Santa Cruz Zentrum & Ausstellung

Es ist alles lauter. Von drüben wummert ein Bass. Bei der Hochzeit letztens hat’s mir das Gehör verletzt. Autos hupen und sind wenig schallgedämpft. Und flitzen von Lücke zu Lücke, immer ein Auge auf dem Anderen, der könnt ja Scheiss bauen so wie man selbst. Wir waren im Zentrum. Seltsam immer wieder, mitten im kleinen Park der Plaza ist Ruhe.

Sie ist das Wohnzimmer von Sta Cruz. Familien sitzen und unterhalten sich, alte Männer spielen Schach, hübsche und weniger hübsche Frauen zeigen ihre Körper und junge Männer versuchen Eindruck zu erwecken. Menschen schauen dich an beim Vorübergehen, bei jungen Mädchen besonders angenehm. Nur die Taubenschwärme schrecken manchmal auf. Herren in weißer Jacke und keck auf dem Kopf sitzenden Schiffchen bieten Espresso in kleinen Thermobechern für 75 Cent an, stark, süß, schwarz. Beim Iren zu Mittag gegessen. An der Wand große Gemälde aus der Heimat. Wie kommt ein Ire nach Santa Cruz? Die Aussicht auf die Plaza ist schön. Das Fleisch knochenhart. Die Quinoasuppe mit Cilantro schon eher Südamerika.

Alfredo zeigt uns die Ausstellung mit Gemälden seines Großvaters und seines Großonkels, zu ihrer Zeit bekannte Maler in Bolivien und Spanien. Er hat sie in einem der wunderbaren alten Häusern der ruhmreichen Gründerzeit organisiert. Beides, Maler und Haus sehenswert.

Ausstellung
Alte und neue Architektur

M: 25.2.

Ich wollte noch kurz erzählen, was uns in São Paulo auf Trab gehalten hat. Wir hatten alles dabei: den aktuellen PCR- Test, eine Erklärung der Auslandskrankenversicherung, dass sie die Kosten für eine Behandlung auch für COVID übernehmen (auf Spanisch und Englisch) und die Impfnachweise natürlich, aber als wir nach Bolivien einchecken wollten, brauchten sie unser Flugticket nach Peru, weil sie sicher sein wollten, dass wir das Land bald wieder verlassen! Dann in zwei Stunden noch die Agentur der Fluglinie suchen, endlose Gänge, in der Schlange warten und Tickets kaufen, egal zu welchem Preis – naja, es hat geklappt. Und wir wurden sehr lieb empfangen.

Was schön ist, wenn man abends ausgeht und außer einem Minimum nichts anziehen muss. Draußen fühlt sich die warme Luft an wie Seide.

Jetzt sitzen wir im Bett und freuen uns auf den Tag mit Alfredo und Karen: Stadtbummel, Besuch unseres Lieblingslokals mit dem besten Maracuya-und Mangosaft und Besuch der Kunstausstellung von Alfredos Onkel.

Flughafen São Paulo 24.2.2022, 7:00 OZ (3:00 Uhr Nachts Deutschland) bis 14:00Uhr

Ich stinke. Reisen wird immer einfacher, suggeriert die Reklame vor mir. Dann sind sie noch nicht von Madrid nach Bolivien gereist. Die vier einhalb Kilometer im Flughafen in Madrid zu Fuß gestern Nacht war Sport. Fünfeinhalb Kilometer in São Paulo dagegen harte Arbeit. Auschecken, einchecken, Papiere hier, Papier da, immer dieselben, in Zeiten von Corona aufgebläht, ausruhen nach dem Nachtflug war angebracht und unmöglich. Nach der fünften Sicherheitskontrolle hat er mir die Rasierklinge abgenommen. Wo kommen bloß diese vielen Leute her? Die Schlangen vor den Passkontrollen nehmen kein Ende und die Lautsprecher warnen vor Menschenansammlungen. Sind wir die Minderheit, die Angst vor Reisen in Corona Zeiten haben? Überwiegend junge Leute sind es. Wir paar Alten und die im Rollstuhl kriegen bevorzugte Behandlung.

