Preiswerte Angebote

An allen viel befahrenen Straßen gibt es Reklame, diese hier ist doch sehr speziell:

Ein „Brujo“ (Hexer, Zauberer“) bietet seine Dienste an. In diesem Fall will er eine gewünschte Partnerin oder einen Partner so verhexen, dass sie/er sich fürs ganze Leben verliebt und bleibt. Man muss weiter nichts tun, als den Brujo für seine Dienste bezahlen.

Auch Hexen oder weise Frauen bieten auf diesem Wege an, unerwünschte Nachkommen zu beseitigen, denn einen normalen Schwangerschaftsabbruch bekommen hier nur die wenigsten. Es ist vergleichsweise billig, aber ich würde davon abraten, denn die Gefahr für Leib und Leben ist beträchtlich.

Madrid, 17.1.2023, 22:48 Uhr

Diesmal war ich sicher, nur wenige Leute fliegen nach Lima. Aber es scheint eine vergebliche Hoffnung. Wenn Leute fliegen können, fliegen sie. Unsere Entschuldigung ist die Familie mit den zwei neuen Enkeln (ja, ja, ich bin stolz, Frank ist in meine Fußstapfen getreten mit seiner Liebe für Lateinamerika). Kann sein, dass es einen Bürgerkrieg gibt, kann sein, dass die Proteste eskalieren. Bisher hat es mehr als 50 Tore bei Demos gegeben. Die Polizei schließt scharf und trifft. Sie haben den Bauernpräsidenten abgesetzt. Und seine Vertreterin zur Präsidentin gemacht. „Sie“, das ist die Oberschicht, die in der Geschichte des Landes schon immer herrschte.

Lima 1. Tag

Die Luft ist zumeist grau, Nebelschwaden hängen zwischen den Hochhäusern, die Sonne sieht sich dieses trübe Wetter nur ab und zu an.

Warm ist es. Gut verträglich warm. Das ist schon mal was wenn man aus der Kälte kommt. Bei unserer Abfahrt in Hommertshausen vorgestern hatte es geschneit.

Ich fühle mich wohl, fast wie zu Hause. Allein die Sprache klingt so schön. Und ich bin stolz, wenn ich fast alles verstehe. Noch stolzer, wenn sie mich auch verstehen. An die Großzügigkeit der Regelauslegung im Straßenverkehr muss ich mich jedes Mal erst gewöhnen. Risiko wird groß geschrieben, aber ist Risiko nicht auch Vergnügen? Klar fühle ich mich bei uns im Straßenverkehr sicherer. Klar ist mir die Sicherheit bei uns angenehmer, Sicherheit durch Absicherung gegen Schwankungen des Lebens. Und doch kann Sicherheit träge machen und Unsicherheit kann stimulieren. Und dann diese Langsamkeit. Es kann dir passieren, dass an der Kasse im Supermarkt die Kassiererin ein Schwätzchen hält mit dem Kunden. Und alles wartet ruhig. Soviel Zeit muss sein. Auch der Handwerker verkalkuliert sich oft in der Zeit und kommt Tage später – wenn überhaupt. Das ist uns nach unserer Rückkehr aus Ecuador in Bonn auch passiert, wir fühlten uns gleich zu Hause bei den Nachkommen der Römer. Andererseits kannst du verzwazeln an der langsamen Bürokratie mit ihren 7 Durchschlägen. M sagt, das war einmal, heute haben sie Computer. Die beschleunigen die Vorgänge auch nicht. Soziale Kontakte, Unlust, anderweitige Verpflichtungen stehen eindeutig vor korrekter Bearbeitung. Aber auch dafür gibt es Schmiermittel. Wem es wert ist. Sturheit bringt beiden Seiten wenig (bei der letzten Einreise war Ms Pass weniger als sechs Monate gültig, nein, sie kann nicht einreisen. Muss zurück. Eindeutig. Später stellen wir fest, dass steht wirklich in den Bestimmungen. Wir haben so lange die Familie als Reiseziel erklärt, die Enkel, Corona, lange Zeit nicht gesehen, Sehnsucht. Die Zöllnerin verschwand, sprach mit dem und jenem, kam zurück, zückte den Stempel und haute 3 Monate Aufenthalt in den Pass. Das hätte kein deutscher Beamter der Migration gemacht.)

Wir sind reich in einem Land, in dem die meisten Menschen arm sind. Dienstleistungen sind für uns gut bezahlbar. Friseure, Taxis zum Beispiel. Schade, dass mein Garten nicht hier liegt. Dann könnte ich mir jederzeit einen Gärtner leisten. Der kommt mit seinem alten Fahrrad, daran sind die drei Geräte, die er braucht, angebunden. Und auf dem Gepäckträger transportiert er seinen klapprigen Rasenmäher. Und ein Dienstmädchen, das 24 Std zur Verfügung steht, könnten wir uns ebenfalls leisten, müssten dann allerdings ein winziges Zimmerchen anbauen, was wir definitiv nicht wollen. Überall wird man gut bedient, meist auch gut behandelt.

Da irgendwo liegt der Hund begraben, verläuft die Ursache des Konfliktes. Die einen scheffeln, die anderen haben wenig bis nichts. Es fehlt an allem für die Mehrheit. Schlechte Gesundheitsversorgung, schlechte Schulen, schlechte Straßen im Inneren, Raubbau durch Konzerne. Heute sind Grossdemos in Lima. Wir bleiben hier, in unserem Viertel sind die Menschen reich, haben Haus und Auto und beschweren sich höchstens über faule Dienstboten. Die noch reichere Elite wohnt woanders in Ghettos und diktiert die Politik. Der Kongress ist in ihrer Hand, jeder Versuch, ihre Macht und Einkommen zu beschneiden, wird eisern abgeblockt. Der letzte Präsident, ein Indigena aus dem Süden, Volkschullehrer und Gewerkschaftsführer, hatte seinen Wählern viel versprochen und sie, die Aymara oder Quechua sprechenden Einheimischen waren stolz, endlich, nach 200 Jahren Unabhängigkeit von Spanien einen Präsidenten aus ihren Reihen zu haben.

Pedro Castillo,

Das ging von Anfang an nicht gut. Die Elite schloss ihre Reihen und bekämpfte alles, was der neue Präsident wollte. Viel wollte der ja gar nicht, auch das war zu viel. Und ein wenig korrupt war er auch, der neue Präsident samt seiner Familie. Nichts gegen seine Kontrahenten, die hätten ihm zeigen können, wie korrupt geht. Fast alle Präsidenten der letzten Jahre waren es im Großen Stil und mussten gehen (oder brachten sich um bei der Verhaftung, Señor Staatsanwalt, ich muss noch mal mit meinem Rechtsanwalt telefonieren). Und im Kongress halten viele Abgeordnete eisern an ihren Posten fest weil danach der Staatsanwalt wartet. Meist wegen Korruption. Jetzt haben sie ihn abgesetzt, den neuen Präsidenten und ins Gefängnis gesteckt. Und seine Anhänger sind wütend. Seit Jahr und Tag werden die Reichen immer reicher.

Im Fernsehen eine Dauerübertragung. Demonstration im Zentrum. Ich sehe nicht viel, die Kameramänner halten sich hinter den Polizistenketten. Es liegen Steine auf den Straßen, ein Baum brennt, offenbar noch keine Verluste. Die neue Regierung, geführt von der ehemaligen Vertreterin des geschassten Präsidenten, hat sich mit seinen Gegnern zusammen getan und setzt auf Härte.

Die letzten Bilder erschrecken. Ein großes Wohnhaus brennt, Flammen greifen auf andere Häuser über, Feuerwehrleute werden angegriffen, es scheint zu eskalieren.

Kommentare.

Es gibt parallel eine Diskussion und komplementäre Geschichtenerzählung in den Kommentaren, auf die ich hinweisen möchte

Werner (Kolumbien)

