mich etwas Besonderes, jemanden zu kennen, der im Radio genannt wurde. Und um Bilder abzuziehen, hab ich mir einen Kopierrahmen gebaut und ein Labor unterm Dach eingerichtet. Es war faszinierend, wenn die Fotos im Entwickler zum Leben erwachten. 

Um 6:30 Uhr fing die Arbeit an. Um 8:10 Uhr kam der Schnellzug Marburg-Siegen vorbei. Wann immer es ging stand ich draußen und schaute ihm nach. Er fuhr in die große, weite Welt meiner Träume.

Meine Drehbank war rechtsdrehend.

Die zweite Drehbank war etwas moderner (Archivbild,

Nach 3 Lehrjahren war die Bewegung, den Schlitten ein und auszufahren, verinnerlicht. Bei der Gesellenprüfung gaben sie mir einer Maschine, die ich nur aus  Büchern kannte. Und der Schlitten des modernen Gerätes war linksdrehend! Eine Katastrophe. Ich fuhr das Werkzeug permanent in das Drehstück hinein statt heraus. Entsprechend sahen Gewinde und Kegel aus, das Passstück, das auf 1/100 mm genau zu sein hatte, war völlig mit Rillen übersät. Eine 4 war das Resultat. Da hatte ich schon wieder Glück. Mit einer 5 wäre ich durchgerasselt auch mit der 1 in Theorie. 

Die Werkstatt war zuständig für Metallarbeiten im Betrieb. Noch heute habe ich Hochachtung vor der Leistung meiner Kollegen. Es gab nichts, was sie nicht konnten. Komplizierte Werkzeuge, Formen, Drehstücke wurden hergestellt und alles repariert was kaputt ging. Onkel Otto konstruierte Hydraulik gesteuerte Fließbänder für die Produktion, die wurden ebenso gebaut wie genaueste Stanzformen und schmiedeeiserne Gitter. Schmieden mochte ich. An der Esse stehen, den Stahl weiß und schmiegsam zu erhitzen und auf dem Amboss zu formen war Kunst. Bei großen Stücken schlug ich mit dem Schmiedehammer im langsamen Takt auf den Stahl, mit dem kleinen Handhammer formte der Meister das Stück im Zwischentakt. Schmieden im Tandem konnte ein Trommelkonzert sein.

Viel musste ich lernen. Drehen, aber auch Schweißen, Bohren, Fräsen, Schleifen, Rohre Biegen, Meißeln, Feilen natürlich und Schmieden. Interesse hatte ich, wenn Arbeiten in extremen Situationen hoch oben oder tief drinnen gefordert waren. Oder wenn es darum ging, den Männern Geschichten zu entlocken.

Die Lehrmethoden waren rau. Ohrfeigen gab es keine mehr, dafür eins mit dem Hammer auf die Finger, wenn ich nicht konzentriert und mit voller Kraft die Formen zusammenpresste. Ich wurde verarscht und rein zufällig mit Wasser übergossen, zu Besorgungen gescheucht und beschimpft. Nur selten war Böswilligkeit dabei, man kannte Ausbildung nicht anders. Die Berufsschule war ein Rückzugsort und lernen konnte man da auch noch. Onkel Otto hat mich vor zu häufigen, sonst üblichen Produktionseinsätzen von Lehrlingen durch den Besitzer bewahrt. Der hatte eine Villa nebenan, einen Mercedes und einen Sohn, der sein Abitur nur nach verschiedenen Privatschulen schaffte. Dafür fuhr er einen offenen Sportwagen. Manchmal habe ich ihn beneidet, aber nie als Sohn des Besitzers.

Ja doch, Drehen war die Hauptbeschäftigung. Faszinierend fand ich Gewinde schneiden auf der Drehbank. Das waren große, armdicke Gewinde. Meine alte Maschine hatte noch Zahnräder zum Wechseln, das Übersetzungsverhältnis musste ich ausrechnen. Diese Welle zog den Schlitten mit dem Drehstahl exakt in der Geschwindigkeit vorwärts um das Gewinde aus dem sich drehenden Drehstück herauszuschneiden. Wenn mit dem letzten Schnitt die Oberfläche des Gewindes glitzerte und das Gewinde passte, war die Arbeit gelungen. Gelang mir nicht oft.

Kaffee gab es in den Pausen umsonst. Der war durchsichtig bis auf den Tassenboden. Nur der alte Kollege vom Vater trank schwarzen Kaffee. Er hatte noch nie seine Tasse gewaschen. Zum Frühstück und Mittag ging ich an den Arbeitsplatz meines Vaters. Der saß mit seinen Kollegen zwischen gestapelten Herden und Öfen auf Brettern und Schemeln. Wir aßen die Brote von Mutter und ganz selten kriegten wir 50 Pfennig um von der Metzgerin zu kaufen. Das war normal der größte Betrag, den Vater im Portemonnaie hatte. Nach dem Essen legte sich mein Vater auf die Werkbank und schlief 10 Minuten.  

Die Hölle war los in der Gießerei. Onkel Otto war der Meinung, dass ihn die Entstehung von Gussteilen technisch gebildet habe. In einem alten dunklen Fabrikgebäude aus der Gründerzeit liefen halbnackte schwarz verdreckte Männer herum, sporadisch erhellt durch Feuerausstöße des Hochofens und schleppten Behälter mit geschmolzenem Guss. Kam der Guss mit Wasser in Berührung, spritzte geronnene Schlacke im Regenbogen durch die Halle. Was sie traf, verbrannte. Für den Fall, dass die Schlacke in die Schuhe rutschte, waren große Kübel mit Wasser aufgestellt. Da musste man reinspringen. Wer da arbeitet, erschrickt den Teufel. Nie wieder möchte ich dahin zurück.

Auch nicht in die Werkstatt. Obwohl: 2 Gesellenjahre musste ich noch aushalten. Aber das ist eine andere Geschichte.

II.5 Von Verboten und Geboten, dem Mädchen aus dem Urwald und dem Nachbardorf

Der „schmale Weg“ der Pilgrims war ein nicht hinterfragbares Dogma, das mich umfangen hielt wie eine Fessel. Es gab mehr Verbote als Erlaubtes, der rechte Weg war mit Fallstricken weltlicher Freuden übersät. Auch für uns Jugendliche war Beten und Arbeiten vorrangig. Und die Vermutung, wir hätten nur Dummheiten im Kopf wenn wir uns ohne Aufsicht trafen, war nicht falsch.

Bis zum 15. Lebensjahr war ich noch nie im Kino. Das Vergnügen war weltlich und streng untersagt. Die Gruppe, die mich ab und an akzeptierte – ich durfte ja nichts – machte mich heiß. Von Liane, dem Mädchen aus dem Urwald, hatte ich gehört. Nackte Brüste sollte es da zu sehen geben. Wasser stand mir im Mund und ich ging mit ins Nachbardorf. Da wurde es schwierig. Sah mich jemand, der mich kannte – und als Opas Enkel war ich bekannt – war es um mein Heil geschehen. Den langen Gang huschte ich abgewandt hinunter und da war sie, die halb-nackte Marion Michael. Eine Wonne! So also sahen Frauen ohne Kleider oben rum aus! Und nach dem Kino ging es weiter mit den Freuden. Ein Mädchen war in der Gruppe übrig und ging mit mir. Es war kaum zu glauben: die Sünde wurde auch noch belohnt! In einem Bomben-Trichter in der Nähe des Waldes knutschten wir. Das war’s! Ich wollte nie mehr aufhören. Den inquisitorischen Fragen zu Hause konnte ich nur angstvoll und mit einer halben Lüge begegnen. Ich war ja wirklich im Wald gewesen.

