Über die Anden nach BOLIVIEN 1969.

Auf der Fahrt durch die Wüste wirbelte der alte, englische Zug eine lange Staubfahne hinter sich her. Hier oben, bei Antofagasta, ist Chile mit 250 km am breitesten gegenüber dem Durchschnitt von 50 km bis nach Feuerland. Durch die Weite der Landschaft, ihre Monotonie und geschliffenen Formationen merkt man das Vorankommen nicht und die Zeit wird ein  nebensächlicher Faktor. Abends bei Sonnenuntergang sahen wir von der hinteren Plattform aus ein skurriles Spiel von Sonnenstrahlen in wirbelndem Wüstensand. Es war noch immer heiß, obwohl die Strecke schon bergauf, Richtung Anden ging. Der Schaffner brachte für jeden 6 Decken, wir lachten und dachten uns unseren Teil. Bei dieser Hitze! In der Nacht aber wurde die Luft knapp und die Decken reichten nicht aus gegen die Kälte. Um 4:00 am Morgen kamen wir in Ollagüe an, dem Grenzbahnhof, auf 4000 m Höhe, ringsum schneebedeckte Bergriesen und noch höher gelegen eine Salpetermine. Keine Ahnung, wie Menschen es schaffen, hier noch schwer zu arbeiten. 

Die Fahrt über den Altiplano, die Hochebene von Bolivien, war eintönig trotz der pittoresken Indigenas mit ihren Trachten und Hüten, der ausgetrockneten Salzseen, der Lamas und der verfallenen Dörfern. Wir waren zu dritt, ich hatte mich zwei Amerikareisenden angeschlossen und wollten erst einmal über Oruru, Potosi, Sucre, Monteaguro die Anden runter in den Urwald nach Camiri.  

Ihr werdet umgehend verhaftet, ihr Gringos mit Bärten, sagten sie uns. Das nahe ehemalige Kampfgebiet von Che Guevara war immer noch militärisch abgeschirmt und Regis Debray, der französische Intellektuelle und Unterstützer des Che, saß im Gefängnis der Stadt.

Schamhafte Freudenmädchen

Der verhörende Offizier war freundlich, notierte alle Daten und Pläne, ließ uns fotografieren, zur polizeilichen Anmeldung bringen und gab uns bis zum Hotel einen Adjutanten mit. Nein, nicht als Bewachung, nur zur Sicherheit, sagte der. 

Das Hotel hatte eine Bar vor einem Innenhof, in dem Mädchen gegen Bezahlung arbeiteten. Sie waren nett, wir luden sie ein zu einem Ausflug und fuhren am nächsten Morgen mit der Gruppe junger  käuflicher Damen an den Fluss. „Aber ja nicht zusehen wenn wir baden!“. Wir mussten weit  weg gehen und hörten sie lachen.

Katapultstart

Bisher waren wir mit Bussen, Jeeps und Lastwagen gereist. Santa Cruz war besser mit dem Flugzeug zu erreichen. Der Flugplatz, eine hoppelige Wiese, sah nicht vertrauenserweckend aus. Zu allem Unglück schob sich vom Westen her ein schweres Wetter über die Bäume, davor schaukelte eine alte DC und setzte zur Landung an. Der Regen begann, im Eiltempo wurde aus- und eingeladen und schon stand das Flugzeug wieder am Ende der Wiese, startbereit. Der Regen war heftiger geworden und der Pilot beorderte alle Mann auf dem Rollfeld zum Festhalten des Fahrwerks. Er gab Gas bei voller Bremse, ließ sie frei, die da draußen purzelten herum, das Flugzeug schoss voran wie von einem Katapult und schaffte es, von Böen geschüttelt, knapp über die Baumwipfel.  

In Santa Cruz erhielt ich meine erste bleibende Lektion in Moskitos. Ich wollte auf der Veranda schlafen, drinnen war es zu stickig, sie warnten mich, och, macht mir nichts aus, ich schlief ein und wachte kurz darauf mit völlig zerstochen Gesicht wieder auf. Diese Nacht habe ich jeden Moskito auf seiner Flugbahn verfolgt aber keinen erledigt. 

