Mennoniten in Bolivien

In Santa Cruz kommt man am großen Markt um die Ecke und dann sind sie da, die hochgewachsenen Männer in ihren blauen Latzhosen mit Cowboyhut oder Baseballmützen, die Frauen in langen Röcken mit Schürze, breiten Strohhut, der mit einem Band unterm Kinn geknüpft ist und den weißen Wollstrümpfen, die bei Hitze sicherlich mächtig kratzen. Sie stehen herum, kaufen ein, verkaufen ihre Produkte und verschwinden wieder so schnell sie können aus dem Sündenbabel. Und auf dem Land traut man seinen Augen nicht, sie fahren altertümlich mit ihren Kutschen oder sind zu Fuß unterwegs. Mich faszinieren sie, die Mennoniten. 100 000 sollen es mittlerweile in Bolivien sein, die südlich und nördlich von Santa Cruz siedeln. Aus der Zeit gefallene Christen, die ihre Religion konsequent leben, so wie sie sie interpretieren. Sie führen einen bewußt einfachen Lebensstiel, arbeiten zumeist in der Landwirtschaft, lehnen den Militärdienst ab, sind Pazifisten, sprechen ihre alten Sprachen, sind gegen Modernisierung, halten an ihren Traditionen fest, fordern Gemeindeautonomie, praktizieren die Bekenntnistaufe von Erwachsenen, lesen als einziges Buch die Bibel und nehmen sie wörtlich.

Und wenn sie das nicht haben können, ziehen sie weiter auf der Suche nach einem ruhigen Ort, wo man sie leben lässt wie sie leben. Und bei den Alt-Kolonier, den extremsten Traditionalisten, kommen Männer zu wichtigen Gottesdiensten in hohen Schaftstiefel. Das, sagen sie, steht in Epheser 6,15 „und an den Beinen gestiefelt“. Tja, wer glaubt, wird selig. Sie müssen eine sehr alte Bibel haben. Neuere übersetzen „Sandalen“.

Kaum hatte Luther die Evangelen gegründet, gab es Spaltungen. Die Wiedertäufer waren die radikalsten, lehnten die Obrigkeit ab, wollten selbst bestimmen. Da war sogar Luther gegen. Empfahl Verfolgung. Die war dann radikal. Mennon Simons war einer ihrer Anführer. Seine Theologie gefällt mir. Er nahm die Bergpredigt und das Prinzip christlicher Gewaltfreiheit ernst und formulierte eine pazifistische Theologie.

So ähnlich wie heute müssen sie schon damals gelebt haben. Arbeitsam wie sie waren holte sie Friedrich der Großen, unfruchtbare Gegenden zu kultivieren, Katharina bot ihnen an der Wolga Unterschlupf. Immer, wenn ihre Art zu leben bedroht war, zogen sie weiter. Als sie in Russland zum Militärdienst gezogen werden sollten, emigrierten sie nach Kanada. Als der kanadische Staat sie zwingen wollte, in den Schulen Englisch zu lehren, zogen die Mehrheit nach Mexiko. Und als die Mexikaner Ihnen Spanisch beibringen wollten, bot Bolivien Ihnen an, die aride Gegend hinter Santa Cruz fruchtbar zu machen. Und leben zu können, wie sie wollen.

2009 geriet sie wegen dutzender Vergewaltigungsfälle in die Schlagzeilen: Acht Männer der Kolonie Manitoba in Bolivien 150 km nördlich von Santa Cruz, hatten monatelang Frauen, Männer, Kinder mit einem Narkosemittel für Kühe betäubt und vergewaltigt. 2011 wurden die Täter zu jeweils 25 Jahren Haft verurteilt. Der Tierarzt, der das Betäubungsmittel geliefert hatte, zu zwölf Jahren. In einem Interview mit einem der Täter beschuldigte der Oberhäupter der Familien, ihre Töchter zu missbrauchen, ohne belangt zu werden.

https://www.stern.de/familie/leben/mennoniten-in-bolivien–das-fuerchterliche-idyll-3480082.html

http://derstandard.at/2000040710149/Strengglaeubige-Mennoniten-Buxtehude-liegt-in-Bolivien

Wie gut ist Kapitalismus

Lieber Friedemann, Du hast in deinem Kommentar wichtige Aspekte positiver und negativer Effekte des Kapitalismus benannt. Es ist in der Tat ein Thema von großer Tragweite: wie gut ist Kapitalismus.

