II Jugendzeit 1950-1958

II.1 Volksschule

Mein Jahrgang
Brezel statt Tüte

1950 kam ich in die Volksschule.

Das Backsteingebäude hatte hohe Fenster und zwei Räume in zwei Stockwerken. Die erste bis vierte Klasse war ein Zug, die 5. und 6. Klasse der 2. Zug und die Großen bis zur achten Klasse bildeten den 3. Zug. Jeweils abwechselnd musste ein Zug nachmittags in die Schule. Mein erster Lehrer war ein ehemaliger Offizier der Wehrmacht, den man umgeschult hatte. Für uns Kinder vom Dorf sollte er genügen. Viel Wissen konnte er uns nicht beibringen.  Es war ihm nicht gegeben. Dafür kam er gerne zum Wurstsuppe Essen beim Schlachtfest und ging jeden Nachmittag mit seiner Mutter spazieren. Erst bei Lehrer Milbrod lernten wir einiges in den zwei letzten Jahren. Er hat mich ermuntert zu lesen und stellte mir die Bibliothek zur Verfügung. Zu Hause wurde gar nicht gerne gesehen, dass ich las. Ich war eine Arbeitskraft, die gebraucht wurde. Meine Rückzugsmöglichkeiten zum Lesen waren das Klo und unter der Bettdecke nachts. Auf dem Klo war ich so lange, bis sie  mich aufstöberten.

Heute sind Wohnungen in der ehemaligen Volksschule

Ohrfeigen, an den Haaren und Ohren ziehen und auf die Finger schlagen zählte für Lehrer und Eltern zur pädagogisch sinnvollen Wissensvertiefung. Wir waren es gewohnt. Mein Cousin saß seit der 1. Klasse neben mir. Er hatte nicht aufgepasst, Lehrer H. befahl, Finger auf die Tafel, er legte sie drauf, H. schlug mit seinem Stöckchen zu und Manfred zog zurück. Da war die Schiefertafel kaputt.

Ich sang gerne und in den letzten Jahren bei dem neuen Lehrer sangen wir viel. Die Jungen vor mir im Chor redeten miteinander, Milbrod sprang vor und knallte mir eine aufs Ohr. Ich war entsetzt, ich hatte nichts getan. Von meinen Eltern verlangte ich Protest gegen die ungerechte Behandlung.  Doch ihrer Meinung nach war die Ohrfeige sicher für was gut. Auch für Lehrer war die handgreifliche Leichtigkeit nicht immer ungefährlich. Ein Mitschüler auf der anderen Bankseite sollte bestraft werden, da zog der seinen genagelten Schuh aus der Bank und trat dem Lehrer vors Knie. Voll. War erschreckend schön.

Mit 10 sollten Manfred und ich aufs Gymnasium, sagte der Lehrer. Ein halbes Jahr fuhren wir nach Biedenkopf zur Eliteschule. Da waren alle Söhne und Töchter der Honoratioren aus dem Städtchen versammelt. Sie waren anders und brachten immer alle Hausaufgaben mit. Ich verstand das meiste nicht. Morgens mussten wir 4 Km mit dem Fahrrad zur Bahnstation fahren, dann 8 Km mit dem Zug und dann noch mal 10 Min laufen. Mittags zurück. Meine Konstitution war nicht so gut, das Fahren fiel mir schwer, Manfred fuhr mir davon.  Nach einem halben Jahr war das Abenteuer vorbei. Meine Eltern haben mich unterstützt so gut sie konnten, aber bei Grammatik und Englisch waren sie überfordert. Einmal ist Vater mit mir auf der Görike, seinem kleinen Motorrad, Sonntags zu allen möglichen Bekannten gefahren, weil ich eine Englisch Deklination nicht verstand (das hatten wir noch nicht mal in Deutsch gelernt). Niemand konnte helfen. Also zurück auf die Volksschule. 

In den höheren Klassen gab es eine Belohnung, um die alle stritten. Auf dem Dachboden mussten die Verdunkelungen geflickt werden. Wahrscheinlich kamen sie noch aus dem Krieg, wurden jetzt aber gebraucht um die Räume für Filmvorführungen abzudunkeln. Die Fenster waren schmal und hoch, entsprechend waren die Sperrholzrahmen. Sie wurden mit Packpapier beklebt und gingen leicht durch Transport und Einschieben kaputt. Der Dachboden war hoch und voller Geheimnisse. Da wurden alte Akten des Dorfes gelagert genauso wie defekte oder ausrangierte Schulmöbel und Geräte. Wir sahen zu, dass wir möglichst lange da oben blieben. Einmal kam der Lehrer die Treppe hoch um nachzuschauen, wo wir blieben. Mein Kollege sprang mit beiden Beinen in den Rahmen und behauptete mit treuem Blick, gerade sei der Rahmen wieder gebrochen beim Aufheben.