Rauchen war auch verboten. Wir probierten es mit Zeitungspapier und dürren Blättern. Bis die Amis kamen. Eine Gruppe hatte ihr Manöverlager auf dem Fußballplatz im Nachbardorf aufgeschlagen. Wir wanderten hin. Meine erste Erfahrung mit Amis, lange Jahre davor, war negativ. Panzer rasselten um die Kurve, ich  winkte und hoffte. Von Schokolade und Kaugummi hatte ich gehört. Da schmiss einer ein kleines Päckchen in meine Richtung. Es schmeckte abartig. Es war ein Brühwürfel-was für ne Enttäuschung. Doch jetzt bekamen wir Zigaretten! Wir pafften und mir wurde schlecht. Zu Hause musste ich beichten, woher die Übelkeit kam. Sie sahen sie als gebotene Strafe an. Ich hatte mehr befürchtet.

Gefahr durch das weibliche Geschlecht drohte mir wenig. Ich hatte Pickel wie ein Streuselkuchen, mein ohnehin geringes Selbstbewusstsein sank ins Bodenlose. Mutter half nach, sandte das Päckchen mit der (teuren) „garantiert helfenden“ Anti-Pickel Salbe zurück und vertrieb die erste Freundin mit ihrer Clique vom Hof. Pickel, Fundamentalismus und Lerneifer halfen, der allgemein schnellen Heirat auf dem Dorf zu entgehen und mit Lesen Erfahrungen zu sammeln. Im Nachhinein danke ich Mutter. Die Freundin war Metzgertochter im Nachbardorf. Ich hatte nicht berücksichtigt, dass ein Metzgerschwiegersohn Verpflichtungen hat.

Irritierend war der fremde Prediger der, wie alle auswärtige Prediger, zu Besuch bei Opa war. Er brachte das Gespräch auf sündige Gedanken und Handlungen und bot sich an, mit mir zu reden. Alle mussten aus dem Zimmer und er setzte sich neben mich. 

Ernste Worte troffen ihm aus dem Mund, er wies mich an, ja meine Hände von mir zu lassen, die Sünde sei entsetzlich. Und kam zu Einzelheiten und näher. Seine Hand umfasste meinen Oberschenkel, ein Gefühl von Wonne und Entsetzen erfasste mich und ich floh wie einst Josef in Ägypten vor der Frau des Potifar. Verwirrt wusste ich: der nicht, auch wenn es ein gutes Gefühl war. Aber warum war es verboten wenn es sogar von einem Prediger gemacht wird? Darüber sprechen war unmöglich.

Im Dorf war die Unterscheidung einfach. Da gab es die Weltlichen und die Bekehrten. Beide Gruppen lebten getrennt und verschieden. Die Einen gingen ins Wirtshaus, soffen, tanzten, stritten, hurten, lebten, wenn sie konnten, in Saus und Braus. Das wurde uns so indoktriniert. Die anderen gingen in den Gottesdienst und versuchten sich an dem schmalen, entsagungsvollen aber christlichen Weg, der für sie zum ewigen Leben führt. Ich aber wollte mehr. Die „Twen“ lesen, Jazz hören, dunkle Bars zogen mich an, Frauen waren ein aufregendes Rätsel, mit meiner Sexualität wusste ich nicht, wohin damit. Je mehr ich las umso mehr rückten andere Lebenskonzepte in meinen Blickpunkt. Es war ein Spannungsfeld, in dem meine Bedürfnisse und Wünsche wie Elektronen hin und her sausten und nach Entladung strebten.

Ein Erlebnis hat sich mir eingeprägt. Ich war schon in der Lehre, musste morgens um kurz nach 6:00 mit dem Fahrrad los zur Fabrik, den ganzen Tag tun was nicht meins war, am späten Nachmittag in der Landwirtschaft helfen, Abends in Gottesdienst, Bibelstunde, Jugenstunde, Gesangsstunde, Missionsstunde. Das waren Anforderung, der ich nur noch halbwegs genügte. 

Wie immer musste ich Sonntags mit spazieren gehen. Und dann kam das Dorf wieder in Sicht und mich überfiel ein tiefer Schreck und der Gedanke schoss hoch: 

„Das kann doch nicht alles gewesen sein.“

Nein, war es nicht!

II.4 Kindergottesdienst zu Weihnacht

Jugendzeit 1950-1958

In meiner Jugend hat es Weihnachten oft geschneit. Dann waren die Wege, Häuser und Plätze weiss gepudert, die Luft war kalt und alle Geräusche waren gedämpft. Weihnachten war weiss und begann immer am 24. abends um 7.00 Uhr mit dem Kindergottesdienst.

In der Vorweihnachtszeit haben wir zu Hause viel gesungen, Opa hat mit der Zither begleitet und Bratäpfel brutzelten auf dem Herd. Bei Frost kamen Eisblumen auf die Fenster und wir mussten dagegen hauchen um durchsehen zu können. Vorweihnachtszeit hieß auch, Gedichte auswendig lernen, Texte einüben, Lieder im Chor singen, den Kindergottesdienst vorbereiten.

Weihnachten gehörte den Kindern in der Gemeinde. Dann hatten sie das Sagen und mussten die Mitglieder beglücken. Das gelang regelmäßig, besonders den Kleinsten. Die einen krähten leiernd ihren Text herunter, den anderen blieben die Worte im Hals stecken und die Sonntagsschule-Tante musste vorsagen. Es gab verschmitzte und verschlagene Kinder, liebe und herzige und alles stöhnte und freute sich mit, wenn sie ihre kleinen Gedichte aufsagten, fein angezogen von ihren Muttis. Blieb ein Kind stecken, war das eine Katastrophe für die Familie. Aufgeregt wie die Hühner ruckelte der Clan auf seinen Plätzen rum und konnte doch nicht eingreifen, auch wenn die Mama das ganze Gedicht konnte. Sie wollten helfen und scheiterten mit ihrem Kind. Noch lange war das Weihnachtsversagen ein heikles Gesprächsthema.

Dann kamen die Großen dran. Einige hatten lange Gedichte aufzusagen, die .anderen mussten ein Spiel spielen, Maria und Josef modern. Das war schwierig für uns Dorfkinder, weil es sich nicht reimte. Am Reim konnte man sich festhalten, bei der Prosa hatte der Text einen undurchsichtigen Inhalt. Mir war nie bewusst, was wir da spielten, viel zu aufgeregt und konzentriert auf nicht stecken bleiben war ich. Besonders irre war es, wenn wir uns verkleiden durften und Bühnendekoration gebraucht wurde. Dahinter konnte man sich ein wenig verbergen. Immer wieder war einer dabei, der mit seinen Text hängen blieb. Das regte noch besonders auf, als ob die eigenen Aufregung nicht schon genug wäre.