Gestern hatte ich schon einen Kommentar geschrieben. Den sehe ich hier nicht. Ich hoffe der taucht noch auf. Deine letzte Erzählung inspiriert mich auch diesmal zur eigenen Reflektion mit der ersten Wahrnehmung, ach, ich hatte ja gar keine Familie wie du außer Papa, Mama und Geschwister. Das hat es mir sicher leichter gemacht in die Welt zu ziehen und obwohl ich eine Beziehung zu Köln habe, ging und geht mir das ganze Heimat Gedöns, wie das in kölschen Liedern bis zum Überdruss besungen wird, immer herzhaft auf die Nerven . Zwar ist mein Bedürfnis irgendwie dazu zu gehören gering aber dennoch ist es ambivalent geblieben. Irgendwo zugehören müssen wir schon und in deiner letzten Erzählung wird das schön sichtbar, wenn du von deiner Familie sprichst und dabei eine gewisse Wärme rüber kommt. Trotzdem hat es dich in die Welt gezogen. Ein wärmendes Soziotop engt auch gleichzeitig ein und die Neugier , einmal geweckt, lässt sich nicht mehr abstellen.
Nach unserer Rückkehr nach Köln hatte ich einen Ersatz für die fehlende Familie bei den Pfadfindern und in der katholischen Jugendbewegung der Pfarre gefunden und war eine Zeit lang Pfarrjugendführer. In dem Kölner Vorort waren wir alle Zugezogene und es brauchte Gemeinschaft. Die Kirche, miefig wie sie war, bot den Rahmen dazu und unterstützte mit Räumlichkeiten. Der Pfarrer hieß ausgerechnet Babylon und kam so alt rüber wie der antike Ort selbst. Wir machten u. a. Tanzkurse und Sexualaufklärung feierten und tranken Bier, nichts was der Pfarrer und die Kirche gut hieß. Es war aber gerade für viele , die mit der Diskokultur nichts anfangen konnten , ein wichtiger Treffpunkt.
1963 machten wir eine Reise nach Israel. Wir hatten uns bei den Emmaus Brüdern, die 1949 vom Abbe Pier zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit und der Armut gegründet wurde engagiert und mit Lumpensammlungen 6000,- DM erwirtschaftet. Die wollten wir an ein Kibbuz in Israel übergeben und dort einige Wochen verbringen. Von der Stadt Köln hatten wir 3 VW-Busse für die Reise bekommen die über Österreich , Jugoslawien, Griechenland , der Türkei, Syrien und Jordanien gehen sollte. Wir sind nie angekommen. Es wurde ein richtiges Abenteuer. Der Kölner Stadt Anzeiger hatte von unserer Reiseabsicht berichtet und die Syrische Botschaft in Köln den Artikel offensichtlich auch gelesen. An der syrischen Grenze wurden wir schon erwartet und ganz gezielt nach dem Visum für Israel gesucht von dem sie wussten, dass wir es hatten. Gefunden haben sie das Visum nicht , ließen uns aber trotzdem nicht einreisen und die Türken nicht mehr zurück. Wir hingen dann mehr als eine Woche im Niemandsland und die Botschaft in Ankara musste intervenieren um uns da wieder raus zu holen. Wir sind dann mit dem Schiff über Zypern und Griechenland zurück nach Deutschland. Die Reise war voller großer und kleiner Geschichten und persönlichen Erfahrungen, die einige von uns an ihre Grenzen brachte. Ich denke ich werde mal gesondert darüber schreiben.
Sehr berührt hat mich der Kommentar von Wolfgang über seine Gesundheit mit Chips im Kopf. Wir sind jetzt in unserer letzten Lebensphase – danach kommt nix mehr. Das Leben schein gelebt. und die Gegenwart von unserem Gesundheitsstatus und der Erinnerung bestimmt. Sicher ist es richtig beide Dimensionen unseres Seins wahr zu nehmen , es gibt aber noch eine interessante Dritte. Wir haben unser Leben lang Erfahrungen gemacht, gelernt und Verstanden und sind auf der Höhe unserer Fähigkeit zur Reflektion. Ich glaube sogar , das Verstehen der Sinn unseres Daseins ist . Also reden wir doch darüber, oder ?

Meine Antwort:

Guten Morgen Werner!
Ja, dein Kommentar von gestern ist angekommen. Ich hab auch schon geantwortet. Müsste unter „Kommentare“ zu sehen sein.


Was für ne Reise nach Israel, alles drin was bei einem Abenteuer drin sein muss. Ja, schreibs mal auf. Wie wärs denn, wenn du deinen eigenen Blog machst? Nur, damit unsere Geschichten aus unseren nicht alltäglichen Welten nicht verloren gehen. Wäre zu schade.

Was letztendlich der Auslöser für meine Sehnsucht nach der Ferne war, das weiß ich nicht genau. Gut, da waren immer die Missionare, die Abends nach ihren Berichten in der Versammlung noch bei Opa waren und weiter erzählten. Da wollte ich auch hin. Missionar war mein erster Berufswunsch. Und da war da dieser Sanella Katalog mit den Einklebebildchen von den Abenteuern des Jungen quer durch Südamerika. Das Einzige Album, bei dem ich alle Bilder schaffte. War sehr lehrreich. Jetzt wusste ich, was Mestizen sind und das die schlitzäugig um die Ecke linsen.


Ja, unsere Familie hat bis heute diese Wärme erhalten — und uns überall besucht. So hatten wir beides: Familie und Ferne.

Mein Leben ist noch nicht gelebt. Jeder Tag bringt Neues und jeder Tag kann Überraschungen bringen. Klar, Einschränkungen nehmen zu. Und das Leben ist nicht mehr so, wie vor einiger Zeit. Aber auf jeder Stufe will ich meine Lust behalten so lange es geht. Ob ich Fähigkeiten zur Reflexion habe um die Gründe zu durchleuchten, weiß ich nicht. Ich sehe mein Leben als ein Ablauf von Geschichten, gesteuert durch Zufälle, die ich flugs beim Wickel griff wenn sie vorbei kamen. Und die meinen Horizont erweitert haben. Ein Beispiel: Deutschland und seine Probleme sehe ich aus der Perspektive des Südens. Wenn du eine kolumbianische Zeitung aufschlägst, ist auch mal was über Deutschland drin. Und die Verwunderung schwingt mit, wie man sich auf solch einem hohen Standard solche Probleme machen kann. Mein Blick ist weiter geworden, nicht mehr einzig auf das Umfeld konzentriert. Ein Perspektivenwechsel. Und das gefällt mir.
Schreib mal, wie du deine Reflexion siehst.

Vom Fernweh, Drehbänken, Fachschule, Goggo, Twen, Besäufnis und anderen Erlebnissen

Zwischenzeit 1961.1964

Noch immer stand ich morgens 8:15 draußen vor der Werkstatt, sah dem Schnellzug nach und hatte Fernweh. Noch immer war es die gleiche Werkstatt. Noch immer strampelte ich morgens kurz nach 6:00 die 4 km zum Arnold,  manchmal nahm mich Vater mit, der im selben Betrieb Herde und Öfen ausmauerte. Um 1/2 7 fing die Arbeit an und um 4:00 waren wir zurück für die „Nebenerwerbstätigkeit“ (so der verschrobene Terminus Technicus)  auf Hof und Feld. Aber jetzt war ich Facharbeiter und verdiente 400 DM im Monat. Ich musste nicht mehr Bier und Brötchen holen, bekam keine mehr auf die Finger, wenn ich die Werkstücke beim Schweißen ungenügend zusammenhielt und die Stanzerei holte sich andere Stifte zur Aushilfe. Dafür hatte ich eine eigene Drehbank, moderner zwar als die mit dem Deckenvorgelege, aber schon recht betagt und dazu einen wackeligen Spind mit Drehwerkzeugen. Ein Bild von zwei wie Tänzer dahin gleitenden Schlittschuhläufern hatte ich mir hineingehängt. Seltsamerweise tröstete mich das Foto, es strahlte die Ruhe einer anderen Welt aus. Meine Welt war Bolzen drehen, Gewinde schneiden, Passungen auf 1/100 mm genau hinkriegen, Reparaturstücke anfertigen. Traurige Wahrheit war, dass diese Arbeit immer so bleiben würde. Allenfalls Gewinde mit spiegelglatter Oberfläche hinkriegen war eine befriedigende Kunst, die mir selten gelang. Mehr als das tote Material interessierten mich die Menschen. Wann immer möglich versuchte ich sie zum Reden zu bringen. 

Onkel Otto war der Betriebsingenieur und mein Mentor. Ich sollte in seine Fußstapfen treten. Was auch sonst. Alternativen waren nicht bekannt. Ingenieur zu werden war machbar. Also ran. Zuerst die Fachschulreife, sie war eine der Eingangsvorraussetzung für das Studium. Angenehm war der Gedanke nicht, doch immer noch besser als Facharbeiter bleiben. 

Die Fachschule in der Kreisstadt war abends und eine bessere Alternative, als auf dem Feld arbeiten. Meist fuhr ich die 10 Km mit dem Fahrrad.

Vater lieh mir das Goggomobil. Ich packte 7 junge Männer rein. Wir wollten die Pause nutzen, zum Marktplatz fahren, frische Luft in der Nase haben und den Mädchen nachschauen. Nach 9 Stunden im Betrieb und anschließendem Unterricht kamen solche Gelüste hoch. War das ein Spaß in dem übervollen Goggo! Endlich mal was Anderes! Und dann passierte das Unmögliche. Ich bog auf dem Marktplatz mit der tief liegenden Blechbombe ein, hielt,  öffnete beide Türen und heraus quoll einer nach dem Anderen unter Gelächter und Geschrei. Plötzlich stand Vater neben mir mit entsetztem Blick, er, der nie abends in Biedenkopf war. Der Goggo war sein erstes Auto, er war nicht mehr Wind und Wetter ausgesetzt, musste nicht mehr Görike fahren, das kleine Motorrad. Und sein Sohn, dem er vertraut hatte, behandelte seine schwer erarbeitete Errungenschaft mit solcher Geringschätzung!. Vor Scham wurde ich ganz klein mit Hut. .

Es war langweilig mit all dem theoretischem und technischen Zeug, das da geballt unterrichtet wurde. Das Niveau zog an, blieb aber trocken und leblos. Den Pythagoras hatte Onkel Otto schon erklärt, ich aber hatte nicht verstanden, wo der praktische Nutzen liegt wenn a im Quadrat plus b im Quadrat gleich c im Quadrat ergibt. Jetzt ging’s ans Kräfteparallelogramm, an Jaul und Pi und Ohm, der ganze Schrott.

Cousin Manfred lernte von Schulbeginn an meiner Seite. 8 Klassen lang saßen wir nebeneinander. Wir hatten zusammen das Gymnasium erprobt, waren nach dem ersten Halbjahr zurückgekehrt in die Dorfschule wo wir hingehörten, hatten Dreher gelernt, er in einem modernen Betrieb, ich in einer Klitsche, gingen zusammen auf die Fachschule, wollten Ingenieur werden. Manfred begriff die Technik besser, war fleißig. Sonntags spielten wir Schach und hörten klassische Musik. Manchmal mussten wir auch spazieren gehen. Er war Vorbild für meine Eltern.