Manchmal gab es Kulturfilme oder Hörspiele aus dem riesigen, sonst weggeschlossenen Radio. Das waren Sternstunden. Eine andere Welt kam in mein Leben. Ansonsten war der Unterricht bei dem ersten Lehrer, dem ehemaligen Offizier langweilig. Wie auch sonst? Und seinem Naturell entsprach eher, mit seiner Mutter zum Kurkonzert zu gehen. Nicht Bauernlümmel zu unterrichten. Für Rechenaufgaben hatte er Kärtchen, die er vorlas. Es kam vor, dass seine vorgedruckten Ergebnisse nicht stimmten. Wir hatten zwei gute Kopfrechner in der Klasse. Dann war er sauer. Schönschreiben haben wir viel geübt. Erst auf der Schiefertafel. Das quietschende Geräusch beleidigt noch heute mein Ohr. Später hatten wir Hefte. Meines sah nicht gut und ordentlich aus. Ordnung war wichtiger als gut zu sein. In Religion bekam ich immer eine 1, nur einmal eine 2. Die guten Noten hatte ich meinem Opa zu verdanken, der war Vorsteher der Freien Evangelischen Gemeinde. Deshalb, wie ich vermute, nicht wegen Leistungen.

Im Winter wurde das Klassenzimmer mit einem Bullerofen geheizt.

So schlimm wars nicht, aber ähnlich

Obenauf eine große Heringsdose voll mit Schnee, wegen der guten Luft. Lehrer H. kam am Morgen als Letzter die Treppe hoch, wir mussten still sitzen, wenn er die Tür aufmachte, aufspringen und ihn kollektiv mit „Guten Morgen Herr Lehrer“ begrüßen. Dann legte er seinen Hut auf die Fensterbank, rieb sich die Hände und ging zum Thermometer hinter der letzten Bank. Kalt heute, sagte er und kontrollierte, ob wir bleiben oder wegen Kälte nach Hause konnten. Das nutzten wir aus. Wir packten das Thermometer in Schnee, eine Stafette signalisierte, wenn er kam, das Thermometer wurde trocken gerieben und manchmal durften wir gehen. Die steigende Temperatur hatte noch nicht Unterrichtswerte erreicht. Zwei Stunden fuhren wir Schlitten.

So sah der Abakus aus. Foto aus Wikipedia

Auf dem Dachboden ging es immer wilder zu. Einer kam im Winter auf die Idee, die faustdicken Kugeln eines großen Rechenrahmens auf ein Seil zu fädeln.

Er kletterte auf das Dach und ließ die Kugeln in den Kamin hinab. In den beiden Klassenzimmern stob unverzüglich dicker Rauch und Ruß aus den Luftklappen. Wir hatten wieder schulfrei. Der nächste Streich war, Wochen später, eine Glasplatte auf den Kamin zu legen. Wieder hatten wir frei. Diesmal zwei Tage. Denn der Schornsteinfeger kontrollierte den Kaminzug, indem er einen Spiegel unten in den Kamin hielt und prompt kein Hindernis sah. Bis sie auf die Glasplatte kamen, dauerte es. Als dann eine Gruppe begann, die alten Akten vom Dach zu werfen, war der Spaß vorbei. Es gab Gerichtssitzungen mit Einzelverhören und alles kam raus. Nie wieder durften wir Verdunkelungen kleben.

In den letzten beiden Jahren bei Milbrod mussten wir lernen bis die „Schwarte krachte“, wie wir es ausdrückten. Gut für mich. Eine Ahnung blieb hängen, dass Lernen Spaß macht. Das ist bis heute geblieben.

Kreuzfahrt Guayaquil – Marseille 1970

Auf jedem Kreuzfahrtschiff gibt es Freudenmädchen, erklärte mir der Seemann. Sonst gäbe es Samenkoller mit Unzufriedenheit und Streit. Ich lernte die beiden Damen an der Bar kennen, sie waren nett und schleppten mich nachts  zu später Stunde in die erste Klasse, da war noch viel Prächtiges  am Büfett  übrig. Zu Essen gab es mehr als genug. Frühstück, 11 Uhr Zwischenmahlzeit, Mittagessen, Kaffeetrinken, Abendessen, Snacks. Am Ende der Reise hatte ich mein höchstes je erreichtes Gewicht auf den Rippen. Drei Tage allerdings gab es nichts. Die Ausläufer des Orkans kamen unvermittelt beim Mittagessen. Das Schiff kippte schräg, die nicht festgeschraubten Tische schlitterten durch den Raum, die Ober verloren ihre Tabletts und die Anrichte entleerte sich mit lautem Scheppern. Wir machten uns einen Spass und versuchten im Tanzsaal auf dem Oberdeck das Rollen des Schiffes auszunutzen und mit Stühlen Schlitten zu fahren. Die Küche war zu, es gab Konserven die kaum genutzt wurden, denn die Mehrzahl der Passagiere hatte die Seekrankheit erwischt. 