La Paz

Spät am Nachmittag sahen wir einen Rauchpilz wie von einer Atomexplosion. Es war der Dampf von La Paz, tief in die Schüssel des Plateaus gesenkt aber immer noch atem(be)raubend wegen der 3 600 m Höhe, der bunt gekleideten Bevölkerung, von Indigenas und Mestizen dominiert, seiner Lage an den Wänden des Kraters und der Vulkane drumherum. 

Ich fuhr über Arica allein zurück nach Antofagasta. Globetrotten liegt mir nicht. Lesen war besser, war wie Abtauchen in andere Welten. Heine lernte ich kennen, Ghandi, Mann, Chrustschow, Lenz, Tucholsky, Hemingway. Manchmal fand ich Ruhe. 

Mennoniten in Bolivien

In Santa Cruz kommt man am großen Markt um die Ecke und dann sind sie da, die hochgewachsenen Männer in ihren blauen Latzhosen mit Cowboyhut oder Baseballmützen, die Frauen in langen Röcken mit Schürze, breiten Strohhut, der mit einem Band unterm Kinn geknüpft ist und den weißen Wollstrümpfen, die bei Hitze sicherlich mächtig kratzen. Sie stehen herum, kaufen ein, verkaufen ihre Produkte und verschwinden wieder so schnell sie können aus dem Sündenbabel. Und auf dem Land traut man seinen Augen nicht, sie fahren altertümlich mit ihren Kutschen oder sind zu Fuß unterwegs. Mich faszinieren sie, die Mennoniten. 100 000 sollen es mittlerweile in Bolivien sein, die südlich und nördlich von Santa Cruz siedeln. Aus der Zeit gefallene Christen, die ihre Religion konsequent leben, so wie sie sie interpretieren. Sie führen einen bewußt einfachen Lebensstiel, arbeiten zumeist in der Landwirtschaft, lehnen den Militärdienst ab, sind Pazifisten, sprechen ihre alten Sprachen, sind gegen Modernisierung, halten an ihren Traditionen fest, fordern Gemeindeautonomie, praktizieren die Bekenntnistaufe von Erwachsenen, lesen als einziges Buch die Bibel und nehmen sie wörtlich.

Und wenn sie das nicht haben können, ziehen sie weiter auf der Suche nach einem ruhigen Ort, wo man sie leben lässt wie sie leben. Und bei den Alt-Kolonier, den extremsten Traditionalisten, kommen Männer zu wichtigen Gottesdiensten in hohen Schaftstiefel. Das, sagen sie, steht in Epheser 6,15 „und an den Beinen gestiefelt“. Tja, wer glaubt, wird selig. Sie müssen eine sehr alte Bibel haben. Neuere übersetzen „Sandalen“.

Kaum hatte Luther die Evangelen gegründet, gab es Spaltungen. Die Wiedertäufer waren die radikalsten, lehnten die Obrigkeit ab, wollten selbst bestimmen. Da war sogar Luther gegen. Empfahl Verfolgung. Die war dann radikal. Mennon Simons war einer ihrer Anführer. Seine Theologie gefällt mir. Er nahm die Bergpredigt und das Prinzip christlicher Gewaltfreiheit ernst und formulierte eine pazifistische Theologie.

So ähnlich wie heute müssen sie schon damals gelebt haben. Arbeitsam wie sie waren holte sie Friedrich der Großen, unfruchtbare Gegenden zu kultivieren, Katharina bot ihnen an der Wolga Unterschlupf. Immer, wenn ihre Art zu leben bedroht war, zogen sie weiter. Als sie in Russland zum Militärdienst gezogen werden sollten, emigrierten sie nach Kanada. Als der kanadische Staat sie zwingen wollte, in den Schulen Englisch zu lehren, zogen die Mehrheit nach Mexiko. Und als die Mexikaner Ihnen Spanisch beibringen wollten, bot Bolivien Ihnen an, die aride Gegend hinter Santa Cruz fruchtbar zu machen. Und leben zu können, wie sie wollen.