Zwischenhoch – zwei Caipirinhas zum Frühstück

Nach Bolivien? Wo ist das Ticket zum Verlassen von Bolivien? Ohne kommen sie nicht mit sagt der freundliche Mann beim Einchecken. Wie machen das die Leute ohne Spanisch und Portugiesisch? Ihr Englisch ist schwer verständlich. Unsere Nerven fangen an zu zittern. Doch meine Augen entschädigen mich. Brasilianische Frauen und Männer können eine Wohltat sein. Und von Putin keine Spur. Reist man nach Süden werden Probleme der ersten Welt immer kleiner.

Die Bewährungsprobe liegt noch vor uns. 37 Grad bei den Freunden in Santa Cruz. Und anderthalb Tage permanentes Masken Tragen macht Dellen hinter die Ohren.

Lieber das Geld für den Flug in den Wind schießen war noch vor einer Woche mein Credo. Zu gefährlich. Die Rechnung ohne M gemacht. Frank sagt, ihr habt schon so viel geschafft das schafft ihr auch. Und wirklich, ich hab Sehnsucht nach den Enkelinnen. Sofie noch nie gesehen. Ich muss mich langsam mal vorstellen

Früher war Fliegen exklusiv. Der Käptn kochte selber, die Stewardessen waren schön und freundlich. Heute knallen sie dir die in Plastik eingewickelten halb aufgetauten Sandwiches aus einem Pappkarton aufs Tablett. Alles ist Plastik. Tassen, Teller, Geschirr, Becher. Du hast es in einen Plastikbeutel zu sammeln, zum Schluss kommt der Müllcontainer vorbei. Die Speisung der 10 000 kriegt eine andere Bedeutung. Hauptsache billig. Plastik auch im Flughafen, alles amerikanisch, Kentucky schreit ficken eingeschlossen. Ganz versteckt ein brasilianisches Café mit Pão de Quejo, Empanadas, Qoxinhas, wohlschmeckend wie die Namen. Unter meinem Büro in Rio gab es solch ein Café mit Säften aus tropischen Früchten frisch gepressten.

Jetzt ist es 19:00 Uhr auf meiner Heimat Uhr. Unter uns wunderschöne Wolkengebilde und darunter vielleicht Paraguay. In 2 Std. sind wir bei den Freunden. Wenn sie uns rein lassen. Die Bolivianer.

Zum Schluss

Im Waisenhaus hat unsere Familie jetzt 6 Mädchen, die kleine America ist noch dazu gekommen, nachdem sich unsere Freundin Hanna bereit erklärt hatte, auch ein Kind zu unterstützen. 

Und Mileidy, die kluge 12-Jährige hatte seit 3 Monaten keine Unterstützung mehr von ihrer Patin bekommen. Eine Katastrophe für sie und die ganze Familie. Sie lebt mit ihren beiden kleineren Schwestern und ihrer Oma in einem Zimmer, ohne Bad, ohne Küche. Die Mutter ist drogenabhängig verlangt, dass ihre Töchter für sie Geld beschaffen. Und die Oma kämpft beim Jugendamt für ihre Enkeltöchter. Jetzt hat Mileidy eine neue Patin, Katharina. Sie hat sich sehr gefreut über das Foto, das wir ihr mitgebracht haben und die Chance, weiter zur Schule gehen zu können. Ihre Freundin, auch ein fleißiges und liebes Mädchen und gute Schülerin, hat nicht so viel Glück – sie hatte am Tag vorher nichts gegessen, es war kein Geld mehr da. Und die Schule kostet, die Uniform kostet, die Hefte, die Bücher……

Die Oma mit Alfredo, Mileidy und ihrer Freundin vor ihrem Zimmer

Gestern haben wir unsere Abschlussberichte für den SES geschrieben. Es ist wieder einiges zusammen gekommen. Im letzten Jahr ist nicht viel umgesetzt worden von dem, was wir geraten hatten. Das lag an dem täglichen Kleinklein, das zu viel Zeit absorbierte und Alfredo keine Möglichkeit ließ, konzeptionell zu arbeiten und Änderungen auf den Weg zu bringen. Nun hat er mit unsere Hilfe endlich durchsetzen können, dass die Abrechnungen durch eine Buchhaltungsfirma gemacht werden und ab dieser Woche soll eine Halbtagssekretärin die Verwaltungsarbeiten übernehmen, damit ihm mehr Zeit bleibt, Kontakte mit Fachoberschulen und ihren Schülern auf der einen Seite und Betrieben als Paten auf der anderen zu vermitteln. Bisher wollen alle Patenkinder auf die Universitäten. Es gibt eine regelrechte Akademikerschwemme, aber das Land hat einen Riesenbedarf an gut ausgebildeten Facharbeitern und Spezialisten. Wir haben eine Broschüre erarbeitet, in der die Vorteile einer engeren Verzahnung von Ausbildung und Industrie aufgezeigt werden. Außerdem gibt es in Bolivien die Forderung, die Unternehmen sollten sich verpflichten, ihrer „sozialen Verantwortung“ gerecht zu werden. Wir werden sehen……