Die Äquatortaufe war nicht so schlimm wie vordem, als man unter dem Kiel durchgezogen wurde.

Mit Sahne besprüht und mit stumpfen Messern rasiert, eine Ei auf dem Kopf zerschlagen, mit brauner Masse eingeschmutzt und zum Schluss in den Pool geworfen werden ließ sich ertragen. Alles brüllte vor Lachen, meine beiden Freundinnen spielten Neptuns Begleiterinnen und später tranken wir Getauften  recht viel.

In Marseille ging ich von Bord. Noch im Hafen kaufte ich an einem Kiosk meine bis vor zwei Jahren geliebte Gauloise.  Noch  nicht mal auf den Frachtschiffen im Hafen von Antofagasta, die Zigaretten schmuggelten, war sie zu erhalten. Steckte sie an, nahm einen tiefen Zug, hustete, Schrott, was für eine Enttäuschung, sie schmeckte nicht mehr. Welche Veränderung gab es noch? Mit dem Zug fuhr ich zurück in mein Dorf.

Panamericana, die Traumstrasse


PERU & ECUADOR 1970

Der „Traumstraße der Welt“, der Panamericana wollte ich von Antofagasta aus über Peru, Ecuador, Kolumbien folgen. Ich bestieg den Greyhound Bus in Antofagasta. 

Das war nicht mein Bus, aber so ähnlich sah er aus

In  Chile und Peru führt die Straße  2800 km der Küstenlinie entlang durch die Wüste und biegt in Ecuador in die Anden ab.

Mit der Panamericana nach Puerto Montt waren das über 7000 km auf meiner Traumstraße.

Faszinierend, was Wasser bedeutet. Ab und an tauchen Quebradas auf, lange Täler in der Wüste.

Der Bus schraubte sich die Hänge hinab, unten  alles grün und fruchtbar, gespeist durch einen unterirdischen Fluss. Drüben geht es wieder hinauf und weiter durch staubtrockene Landschaft. In Lima blieb ich nicht lange, sah viel Gold in Museen, ein wenig davon ist übrig geblieben, den Rest haben die Spanier geklaut. Ich lernte: Francisco Pizarro, ein schreibunkundiger Schweinehirte, zerstörte in den Anden die Hochkultur der Inka. Getrieben von der Gier nach Gold, löst der Spanier riesige Raubzüge aus. 

Dann Ecuador mit Guayaquil an der Küste und Quito in den Hochanden. Ich weiß noch, dass mir die Luft weg blieb, bei 3500 Höhenmeter kein Wunder. Viel kann ich nicht erinnern. Mit einer rappeligen Bus hinab in den Regenwald.

Dort, wo die Straße am Fluss endete, bot eine Baracke in einem dunklen Loch klamme Betten an, , die Küche, ein Verschlag, war das Restaurant. Ich hatte Hunger. Es gab Sandwich. Es schmeckte unbekannt, ich fragte. Es war Hund. Mir wurde schlecht.

Über den Fluss ein Stahlseil gespannt, daran eine Plattform ohne Begrenzung. Alles wurde darauf transportiert, Säcke, Hunde, Menschen, alles. Hinab auf die andere Seite ginge es im freien Fall, abgebremst am Ende durch Autoreifen. Ein Unterstand, die Bar mit Billardtisch  und Coca-Cola Schild, das letzte. Reifenspuren verschwanden im Wald. Da lernte ich, kommen keine Cola- Schilder mehr, hört die westliche Welt auf. Rückwärts musste die Plattform gekurbelt werden. Hoch über dem Fluss hängend konnte es vorkommen, dass der Kurbler keine Lust mehr hatte. Dann schimpften die Leute. 

Dass ich 12 Jahre später als Beauftragter des DED in dieses Land zurückkehren würde, war unvorstellbar. 

Dann hatte ich keine Lust mehr, wollte heim und schiffte mich in Guayaquil ein. Das italienische Kreuzfahrtschiff passte durch den Panamakanal, fuhr über Caracas, Curaçao, Barcelona nach Genua.