2009 geriet sie wegen dutzender Vergewaltigungsfälle in die Schlagzeilen: Acht Männer der Kolonie Manitoba in Bolivien 150 km nördlich von Santa Cruz, hatten monatelang Frauen, Männer, Kinder mit einem Narkosemittel für Kühe betäubt und vergewaltigt. 2011 wurden die Täter zu jeweils 25 Jahren Haft verurteilt. Der Tierarzt, der das Betäubungsmittel geliefert hatte, zu zwölf Jahren. In einem Interview mit einem der Täter beschuldigte der Oberhäupter der Familien, ihre Töchter zu missbrauchen, ohne belangt zu werden.

https://www.stern.de/familie/leben/mennoniten-in-bolivien–das-fuerchterliche-idyll-3480082.html

http://derstandard.at/2000040710149/Strengglaeubige-Mennoniten-Buxtehude-liegt-in-Bolivien

Persönliche Grüße aus dem Waisenhaus Sagrado Corazon Teil II

Noemi

Hallo, ich bin Noemi, ich schicke euch viele Grüße aus dem Waisenhaus, tschüss!

America

Hallo, ich bin America, es geht mir gut hier im Waisenhaus. Ich wollte dir danken für alles, was du mir geholfen hast. Danke!

Alfredo

Grüße an alle Paten in Deutschland. Wir sind hier zusammen mit allen Patenkindern und sind sehr fröhlich. Wir hoffen, dass wir euch eines Tages hier persönlich begrüßen dürfen. Eine feste Umarmung!

M. Hogar in Montero

Wir haben unsere Patenkinder besucht, die im Waisenhaus „Sagrado Corazon“ leben.

Sie sind zwischen 9 (Noemi) und 17 Jahre (Maria del Carmen) alt und wir waren zuerst in dem Klassenraum, in dem sie heute Glückwunschkarten für alle Eventualitäten gestaltet haben. Heute war kein richtiger Unterricht.

Vorgestern hatten sie ihre Karnevalsfeier mit der Prämierung der besten Kostüme, der besten Gruppenperformance und mit Tanz. Gestern war dann verschärftes Feiern mit Wasserschlacht , Nachlaufen, viel Gequietsche und Lachen .

America und Noemi waren ein bisschen schüchtern und hatten keine Fragen. Noemi haben gar nicht wieder erkannt, aus einem zahnlosen strubbeligen Wesen ist ein niedliches Mädchen geworden .

Wir saßen zusammen mit Maria del Carmen, Marlene, Asunta, America, Lisbeth und Noemie und sie waren alle sehr interessiert. Sie wollten natürlich die neusten Fotos ihrer Pateneltern sehen und fragten uns aus.

Besonders Lisbeth, die zweitjüngste, wollte alles über Friedemann und Margrit wissen, was in der Schule ihre Lieblingsfächer waren, welche Sprachen sie sprechen und was sie arbeiten, wie die Söhne heißen und ob sie viel reisen.

Sie kam dann auch auf die Idee, dass jede einen kurzen Gruß an ihre Pateneltern sprechen sollte.

Maria del Carmen war mir schon beim ersten Kennenlernen aufgefallen, weil sie mich sofort ausgefragt hat. Wo wir wohnen, wie viele Sprachen wir sprechen, was Klaus und Marga arbeiten. Sie ist jetzt im letzten Schuljahr und will nächstes Jahr eine Ausbildung zur Krankenschwester machen.

Asunta erzählte, dass es ihr Leid tue, dass sie jetzt Flöte spielen muss, dabei hat sie das Klavierspielen so geliebt. Und sie war hocherfreut, dass ihre Patin auch Klavier spielt.

Und Marlene wollte genau wissen, was Hannelie studiert und gearbeitet hat. Und ob sie wohl irgendwann mal nach Bolivien kommt.

Und alle fragten immer wieder, ob die Chance besteht, dass sie ihre Pateneltern einmal persönlich kennenlernen könnten, in Bolivien.

Der Abschied fiel ihnen und uns schwer, diesmal war so etwas wie Vertrautheit da. Wir sollen doch bitte nächstes Jahr wieder kommen.

Karneval

Wir haben doch Karneval gefeiert. Im Kleinen. Bei Karen und Alfredo im Garten. Die zwei Kinder warfen Luftballons mit Wasser gefüllt auf der Wiese rum, wie Erwachsenen saßen wie Erwachsene auf der Terrasse. Ich habe Mojitos gemacht, die Omas haben Luftballons gefüllt und Hammel im Ofen gegrillt. Dann haben sie uns mit einer Sprühdose mit farbigen Schaum besprüht, Karnevalsmusik erklang im Hintergrund und wir waren alle lustig. Das klingt jetzt nicht so, aber es war so. Ich hab dann Luftballons mit dem Hut aufgefangen, aber sie sind nicht auf meinem Kopf explodiert. Der Jüngste hat sich einen Eimer Wasser übergeschüttet und das Ziel erreicht. Er war nass und verschmiert. Bei 34 Grad nicht schlimm. Dann gab’s Maiskolben mit Käse, danach Hammel köstlich und Yuka und hinterher Torte aus der Schachtel. So kann man auch mit kleinen Sachen den großen Leuten Freude machen.