Die Räumlichkeit im alten Gemeindesaal war beengt, Weihnachten besonders, dann war es übervoll. Ein dicker Bullerofen, mit Holz geheizt, ließ die Leute in seiner Umgebung vor Hitze brüten, an den Rändern und nahe an der Tür hinten zog es wie Hechtsuppe. Neben dem Podium an der Stirnseite standen Bänke längs, rechts vom Podium aus gesehen saßen wir, links davon der Chor. Dahinter die Reihen quer mit den Gemeindemitgliedern und Gästen. Die Gedichte wurden vom Podium aus vorgetragen, die Spiele davor. Es war nur wenig Platz vorhanden, die Kontakte mit den Zuhörern waren hautnah. Als Belüftung diente neben der zugigen Tür nur eine Klappe in der Decke, die mit einem Seil aufgezogen wurde. Die Luft war schlecht und ein Mal hat es einen erwischt. Er ist vor Aufregung und schlechter Luft im ersten Satz umgefallen. Das war vielleicht ein Aufstand!

Vor Aufregung schwitzten die Hände schon beim Hergehen in der eiskalten Luft. Schluckbeschwerden stellten sich ein, der Mund war trocken und das Herz klopfte bis zum Hals. Der Auftritt begann. Und ging vorbei wie im Nebel. Und war immer ein Erfolg, wenn man nicht stecken geblieben war. Dann kam der Höhepunkt des Jahres. Nein, er kam noch nicht. Opa Vorsitzender  musste noch die Weihnachtsgeschichte lesen, obwohl sie Teil des Kindervortrages gewesen war. Dann musste er noch auf die Wichtigkeit der aus Kindermund gehörten Worte verweisen und sie mit einer eigenen Predigt krönen. Dann aber sagte er: Jetzt, liebe Kinder, hat die Sonntagsschule noch was Schönes für euch. In Erinnerung sind mir die Suppenteller mit dem Weihnachtsmotiv am Boden und im Halbkreis darüber: Sonntagsschule Freie Evangelische Gemeinde Hommertshausen 1954.

Kommentar von Hanne zu „Opa Heinrich Lenz“

Lieber Bruder, danke für den schönen Bericht über unseren Opa. Er war ein ganz besonderer Mensch. Er hatte seine Prinzipien, seinen festen Glauben, seine Abwesenheit von Humor, der unseren Vater so auszeichnete, sein Leben war aber auch geprägt durch eine große Menschlichkeit. Ich habe nicht so explizite Erinnerungen an ihn, Du hast, glaube ich, als Kind eine sehr viel engere Bindung an ihn gehabt, gerade auch, weil Du ja keine frühkindliche Bindung zum Vater knüpfen konntest, der so lange in Kriegsgefangenschaft war.
In einer Sache muss ich Dich korrigieren, nein sogar in zweien. Also: Niemals hat Opa Milchkaffee getrunken. Er hasste Milch, und alle Milchprodukte waren von unserem Tisch verbannt, zumindest von seinem Teller. Sehr zum Leidwesen von Oma, die ihre Milchsuppe (mich schaudert es noch heute) innig liebte. Ich denke, Opa hatte eine Laktoseintoleranz, und sein Körper hat sich auf diese Weise zur Wehr gesetzt. Das Zweite: Oh doch, es gab Liebhaber für die Nierchen beim Schlachtfest- das waren Papa und ich, Unser Vater hat sie mir als die größte Köstlichkeit des Schlachtessens verkauft und wir beide haben sie vergnügt verzehrt. Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen. Ich auf seinem Schoß sitzend und er füttert mich mit kleinen Müffelchen mit Nierchen und Sauerkraut. Ich traue es mich kaum zu sagen: Neben den Nierchen verzehrten wir ebenso vergnügt die Schweinefüsschen auf die gleiche Weise.

P.S. Wer hat eigentlich dieses schöne Foto von uns gemacht? Ich habe keine Erinnerung daran.

II.3 Opa Heinrich Lenz

Opa Heinrich war ein Presbyter, ein Ältester. Er stand der Freien Evangelischen Gemeinde in Hommertshausen vor und war ein strenger, asketisch wirkender alter Herr, der sein Leben nach der Bibel ausrichtete. Die Frauen saßen in der Gemeinde rechts, hatten ihr Haar zu bedecken und nichts zu sagen. Männer saßen links und vorne auf dem ersten Platz saß Opa. Er leitete lange den Chor, die Bibelstunden, die Gebetsstunden, natürlich die sonntäglichen Versammlungen und die sporadischen Evangelisationen. Die Jugendstunde leitete er nicht. Das war gut so. Für ihn gab es auch den lieben, zumeist aber zornigen Gott, dessen Geboten man sich zu unterwerfen hatte. Egal ob jung oder alt.

Alles, was Opa tat, war ernst. Ob er im Gemüsegarten seine Pflänzchen mit der Schnur ausrichtete, mit Vater Krach mit Vater einen Streit anzettelte , weil der die vier Werkzeuge im Kasten nicht ordentlich ausgerichtet hatte oder wenn er die Bibel auslegte. Da gab es dann viele Sünden. Fernsehen war Sünde, Kino ebenso, trinken allemal und in die Kneipe gehen schon gar (da gingen nur die Weltlichen hin). Frauen hatte lange Haare zu tragen, tanzen war nur eine Einladung zum außerehelichen Geschlechtsverkehr, feiern war nur in der Gemeinde erlaubt und spielen war ihm auch nicht geheuer. Es lenkte ab vom Wesentlichen: beten, arbeiten, Gemeinschaft mit den Gläubigen und Gott gehorchen. Vermittelt durch Großvater. 

Opa war streng. Lachen war ihm fremd. Nach einem Witz, den er nicht verstand, erklärten wir ihm: du sitzt auf der Leitung. Worauf er seinen Stuhl hob und zur Seite rutschte. Vater war da besser. Er kriegte Opa manchmal dran: er stand am Fensterund verbog seinen Kopf als wenn er interessiert jemanden auf der Straße nachschauen würde. Opa, der neugierig war, kam jedes Mal um den Tisch, was is, was is und wurde sauer, wenn die Straße leer war. 

In der Versammlung konnte er weinen über die traurigen Geschichten der Prediger. Nie vergessen werde ich den Gottesdienst  mit einer Pfingstgemeinde aus dem Nachbardorf. Die trillernden Jubelrufe der Pfingstfrauen erschreckten mich sehr und der Laienprediger drückte auf die Tränendrüse. Es war schon nach 3.00 Uhr Sonntag Nachmittags, jeder wollte heim, Kaffe und Kuchen genießen und spazieren gehen. Bauern mussten um 6.00 schon wieder Vieh füttern und melken. Nur Opa saß da vorne, merkte nichts und die Tränen liefen ihm über die Backe. „Mach doch weiter“ beschied er dem Nachfragenden, der überzogen hatte. Und der legte noch mal richtig los.