Er ist wohl, wie die Demokratie, ein System mit vielen Facetten und Entwicklungsmöglichkeiten. Demokratie ist sicher nicht die beste Regierungsform die wir uns vorstellen können, wir haben allerdings über die Zeit gute Erfahrungen mit ihr gemacht. So auch mit dem Kapitalismus. Über die Zeit hat er enorme ökonomische Ergebnisse erbracht. Für viele. Auf der ganzen Welt. Und besonders bei uns. Das gilt für China aber auch für Afrika und Lateinamerika. Asien sowieso.

Doch der Kapitalismus ist nicht überall gleich. Und er wandelt sich. China hat es geschafft, einen zentral regierten Staat mit diesem auf ökonomischer Freiheit basierenden Wirtschaftssystem zu verbinden. Wie sie das machen, weiß ich immer noch nicht so genau. Aber es geht und hat gewisse Sympathien meinerseits. Siehe Corona Krise.

Wir hatten mal ein anderes kapitalistisches Wirtschaftssystem mit dem ich sympathisiere. Die soziale Marktwirtschaft. Auch Rheinischer Kapitalismus genannt. Er beruht darauf, jeden was vom Kuchen abzugeben. Leve un leve losse. Bis Thatcher, Reagan, Schröder, Blair kamen. Und Egoismus samt Marktradikalismus die Oberhand gewann. Bis dato war der Staat ein wichtiger Agent, nun sollte er nach der Neoliberalen Theorie fast verschwinden aus dem Wirtschaftgefüge. Und seine Schätze privatisieren. Friedmann und Konsorten hatten es in Chile vorgemacht. Fast alles, vom öffentlichen Verkehr bis zum Krankenhaus war danach in privater Hand. Und weil es Gewinn einbringen musste, teuer. Der Mittelstand verschwand, immer mehr Menschen wurden arm. Doch die Wirtschaft boomte.

Ungefähr hier wurde der Paradigmawechsel gesellschaftsfähig (Friedmann erhielt den Nobelpreis). Doch immer mehr Menschen in Chile ging es schlechter. Das neue Paradigma hieß: Priorität der Wirtschaft um jeden Preis. Seitdem haben wir ihn wieder, den Manchesterkapitalismus aus dem 19.Jhdt. Den wir überwunden glaubten. Wenn der Gewinn oberste Priorität im ökonomischen Gefüge hat, werden alle sozialen Belange untergeordnet. Krankenhäuser sind für mich das beste Beispiel. Wie kann man mit der Gesundheit von Menschen Gewinn machen wollen? Ich stehe fassungslos davor.

Maximierung der Marktmacht um jeden Preis folgt umgehend. VW musste unbedingt der weltweit größte Player werden und begann, die Abgase zu manipulieren. Größer werden war wichtiger als Gesundheit oder gar Ehrlichkeit. Der entfesselte Kapitalismus mit wenig staatlichen Regelungen und immerwährender Unterstützung durch die Regierenden falls mal was gegen die Wand gefahren wurde, sind seither dominant. Weil ja die Wirtschaft das Wichtigste ist. Es geht nicht mehr darum, Menschen mit Waren zu versorgen, es geht darum, Gewinn zu machen. Um jeden Preis. Und dann wird ausgelagert, mit just in time die Autobahnen als Warenlager genutzt, alles um des schnöden Mammons Willen.