Über die Anden nach BOLIVIEN 1969.

Auf der Fahrt durch die Wüste wirbelte der alte, englische Zug eine lange Staubfahne hinter sich her. Hier oben, bei Antofagasta, ist Chile mit 250 km am breitesten gegenüber dem Durchschnitt von 50 km bis nach Feuerland. Durch die Weite der Landschaft, ihre Monotonie und geschliffenen Formationen merkt man das Vorankommen nicht und die Zeit wird ein  nebensächlicher Faktor. Abends bei Sonnenuntergang sahen wir von der hinteren Plattform aus ein skurriles Spiel von Sonnenstrahlen in wirbelndem Wüstensand. Es war noch immer heiß, obwohl die Strecke schon bergauf, Richtung Anden ging. Der Schaffner brachte für jeden 6 Decken, wir lachten und dachten uns unseren Teil. Bei dieser Hitze! In der Nacht aber wurde die Luft knapp und die Decken reichten nicht aus gegen die Kälte. Um 4:00 am Morgen kamen wir in Ollagüe an, dem Grenzbahnhof, auf 4000 m Höhe, ringsum schneebedeckte Bergriesen und noch höher gelegen eine Salpetermine. Keine Ahnung, wie Menschen es schaffen, hier noch schwer zu arbeiten. 

Die Fahrt über den Altiplano, die Hochebene von Bolivien, war eintönig trotz der pittoresken Indigenas mit ihren Trachten und Hüten, der ausgetrockneten Salzseen, der Lamas und der verfallenen Dörfern. Wir waren zu dritt, ich hatte mich zwei Amerikareisenden angeschlossen und wollten erst einmal über Oruru, Potosi, Sucre, Monteaguro die Anden runter in den Urwald nach Camiri.  

Ihr werdet umgehend verhaftet, ihr Gringos mit Bärten, sagten sie uns. Das nahe ehemalige Kampfgebiet von Che Guevara war immer noch militärisch abgeschirmt und Regis Debray, der französische Intellektuelle und Unterstützer des Che, saß im Gefängnis der Stadt.

Schamhafte Freudenmädchen

Der verhörende Offizier war freundlich, notierte alle Daten und Pläne, ließ uns fotografieren, zur polizeilichen Anmeldung bringen und gab uns bis zum Hotel einen Adjutanten mit. Nein, nicht als Bewachung, nur zur Sicherheit, sagte der. 

Das Hotel hatte eine Bar vor einem Innenhof, in dem Mädchen gegen Bezahlung arbeiteten. Sie waren nett, wir luden sie ein zu einem Ausflug und fuhren am nächsten Morgen mit der Gruppe junger  käuflicher Damen an den Fluss. „Aber ja nicht zusehen wenn wir baden!“. Wir mussten weit  weg gehen und hörten sie lachen.

Katapultstart

Bisher waren wir mit Bussen, Jeeps und Lastwagen gereist. Santa Cruz war besser mit dem Flugzeug zu erreichen. Der Flugplatz, eine hoppelige Wiese, sah nicht vertrauenserweckend aus. Zu allem Unglück schob sich vom Westen her ein schweres Wetter über die Bäume, davor schaukelte eine alte DC und setzte zur Landung an. Der Regen begann, im Eiltempo wurde aus- und eingeladen und schon stand das Flugzeug wieder am Ende der Wiese, startbereit. Der Regen war heftiger geworden und der Pilot beorderte alle Mann auf dem Rollfeld zum Festhalten des Fahrwerks. Er gab Gas bei voller Bremse, ließ sie frei, die da draußen purzelten herum, das Flugzeug schoss voran wie von einem Katapult und schaffte es, von Böen geschüttelt, knapp über die Baumwipfel.  

In Santa Cruz erhielt ich meine erste bleibende Lektion in Moskitos. Ich wollte auf der Veranda schlafen, drinnen war es zu stickig, sie warnten mich, och, macht mir nichts aus, ich schlief ein und wachte kurz darauf mit völlig zerstochen Gesicht wieder auf. Diese Nacht habe ich jeden Moskito auf seiner Flugbahn verfolgt aber keinen erledigt. 

La Paz

Spät am Nachmittag sahen wir einen Rauchpilz wie von einer Atomexplosion. Es war der Dampf von La Paz, tief in die Schüssel des Plateaus gesenkt aber immer noch atem(be)raubend wegen der 3 600 m Höhe, der bunt gekleideten Bevölkerung, von Indigenas und Mestizen dominiert, seiner Lage an den Wänden des Kraters und der Vulkane drumherum. 