Er konnte sehr zornig werden. Dann schlug er mit seiner 7-schwänzigen Peitsche, der drei Riemen fehlten. Sehr weh tat es nicht, er schlug auf den Po und der war abgefedert durch die Lederhose. Oma dagegen war eher für Drohung und Vergebung. Was ich getan hatte, weiß ich nicht mehr, aber Opa war fuchsteufelswild,  griff sich die Peitsche, ich rannte zur Tür raus und der alte Mann hinter mir her. Über den Hof, die Straße entlang, hinter dem Kirchhof das Gässchen durch und Opa laut schreiend ich soll stehen bleiben. Meine Rettung bei der Rückkehr ins Haus war Oma. Sie schob mich unter ihre Röcke – sie trug Tracht – und als Opa zur Tür rein keuchte, beschied sie ihm: Heinrich, jetzt äs genung. Und so war es dann. 

Oma war Bäuerin, versorgte das Vieh und versalzte die Suppe. Sie liebte es, heimlich mit einem Schnicken ihrer Hand das in ihren weiten Röcken versteckte Salz auf die Speisen zu streuen. Wenn meine Mutter sie erwischte sagte sie: nur noch e bisselche. Katzen konnte Oma nicht leiden, sie hatten Mäuse zu fangen und nichts im Haus zu suchen. Hunde ebenso wenig. Mein sehnlicher Wunsch nach einem Schäferhund wurde von Opa abgelehnt mit der Begründung: du brouchst en Hond der dei Ohschläje fresst (ein Hund der meine Wünsche/Anschläge frisst). Einzig nicht leiden konnte ich, wenn Oma meinen Kopf unter den Arm klemmte, auf ihre verkrustete Arbeitsschürze spuckte und mir das Gesicht sauber wischte. Vier Töchter hat sie geboren und nebenbei aufgezogen. Alle Geburten natürlich zu Hause. Bei einer, erzählte man mir, sei sie kurz vor der Niederkunft noch auf dem Feld gewesen, Mist zerren. Eine schwere Arbeit, den Mist unter ständigem rütteln mit der grossen Gabel auf dem Feld zu verteilen. Und drei Tage nach der Geburt habe sie die Arbeit fortgesetzt. 

Sie saß abends auf ihrem Stuhl, hatte die Hände im Schoß gefaltet und sinnierte vor sich hin. Soweit meine Erinnerungen. Mutter lehrt mich, dass Oma mehr gelesen hat als Opa, Bibel, Blättchen, Zeitungen, sogar Bücher mit Geschichten von Menschen. Und Strümpfe für alle hat sie auch gestrickt. Ich erinnere mich. Die langen waren kratzig. Später wurde sie blind. Sie hatte Angst vor dem Krankenhaus und der Operation ihres grauen Stars. Gestorben ist sie friedlich im Bett mit der Familie um sie herum.

Sylvester war schlimm. Um 8:00 abends begann der Gottesdienst, kurz vor Mitternacht die Gebetsstunde. Dann lagen die Männer auf den Knien, die Frauen saßen tief gebeugt und beteten leise. Die Männer laut. Einige von ihnen konnten wuchtige Worte beten. Wo sie das gelernt haben, weiß ich nicht. Es dauerte lange und ich wurde immer ungeduldiger. Draußen begannen die ersten Kracher, Raketen zischten, Leute lachten und Opa machte nicht Schluss. Seine Gemeinde und er wollten bis ins Neue Jahr mit ihrem Gott verbunden sein. Ich aber wollte raus. Wenn ich raus kam, war alles vorbei. Süße Brote und Kreppel (Berliner) gab´s bei dem gemütlichen Beisammensein anschließend. Den Wettbewerb, wer am meisten essen kann, gewann ich nie. 

Opa las. Die Bibel gründlich, das Gemeindeblatt auch, Zeitung, wenn wir welche hatten und fromme Traktate. Wenn er etwas Wichtiges fand, las er vor. Unerbittlich in jede laufenden Unterhaltung hinein. Das passiert mir heute auch. Weil er der  Gemeindeälteste war, kamen fremde Prediger nach dem Gottesdienst zu uns. Bei Missionaren  war ich gespannt auf ihre Geschichten und fragte zu viel. Da war es, das Tor zur Welt. Lange Zeit wollte ich Missionar werden.

Opa kannte seine Pflanzen mit lateinischem Namen. Er war Gärtner und hatte sich alles selbst beigebracht. Bekannt war er für seine Akkuratesse bei der Anlage von Gärten und beim Schneiden und Pfropfen von Bäumen. Preisgünstig war er, der niemanden übervorteilen wollte und lieber selbst wenig hatte. Er band Kränze und Bestecke für Trauerfeiern und Feiertage. Dann saß er in der Waschküche im Grünen und werkelte vor sich hin. Ich musste mit in den Wald um die Reiser zu holen. Im Winter war das kalt. Samen abmessen mit Messzylinder und Feinwaage stand im Spätherbst an. Bestellungen und Auslieferung in die Nachbardörfer übernahmen seine Töchter. Er brachte mir bei, wie man Jauche und Mist fährt und den Acker pflügt. Pflügen war am Anfang eine heikle Sache. Meine Furchen waren krumm und schief und Opa konnte das nicht ausstehen. 

Bevor die Mähmaschine unseren kleinen Hof erreichte, musste Gras und Getreide mit der Hand gemäht werden. Bei großen Flächen begann die Arbeit morgens um 4.00 Uhr. Um 6:00 gingen die Männer zur Arbeit und die Frauen machten weiter. Mähen will gekonnt sein. Wichtig ist der korrekte Schwung. Wichtig aber ist auch, dass die Sense gut gedengelt ist. Am Amboss wird mit einem Spezialhammer die Schneide der Sense hauchdünn ausgetrieben. Das helle dingdingding, das Opa erzeugte, war im Sommer oft meine Aufwachmusik. Er konnte gut dengeln. Ich war stolz, sein Enkel zu sein. In der ganzen Gegend brauchte ich nur zu sagen: Ich bin der Enkel vom Hennches Heinrich, und wurde gut aufgenommen. Ein Fahrrad hatte er nicht, die Strecken in die Nachbardörfer lief er. Früher war er bis ins Siegerland gelaufen um Arbeit zu finden.

Die Hitler-Clique hat er offenbar schnell durchschaut. Auf seine Art. Für ihn waren sie Anti-Christen, also negativer zu beurteilen als „Weltliche“. Seinen vier Töchtern verbot er jeden Kontakt. Und die mussten schweren Herzens auf attraktive Angebote der Mädchenorganisationen verzichten, die Reisen anboten, Wandern, Geselligkeiten, all das, was es im Dorf nicht gab und für Gläubige schon gar nicht. Opa hat seine Töchter allerdings damit auch vor Schulungsabenden in Anti-Menschentum geschützt. 

Problematisch bei ihm war seine Haltung den Juden gegenüber. Die hatten seinen Jesus ermordet. Den Spagat, dass es 2000 Jahre her war und heutige Juden damit wahrlich nix zu tun haben, den kriegte er wie viele Christen nicht hin. Für Oma war es einfacher. Ihren Kleiderschrank und die Betten hatte ein Gladenbacher Jude hergestellt und die hielten Generationen. Ein guter Mensch!