Und dann gibt es noch einen negativen Aspekt der mir ins Auge sticht. Diese Art des Kapitalismus fördert Schlitzohren, skrupellose Menschen, die Menschen nicht mehr wahrnehmen, deren Welt nur aus schwarzen und roten Zahlen besteht. Die werden was im neuen Manchesterkapilismus. NO

Ich steh noch immer fassungslos vor der Nachricht, dass BMW Kurzarbeit angemeldet hat und gleichzeitig 1,6 Milliarden Euro als Dividenden auszahlt. 800 000,-€ alleine an die Quants. Sie schämen sich bestimmt nicht und kassieren auf der anderen Seite unsere Steuergelder ohne Skrupel. Die gesamten Dax geführten Unternehmen planen für dieses Jahr eine Dividenden Ausschüttung, mit der könnte ein Drittel des Kurzarbeitergeldes finanziert werden. Aber das ist nur ein Nebeneffekt. Cuponschneider gabs schon bei Marx.

Was will ich sagen? Unser heutiges kapitalistisches System ist Neoliberalismus, dominant seit Schröder. Es hat dem Wirtschaftssystem nochmals einen besonderen Kick nach noch mehr Warenproduktion und Gewinnmöglichkeiten gegeben. Wir brauchen nicht noch mehr Waren. Wir brauchen eine gerechtere Verteilung! Und eine geringere und nachhaltigere Ausbeutung der Ressourcen. Es müsste, es muss gehen mit einer sozialen Ausrichtung unserer Wirtschaftssystems. So wie beim Rheinischen Kapitalismus. Und unter Beteiligung des Staates. Wenn der es mal wieder schafft runter zu kommen von der Abhängigkeit und der Durchdrungenheit neoliberaler Wirtschaftstheorien. Da glauben die mehrheitlich dran. Glaube kann man verändern. Es ist nicht mehr der Glaube der Väter.

Wie unser modernes, globalisiertes Wirtschaftssystem funktioniert und warum es so verabscheuungswürdig ist.

Nicht nur, dass wir unseren Wohlstand auf Kosten der Menschen in den Niedriglohnländern selbstverständlich genießen. Nein, hinzu kommt noch, dass alles und jedes schneller, immer schneller funktionieren muss. Wollen wir das? Sind das die Erdbeeren zu Weihnachten wert?

Globalisierung: Unser schicker Kapitalismus mit tödlichem Antlitz | ZEIT ONLINE

https://www.zeit.de/kultur/2020-04/globalisierung-china-coronavirus-eugen-ruge

Das schreibt der Ruge: Auslagerung der Produktion ist für das Kapital deshalb eine Option, weil diese Auslagerung unglaubliche Profite bringt – allerdings auf Kosten der anderen. Unternehmen lagern Produktion aus, weil die Näherin in Äthiopien für 1,50 Dollar am Tag näht, weil Arbeitsschutzvorschriften in Pakistan nicht eingehalten werden müssen, weil Umweltvorschriften in China umgangen werden können. Darunter leiden Menschen, egal ob Chinesen, Pakistani oder Afrikaner. Der Sinn der Globalisierung besteht ja – aus der Perspektive des Profits – gerade darin, die Produktion in Länder zu verlagern, in denen die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur ohne allzu große staatliche Behinderung stattfinden kann, aus welchen Gründen auch immer. Sie zielt geradezu auf Staaten, die auf diese oder jene Weise die Sorge um Mensch und Umwelt vernachlässigen oder vernachlässigen müssen. Und auch wenn ganz große Gewinnmargen an Fonds, Manager und dubiose Zwischenhändler gehen, muss man sagen, dass unser sogenannter Wohlstand zumindest zu einem Teil auf brutaler Ausbeutung und Umweltzerstörung beruht – ein Wohlstand, der übrigens auch nur bei einer Hälfte der Bevölkerung ankommt: bei der oberen.

Für diesen Bruchteil der Menschheit werden täglich Millionen Tonnen an Waren durch die Welt geschippert – dafür dass diese kleine Gruppe immer alles sofort zur Verfügung hat, ob Erdbeeren zu Weihnachten, Wein aus Südafrika oder Datenzugriff noch im letzten Winkel, in dem sie Urlaub zu machen wünscht; für ihren Zweitwohnsitz in der Bretagne, für die Server auf denen sie Milliarden sinnloser Fotos deponiert. Dafür arbeitet die Näherin in Äthiopien, aber auch bei uns der Erntehelfer aus Rumänien, der Bauarbeiter aus Polen oder die 24-Stunden-Pflegekraft aus Bulgarien. Und sie dürfen noch froh sein, dass sie überhaupt bei uns arbeiten dürfen, dass sie nicht in Dürregebieten leben müssen oder jenen Kriegen ausgesetzt sind, die auch wegen der wirtschaftlichen Interessen des Westens geführt werden. Schlimmstenfalls sind wir noch stolz darauf, dass wir sie hereinlassen und in den Dienst stellen.