Alfredo spielt mit dem Gedanken aufzuhören, weil ihm alles zu viel wird, aber nun sieht er Licht am Ende des Tunnels. Er hat mit seinem Direktorium vereinbart, bis Ende Juni zu prüfen, ob er den Arbeitsaufwand in 20 Stunden wöchentlich bewältigen kann und ihm der Status als Angestellter der Stiftung gefällt. Wenn nicht, will er sich auf seinen Beruf konzentrieren. Er ist ja eigentlich Rechtsanwalt und das hält ihn finanziell über Wasser. Aber keine Angst, FONBEC hört nicht auf zu existieren!

Aber keine Angst, FONBEC hört nicht auf zu existieren!

Warum mir die Latinos gefallen (die, die nicht in der Zeitung stehen)

Unser letzter Tag, morgen, Freitag um 4:50 Uhr geht der Flug nach Lima. Kurz nach Mitternacht müssen wir aufstehen. Die spinnen, die Flieger. Heute Abend hat Juan Pablo zum Churrasco eingeladen. Richtig Fleisch gibt es noch mal. Ich bin aufgeregt. Und überlege, warum mir das auf diesem Kontinent so gut gefällt.

    • Menschen sind herzlich, viele
    • Sind freundlich, begrüßen mit Abrazo-Umarmung
    • Haben Freude am Leben
    • Feiern und Freunde treffen ist wichtig
    • Sind sehr gastfreundlich
    • Bewegen sich ruhiger, langsamer, träger. Frauen gehen aufrecht wie Königinnen. (Sogar die Belegschaft im Supermarkt). Einige auch ganz schön sexy
    • Leben ist entstresster. Arbeit ist notwendig aber nicht der Mittelpunkt
    • Bäume dürfen stehen bleiben, auch wenn sie den Bürgersteig völlig aus den Fugen heben. (Hier in Santa Cruz gibt es eine Bürgerinitiative, die Bäume schützt)
    • Es muss nicht alles so sauber und ordentlich aussehen, als wäre es gestern erschaffen. Obwohl: die Häuser sind oft schön
    • Das Klima ist überaus angenehm. Nun ja, dafür können die Menschen nichts. Und in den Hochanden und in Patagonien ist es rau.
  • Mein Auge freut sich – ich gebe es zu – an den vielen schönen Frauen

Ich glaube, summa summarum ist es die einfachere Lebensart und die Freundlichkeit vieler Menschen. Der Fokus liegt nicht auf Arbeit, Sauberkeit, Vorankommen. Er liegt eher auf dem Miteinander. Und dann erst kommt das Andere, (Über)Lebensnotwendige. Ich fühl mich einfach wohl. Auch wenn sie uns schon auf den Kopf geschlagen haben. Das waren die, die oft in der Zeitung stehen.

Ach ja, hätte ich bald vergessen: Man streitet sich nicht bei festlichen Anlässen in der Familie und bei Freunden. Meinungen werden stehen gelassen, konfliktive Themen ausgeklammert. Für politische Auseinandersetzungen gibt es Gremien. Das hat man uns schon vor langer Zeit in Ecuador erklärt. In Südamerika können wir es berücksichtigen, in Deutschland fällt es schwer.