Hasen halten bedeutet Futter holen, Ställe sauber machen – die Tiere machen einen stinkigen Dreck! – füttern, sorgen. Mein Wunsch wurde erfüllt und ich hatte Hasen. Mit der Zeit ließ meine Euphorie nach und Opa übernahm protestierend die Pflicht. Er drohte, er werde die Hasen beim nächsten Schlachtfest mit schlachten. Ich war entsetzt. Es waren doch meine Hasen. Bei der nächsten Hausschlachterei traf mich der Schlag. Ich sah morgens aus dem Fenster als das Schwein seinen letzten Quieker tat und da hingen sie an der Wäscheleine, meine Hasen. Als Felle.

Nicht bei uns, aber so sah es in der Waschküche aus (langerphoto.de)

Zwei mal im Jahr wurde geschlachtet. Morgens war das eine Schweinerei, abends ein Fest. Das Schwein wurde mit dem Bolzenschussgerät betäubt, Blut wurde abgezapft und das Tier in einem großen Bottich mit heißem Wasser entborstet. Dann aufgehängt, aufgeschnitten, ausgenommen und dann kam der Fleischbeschauer mit seinem Mikroskop und schaute nach Trichinen im Fleisch. Ich durfte auch durchschauen. Es war eine andere Welt. Danach wurde die Wurst gemacht, der Schinken, die Koteletts. Undurchdringliche Schwaden von Wasserdampf und kochendem Gedärm aus den großen Kesseln waberten durch die Waschküche und mittendrin der Schlachter mit beiden Armen in der Wurst und walkte sie durch. Dann probierte er und schüttete noch eine Tüte Salz oder Pfeffer oder Gewürz rein. Es roch gut. Scharf. Dampfend. In der Küche lief der Siede- und Kochprozess ebenfalls auf Hochtouren, alles musste am selben Tag konserviert sein denn die Kühltruhe war noch Jahre entfernt. Abends kamen Gäste. Es gab Wurstsuppe, Siedefleisch, Sauerkraut und Nierchen. Die wollte niemand. Im Flur schepperte es, das waren Kinder, die ihre Blechtöpfe hereinwarfen. Da hinein gab es Reste.

Vater und Mutter hatten nicht viel zu sagen. Vater hat mir sein Prinzip, wie eine Familie friedfertig zu halten ist, mit gegeben: immer den untersten Weg gehen. Es ist ihm bestimmt nicht immer leicht gefallen. Aber es wirkte. Krach gab es nur dann, wenn Opa aufbrauste. Das aber legte sich schnell. Nachtragend war er nicht.

Als Opa älter wurde, konnte er nicht mehr gut beißen. Das Brot war oft hart, weil nur jeden Monat selbst gebacken wurde. Dann schnitt er sich seine Kruste ab, füllte seine Untertasse mit Milchkaffee und weichte die Kruste ein. Die bestrich er sich mit Butter und Marmelade und mampfte. Manchmal kriegte ich was ab.

Großvaters Lehre: Wenn dir einer auf die rechte Backe haut, halte ihm die linke hin, hatte er von Jesus und bläute sie mir ein. Jahrelang hat mich diese passive Handlungsanweisung abgehalten, mich durch zu setzen. Allerdings hat sie mir auch geholfen, Konflikte zu minimieren. Ob mich sein rigides, alttestamentarisch ausgerichtete Christentum gestört hat, weiß ich nicht mehr. Er war in seiner Art für mich konsequent, dann mussten die Handlungsanweisungen wohl so sein. Seinen Weg konnte ich nicht gehen. Es hat lange gedauert, bis sein Einfluss sich abschwächte.

Opa ist arm gestorben, er hatte nie viel. Der zähe Mann hat ein halbes Jahr gebraucht. Ich war 1969 als Entwicklungshelfer in Chile und erhielt erst 10 Tage nach seinem Tod das Telegramm. Es war mir schwer. Er war meine Kindheit, meine zentrale Bezugsperson. Vater kam erst aus französischer Gefangenschaft heim als ich 4 Jahre alt war

II Jugendzeit 1950-1958

II 2. Sodder foan

Zum Spielen hatte ich wenig Zeit. Unsere kleine Landwirtschaft brauchte jede Hilfe. Vater und Großvater arbeiteten tagsüber und iIch musste Mist fahren und Jauche und den Stall säubern, bei Aussaat und bei der Ernte helfen. Ein Mal war es so kalt beim Kartoffel Ausmachen dass mir die Finger abstarben. Die Erde war vom Regen durchtränkt und eisig und die Kartoffeln waren faul. Es stank und fühlte sich an nach kalter Verwesung. Ich habe geweint.

Als Junge hatte ich immer kurze Lederhosen an mit breiten Hosenträgern. Diese Hose zog man so lange an, bis man herausgewachsen war. Entsprechend speckig war das Leder aber es war robust und so schnell ging kein Loch hinein und wenn was vom Essen drauf fiel, war das nicht schlimm. Vorne hatte die Hose eine Klappe, die wurde mit 2 Knöpfen aufgemacht. Die Klappe fiel dann runter und das Pinkeln ging einfach. Bis spät in den Herbst mussten wir die Hose tragen aber wenn es kalt wurde mit selbst gestrickten langen Wollstrümpfen, die fürchterlich kratzten. Die Strümpfe wurden oben an einem Leibchen befestigt, das unter der Hose getragen wurde und dessen lange Strapse unten rausguckten und zwischen Hose und Strumpf immer einen Rand vom nackten Bein frei ließ. Da fror man dann.

Eine meiner Aufgaben im Frühjahr war Sodder foan. Unter dem Klo war eine Grube und in die fiel alles, was man im Klo hinterließ.

Das vergor dann in der Jauchegrube im Winter und im Frühjahr musste dieser Sodder auf die Felder gefahren werden. Auf den Unterbau unseres großen Wagens kam ein Fass und das wurde an den Rand der Grube geschoben. Mit einer Dachrinne die vorne abgebogen war, wurde der Ausfluss der Schlegelpumpe und der Einlass vom Fass verbunden und dann hieß es pumpen. Es war nicht einfach, den Brei da raus und in das Fass zu kriegen und zum Runterdrücken des Schlegels brauchte ich immer beide Arme. Manchmal haben mir die Oma oder der Opa geholfen weil meine Arme noch zu schwach waren. Wenn das Fass voll war musste man schwer aufpassen dass es nicht überlief, denn das stank ziemlich und ich konnte mich nicht drauf setzen.

Danach wurden die Kühe eingespannt. Liese und Lotte trotteten träge dahin, wenn sie arbeiten sollten. Nur auf der Rückfahrt, wenn sie den Stall rochen, da wurden sie schnell.Kühe sind schwerfällige Tiere und sie geben meist nichts auf das Hüh (rechtsrum) und das Hott (linksrum) auch wenn man es laut brüllt. Kühe sind zum Wagen und Pflug Ziehen nicht gut geeignet, d Aber wir armen Bauern konnten uns keine Pferde leisten und deshalb mussten die Kühe ran. Sie gaben dann weniger Milch. We Eine Peitsche hatte ich auch, aber die war mehr zum Knallen. Das nutzte eh nichts, die Tiere gingen ihren Trott und wenn es ihnen zu viel wurde, blieben sie auch mal stehen.