Freie Kurse gab es, die zogen mich an. Ich belegte Fotografie und später eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Bild-Zeitung beschäftigte. Das Lehrer-Ehepaar war anders als alle bisher bekannten Lehrer. Sie fragten, hörten zu, ließen Kleingruppen selbst arbeiten und sahen die Bild-Zeitung kritisch. Was für ein Ding! Die Zeitung, die zu meinem Alltag gehörte, soll lügen, manipulieren, einseitig orientieren? Aber die Meldungen, mit anderen Zeitungen, Pressemitteilungen, Quellen verglichen, zeigten es deutlich. Bild lügt. Manchmal. Eine Offenbarung. Die Sicht auf die bekannte Welt bekam einen Riss. 

Die freundlichen Lehrer luden Schüler zu sich nach Hause ein. Das gab es also auch, persönliche Kontakte mit oben Stehenden. Ich gehörte zu den Auserwählten, sie fragten nach: Was meinst du zu dem Problem? Und der junge Mann vom Dorf engagierte sich mit seinem bescheidenen Wissen, wollte dabei sein, gefragt werden, mehr erfahren. 

Die erste Fahrt durch Berlin im Bus war wie ein Vorhang, der sich öffnete. Diese Stadt, die Größe, die vielen Menschen, Plakate, Bahnen und Busse, Strassen, Häuser, Monumente. Einiges kam bekannt vor, anderes war völlig fremd. Ich hupfte auf meinem Sitz herum und gab unsinnige Kommentare ab. Nachts hauten wir ab in eine Disko. Eine Treppe tief hinab ging es, ein Eingang zu unbekannten Freuden. Musik wurde lauter, die Tür öffnete sich und da waren Lichtexplosionen, ohrenbetäubender Lärm, Rauch, Gewühle. Das war nicht das, was ich erwartet hatte. Sicher, da waren auch Frauen, aber sie tanzten in einem Menschenknäuel, einige standen herum, tranken und redeten. Wie sollte denn der unsichere Junge Mann mit Pickel da ran kommen? Nein, das traute ich mir nicht zu. Später gingen wir an Nachtlokalen vorbei mit halb-nackten Frauenbildern im Fenster, an Türstehern, die aufforderten, ein zu treten. Das war eine Welt, die ich kennen lernen wollte. Meine Kollegen gingen weiter, ich musste mit.    

Meine große Liebe schon aus Schulzeiten begehrte ich von ferne. Sie hieß Thea, wohnte in der Nachbarschaft und wenn ihre Mutter sauer war, beugte sie sich um die Ecke und schrie Dorothea. Dann wussten alle Bescheid, denn sonst wurde sie Thea genannt. Die Mutter war aus Berlin in das Dorf verschlagen worden und eine schöne Frau. Der Vater, ein Schlawiner, der nicht ins Dorf passte, verzog sich zwei mal in die Fremdenlegion und entzog sich schlussendlich ganz der Familie. Schon früh war Thea wohlproportioniert und in meinen Augen wunderschön. Ihr gepflegtes Deutsch hob sie heraus aus der Masse, die gerade mal Platt konnte und in der Volksschule Hochdeutsch lernte. Einmal habe ich mich getraut und meine Liebe gestanden. In ihrem Schulheft. Da war sie sauer.

Ungemein bildend wirkte die „twen“.  Die Zeitschrift war großformatig in einem ästhetischen Grafikdesign gestaltet, hatte Anfangs noch s/w, später Farbfotos  von hervorragenden Fotografen, dazwischen immer wieder aparte Frauen wie Uschi Obermeier und Artikel von Hemingway, Faulkner, von Philip Roth, Ben Shahn, Irving Penn, von Will McBride und Guy Bourdin – in „twen“ publizierten nur die Besten. Sogar einen eigenen Modestil kreierte die Twen. Ich aber traute mich nicht, die lässigen Sachen zu bestellen, zu teuer und extravagant. Marylin Monroe lernte ich begehren, Henry Miller, Jeanne Moreau, interessante Filme faszinierten, Geschichten von Bars, Getränken, Tanzen, Flirten lockten. Joachim E. Berendt erklärte Jazz und die bemerkenswerte Schallplattenserie orientierte meinen Musikgeschmack. Eine Aufbruchstimmung sprang mich an, das da war sie, meine Welt. 

Nachts las ich im Bett, manchmal bis weit nach Mitternacht. Dann waren die Augen rot am Morgen wenn die Mutter um 1/4 vor 6.00 weckte. Die Decke über den Kopf, um nicht durch den Lichtschein unter der Tür verraten zu werden, schmökerte ich durch die Welt. Das Buch über Brasilien hatte Bilder von Indianermädchen aus dem Urwald. Das also waren Frauenbrüste, die berühmten. Sie waren anders als vorgestellt, weniger aufregend, obwohl es spannend genug war, so ein Buch zu besitzen. Ein Missionar aus Brasilien war zu Besuch. Dem wollte ich imponieren. Aber die Bilder, die Bilder, ein Aufschrei würde das Haus wecken und ich wäre verloren. Auf Erden und im Himmel. Das Zeigen Wollen war stärker und so riss ich die Seiten mit den blanken Brüsten raus, zerschnippelte sie und führte mein Wissen vor. Der Missionar interessierte sich nicht sehr.    

Vater half, ein einfaches Fotolabor auf den Dachboden zu bauen. Wasser musste im Eimer hoch geschleppt werden und der Staub schlug sich auf die Fotopapiere. Mehr als Kontaktabzüge war nicht drin, ein Vergrößerungsgerät war zu teuer und auf dem Speicher war kein Anschluss für Elektrogeräte. Von den 6×6 Filmen meiner Kamera ließen sich kleine Bildchen machen. Mich faszinierte, wie aus dem Nichts im Entwickler langsam Umrisse und Bilder hervortraten. Der Sandsack zum Boxen, der auf dem Speicher von einem Balken hing, war Eigenproduktion und zu hart. Die Knöchel schwollen. Handschuhe waren nicht erschwinglich. Armin Hary war 1960 die 100 m als Erster in 10 Sekunden gelaufen und hatte im gleichen Jahr zwei Goldmedaillen gewonnen. Der war mein Vorbild. Mit dem Halbrennrad trainierte ich schon länger, nun fing ich an zu laufen, alleine, im Feld. Den Hang hinter Krauses hoch bis zum Wald, an dem lang, im hohen Bogen an der schrägen Waldwiese vorbei, dahinter Hang abwärts, über einen kleinen Hügel hinweg, hoch zum Kaiser Willhelmsplatz und zurück nach Hause. Auch im Winter lief ich die Strecke. Im Betrieb baute ich mir eigene Startblöcke, Onkel Otto half sogar. Und dann sah ich in der Kreisstadt in einem Schaufenster Spikes liegen. Sie waren billig, weil der eine Schuh durch das Sonnenlicht braun geworden war. Nun war ich stolzer Besitzer von Spikes. Was für ein Glück. Das Training brachte nicht viel. Beim Sportfest wurde ich siebter.

Das schönste Geschenk meiner Eltern war der Halbrenner, umgebaut aus einem Tourenrad, ausgestattet mit Rennlenkstange, Felgenbremse, Kettenschaltung und bunt angemalt. Im Windschatten des Omnibus die Landstraße nach Silberg hoch strampelte ich mir die Seele aus dem Leib um den Mädchen hinten im Bus zu imponieren. Zu selten sah eine raus. Nach Duisburg wollte ich, da wohnten Freunde der Familie, die es im Krieg nach Hommertshausen verschlagen hatte. Abends bekam ich Zoff mit Vater und morgens um 5:00 zog ich los wie ein Abenteurer. 200 km wollte ich schaffen. Schon hinter Laasphe die Berge hoch kamen Bedenken. Vor Hagen hatte ich nur noch ein Pedal, beim anderen war der Verbindungsstift ausgeschlagen, es war Samstag, keine Chance auf Reparatur. Da fuhr ich froh und glücklich die letzten 100 km mit der Bahn. Bei den Duisburgern gab es Bücher mit Sex, ich durfte schmökern und sonntags zum Frühschoppen. Ein Bier und ein Schnaps genügten, den Tag wundersam werden zu lassen. Zu Hause hatte es einen Skandal gegeben. Der Nachbar liebte es zu lauschen, hatte den Streit mit Vater und meine frühe Abfahrt mitgekriegt und erzählte überall, ich wäre abgehauen. 

Ein Gläschen Wein war erlaubt, trinken, gar saufen, streng verboten. Die Meute der Jungen im Dorf hänselte mich. Trau dich mal was, komm mit, du Feigling, du bist kein Mann, ein Hampelmann eher. Sie hatten eine Party organisiert, die Eltern waren nicht zu Hause. Es gab Bier, Schnaps, Coca Cola und Rainer neben mir schüttete nach, komm, sei ein Mann. Musik war da, auch Mädchen saßen herum. Ich ließ mich nicht zwei Mal bitten und schluckte Schnaps und nach Luft. Dann drehte sich alles, ich war besoffen und hatte einen Fadenriss. Am nächsten Morgen gaben die Beine unter mir nach als ich aufstehen wollte, ich landete am Spiegel, rutsche daran herunter und sah ein mir unbekanntes Gesicht. Zur Arbeit musste ich. Tage später erzählten sie mir, was passiert war. Du bist umgefallen, wir haben versucht, dich die steile Treppe runter zu bringen, da bist du die ganzen Stufen abwärts  gepurzelt. Wieso hast du dir nichts getan? Wir haben dich in der Schubkarre gefahren, laufen war nicht mehr drin. Und zu Hause bist du auf allen Vieren die Treppe hoch. Wieso konntest du arbeiten? Ich hab lange keinen Schnaps mehr angefasst.