Heute, Samstag, fängt Karneval an in Santa Cruz

„Was fällt dem ein?“ fragt Lourdes, „warum macht der das?“ Weil er Russe ist. Auch hier ist Erschrecken spürbar. Ein Krieg, den keiner gewollt hat. Nur Putin. Als ob ein wild gewordener Bulle den Weidezaun trotz elektrischer Ladung zerstört und seine Umwelt angreift.

Natürlich passen wir nicht auf. Wie auch. Die Familie ist groß, alle erwarten uns und begrüßen mit Abrazo. Das Essen ist spanisch wie die Vorfahren. Die Eier heißen nicht mehr „Russisch“, Morcilla und Chorizos erinnern mich an Blut- und Leberwurst, Kartoffeln in Fett geschwenkt und Reis. Gab’s Suppe? Klar gab’s Suppe. Und Nachspeise. Sie lieben deftig. Am ersten Abend schon im traditionsreichen Fleischrestaurant. Auf besonderen Wunsch eines plötzlich nicht mehr müden Herren.

Und natürlich war ich wieder mit Alberto einkaufen im Großmarkt. Denn natürlich ist mal wieder Karneval nach zwei Jahren Abstinenz. Mit Konzert und Sprühdosen.

Aber da gehen wir nicht hin. Nein! Hab ich fest vor. Nur ein wenig feiern wir im Garten mit Kindern, Katzen und Hundekonzert in der Nachbarschaft.

Die Isolation der gesamten Gesellschaft in der Corona Hochzeit war umfassend. Monatelang keine öffentlichen Verkehrsmittel, keine Veranstaltungen, keine Arbeit für viele, kein Ausgang. Nur Einkaufen war einer Person im Haushalt genehmigt nach der Endziffer im Ausweis. Zu Fuß. Ohne Auto. Und Karen sagt, es war angenehm.

M: 26.2.

Ich freue mich mehrere Male am Tag auf eine kalte Dusche, die nicht wirklich kalt ist. Woher auch?

Wir sind glücklich, abends mit den beiden draußen im Garten zu sitzen und zu reden. Sie fragen uns Löcher in den Bauch, wollen alles über unsere Enkel und die Familie wissen und besonders über unsere Auslandseinsätze. Dabei lachen wir viel. Gestern haben wir ihnen das Video aus Südafrika vorgespielt, wo unser Freund die Sprache mit den Klicklauten spricht. Das klingt für uns so lustig. Unaussprechlich!

Karen sorgt dafür, dass es immer laktosefreie Milch gibt und herrliche Avocados. Heute steht der Besuch bei Alfredos Eltern auf dem Programm, die uns immer kulinarisch verwöhnen. Der Vater war bolivianischer Botschafter in Europa, er ist an allem interessiert, am meisten an der Bundesliga. Sein Verein ist der BVB.

Sie fragen uns nach unserer Meinung. Sie sind stockkatholisch, Richtung Opus Dei und Kommunisten sind für sie die Ausgeburt der Hölle. Aber dass der Krieg in der Ukraine ein Unglück für die Menschen ist, darauf können wir uns einigen. Und dann schauen wir dem vierjährigen Enkel zu, der bei soviel Aufmerksamkeit zu großer Form aufläuft. Seine Oma Luli gibt ihm Schokolade, auch wenn seine Mutter dagegen ist. „Natürlich kriegt er Schokolade, wenn er sie will – wozu sind Omas denn da?“

Wir dachten, nach dem vielen Essen bei Alfredos Eltern wäre es gut, ein bisschen zu laufen. ….

Nach 20 Minuten sind wir umgekehrt und haben das getan, was wir in Rio und in Dar es Salaam auch immer gemacht haben – uns direkt an der Tür die Kleidung vom nassen Körper gezerrt und kalt geduscht.