Bis zur Fottbach ging es bergab, da durfte ich auf dem Fass sitzen. Vom Opa hatte ich es gelernt, das Jauche fahren und er schaute immer hinter her und kontrollierte. Weil drüben die Hardt hoch, da ging es steil und da hatten die Kühe viel zu tun. Da war ich oben drauf eine Last zu viel. Und außerdem hatte Opa Angst, ich könnte runterfallen und unter die großen eisenbeschlagenen Holzräder geraten.. Ich aber fuhr so gerne oben auf! Dann fühlte ich mich als Cowboy oder Truck-Fahrer nach Chatanooga und weit weg von meinem Dorf.

Es ging langsam den Berg hoch, sehr langsam. Viel zu langsam für mich. Die Zeit verging mit Sodder foan und ich hätte lieber gelesen. Oder mit den anderen Jungens im Wald gespielt. Die hatten da ein Häuschen. Der Vater war auf der Arbeit den ganzen Tag und mauerte Herde aus und Opa war Gärtner.

Zeitungsbild: Frau aus Hommertshausen 1936. Könnte Oma sein

Viel musste die Oma machen. Mutter war für den Haushalt zuständig und wenn sie fertig war, ging sie mit auf den Acker. Die Landwirtschaft war nicht groß genug, dass sie uns ernähren konnte,

Auf dem Feld war gute, koordinierte Technik wichtig. Zuerst wurden Kühe und Wagen so auf den Acker gestellt, dass der Sodder auch dahin fiel, wo er hin sollte. Dann musste es schnell gehen. Hinten aus dem Fass kam ein Rohr, darüber war ein Schieber und darunter hing ein Schaufelblatt. Wenn man den Schwenkhebel aufzog, platschte der Sodder auf das Blatt, spritze auseinander im hohen halbkreisförmigen Bogen wie eine gelblich, durchschimmernde Wand und tränkte das Feld. Das war die erste Hürde. Der Schieber musste ganz aufgezogen werden und gleichzeitig musste man einen Satz nach links tun damit man nicht von dem Strahl getroffen wurde. Das Zeug stank, dass es einem den Atem nahm. . Aber jetzt musste der Wagen anfangen zu fahren, sonst schoss der ganze Inhalt auf eine Stelle. Die Peitsche schwingend und laut brüllend kam ich über die Kühe damit sie ihren fetten Arsch in Bewegung setzten. Und dann ging es den Acker hoch und wenn das Fass leer war, gings heim. Ein bisschen Sodder floss noch aus, die Klappe wurde zu gemacht, die dreckige Hand an der Hose abgewischt und dann kam der Moment, wo ich mich draufsetzte, beide Beine links und rechts vom Fass runter gehängt und von oben die Welt betrachtete und der letzte Cowboy aus H. war.

Später hatten wir einen Traktor. Da ging’s einfacher. Hier fährt ihn meine Schweste

II Jugendzeit 1950-1958

II.1 Volksschule

Mein Jahrgang
Brezel statt Tüte

1950 kam ich in die Volksschule.

Das Backsteingebäude hatte hohe Fenster und zwei Räume in zwei Stockwerken. Die erste bis vierte Klasse war ein Zug, die 5. und 6. Klasse der 2. Zug und die Großen bis zur achten Klasse bildeten den 3. Zug. Jeweils abwechselnd musste ein Zug nachmittags in die Schule. Mein erster Lehrer war ein ehemaliger Offizier der Wehrmacht, den man umgeschult hatte. Für uns Kinder vom Dorf sollte er genügen. Viel Wissen konnte er uns nicht beibringen.  Es war ihm nicht gegeben. Dafür kam er gerne zum Wurstsuppe Essen beim Schlachtfest und ging jeden Nachmittag mit seiner Mutter spazieren. Erst bei Lehrer Milbrod lernten wir einiges in den zwei letzten Jahren. Er hat mich ermuntert zu lesen und stellte mir die Bibliothek zur Verfügung. Zu Hause wurde gar nicht gerne gesehen, dass ich las. Ich war eine Arbeitskraft, die gebraucht wurde. Meine Rückzugsmöglichkeiten zum Lesen waren das Klo und unter der Bettdecke nachts. Auf dem Klo war ich so lange, bis sie  mich aufstöberten.

Heute sind Wohnungen in der ehemaligen Volksschule

Ohrfeigen, an den Haaren und Ohren ziehen und auf die Finger schlagen zählte für Lehrer und Eltern zur pädagogisch sinnvollen Wissensvertiefung. Wir waren es gewohnt. Mein Cousin saß seit der 1. Klasse neben mir. Er hatte nicht aufgepasst, Lehrer H. befahl, Finger auf die Tafel, er legte sie drauf, H. schlug mit seinem Stöckchen zu und Manfred zog zurück. Da war die Schiefertafel kaputt.

Ich sang gerne und in den letzten Jahren bei dem neuen Lehrer sangen wir viel. Die Jungen vor mir im Chor redeten miteinander, Milbrod sprang vor und knallte mir eine aufs Ohr. Ich war entsetzt, ich hatte nichts getan. Von meinen Eltern verlangte ich Protest gegen die ungerechte Behandlung.  Doch ihrer Meinung nach war die Ohrfeige sicher für was gut. Auch für Lehrer war die handgreifliche Leichtigkeit nicht immer ungefährlich. Ein Mitschüler auf der anderen Bankseite sollte bestraft werden, da zog der seinen genagelten Schuh aus der Bank und trat dem Lehrer vors Knie. Voll. War erschreckend schön.

Mit 10 sollten Manfred und ich aufs Gymnasium, sagte der Lehrer. Ein halbes Jahr fuhren wir nach Biedenkopf zur Eliteschule. Da waren alle Söhne und Töchter der Honoratioren aus dem Städtchen versammelt. Sie waren anders und brachten immer alle Hausaufgaben mit. Ich verstand das meiste nicht. Morgens mussten wir 4 Km mit dem Fahrrad zur Bahnstation fahren, dann 8 Km mit dem Zug und dann noch mal 10 Min laufen. Mittags zurück. Meine Konstitution war nicht so gut, das Fahren fiel mir schwer, Manfred fuhr mir davon.  Nach einem halben Jahr war das Abenteuer vorbei. Meine Eltern haben mich unterstützt so gut sie konnten, aber bei Grammatik und Englisch waren sie überfordert. Einmal ist Vater mit mir auf der Görike, seinem kleinen Motorrad, Sonntags zu allen möglichen Bekannten gefahren, weil ich eine Englisch Deklination nicht verstand (das hatten wir noch nicht mal in Deutsch gelernt). Niemand konnte helfen. Also zurück auf die Volksschule. 