Klaus war 6, Hanne 12 Jahre jünger. Der Abstand war zu groß um mit den Geschwistern zusammen was unternehmen zu können. Hanne wollte lernen wie ich, Klaus arbeiten. Und zwar Speis machen. Ansonsten stand er rum, hatte die Hände in der Tasche und rauchte spitze Stöckchen. Das wurde ihm eines Tages zum Verhängnis. Er lief den Hof hinunter, stolperte, fiel und stach sich den Stock in den Rachen. Was für eine Aufregung. Mutter kam hinten auf die kleine Görike, Klaus im Schoß. Im Nachbarort hat der Arzt den Jungen ohne Betäubung genäht. Samstags war unsere Aufgabe, den Hof zu kehren. Er oben, das kleinere Stück, ich unten. Klaus trödelt, ich wollte fertig werden. Denn nach dem Kehren kam nur noch Baden, dann war Feierabend für die Woche. Regelmäßig musste ich einen Großteil seines Bereichs mit kehren. Aber wenn es Speis zu machen gab, dann nahm er die Hände aus der Tasche und packte zu. Vater und Sohn arbeiteten freudig nebeneinander, ich versuchte zu verschwinden, wurde für das Wasser gebraucht und machte schweren Herzens mit. Meine kleine Schwester war liebenswert, sie verehrte mich und ich beschützte sie. Erst später habe ich sie richtig kennen und lieben gelernt. 

Sonntags spazieren gehen gehörte wie der Gottesdienst, das gute Mittagessen, Kaffee und Kuchen und Chorsingen abends zum festen Programm. Mir lief die Zeit davon. Was hätte ich nicht alles lesen und hören können in der Zeit. Aber ich musste neben den Eltern und Geschwister her traben und die Natur genießen. Ich hatte es versucht, wollte Waldläufer werden, Naturbursche, der im Freien zu Hause ist. Einen Hund wollte ich haben und mit ihm zusammen durch die Wälder streifen. Opa beschied knapp, du brauchst einen Hund, der deine Anschläge frisst, sonst keinen. Wahrscheinlich eine weise Entscheidung von Opa, denn ich fasste keinen Fuß im Wald. Sie war nichts für mich, die freie Natur. Aber jeden Sonntag musste ich wieder spazieren gehen. Das latente Unbehagen über mein Leben erreichte seinen Höhepunkt auf einem kleinen Hügel vor dem Dorf. Da war ich hoch geklettert, die anderen gingen weiter. Ich sah auf das Tal, das Dorf, die Enge, und eine Frage nahm Besitz von mir: Das soll es gewesen sein?

Die Reklame der privaten Technischen und Wissenschaftlichen Fachschule war interessant. Studium zum Techniker in 6 Monaten, zum Ingenieur in zwölf. Ein  verlockendes Angebot weil kürzer als die 6 Semester auf der Ingenieurschule. Onkel Otto prüfte und erklärte die Lehrinhalte für ausreichend. Meine Eltern hatten viel von meinem Lohn gespart – ich kam mit einem geringen Taschengeld aus – und mit einem Zuschuss von zu Hause konnte ich gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: keine Fachschule mehr, die ungeheuer lange Studienzeit ließ sich verkürzen und ich kam von zu Hause weg. Was für eine Aufregung. Statt nach Gießen gings nach Stockach am Bodensee. Vor der Abreise waren die Nachbarn zu verabschieden, ich sprang von Bordstein zu Bordstein, rutschte ab und hatte eine schlimme Verstauchung im Knöchel. Die Reise mit dick umwickelten Bein war wie eine Vorausschau auf die Technikerlaufbahn: immer etwas behindert. Auf dem Abschlusszeugnis stand „TEWIFA.Ingenieur“.

II.6 Lehre 1958-1961

 

Vater (links) und sein Bruder, Onkel Otto

Mit knapp 14 kam ich in die Lehre. Die Auswahl war einfach: entweder aufs Büro oder in den Betrieb. Aufs Büro wollte ich nicht, ich hatte meiner Meinung nach schon lange genug in der Schule gesessen. Mit Betrieb war die Fabrik gemeint, in der Vater Herde und Öfen ausmauerte, Onkel Ernst Fahrer war und Onkel Otto Betriebsingenieur. Ingenieur war die Vorstellung meiner Eltern. Der erste Tag war schlimm und hat mich sehr geprägt. Um 11.00 Uhr morgens dachte ich, der Tag müsse vorbei sein. Ich hatte genug von den Lärm und dem ungewohnten Betrieb in der Schlosserei. Die Uhr war in der Stanzerei. Mir fuhr ein riesiger Schreck in die Glieder. Das sollte ich nun ein Leben lang aushalten? 

Der niedrige Anbau mit Blechdach, in dem Drehbänke, Hobelbänke, Metallsägen, Werkbänke, Bohrwerke, Schleifsteine, eine Schmiede und andere Sachen eng an eng standen, war im Sommer sehr heiß und im Winter eisig kalt. Es gab nur einen Bullerofen, den ich als Stift zu bedienen hatte. Alle Maschinen waren alt, zum Teil  uralt. Die Drehbank, an der ich lernen sollte, wurde schon von Marx beschrieben, aber das wusste ich damals noch nicht. Sie war an ein Deckenvorgelege angeschlossen wie mehrere andere Maschinen.

Ziemliche Ähnlichkeit mit meiner ersten Drehbank

Ein Deckenvorgelege ist eine lange Welle unter der Decke, die von einem starken Motor getrieben wird. Die angeschlossenen Maschinen werden mit breiten Flachriemen, die von Scheiben an der Decke kommen, angetrieben. Zum Aus- und Einschalten schob man den Riemen auf eine Leerscheibe, zum Wechsel der Geschwindigkeit schlug man mit einem Knüppel den laufenden Riemen auf die nächste Stufe der verschieden dicken Scheiben. Die alten Fachmänner machten das mit der Hand. Das Vorgelege rappelte und die Riemen wimmerten. Waren alle Maschinen am Arbeiten, gab es kaum Kraft, war nur eine Maschine dran, musste das ganze Krach machende Ungetüm auch laufen. Heute kann man dieses Antriebssystem aus der Gründerzeit im Deutschen Museum in München bewundern.

Stift war der Lehrling. Und damit der unterste Dienstrang und für Dienstleistungen zu gebrauchen. Ich musste Werkzeuge holen, anreichen, festhalten, aushelfen, bei Reparaturen in die dreckigste Ecke und vor allem Essen holen. Zum Frühstück und zu Mittag. Dafür hatte ich eine Holzkiste und da kamen die Bestellungen rein. Hack Rind, Hack Schwein, Leberwurst mit oder ohne Grieben, Fleischwurst, Brötchen, Getränke. Einer wollte nur grünes Bier und das im Winter warm. Wehe ich brachte das Falsche. Dann flogen schon mal Eisenstücke. In der Stanzerei aushelfen war hart. Eine große Halle voller alter Stanzen, Blechbiegemaschinen, Bohrwerke, die jammerten und jaulten und krachend abwärts fuhren. Nur durch Schreien konnte man sich verständigen und der Fußboden vibrierte. Nach Feierabend brauchte das Gehör lange Zeit um auf Normalgeräusche umzuschalten. Stanzen war gefährlich. Sicherheitsvorrichtungen gab es kaum. Einem meiner jungen Kollegen hat es die Hand abgehackt als die Maschine beim Hochfahren nicht einrastete und zurück kam mit Wucht. Seitenbleche für Herde und Öfen wurden gestanzt.  Glück hatte ich. Mein Onkel, der Betriebsingenieur teilte mich nur selten ein. Dafür brachte er mir den Pythagoras  bei. Ich aber begriff nicht, für was der gut sein sollte. Überhaupt war mein Interesse gering. Lieber stand ich bei Fritz, dem Vorarbeiter, der mir die Grundzüge klassischer Musik und des Fotografierens beibrachte. Und die Geschichten der Facharbeiter interessierten mich ungemein. Besonders wenn sie von Liebe handelten.

Klassische Musik hören, war in unserem Haus verpönt. Ich sollte christliche Musik oder Volksmusik im Radio anmachen. Mein Anreiz war, dass Vorarbeiter Fritz sich ab und an im sonntäglichen Wunschkonzert ein Musikstück wünschte. Dann saß ich Stunden am Radio. Es war für mich etwas Besonderes, jemanden zu kennen, der im Radio genannt wurde. Und um Bilder abzuziehen, hab ich mir einen Kopierrahmen gebaut und ein Labor unterm Dach eingerichtet. Es war faszinierend, wenn die Fotos im Entwickler zum Leben erwachten. 

Um 6:30 Uhr fing die Arbeit an. Um 8:10 Uhr kam der Schnellzug Marburg-Siegen vorbei. Wann immer es ging stand ich draußen und schaute ihm nach. Er fuhr in die große, weite Welt meiner Träume.

Meine Drehbank war rechtsdrehend.