Und wo bleibt das Negative, Herr R?
Damit fang ich gar nicht an, das verdirbt mir die Stimmung

Santa Cruz Bolivien
Fußgängerweg von Bäumen angehoben

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Herzlicher Abrazo

Bolivien: Santa Cruz Zentrum der Opposition II

Unsere Freunde sind alle gegen ihn, den Cocabauern vom Hochland, den Präsidenten, der es nicht sein dürfte. Alfredo erzählt, was alles schief läuft. Alles läuft schief. Sagt er. Wir sind fassungslos. Viele offiziellen Angaben sind positiv, seit er an der Regierung ist, aber sie erkennen es nicht an. Es stimmt, die Schulen, die wir kennen, sind arm. Krankenhäuser sind überbelegt und unterversorgt. Und der Anteil am Gesundheitswesen, den die Regierung finanzieren muss, der kommt nicht, sagt Alfredo. Es gibt gute Nachrichten und es gibt schlechte. Bei allen Erfolgen ist Bolivien noch immer das Armenhaus Südamerikas.

Was wir wissen ist:

Das Land ist geteilt. Die Mehrheit der Indios im armen Andenhochland sind für Präsident Morales, das reiche Tiefland möchte sich am liebsten separieren. 21F und „No es No“steht auf den Plakaten, an Mauern, wird im Karneval groß im Zug mit getragen. Und eine mächtige (und reiche) Oppositionsgruppe hat sich unter diesem Slogan organisiert. Am 21. Februar 2016 fragte Morales das Volk in einem Referendum, ob er sich 2019 nochmals als Präsident zur Wahl stellen dürfe. Das Volk sagte mehrheitlich Nein. Doch Morales möchte umbedingt die Feier zur 200jährigen Unabhängigkeit von Spanien als Indiopräsident anführen. Und der Welt zeigen, dass 200 Jahre weißer Oberschichtendominanz vorbei ist. Und Spanier samt Nachfolger nun endgültig abgelöst sind.

In der Tat hat sich die Verteilung des Reichtums seit der Wahl von Morales zum Präsidenten 2006 verändert. Grundlegend. Die Spanier wurden zum reichsten Land der damaligen Welt, sie beuteten die exorbitanten Vorkommen an Silber und Zinn so extensiv aus, dass heute nicht mehr viel vorhanden ist. Der sierro rico (reicher Berg) in Potosi war mal fast ganz aus Silber, ich habe in bestiegen, er sieht aus wie ein löchriger Käse. Im Salzsee Salar de Uyuni liegen die weltweit größten abbaubaren Vorkommens an Lithium, wichtigstes Leichtmetall für die Produktion von wiederaufladbaren Batterien. Und im tiefer gelegene Teil des Landes werden die größten Erdgasvorkommen Südamerikas gefördert und Landwirtschaftsgüter exportiert.

Um die Verteilung dieses Reichtums geht es im Konflikt. Die reicheren Provinzen sitzen auf lukrativen Ressourcen und möchten sie weitestgehend für sich behalten. Der Lebensstandard in Santa Cruz ist der höchste im ganzen Land, mehr reiche Menschen auf einem Haufen gibt es sonst nicht in Bolivien. Alfredo ist der Meinung, das komme davon, weil so viele tüchtige Menschen hier her ziehen, Geschäfte und Industrien aufbauen würden. Man sieht es, im Industriegürtel wird nach europäischem Standard produziert, in der Stadt eher traditionell-chaotisch. Und Santa Cruz wächst in Höhe und Breite. Einige Hochhäuser sind sehr schön. In ihnen, stelle ich mir vor, sitzen die reichen Herren und organisieren den Widerstand. Es war der Gouverneur von Santa Cruz, der als Erster die Zusammenarbeit mit der Regierung aufkündigte. Seine Kollegen aus dem Halbmondgürtel, da, wo die Schätze in und auf der Erde liegen, zogen nach. Sie reden nicht mit der Regierung.

Evo Morales begann nach seiner Wahl 2005, jahrhundertalte Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Die Gasförderung wurde verstaatlicht, direkte Steuereinnahmen aus dem Gasgeschäft, die bisher den ressourcenreichen Provinzen zugute kamen, fließen verstärkt in die ärmeren Regionen. Soziale Projekte haben die Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung verbessert, die extreme Armut ist zurück gegangen. Doch die reicheren Provinzen sehen darin eine neue Ungerechtigkeit. Seitdem streben sie nach mehr Unabhängigkeit von der Zentralregierung. Sie wollen den Präsidenten bestimmen, der die 200 Jahre alten Oberschichtenverhältnisse wieder herstellt. Bei der nächsten Wahl im Herbst 2019 haben sie die Möglichkeit. Ihre Chancen stehen schlecht, die Indios sind aufgewacht. Und halten dagegen.