In den höheren Klassen gab es eine Belohnung, um die alle stritten. Auf dem Dachboden mussten die Verdunkelungen geflickt werden. Wahrscheinlich kamen sie noch aus dem Krieg, wurden jetzt aber gebraucht um die Räume für Filmvorführungen abzudunkeln. Die Fenster waren schmal und hoch, entsprechend waren die Sperrholzrahmen. Sie wurden mit Packpapier beklebt und gingen leicht durch Transport und Einschieben kaputt. Der Dachboden war hoch und voller Geheimnisse. Da wurden alte Akten des Dorfes gelagert genauso wie defekte oder ausrangierte Schulmöbel und Geräte. Wir sahen zu, dass wir möglichst lange da oben blieben. Einmal kam der Lehrer die Treppe hoch um nachzuschauen, wo wir blieben. Mein Kollege sprang mit beiden Beinen in den Rahmen und behauptete mit treuem Blick, gerade sei der Rahmen wieder gebrochen beim Aufheben.

Manchmal gab es Kulturfilme oder Hörspiele aus dem riesigen, sonst weggeschlossenen Radio. Das waren Sternstunden. Eine andere Welt kam in mein Leben. Ansonsten war der Unterricht bei dem ersten Lehrer, dem ehemaligen Offizier langweilig. Wie auch sonst? Und seinem Naturell entsprach eher, mit seiner Mutter zum Kurkonzert zu gehen. Nicht Bauernlümmel zu unterrichten. Für Rechenaufgaben hatte er Kärtchen, die er vorlas. Es kam vor, dass seine vorgedruckten Ergebnisse nicht stimmten. Wir hatten zwei gute Kopfrechner in der Klasse. Dann war er sauer. Schönschreiben haben wir viel geübt. Erst auf der Schiefertafel. Das quietschende Geräusch beleidigt noch heute mein Ohr. Später hatten wir Hefte. Meines sah nicht gut und ordentlich aus. Ordnung war wichtiger als gut zu sein. In Religion bekam ich immer eine 1, nur einmal eine 2. Die guten Noten hatte ich meinem Opa zu verdanken, der war Vorsteher der Freien Evangelischen Gemeinde. Deshalb, wie ich vermute, nicht wegen Leistungen.

Im Winter wurde das Klassenzimmer mit einem Bullerofen geheizt.

So schlimm wars nicht, aber ähnlich

Obenauf eine große Heringsdose voll mit Schnee, wegen der guten Luft. Lehrer H. kam am Morgen als Letzter die Treppe hoch, wir mussten still sitzen, wenn er die Tür aufmachte, aufspringen und ihn kollektiv mit „Guten Morgen Herr Lehrer“ begrüßen. Dann legte er seinen Hut auf die Fensterbank, rieb sich die Hände und ging zum Thermometer hinter der letzten Bank. Kalt heute, sagte er und kontrollierte, ob wir bleiben oder wegen Kälte nach Hause konnten. Das nutzten wir aus. Wir packten das Thermometer in Schnee, eine Stafette signalisierte, wenn er kam, das Thermometer wurde trocken gerieben und manchmal durften wir gehen. Die steigende Temperatur hatte noch nicht Unterrichtswerte erreicht. Zwei Stunden fuhren wir Schlitten.

So sah der Abakus aus. Foto aus Wikipedia

Auf dem Dachboden ging es immer wilder zu. Einer kam im Winter auf die Idee, die faustdicken Kugeln eines großen Rechenrahmens auf ein Seil zu fädeln.

Er kletterte auf das Dach und ließ die Kugeln in den Kamin hinab. In den beiden Klassenzimmern stob unverzüglich dicker Rauch und Ruß aus den Luftklappen. Wir hatten wieder schulfrei. Der nächste Streich war, Wochen später, eine Glasplatte auf den Kamin zu legen. Wieder hatten wir frei. Diesmal zwei Tage. Denn der Schornsteinfeger kontrollierte den Kaminzug, indem er einen Spiegel unten in den Kamin hielt und prompt kein Hindernis sah. Bis sie auf die Glasplatte kamen, dauerte es. Als dann eine Gruppe begann, die alten Akten vom Dach zu werfen, war der Spaß vorbei. Es gab Gerichtssitzungen mit Einzelverhören und alles kam raus. Nie wieder durften wir Verdunkelungen kleben.

In den letzten beiden Jahren bei Milbrod mussten wir lernen bis die „Schwarte krachte“, wie wir es ausdrückten. Gut für mich. Eine Ahnung blieb hängen, dass Lernen Spaß macht. Das ist bis heute geblieben.

Kreuzfahrt Guayaquil – Marseille 1970

Auf jedem Kreuzfahrtschiff gibt es Freudenmädchen, erklärte mir der Seemann. Sonst gäbe es Samenkoller mit Unzufriedenheit und Streit. Ich lernte die beiden Damen an der Bar kennen, sie waren nett und schleppten mich nachts  zu später Stunde in die erste Klasse, da war noch viel Prächtiges  am Büfett  übrig. Zu Essen gab es mehr als genug. Frühstück, 11 Uhr Zwischenmahlzeit, Mittagessen, Kaffeetrinken, Abendessen, Snacks. Am Ende der Reise hatte ich mein höchstes je erreichtes Gewicht auf den Rippen. Drei Tage allerdings gab es nichts. Die Ausläufer des Orkans kamen unvermittelt beim Mittagessen. Das Schiff kippte schräg, die nicht festgeschraubten Tische schlitterten durch den Raum, die Ober verloren ihre Tabletts und die Anrichte entleerte sich mit lautem Scheppern. Wir machten uns einen Spass und versuchten im Tanzsaal auf dem Oberdeck das Rollen des Schiffes auszunutzen und mit Stühlen Schlitten zu fahren. Die Küche war zu, es gab Konserven die kaum genutzt wurden, denn die Mehrzahl der Passagiere hatte die Seekrankheit erwischt. 

Die Äquatortaufe war nicht so schlimm wie vordem, als man unter dem Kiel durchgezogen wurde.

Mit Sahne besprüht und mit stumpfen Messern rasiert, eine Ei auf dem Kopf zerschlagen, mit brauner Masse eingeschmutzt und zum Schluss in den Pool geworfen werden ließ sich ertragen. Alles brüllte vor Lachen, meine beiden Freundinnen spielten Neptuns Begleiterinnen und später tranken wir Getauften  recht viel.

In Marseille ging ich von Bord. Noch im Hafen kaufte ich an einem Kiosk meine bis vor zwei Jahren geliebte Gauloise.  Noch  nicht mal auf den Frachtschiffen im Hafen von Antofagasta, die Zigaretten schmuggelten, war sie zu erhalten. Steckte sie an, nahm einen tiefen Zug, hustete, Schrott, was für eine Enttäuschung, sie schmeckte nicht mehr. Welche Veränderung gab es noch? Mit dem Zug fuhr ich zurück in mein Dorf.

Panamericana, die Traumstrasse


PERU & ECUADOR 1970

Der „Traumstraße der Welt“, der Panamericana wollte ich von Antofagasta aus über Peru, Ecuador, Kolumbien folgen. Ich bestieg den Greyhound Bus in Antofagasta. 

Das war nicht mein Bus, aber so ähnlich sah er aus

In  Chile und Peru führt die Straße  2800 km der Küstenlinie entlang durch die Wüste und biegt in Ecuador in die Anden ab.

Mit der Panamericana nach Puerto Montt waren das über 7000 km auf meiner Traumstraße.