Die zweite Drehbank war etwas moderner (Archivbild,

Nach 3 Lehrjahren war die Bewegung, den Schlitten ein und auszufahren, verinnerlicht. Bei der Gesellenprüfung gaben sie mir einer Maschine, die ich nur aus  Büchern kannte. Und der Schlitten des modernen Gerätes war linksdrehend! Eine Katastrophe. Ich fuhr das Werkzeug permanent in das Drehstück hinein statt heraus. Entsprechend sahen Gewinde und Kegel aus, das Passstück, das auf 1/100 mm genau zu sein hatte, war völlig mit Rillen übersät. Eine 4 war das Resultat. Da hatte ich schon wieder Glück. Mit einer 5 wäre ich durchgerasselt auch mit der 1 in Theorie. 

Die Werkstatt war zuständig für Metallarbeiten im Betrieb. Noch heute habe ich Hochachtung vor der Leistung meiner Kollegen. Es gab nichts, was sie nicht konnten. Komplizierte Werkzeuge, Formen, Drehstücke wurden hergestellt und alles repariert was kaputt ging. Onkel Otto konstruierte Hydraulik gesteuerte Fließbänder für die Produktion, die wurden ebenso gebaut wie genaueste Stanzformen und schmiedeeiserne Gitter. Schmieden mochte ich. An der Esse stehen, den Stahl weiß und schmiegsam zu erhitzen und auf dem Amboss zu formen war Kunst. Bei großen Stücken schlug ich mit dem Schmiedehammer im langsamen Takt auf den Stahl, mit dem kleinen Handhammer formte der Meister das Stück im Zwischentakt. Schmieden im Tandem konnte ein Trommelkonzert sein.

Viel musste ich lernen. Drehen, aber auch Schweißen, Bohren, Fräsen, Schleifen, Rohre Biegen, Meißeln, Feilen natürlich und Schmieden. Interesse hatte ich, wenn Arbeiten in extremen Situationen hoch oben oder tief drinnen gefordert waren. Oder wenn es darum ging, den Männern Geschichten zu entlocken.

Die Lehrmethoden waren rau. Ohrfeigen gab es keine mehr, dafür eins mit dem Hammer auf die Finger, wenn ich nicht konzentriert und mit voller Kraft die Formen zusammenpresste. Ich wurde verarscht und rein zufällig mit Wasser übergossen, zu Besorgungen gescheucht und beschimpft. Nur selten war Böswilligkeit dabei, man kannte Ausbildung nicht anders. Die Berufsschule war ein Rückzugsort und lernen konnte man da auch noch. Onkel Otto hat mich vor zu häufigen, sonst üblichen Produktionseinsätzen von Lehrlingen durch den Besitzer bewahrt. Der hatte eine Villa nebenan, einen Mercedes und einen Sohn, der sein Abitur nur nach verschiedenen Privatschulen schaffte. Dafür fuhr er einen offenen Sportwagen. Manchmal habe ich ihn beneidet, aber nie als Sohn des Besitzers.

Ja doch, Drehen war die Hauptbeschäftigung. Faszinierend fand ich Gewinde schneiden auf der Drehbank. Das waren große, armdicke Gewinde. Meine alte Maschine hatte noch Zahnräder zum Wechseln, das Übersetzungsverhältnis musste ich ausrechnen. Diese Welle zog den Schlitten mit dem Drehstahl exakt in der Geschwindigkeit vorwärts um das Gewinde aus dem sich drehenden Drehstück herauszuschneiden. Wenn mit dem letzten Schnitt die Oberfläche des Gewindes glitzerte und das Gewinde passte, war die Arbeit gelungen. Gelang mir nicht oft.

Kaffee gab es in den Pausen umsonst. Der war durchsichtig bis auf den Tassenboden. Nur der alte Kollege vom Vater trank schwarzen Kaffee. Er hatte noch nie seine Tasse gewaschen. Zum Frühstück und Mittag ging ich an den Arbeitsplatz meines Vaters. Der saß mit seinen Kollegen zwischen gestapelten Herden und Öfen auf Brettern und Schemeln. Wir aßen die Brote von Mutter und ganz selten kriegten wir 50 Pfennig um von der Metzgerin zu kaufen. Das war normal der größte Betrag, den Vater im Portemonnaie hatte. Nach dem Essen legte sich mein Vater auf die Werkbank und schlief 10 Minuten.  

Die Hölle war los in der Gießerei. Onkel Otto war der Meinung, dass ihn die Entstehung von Gussteilen technisch gebildet habe. In einem alten dunklen Fabrikgebäude aus der Gründerzeit liefen halbnackte schwarz verdreckte Männer herum, sporadisch erhellt durch Feuerausstöße des Hochofens und schleppten Behälter mit geschmolzenem Guss. Kam der Guss mit Wasser in Berührung, spritzte geronnene Schlacke im Regenbogen durch die Halle. Was sie traf, verbrannte. Für den Fall, dass die Schlacke in die Schuhe rutschte, waren große Kübel mit Wasser aufgestellt. Da musste man reinspringen. Wer da arbeitet, erschrickt den Teufel. Nie wieder möchte ich dahin zurück.

Auch nicht in die Werkstatt. Obwohl: 2 Gesellenjahre musste ich noch aushalten. Aber das ist eine andere Geschichte.

II.5 Von Verboten und Geboten, dem Mädchen aus dem Urwald und dem Nachbardorf

Der „schmale Weg“ der Pilgrims war ein nicht hinterfragbares Dogma, das mich umfangen hielt wie eine Fessel. Es gab mehr Verbote als Erlaubtes, der rechte Weg war mit Fallstricken weltlicher Freuden übersät. Auch für uns Jugendliche war Beten und Arbeiten vorrangig. Und die Vermutung, wir hätten nur Dummheiten im Kopf wenn wir uns ohne Aufsicht trafen, war nicht falsch.

Bis zum 15. Lebensjahr war ich noch nie im Kino. Das Vergnügen war weltlich und streng untersagt. Die Gruppe, die mich ab und an akzeptierte – ich durfte ja nichts – machte mich heiß. Von Liane, dem Mädchen aus dem Urwald, hatte ich gehört. Nackte Brüste sollte es da zu sehen geben. Wasser stand mir im Mund und ich ging mit ins Nachbardorf. Da wurde es schwierig. Sah mich jemand, der mich kannte – und als Opas Enkel war ich bekannt – war es um mein Heil geschehen. Den langen Gang huschte ich abgewandt hinunter und da war sie, die halb-nackte Marion Michael. Eine Wonne! So also sahen Frauen ohne Kleider oben rum aus! Und nach dem Kino ging es weiter mit den Freuden. Ein Mädchen war in der Gruppe übrig und ging mit mir. Es war kaum zu glauben: die Sünde wurde auch noch belohnt! In einem Bomben-Trichter in der Nähe des Waldes knutschten wir. Das war’s! Ich wollte nie mehr aufhören. Den inquisitorischen Fragen zu Hause konnte ich nur angstvoll und mit einer halben Lüge begegnen. Ich war ja wirklich im Wald gewesen.

Rauchen war auch verboten. Wir probierten es mit Zeitungspapier und dürren Blättern. Bis die Amis kamen. Eine Gruppe hatte ihr Manöverlager auf dem Fußballplatz im Nachbardorf aufgeschlagen. Wir wanderten hin. Meine erste Erfahrung mit Amis, lange Jahre davor, war negativ. Panzer rasselten um die Kurve, ich  winkte und hoffte. Von Schokolade und Kaugummi hatte ich gehört. Da schmiss einer ein kleines Päckchen in meine Richtung. Es schmeckte abartig. Es war ein Brühwürfel-was für ne Enttäuschung. Doch jetzt bekamen wir Zigaretten! Wir pafften und mir wurde schlecht. Zu Hause musste ich beichten, woher die Übelkeit kam. Sie sahen sie als gebotene Strafe an. Ich hatte mehr befürchtet.

Gefahr durch das weibliche Geschlecht drohte mir wenig. Ich hatte Pickel wie ein Streuselkuchen, mein ohnehin geringes Selbstbewusstsein sank ins Bodenlose. Mutter half nach, sandte das Päckchen mit der (teuren) „garantiert helfenden“ Anti-Pickel Salbe zurück und vertrieb die erste Freundin mit ihrer Clique vom Hof. Pickel, Fundamentalismus und Lerneifer halfen, der allgemein schnellen Heirat auf dem Dorf zu entgehen und mit Lesen Erfahrungen zu sammeln. Im Nachhinein danke ich Mutter. Die Freundin war Metzgertochter im Nachbardorf. Ich hatte nicht berücksichtigt, dass ein Metzgerschwiegersohn Verpflichtungen hat.

Irritierend war der fremde Prediger der, wie alle auswärtige Prediger, zu Besuch bei Opa war. Er brachte das Gespräch auf sündige Gedanken und Handlungen und bot sich an, mit mir zu reden. Alle mussten aus dem Zimmer und er setzte sich neben mich. 

Ernste Worte troffen ihm aus dem Mund, er wies mich an, ja meine Hände von mir zu lassen, die Sünde sei entsetzlich. Und kam zu Einzelheiten und näher. Seine Hand umfasste meinen Oberschenkel, ein Gefühl von Wonne und Entsetzen erfasste mich und ich floh wie einst Josef in Ägypten vor der Frau des Potifar. Verwirrt wusste ich: der nicht, auch wenn es ein gutes Gefühl war. Aber warum war es verboten wenn es sogar von einem Prediger gemacht wird? Darüber sprechen war unmöglich.