Und:…. Die große Flüchtlingskrise von 2015 war ein Vorschein dessen, was die Welt in der Zukunft erwarten könnte. Covid-19 ist eine kleine Erweiterung dieser Perspektive. Die Kosten der Globalisierung haben bisher immer die Ärmsten getragen. Die Katastrophen fanden immer woanders statt. Dass die Folgen unserer Wirtschaftsweise nun allmählich und, seien wir ehrlich, in noch abgemilderter Form auf uns zurückkommen, ist nur folgerichtig. Wenngleich hierbei von Gerechtigkeit nicht die Rede sein kann, denn auch dieses Mal wird die Krise wieder die Ärmsten am stärksten treffen

Mütter

(M) Alfredos Schwägerin, die Frau seines Bruders, lebt mit ihrer Familie in New York. Sie ist erfolgreiche Immobilienmaklerin in Sta Cruz und kommt immer mal wieder für einige Tage nach Bolivien. Sie hat zwei kleine Kinder, einen dreijährigen Jungen und ein einjähriges Mädchen, die sie in N.Y. lässt.

Karens Schwester, die mit dem autistischen zehnjährigen Sohn ist für 10 Tage mit ihrem Mann in den USA.

Am Freitag haben wir uns mit Frau Gómez, der Repräsentantin  der Industrie-und Handelskammer und des SES zu einem Strategiegespräch über die weitere Arbeit von FONBEC getroffen. Sie hat ein fünf Monate altes Baby.

In Deutschland würde man  fragen, aber wie macht sie das denn mit den Kindern, die brauchen sie doch?

Selbstverständlich möchten Frauen hier Kinder, auch wenn sie berufstätig sind. Sie bekommen sie einfach, regeln die Betreuung und arbeiten weiter.

Es ist erwiesen, dass Babies und Kleinkinder feste Bezugspersonen brauchen, aber dass das unbedingt die leiblichen Mütter sein müssen, davon ist nichts bekannt. Tagesmütter, Kinderfrauen, Großmütter, Tanten, Väter, Krabbelstuben sind vollwertige BetreuerInnen, und wie man an der liebevollen Beziehung der erwachsenen Kinder zu ihren Müttern in Lateinamerika sehen kann, ist es ihnen nicht schlecht ergangen und kein Defizit an Mutterliebe hat sie emotional verkümmern lassen.

Wir deutschen Mütter nehmen uns m.E. zu wichtig. Wir, nur wir sind die Hauptperson für das Kind, wir sind stolz darauf, dass das Kind zu niemandem anderen gehen will als zu seiner Mama. Ich weiß, wovon ich rede, ich war selbst so, und ich sehe es täglich bei jungen Müttern, die sich für unersetzlich und einzig berechtigt halten, sich ununterbrochen um das Kind zu kümmern.  Ist euch noch nie der Gedanke gekommen, dass kleine Kinder lieber mit anderen kleinen Kindern spielen als mit der Mama, die zudem manchmal einen genervten Eindruck macht?

Peru Kinder
Macht Spaß mit der Freundin

Wie viele Klagen, keine Zeit für sich selbst und den Partner zu haben, wie viele gescheiterte Beziehungen, wie viele abgebrochene Karrieren und wie viel Frust könnten verhindert werden, wenn Mütter sich selbst nicht so wichtig nähmen.

Loslassen können, nicht klammern, anderen (egal ob Kind oder Partner) Freiheit lassen ist der größte Liebesbeweis, den wir geben können. Nicht zusammen sein müssen, sondern zusammen sein wollen ist der Schlüssel zu einer liebevollen Beziehung. Liebe ist ein Kind der Freiheit.