Letztes Jahr haben wir heftige Demonstrationen gegen den Präsidenten erlebt. Das ganze Land wurde mit einem Streik lahmgelegt, wir sind lässig auf der Hauptverkehrsstraße spazieren gegangen. Gruppenweise haben sie die bolivianische Fahne geschwenkt, es war lustig. Nicht so lustig war es in Konfliktzentren, staatliche Einrichtungen wurden gestürmt, es gab Tote und Verwundete. Schon 2008 schrieb die internationale Presse, das Land sei geteilt, für den Präsidenten unregierbar geworden. Bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten, von Oppositionellen angeheuerte bewaffnete Gruppen junger Leute griffen pro-Evo Demonstrationen an, töteten und verwundeten wahllos. Morales konnte die aufmüpfigen Provinzen nicht mehr betreten. Das hat sich verbessert, die Wucht und der Wille, ihn zu stürzen, wie auch immer, nicht. 

In Einem  verstehen wir unsere Freunde. Wer ein Referendum verliert, muss es anerkennen. Er aber hat das Verfassungsgericht und die Wahlkommission dazu gebracht, ihn trotzdem zuzulassen. Nun ja, bei Trump hat uns das aufgeregt, als der die obersten Verfassungsgremien mit seinen Leuten besetzte. Die dann mehrheitlich in seinem Sinn abstimmen sollten. Regt mich auch bei Morales auf. Obwohl ich ansonsten vieles gut finde, was er macht. Vieles nicht. Er regiert seit 12 Jahren. Und neigt zu Machtdünkel. Schade. Kommt davon, wenn man vom Cocabauern zum Präsidenten aufsteigt, obwohl – das passiert auch woanders.

PS: Ich komme ins Grübeln. Bin ich wirklich solch ein lupenreiner Demokrat? Sie haben getrickst, die Gewinner des Referendums, dem Präsidenten im Vorfeld der Abstimmung in großabgelegten Kampagnen moralisches Fehlverhalten, uneheliche Kinder, Geliebte, Nepotismus untergeschoben, mit Fakten, Halbwahrheiten und Fehlinformationen beeinflusst. Mit Halbwahrheiten und Lügen haben sie in England die Abstimmung zum Brexit auch gewonnen. Und beim Brexit hätte ich nichts dagegen, dass das Referendum wiederholt wird. Andererseits: Bei Evo weiß ich nicht, was wahr und was nicht wahr ist. Alfredo sagt: alles ist wahr. 

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Das Waisenhaus

Gestern Nachmittag waren wir in dem Waisenhaus, in dem 5 unserer Patenkinder leben. Insgesamt wohnen dort 125 Mädchen, 19 etwas ältere leben in einer anderen Unterkunft in der Nähe der Oberschule und 10 schwer behinderte Kinder haben eine eigene Wohnung mit ihren Betreuerinnen.

Bevor wir „unsere“ Mädchen treffen konnten, gab es ein Programm für die Gäste. Drei Ballett- und Kunstturndarbietungen in hübschen Kostümen. Besonders die Kleinen, zwischen sechs und neun Jahren machten ihre Handstandüberschläge und Bogengänge mit einer solchen Grazie und Leichtigkeit auf dem Betonfußboden, dass sich jeder deutsche Turnverein um sie reißen würde. Sehr aufgeregte Kinder sagten im Chor Gedichte auf, und an ihrem Minenspiel konnte man erkennen, dass es nicht so richtig klappte, aber wegen des Lärms, den die Papageien und die Motorräder draußen machten, war sowieso nichts zu verstehen.

Dann war Wiedersehensfreude und Geschenke austeilen angesagt. Da die ganz Kleinen auch dabei sein wollten und wir sie nicht vertreiben konnten, haben wir alle Süßigkeiten an alle verteilt. Wir hatten ja genug dabei, und es ging nicht, nur 5 Kindern etwas zu geben und die anderen zuschauen zu lassen.