Im Dorf war die Unterscheidung einfach. Da gab es die Weltlichen und die Bekehrten. Beide Gruppen lebten getrennt und verschieden. Die Einen gingen ins Wirtshaus, soffen, tanzten, stritten, hurten, lebten, wenn sie konnten, in Saus und Braus. Das wurde uns so indoktriniert. Die anderen gingen in den Gottesdienst und versuchten sich an dem schmalen, entsagungsvollen aber christlichen Weg, der für sie zum ewigen Leben führt. Ich aber wollte mehr. Die „Twen“ lesen, Jazz hören, dunkle Bars zogen mich an, Frauen waren ein aufregendes Rätsel, mit meiner Sexualität wusste ich nicht, wohin damit. Je mehr ich las umso mehr rückten andere Lebenskonzepte in meinen Blickpunkt. Es war ein Spannungsfeld, in dem meine Bedürfnisse und Wünsche wie Elektronen hin und her sausten und nach Entladung strebten.

Ein Erlebnis hat sich mir eingeprägt. Ich war schon in der Lehre, musste morgens um kurz nach 6:00 mit dem Fahrrad los zur Fabrik, den ganzen Tag tun was nicht meins war, am späten Nachmittag in der Landwirtschaft helfen, Abends in Gottesdienst, Bibelstunde, Jugenstunde, Gesangsstunde, Missionsstunde. Das waren Anforderung, der ich nur noch halbwegs genügte. 

Wie immer musste ich Sonntags mit spazieren gehen. Und dann kam das Dorf wieder in Sicht und mich überfiel ein tiefer Schreck und der Gedanke schoss hoch: 

„Das kann doch nicht alles gewesen sein.“

Nein, war es nicht!

II.4 Kindergottesdienst zu Weihnacht

Jugendzeit 1950-1958

In meiner Jugend hat es Weihnachten oft geschneit. Dann waren die Wege, Häuser und Plätze weiss gepudert, die Luft war kalt und alle Geräusche waren gedämpft. Weihnachten war weiss und begann immer am 24. abends um 7.00 Uhr mit dem Kindergottesdienst.

In der Vorweihnachtszeit haben wir zu Hause viel gesungen, Opa hat mit der Zither begleitet und Bratäpfel brutzelten auf dem Herd. Bei Frost kamen Eisblumen auf die Fenster und wir mussten dagegen hauchen um durchsehen zu können. Vorweihnachtszeit hieß auch, Gedichte auswendig lernen, Texte einüben, Lieder im Chor singen, den Kindergottesdienst vorbereiten.

Weihnachten gehörte den Kindern in der Gemeinde. Dann hatten sie das Sagen und mussten die Mitglieder beglücken. Das gelang regelmäßig, besonders den Kleinsten. Die einen krähten leiernd ihren Text herunter, den anderen blieben die Worte im Hals stecken und die Sonntagsschule-Tante musste vorsagen. Es gab verschmitzte und verschlagene Kinder, liebe und herzige und alles stöhnte und freute sich mit, wenn sie ihre kleinen Gedichte aufsagten, fein angezogen von ihren Muttis. Blieb ein Kind stecken, war das eine Katastrophe für die Familie. Aufgeregt wie die Hühner ruckelte der Clan auf seinen Plätzen rum und konnte doch nicht eingreifen, auch wenn die Mama das ganze Gedicht konnte. Sie wollten helfen und scheiterten mit ihrem Kind. Noch lange war das Weihnachtsversagen ein heikles Gesprächsthema.

Dann kamen die Großen dran. Einige hatten lange Gedichte aufzusagen, die .anderen mussten ein Spiel spielen, Maria und Josef modern. Das war schwierig für uns Dorfkinder, weil es sich nicht reimte. Am Reim konnte man sich festhalten, bei der Prosa hatte der Text einen undurchsichtigen Inhalt. Mir war nie bewusst, was wir da spielten, viel zu aufgeregt und konzentriert auf nicht stecken bleiben war ich. Besonders irre war es, wenn wir uns verkleiden durften und Bühnendekoration gebraucht wurde. Dahinter konnte man sich ein wenig verbergen. Immer wieder war einer dabei, der mit seinen Text hängen blieb. Das regte noch besonders auf, als ob die eigenen Aufregung nicht schon genug wäre.

Die Räumlichkeit im alten Gemeindesaal war beengt, Weihnachten besonders, dann war es übervoll. Ein dicker Bullerofen, mit Holz geheizt, ließ die Leute in seiner Umgebung vor Hitze brüten, an den Rändern und nahe an der Tür hinten zog es wie Hechtsuppe. Neben dem Podium an der Stirnseite standen Bänke längs, rechts vom Podium aus gesehen saßen wir, links davon der Chor. Dahinter die Reihen quer mit den Gemeindemitgliedern und Gästen. Die Gedichte wurden vom Podium aus vorgetragen, die Spiele davor. Es war nur wenig Platz vorhanden, die Kontakte mit den Zuhörern waren hautnah. Als Belüftung diente neben der zugigen Tür nur eine Klappe in der Decke, die mit einem Seil aufgezogen wurde. Die Luft war schlecht und ein Mal hat es einen erwischt. Er ist vor Aufregung und schlechter Luft im ersten Satz umgefallen. Das war vielleicht ein Aufstand!

Vor Aufregung schwitzten die Hände schon beim Hergehen in der eiskalten Luft. Schluckbeschwerden stellten sich ein, der Mund war trocken und das Herz klopfte bis zum Hals. Der Auftritt begann. Und ging vorbei wie im Nebel. Und war immer ein Erfolg, wenn man nicht stecken geblieben war. Dann kam der Höhepunkt des Jahres. Nein, er kam noch nicht. Opa Vorsitzender  musste noch die Weihnachtsgeschichte lesen, obwohl sie Teil des Kindervortrages gewesen war. Dann musste er noch auf die Wichtigkeit der aus Kindermund gehörten Worte verweisen und sie mit einer eigenen Predigt krönen. Dann aber sagte er: Jetzt, liebe Kinder, hat die Sonntagsschule noch was Schönes für euch. In Erinnerung sind mir die Suppenteller mit dem Weihnachtsmotiv am Boden und im Halbkreis darüber: Sonntagsschule Freie Evangelische Gemeinde Hommertshausen 1954.

Kommentar von Hanne zu „Opa Heinrich Lenz“

Lieber Bruder, danke für den schönen Bericht über unseren Opa. Er war ein ganz besonderer Mensch. Er hatte seine Prinzipien, seinen festen Glauben, seine Abwesenheit von Humor, der unseren Vater so auszeichnete, sein Leben war aber auch geprägt durch eine große Menschlichkeit. Ich habe nicht so explizite Erinnerungen an ihn, Du hast, glaube ich, als Kind eine sehr viel engere Bindung an ihn gehabt, gerade auch, weil Du ja keine frühkindliche Bindung zum Vater knüpfen konntest, der so lange in Kriegsgefangenschaft war.
In einer Sache muss ich Dich korrigieren, nein sogar in zweien. Also: Niemals hat Opa Milchkaffee getrunken. Er hasste Milch, und alle Milchprodukte waren von unserem Tisch verbannt, zumindest von seinem Teller. Sehr zum Leidwesen von Oma, die ihre Milchsuppe (mich schaudert es noch heute) innig liebte. Ich denke, Opa hatte eine Laktoseintoleranz, und sein Körper hat sich auf diese Weise zur Wehr gesetzt. Das Zweite: Oh doch, es gab Liebhaber für die Nierchen beim Schlachtfest- das waren Papa und ich, Unser Vater hat sie mir als die größte Köstlichkeit des Schlachtessens verkauft und wir beide haben sie vergnügt verzehrt. Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen. Ich auf seinem Schoß sitzend und er füttert mich mit kleinen Müffelchen mit Nierchen und Sauerkraut. Ich traue es mich kaum zu sagen: Neben den Nierchen verzehrten wir ebenso vergnügt die Schweinefüsschen auf die gleiche Weise.

P.S. Wer hat eigentlich dieses schöne Foto von uns gemacht? Ich habe keine Erinnerung daran.

II.3 Opa Heinrich Lenz

Opa Heinrich war ein Presbyter, ein Ältester. Er stand der Freien Evangelischen Gemeinde in Hommertshausen vor und war ein strenger, asketisch wirkender alter Herr, der sein Leben nach der Bibel ausrichtete. Die Frauen saßen in der Gemeinde rechts, hatten ihr Haar zu bedecken und nichts zu sagen. Männer saßen links und vorne auf dem ersten Platz saß Opa. Er leitete lange den Chor, die Bibelstunden, die Gebetsstunden, natürlich die sonntäglichen Versammlungen und die sporadischen Evangelisationen. Die Jugendstunde leitete er nicht. Das war gut so. Für ihn gab es auch den lieben, zumeist aber zornigen Gott, dessen Geboten man sich zu unterwerfen hatte. Egal ob jung oder alt.

Alles, was Opa tat, war ernst. Ob er im Gemüsegarten seine Pflänzchen mit der Schnur ausrichtete, mit Vater Krach mit Vater einen Streit anzettelte , weil der die vier Werkzeuge im Kasten nicht ordentlich ausgerichtet hatte oder wenn er die Bibel auslegte. Da gab es dann viele Sünden. Fernsehen war Sünde, Kino ebenso, trinken allemal und in die Kneipe gehen schon gar (da gingen nur die Weltlichen hin). Frauen hatte lange Haare zu tragen, tanzen war nur eine Einladung zum außerehelichen Geschlechtsverkehr, feiern war nur in der Gemeinde erlaubt und spielen war ihm auch nicht geheuer. Es lenkte ab vom Wesentlichen: beten, arbeiten, Gemeinschaft mit den Gläubigen und Gott gehorchen. Vermittelt durch Großvater. 