Faszinierend, was Wasser bedeutet. Ab und an tauchen Quebradas auf, lange Täler in der Wüste.

Der Bus schraubte sich die Hänge hinab, unten  alles grün und fruchtbar, gespeist durch einen unterirdischen Fluss. Drüben geht es wieder hinauf und weiter durch staubtrockene Landschaft. In Lima blieb ich nicht lange, sah viel Gold in Museen, ein wenig davon ist übrig geblieben, den Rest haben die Spanier geklaut. Ich lernte: Francisco Pizarro, ein schreibunkundiger Schweinehirte, zerstörte in den Anden die Hochkultur der Inka. Getrieben von der Gier nach Gold, löst der Spanier riesige Raubzüge aus. 

Dann Ecuador mit Guayaquil an der Küste und Quito in den Hochanden. Ich weiß noch, dass mir die Luft weg blieb, bei 3500 Höhenmeter kein Wunder. Viel kann ich nicht erinnern. Mit einer rappeligen Bus hinab in den Regenwald.

Dort, wo die Straße am Fluss endete, bot eine Baracke in einem dunklen Loch klamme Betten an, , die Küche, ein Verschlag, war das Restaurant. Ich hatte Hunger. Es gab Sandwich. Es schmeckte unbekannt, ich fragte. Es war Hund. Mir wurde schlecht.

Über den Fluss ein Stahlseil gespannt, daran eine Plattform ohne Begrenzung. Alles wurde darauf transportiert, Säcke, Hunde, Menschen, alles. Hinab auf die andere Seite ginge es im freien Fall, abgebremst am Ende durch Autoreifen. Ein Unterstand, die Bar mit Billardtisch  und Coca-Cola Schild, das letzte. Reifenspuren verschwanden im Wald. Da lernte ich, kommen keine Cola- Schilder mehr, hört die westliche Welt auf. Rückwärts musste die Plattform gekurbelt werden. Hoch über dem Fluss hängend konnte es vorkommen, dass der Kurbler keine Lust mehr hatte. Dann schimpften die Leute. 

Dass ich 12 Jahre später als Beauftragter des DED in dieses Land zurückkehren würde, war unvorstellbar. 

Dann hatte ich keine Lust mehr, wollte heim und schiffte mich in Guayaquil ein. Das italienische Kreuzfahrtschiff passte durch den Panamakanal, fuhr über Caracas, Curaçao, Barcelona nach Genua.

Über die Anden nach BOLIVIEN 1969.

Auf der Fahrt durch die Wüste wirbelte der alte, englische Zug eine lange Staubfahne hinter sich her. Hier oben, bei Antofagasta, ist Chile mit 250 km am breitesten gegenüber dem Durchschnitt von 50 km bis nach Feuerland. Durch die Weite der Landschaft, ihre Monotonie und geschliffenen Formationen merkt man das Vorankommen nicht und die Zeit wird ein  nebensächlicher Faktor. Abends bei Sonnenuntergang sahen wir von der hinteren Plattform aus ein skurriles Spiel von Sonnenstrahlen in wirbelndem Wüstensand. Es war noch immer heiß, obwohl die Strecke schon bergauf, Richtung Anden ging. Der Schaffner brachte für jeden 6 Decken, wir lachten und dachten uns unseren Teil. Bei dieser Hitze! In der Nacht aber wurde die Luft knapp und die Decken reichten nicht aus gegen die Kälte. Um 4:00 am Morgen kamen wir in Ollagüe an, dem Grenzbahnhof, auf 4000 m Höhe, ringsum schneebedeckte Bergriesen und noch höher gelegen eine Salpetermine. Keine Ahnung, wie Menschen es schaffen, hier noch schwer zu arbeiten. 

Die Fahrt über den Altiplano, die Hochebene von Bolivien, war eintönig trotz der pittoresken Indigenas mit ihren Trachten und Hüten, der ausgetrockneten Salzseen, der Lamas und der verfallenen Dörfern. Wir waren zu dritt, ich hatte mich zwei Amerikareisenden angeschlossen und wollten erst einmal über Oruru, Potosi, Sucre, Monteaguro die Anden runter in den Urwald nach Camiri.  

Ihr werdet umgehend verhaftet, ihr Gringos mit Bärten, sagten sie uns. Das nahe ehemalige Kampfgebiet von Che Guevara war immer noch militärisch abgeschirmt und Regis Debray, der französische Intellektuelle und Unterstützer des Che, saß im Gefängnis der Stadt.

Schamhafte Freudenmädchen

Der verhörende Offizier war freundlich, notierte alle Daten und Pläne, ließ uns fotografieren, zur polizeilichen Anmeldung bringen und gab uns bis zum Hotel einen Adjutanten mit. Nein, nicht als Bewachung, nur zur Sicherheit, sagte der. 

Das Hotel hatte eine Bar vor einem Innenhof, in dem Mädchen gegen Bezahlung arbeiteten. Sie waren nett, wir luden sie ein zu einem Ausflug und fuhren am nächsten Morgen mit der Gruppe junger  käuflicher Damen an den Fluss. „Aber ja nicht zusehen wenn wir baden!“. Wir mussten weit  weg gehen und hörten sie lachen.

Katapultstart

Bisher waren wir mit Bussen, Jeeps und Lastwagen gereist. Santa Cruz war besser mit dem Flugzeug zu erreichen. Der Flugplatz, eine hoppelige Wiese, sah nicht vertrauenserweckend aus. Zu allem Unglück schob sich vom Westen her ein schweres Wetter über die Bäume, davor schaukelte eine alte DC und setzte zur Landung an. Der Regen begann, im Eiltempo wurde aus- und eingeladen und schon stand das Flugzeug wieder am Ende der Wiese, startbereit. Der Regen war heftiger geworden und der Pilot beorderte alle Mann auf dem Rollfeld zum Festhalten des Fahrwerks. Er gab Gas bei voller Bremse, ließ sie frei, die da draußen purzelten herum, das Flugzeug schoss voran wie von einem Katapult und schaffte es, von Böen geschüttelt, knapp über die Baumwipfel.  

In Santa Cruz erhielt ich meine erste bleibende Lektion in Moskitos. Ich wollte auf der Veranda schlafen, drinnen war es zu stickig, sie warnten mich, och, macht mir nichts aus, ich schlief ein und wachte kurz darauf mit völlig zerstochen Gesicht wieder auf. Diese Nacht habe ich jeden Moskito auf seiner Flugbahn verfolgt aber keinen erledigt. 

La Paz

Spät am Nachmittag sahen wir einen Rauchpilz wie von einer Atomexplosion. Es war der Dampf von La Paz, tief in die Schüssel des Plateaus gesenkt aber immer noch atem(be)raubend wegen der 3 600 m Höhe, der bunt gekleideten Bevölkerung, von Indigenas und Mestizen dominiert, seiner Lage an den Wänden des Kraters und der Vulkane drumherum. 

Ich fuhr über Arica allein zurück nach Antofagasta. Globetrotten liegt mir nicht. Lesen war besser, war wie Abtauchen in andere Welten. Heine lernte ich kennen, Ghandi, Mann, Chrustschow, Lenz, Tucholsky, Hemingway. Manchmal fand ich Ruhe.