Am meisten freuten sie sich über die Fotos ihrer Paten, die wir Ihnen mitgebracht hatten und unsere Erzählungen. Sie wollten ganz genau wissen, wie wir alle miteinander verwandt sind und wollten es immer wieder hören, von Reinhold, von mir. Sie wollten immer wieder die Fotos auf Reinholds Handy sehen, von Elia, Mirjam, Mario, Hanneli, Marga, Carlotta, und den neuen Paten. Sie haben ihn angefasst, an ihm gezerrt. Wann haben Sie schon mal einen Mann in Reichweite, dazu noch einen netten? Wir haben auch über ihre Hobbys geredet, welchen Sport sie gerne machen. Asunta und Maria Del Carmen mussten mit Sport aufhören und besticken nachmittags nach der Schule Tischdecken. Die werden von den Schwestern auf den umliegenden Märkten verkauft und tragen zum Einkommen des Waisenhauses bei. Die neue Stipendiatin von Katharina wohnt in der Stadt, sie treffen wir nächste Woche, ein ganz tolles Mädchen.

Den vorgesehenen Zeitrahmen haben wir gesprengt, wir konnten uns nicht trennen.

Unsere Pläne, im Hellen zu Hause anzukommen und abends noch gemeinsam kochen mussten wir aufgeben. Es war schon lange dunkel, als wir nachdenklich und tief berührt in Sta Cruz ankamen.

Mütter

(M) Alfredos Schwägerin, die Frau seines Bruders, lebt mit ihrer Familie in New York. Sie ist erfolgreiche Immobilienmaklerin in Sta Cruz und kommt immer mal wieder für einige Tage nach Bolivien. Sie hat zwei kleine Kinder, einen dreijährigen Jungen und ein einjähriges Mädchen, die sie in N.Y. lässt.

Karens Schwester, die mit dem autistischen zehnjährigen Sohn ist für 10 Tage mit ihrem Mann in den USA.

Am Freitag haben wir uns mit Frau Gómez, der Repräsentantin  der Industrie-und Handelskammer und des SES zu einem Strategiegespräch über die weitere Arbeit von FONBEC getroffen. Sie hat ein fünf Monate altes Baby.

In Deutschland würde man  fragen, aber wie macht sie das denn mit den Kindern, die brauchen sie doch?

Selbstverständlich möchten Frauen hier Kinder, auch wenn sie berufstätig sind. Sie bekommen sie einfach, regeln die Betreuung und arbeiten weiter.

Es ist erwiesen, dass Babies und Kleinkinder feste Bezugspersonen brauchen, aber dass das unbedingt die leiblichen Mütter sein müssen, davon ist nichts bekannt. Tagesmütter, Kinderfrauen, Großmütter, Tanten, Väter, Krabbelstuben sind vollwertige BetreuerInnen, und wie man an der liebevollen Beziehung der erwachsenen Kinder zu ihren Müttern in Lateinamerika sehen kann, ist es ihnen nicht schlecht ergangen und kein Defizit an Mutterliebe hat sie emotional verkümmern lassen.

Wir deutschen Mütter nehmen uns m.E. zu wichtig. Wir, nur wir sind die Hauptperson für das Kind, wir sind stolz darauf, dass das Kind zu niemandem anderen gehen will als zu seiner Mama. Ich weiß, wovon ich rede, ich war selbst so, und ich sehe es täglich bei jungen Müttern, die sich für unersetzlich und einzig berechtigt halten, sich ununterbrochen um das Kind zu kümmern.  Ist euch noch nie der Gedanke gekommen, dass kleine Kinder lieber mit anderen kleinen Kindern spielen als mit der Mama, die zudem manchmal einen genervten Eindruck macht?

Peru Kinder
Macht Spaß mit der Freundin

Wie viele Klagen, keine Zeit für sich selbst und den Partner zu haben, wie viele gescheiterte Beziehungen, wie viele abgebrochene Karrieren und wie viel Frust könnten verhindert werden, wenn Mütter sich selbst nicht so wichtig nähmen.

Loslassen können, nicht klammern, anderen (egal ob Kind oder Partner) Freiheit lassen ist der größte Liebesbeweis, den wir geben können. Nicht zusammen sein müssen, sondern zusammen sein wollen ist der Schlüssel zu einer liebevollen Beziehung. Liebe ist ein Kind der Freiheit.

Tagesablauf, Freitag, den 15. März 2019, Santa Cruz de la Sierra

Vielleicht nicht typisch aber symptomatisch

7:30 Es hat sich so eingebürgert bei uns, wir trinken Kaffee im Bett. Alfredo, der alte Italiener – er hat in Rom studiert – hat natürlich eine Espresso Kanne. Prima. Ich räume in der Küche auf während der Kaffee kocht. Wir sind familiär.