Opa war streng. Lachen war ihm fremd. Nach einem Witz, den er nicht verstand, erklärten wir ihm: du sitzt auf der Leitung. Worauf er seinen Stuhl hob und zur Seite rutschte. Vater war da besser. Er kriegte Opa manchmal dran: er stand am Fensterund verbog seinen Kopf als wenn er interessiert jemanden auf der Straße nachschauen würde. Opa, der neugierig war, kam jedes Mal um den Tisch, was is, was is und wurde sauer, wenn die Straße leer war. 

In der Versammlung konnte er weinen über die traurigen Geschichten der Prediger. Nie vergessen werde ich den Gottesdienst  mit einer Pfingstgemeinde aus dem Nachbardorf. Die trillernden Jubelrufe der Pfingstfrauen erschreckten mich sehr und der Laienprediger drückte auf die Tränendrüse. Es war schon nach 3.00 Uhr Sonntag Nachmittags, jeder wollte heim, Kaffe und Kuchen genießen und spazieren gehen. Bauern mussten um 6.00 schon wieder Vieh füttern und melken. Nur Opa saß da vorne, merkte nichts und die Tränen liefen ihm über die Backe. „Mach doch weiter“ beschied er dem Nachfragenden, der überzogen hatte. Und der legte noch mal richtig los.

Er konnte sehr zornig werden. Dann schlug er mit seiner 7-schwänzigen Peitsche, der drei Riemen fehlten. Sehr weh tat es nicht, er schlug auf den Po und der war abgefedert durch die Lederhose. Oma dagegen war eher für Drohung und Vergebung. Was ich getan hatte, weiß ich nicht mehr, aber Opa war fuchsteufelswild,  griff sich die Peitsche, ich rannte zur Tür raus und der alte Mann hinter mir her. Über den Hof, die Straße entlang, hinter dem Kirchhof das Gässchen durch und Opa laut schreiend ich soll stehen bleiben. Meine Rettung bei der Rückkehr ins Haus war Oma. Sie schob mich unter ihre Röcke – sie trug Tracht – und als Opa zur Tür rein keuchte, beschied sie ihm: Heinrich, jetzt äs genung. Und so war es dann. 

Oma war Bäuerin, versorgte das Vieh und versalzte die Suppe. Sie liebte es, heimlich mit einem Schnicken ihrer Hand das in ihren weiten Röcken versteckte Salz auf die Speisen zu streuen. Wenn meine Mutter sie erwischte sagte sie: nur noch e bisselche. Katzen konnte Oma nicht leiden, sie hatten Mäuse zu fangen und nichts im Haus zu suchen. Hunde ebenso wenig. Mein sehnlicher Wunsch nach einem Schäferhund wurde von Opa abgelehnt mit der Begründung: du brouchst en Hond der dei Ohschläje fresst (ein Hund der meine Wünsche/Anschläge frisst). Einzig nicht leiden konnte ich, wenn Oma meinen Kopf unter den Arm klemmte, auf ihre verkrustete Arbeitsschürze spuckte und mir das Gesicht sauber wischte. Vier Töchter hat sie geboren und nebenbei aufgezogen. Alle Geburten natürlich zu Hause. Bei einer, erzählte man mir, sei sie kurz vor der Niederkunft noch auf dem Feld gewesen, Mist zerren. Eine schwere Arbeit, den Mist unter ständigem rütteln mit der grossen Gabel auf dem Feld zu verteilen. Und drei Tage nach der Geburt habe sie die Arbeit fortgesetzt. 

Sie saß abends auf ihrem Stuhl, hatte die Hände im Schoß gefaltet und sinnierte vor sich hin. Soweit meine Erinnerungen. Mutter lehrt mich, dass Oma mehr gelesen hat als Opa, Bibel, Blättchen, Zeitungen, sogar Bücher mit Geschichten von Menschen. Und Strümpfe für alle hat sie auch gestrickt. Ich erinnere mich. Die langen waren kratzig. Später wurde sie blind. Sie hatte Angst vor dem Krankenhaus und der Operation ihres grauen Stars. Gestorben ist sie friedlich im Bett mit der Familie um sie herum.

Sylvester war schlimm. Um 8:00 abends begann der Gottesdienst, kurz vor Mitternacht die Gebetsstunde. Dann lagen die Männer auf den Knien, die Frauen saßen tief gebeugt und beteten leise. Die Männer laut. Einige von ihnen konnten wuchtige Worte beten. Wo sie das gelernt haben, weiß ich nicht. Es dauerte lange und ich wurde immer ungeduldiger. Draußen begannen die ersten Kracher, Raketen zischten, Leute lachten und Opa machte nicht Schluss. Seine Gemeinde und er wollten bis ins Neue Jahr mit ihrem Gott verbunden sein. Ich aber wollte raus. Wenn ich raus kam, war alles vorbei. Süße Brote und Kreppel (Berliner) gab´s bei dem gemütlichen Beisammensein anschließend. Den Wettbewerb, wer am meisten essen kann, gewann ich nie. 

Opa las. Die Bibel gründlich, das Gemeindeblatt auch, Zeitung, wenn wir welche hatten und fromme Traktate. Wenn er etwas Wichtiges fand, las er vor. Unerbittlich in jede laufenden Unterhaltung hinein. Das passiert mir heute auch. Weil er der  Gemeindeälteste war, kamen fremde Prediger nach dem Gottesdienst zu uns. Bei Missionaren  war ich gespannt auf ihre Geschichten und fragte zu viel. Da war es, das Tor zur Welt. Lange Zeit wollte ich Missionar werden.

Opa kannte seine Pflanzen mit lateinischem Namen. Er war Gärtner und hatte sich alles selbst beigebracht. Bekannt war er für seine Akkuratesse bei der Anlage von Gärten und beim Schneiden und Pfropfen von Bäumen. Preisgünstig war er, der niemanden übervorteilen wollte und lieber selbst wenig hatte. Er band Kränze und Bestecke für Trauerfeiern und Feiertage. Dann saß er in der Waschküche im Grünen und werkelte vor sich hin. Ich musste mit in den Wald um die Reiser zu holen. Im Winter war das kalt. Samen abmessen mit Messzylinder und Feinwaage stand im Spätherbst an. Bestellungen und Auslieferung in die Nachbardörfer übernahmen seine Töchter. Er brachte mir bei, wie man Jauche und Mist fährt und den Acker pflügt. Pflügen war am Anfang eine heikle Sache. Meine Furchen waren krumm und schief und Opa konnte das nicht ausstehen. 

Bevor die Mähmaschine unseren kleinen Hof erreichte, musste Gras und Getreide mit der Hand gemäht werden. Bei großen Flächen begann die Arbeit morgens um 4.00 Uhr. Um 6:00 gingen die Männer zur Arbeit und die Frauen machten weiter. Mähen will gekonnt sein. Wichtig ist der korrekte Schwung. Wichtig aber ist auch, dass die Sense gut gedengelt ist. Am Amboss wird mit einem Spezialhammer die Schneide der Sense hauchdünn ausgetrieben. Das helle dingdingding, das Opa erzeugte, war im Sommer oft meine Aufwachmusik. Er konnte gut dengeln. Ich war stolz, sein Enkel zu sein. In der ganzen Gegend brauchte ich nur zu sagen: Ich bin der Enkel vom Hennches Heinrich, und wurde gut aufgenommen. Ein Fahrrad hatte er nicht, die Strecken in die Nachbardörfer lief er. Früher war er bis ins Siegerland gelaufen um Arbeit zu finden.

Die Hitler-Clique hat er offenbar schnell durchschaut. Auf seine Art. Für ihn waren sie Anti-Christen, also negativer zu beurteilen als „Weltliche“. Seinen vier Töchtern verbot er jeden Kontakt. Und die mussten schweren Herzens auf attraktive Angebote der Mädchenorganisationen verzichten, die Reisen anboten, Wandern, Geselligkeiten, all das, was es im Dorf nicht gab und für Gläubige schon gar nicht. Opa hat seine Töchter allerdings damit auch vor Schulungsabenden in Anti-Menschentum geschützt. 

Problematisch bei ihm war seine Haltung den Juden gegenüber. Die hatten seinen Jesus ermordet. Den Spagat, dass es 2000 Jahre her war und heutige Juden damit wahrlich nix zu tun haben, den kriegte er wie viele Christen nicht hin. Für Oma war es einfacher. Ihren Kleiderschrank und die Betten hatte ein Gladenbacher Jude hergestellt und die hielten Generationen. Ein guter Mensch!

Hasen halten bedeutet Futter holen, Ställe sauber machen – die Tiere machen einen stinkigen Dreck! – füttern, sorgen. Mein Wunsch wurde erfüllt und ich hatte Hasen. Mit der Zeit ließ meine Euphorie nach und Opa übernahm protestierend die Pflicht. Er drohte, er werde die Hasen beim nächsten Schlachtfest mit schlachten. Ich war entsetzt. Es waren doch meine Hasen. Bei der nächsten Hausschlachterei traf mich der Schlag. Ich sah morgens aus dem Fenster als das Schwein seinen letzten Quieker tat und da hingen sie an der Wäscheleine, meine Hasen. Als Felle.

Nicht bei uns, aber so sah es in der Waschküche aus (langerphoto.de)

Zwei mal im Jahr wurde geschlachtet. Morgens war das eine Schweinerei, abends ein Fest. Das Schwein wurde mit dem Bolzenschussgerät betäubt, Blut wurde abgezapft und das Tier in einem großen Bottich mit heißem Wasser entborstet. Dann aufgehängt, aufgeschnitten, ausgenommen und dann kam der Fleischbeschauer mit seinem Mikroskop und schaute nach Trichinen im Fleisch. Ich durfte auch durchschauen. Es war eine andere Welt. Danach wurde die Wurst gemacht, der Schinken, die Koteletts. Undurchdringliche Schwaden von Wasserdampf und kochendem Gedärm aus den großen Kesseln waberten durch die Waschküche und mittendrin der Schlachter mit beiden Armen in der Wurst und walkte sie durch. Dann probierte er und schüttete noch eine Tüte Salz oder Pfeffer oder Gewürz rein. Es roch gut. Scharf. Dampfend. In der Küche lief der Siede- und Kochprozess ebenfalls auf Hochtouren, alles musste am selben Tag konserviert sein denn die Kühltruhe war noch Jahre entfernt. Abends kamen Gäste. Es gab Wurstsuppe, Siedefleisch, Sauerkraut und Nierchen. Die wollte niemand. Im Flur schepperte es, das waren Kinder, die ihre Blechtöpfe hereinwarfen. Da hinein gab es Reste.

Vater und Mutter hatten nicht viel zu sagen. Vater hat mir sein Prinzip, wie eine Familie friedfertig zu halten ist, mit gegeben: immer den untersten Weg gehen. Es ist ihm bestimmt nicht immer leicht gefallen. Aber es wirkte. Krach gab es nur dann, wenn Opa aufbrauste. Das aber legte sich schnell. Nachtragend war er nicht.

Als Opa älter wurde, konnte er nicht mehr gut beißen. Das Brot war oft hart, weil nur jeden Monat selbst gebacken wurde. Dann schnitt er sich seine Kruste ab, füllte seine Untertasse mit Milchkaffee und weichte die Kruste ein. Die bestrich er sich mit Butter und Marmelade und mampfte. Manchmal kriegte ich was ab.

Großvaters Lehre: Wenn dir einer auf die rechte Backe haut, halte ihm die linke hin, hatte er von Jesus und bläute sie mir ein. Jahrelang hat mich diese passive Handlungsanweisung abgehalten, mich durch zu setzen. Allerdings hat sie mir auch geholfen, Konflikte zu minimieren. Ob mich sein rigides, alttestamentarisch ausgerichtete Christentum gestört hat, weiß ich nicht mehr. Er war in seiner Art für mich konsequent, dann mussten die Handlungsanweisungen wohl so sein. Seinen Weg konnte ich nicht gehen. Es hat lange gedauert, bis sein Einfluss sich abschwächte.

Opa ist arm gestorben, er hatte nie viel. Der zähe Mann hat ein halbes Jahr gebraucht. Ich war 1969 als Entwicklungshelfer in Chile und erhielt erst 10 Tage nach seinem Tod das Telegramm. Es war mir schwer. Er war meine Kindheit, meine zentrale Bezugsperson. Vater kam erst aus französischer Gefangenschaft heim als ich 4 Jahre alt war

II Jugendzeit 1950-1958

II 2. Sodder foan

Zum Spielen hatte ich wenig Zeit. Unsere kleine Landwirtschaft brauchte jede Hilfe. Vater und Großvater arbeiteten tagsüber und iIch musste Mist fahren und Jauche und den Stall säubern, bei Aussaat und bei der Ernte helfen. Ein Mal war es so kalt beim Kartoffel Ausmachen dass mir die Finger abstarben. Die Erde war vom Regen durchtränkt und eisig und die Kartoffeln waren faul. Es stank und fühlte sich an nach kalter Verwesung. Ich habe geweint.

Als Junge hatte ich immer kurze Lederhosen an mit breiten Hosenträgern. Diese Hose zog man so lange an, bis man herausgewachsen war. Entsprechend speckig war das Leder aber es war robust und so schnell ging kein Loch hinein und wenn was vom Essen drauf fiel, war das nicht schlimm. Vorne hatte die Hose eine Klappe, die wurde mit 2 Knöpfen aufgemacht. Die Klappe fiel dann runter und das Pinkeln ging einfach. Bis spät in den Herbst mussten wir die Hose tragen aber wenn es kalt wurde mit selbst gestrickten langen Wollstrümpfen, die fürchterlich kratzten. Die Strümpfe wurden oben an einem Leibchen befestigt, das unter der Hose getragen wurde und dessen lange Strapse unten rausguckten und zwischen Hose und Strumpf immer einen Rand vom nackten Bein frei ließ. Da fror man dann.

Eine meiner Aufgaben im Frühjahr war Sodder foan. Unter dem Klo war eine Grube und in die fiel alles, was man im Klo hinterließ.

Das vergor dann in der Jauchegrube im Winter und im Frühjahr musste dieser Sodder auf die Felder gefahren werden. Auf den Unterbau unseres großen Wagens kam ein Fass und das wurde an den Rand der Grube geschoben. Mit einer Dachrinne die vorne abgebogen war, wurde der Ausfluss der Schlegelpumpe und der Einlass vom Fass verbunden und dann hieß es pumpen. Es war nicht einfach, den Brei da raus und in das Fass zu kriegen und zum Runterdrücken des Schlegels brauchte ich immer beide Arme. Manchmal haben mir die Oma oder der Opa geholfen weil meine Arme noch zu schwach waren. Wenn das Fass voll war musste man schwer aufpassen dass es nicht überlief, denn das stank ziemlich und ich konnte mich nicht drauf setzen.

Danach wurden die Kühe eingespannt. Liese und Lotte trotteten träge dahin, wenn sie arbeiten sollten. Nur auf der Rückfahrt, wenn sie den Stall rochen, da wurden sie schnell.Kühe sind schwerfällige Tiere und sie geben meist nichts auf das Hüh (rechtsrum) und das Hott (linksrum) auch wenn man es laut brüllt. Kühe sind zum Wagen und Pflug Ziehen nicht gut geeignet, d Aber wir armen Bauern konnten uns keine Pferde leisten und deshalb mussten die Kühe ran. Sie gaben dann weniger Milch. We Eine Peitsche hatte ich auch, aber die war mehr zum Knallen. Das nutzte eh nichts, die Tiere gingen ihren Trott und wenn es ihnen zu viel wurde, blieben sie auch mal stehen.

Bis zur Fottbach ging es bergab, da durfte ich auf dem Fass sitzen. Vom Opa hatte ich es gelernt, das Jauche fahren und er schaute immer hinter her und kontrollierte. Weil drüben die Hardt hoch, da ging es steil und da hatten die Kühe viel zu tun. Da war ich oben drauf eine Last zu viel. Und außerdem hatte Opa Angst, ich könnte runterfallen und unter die großen eisenbeschlagenen Holzräder geraten.. Ich aber fuhr so gerne oben auf! Dann fühlte ich mich als Cowboy oder Truck-Fahrer nach Chatanooga und weit weg von meinem Dorf.

Es ging langsam den Berg hoch, sehr langsam. Viel zu langsam für mich. Die Zeit verging mit Sodder foan und ich hätte lieber gelesen. Oder mit den anderen Jungens im Wald gespielt. Die hatten da ein Häuschen. Der Vater war auf der Arbeit den ganzen Tag und mauerte Herde aus und Opa war Gärtner.

Zeitungsbild: Frau aus Hommertshausen 1936. Könnte Oma sein

Viel musste die Oma machen. Mutter war für den Haushalt zuständig und wenn sie fertig war, ging sie mit auf den Acker. Die Landwirtschaft war nicht groß genug, dass sie uns ernähren konnte,

Auf dem Feld war gute, koordinierte Technik wichtig. Zuerst wurden Kühe und Wagen so auf den Acker gestellt, dass der Sodder auch dahin fiel, wo er hin sollte. Dann musste es schnell gehen. Hinten aus dem Fass kam ein Rohr, darüber war ein Schieber und darunter hing ein Schaufelblatt. Wenn man den Schwenkhebel aufzog, platschte der Sodder auf das Blatt, spritze auseinander im hohen halbkreisförmigen Bogen wie eine gelblich, durchschimmernde Wand und tränkte das Feld. Das war die erste Hürde. Der Schieber musste ganz aufgezogen werden und gleichzeitig musste man einen Satz nach links tun damit man nicht von dem Strahl getroffen wurde. Das Zeug stank, dass es einem den Atem nahm. . Aber jetzt musste der Wagen anfangen zu fahren, sonst schoss der ganze Inhalt auf eine Stelle. Die Peitsche schwingend und laut brüllend kam ich über die Kühe damit sie ihren fetten Arsch in Bewegung setzten. Und dann ging es den Acker hoch und wenn das Fass leer war, gings heim. Ein bisschen Sodder floss noch aus, die Klappe wurde zu gemacht, die dreckige Hand an der Hose abgewischt und dann kam der Moment, wo ich mich draufsetzte, beide Beine links und rechts vom Fass runter gehängt und von oben die Welt betrachtete und der letzte Cowboy aus H. war.

Später hatten wir einen Traktor. Da ging’s einfacher. Hier fährt ihn meine Schweste