8:00 Kurze Besprechung mit M, was liegt so an heute

8:30 Ich schreibe an einem Artikel über die Mennoniten, komme nicht weiter über Materialsammlung hinaus. Alle Schreibansätze sind nichtssagend, lexikalisch.

10:00 Wir frühstücken. Reis mit Avocados me gusta. Der Saft schmeckt unsäglich, aber gesund. (Ausgekochte Ananas mit Zimt).

10:30 Mit M zusammen am Entwurf zum neuen Faltblatt für die Werbung bei Unternehmen und Berufsbildenden Schulen. Das ist jetzt der dritte Entwurf. Alfredo wollte eine Powerpoint Präsentation, wozu auch immer, die Kernsätze schlachten wir aus. So schlecht, wie M glaubt, war die gar nicht. Wir nennen das neue Programm Convenio Tripartito – Dreiparteien-Vertrag. Wird schön, das Faltblatt, mit Grafik und so. Im Zentrum müssen die Vorteile des Programms für Unternehmen und Schulen sichtbar sein.

13:00 Die Empleada hat gestern Essen vorgekocht, Karen macht es warm, serviert in ihrem kurzen Babydoll. Sie ist eine überaus attraktive Frau. Und sie lacht gerne. Sogar über meine Witze auf Spanisch. Den mit dem Frosch hab ich noch nicht erzählt. Es gab Picante del Pollo, Hühnchen pikant mit Reis, Kartoffeln, Gemüse als Vorspeise. War pikant.

14:00 Rasieren muss ich nachholen und duschen. Ist nicht heiß, aber drückend. Mittagsruhe. Ich komm mal zum Nachrichten lesen. Und schlafen.

16:00 M arbeitet an der Vorlage Bewerbungsbogen Auszubildende, ich überlege mir, was heute Abend bei der Vorstandssitzung zu sagen ist. Alfredo will unsere Einschätzung der Entwicklung von FONBEC. Das regt mich auf. M reicht das Tablet rüber zur Korrektur und zum Formatieren des Bewerbungsbogens.

17:30 Der Arzt hat sich angemeldet, ich mache schnell meine Meditationsübungen. Nicht, dass der mir da rein platzt (völlig, falsch, soll man nicht schnell, schnell machen).

18:10 Kein Arzt, dafür eine Pfeife in der Hängematte. Es regt mich immer mehr auf, das mit dem Vorstand-Vortrag. Depp.

18:40 Wir gehen die 2 Km bis zum Büro.

19:15 Plausch vorher, wie gehts, wie steht’s, wie hat sich SC entwickelt, viele Hochhäuser, Geldwäsche, Zuwanderung, manche schätzen 3 Mio. EW. Wohnungskauf = Geldanlage. Man traut der Geldstabilität nicht. Dann gehts los

19:30 Alfredo beginnt damit, wir sollen beginnen. Machen wir. Wir stellen das neue Programm „Tripartito“ vor, entwickelt auf der Basis des dualen Ausbildungssystems. Die Deutsche Handelskammer unterstützt uns. Es könnte ein Nukleon der inhaltlichen Zusammenarbeit von Unternehmen und Ausbildungsstätten werden, die Letztere an den Anforderungen moderner Ausbildung orientiert. Alle unsere Vorschläge werden angenommen, A erhält, das ist das Wichtigste, eine Sekretärin und eine Bürosoftware und anderes mehr. Dann wird’s ungemütlich weil Konflikte da sind. Die schildere ich hier nicht. Aber erst Mal machen alle weiter.

21:30 Wir gehen zurück, beim Mexikaner mache ich einen Schwenk, kehre ein, trinke zwei Tequila und ein großes Bier. Eigentlich wollte ich nur eine Vorspeise, sie war für große Menschen.

22:00 Unser Freund, der junge Arzt ist da, misst Blutdruck und gibt gute Ratschläge.

23:00 Lese über ein Verbrechen von Vergewaltigungen bei den Mennoniten.

24:00 Der Tag ist vorbei. Gute Nacht. Na ja.

Nachts Kopfschmerzen

Kein Problem
Kein Problem (Suaheli in SC)