Ich fuhr über Arica allein zurück nach Antofagasta. Globetrotten liegt mir nicht. Lesen war besser, war wie Abtauchen in andere Welten. Heine lernte ich kennen, Ghandi, Mann, Chrustschow, Lenz, Tucholsky, Hemingway. Manchmal fand ich Ruhe. 

Chile 1968-1970

Träume du weiter, beschied ihm ein Freund im Dorf. Aber die Wirklichkeit ist hier. Sprachs, fuhr 50 Jahre lang täglich in den Nachbarort zum Arbeiten, heiratete und baute sich ein Haus. Meine Träume sahen anders aus. 

Zulassung zum Hochschulstudium (1973)

Das Wetter war trübe, ich kam aus dem Gebäude, das aussah wie ein Gymnasium und auch eins war, benommen, konnte es noch nicht begreifen und glauben. Auf meiner Urkunde stand: „Zulassung zum Hochschulstudium ohne Reifezeugnis“. Gut, das mit der offenbar mangelnden Reife juckte ein wenig, aber was soll´s, das Studium wartete. Soziologie und Volkswirtschaft sollten die Lücke in meinem Verständnis der Welt schließen, die mir in Chile bewusst  geworden war. Ein Traum wurde wahr, den ich noch nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Wer konnte auch den Weg von der Dorfschule über Dreher, Schmalspur-Ingenieur, Entwicklungshelfer bis zur Universität voraussehen? Zufall, dachte ich.

Entwicklungshelfer 1968-

Begonnen hatte die Wende in meinem Leben in Chile. Zwei Jahre als Entwicklungshelfer waren geprägt durch Nichtverstehen. In Antofagasta, einer Hafenstadt im Norden von Chile, 1400 km von der Hauptstadt Santiago entfernt, war ich 1968 gelandet. 

Sendboten Des guten Deutschland

Schon die 3 Monate Vorbereitung in Wächtersbach öffneten Tore. Landeskunde, Sprachen, Geschichte, da wurden Inhalte geboten, die interessant waren. Den Deutschen Entwicklungsdienst gab es noch nicht lange, wir gehörten zu den Pionieren und mussten Orientierungsläufe im Wald absolvieren. Falls wir mal verloren gehen sollten in den Entwicklungsländern. Wir lebten in einem verwunschenen Schloss in Erkern, Turmstuben, umgebauten herrschaftlichen Räumen und Dienstzimmern eng zusammen. Eine Gruppe ging nach Asien, die andere nach Afrika, wir waren die Latinos. Dafür hatte ich mich entschieden nicht nur wegen der Urwaldmädchen in meinem Buch, das Interesse an Lateinamerika begann mit einem Sanella-Einklebebuch. Bilder, Fahnen, Daten mussten von Margarine-Packungen gesammelt werden und die spannende Reisen eines Jungen durch Argentinien, Chile, Bolivien, Brasilien faszinierten mich. 

Nun war es soweit, selbst Erleben war in Reichweite. Dafür lernten wir, bildeten Gruppen, hatten Spaß. Wenig Glück hatte ich bei den jungen Frauen, der Tölpel aus dem Dorf kam zu oft durch und so kam ich zu einer bleibenden französischen Vokabel: jamais – niemals. Die Antwort kriegte ich nach einer erotischen Rangelei , die ich mit einem Welpenspiel verwechselte und zubiss. Da hatte ich eine Freundin weniger und ein Wort mehr. Die Abschiedsfeier fand im Rittersaal statt. Wir seien Sendboten des guten Deutschland, hatte der Leiter gesagt und benahmen uns aus Übermut wie Russen. Das Gläser-hinter-sich-Werfen war nicht einfach, unsereins ist vorsichtig beim mutwilligen Zerstören.

Staunenswertes Chile 

Wir flogen über Rio nach Santiago, und alles war neu. Die Umgebung war vorsichtig zu erkunden, die Kreise, die wir zogen, waren erst mal eng. Santiago de Chile, ein Konglomerat aus Reich und Arm, Alt und Neu, Vertrautem und Unbekanntem verwirrte. Die wuchtigen, historischen Gebäude aus spanischer Zeit im Zentrum kamen uns bekannt vor, solche Armut wie am Rande der Stadt machte sprachlos.  Die Menschen gingen langsamer, spielten Schach auf der Strasse, Schuhputzer waren da, ambulante Verkäufer und alle sahen anders aus als erwartet. Während die Verkäufer eher Indios glichen, waren doch die meisten offenbar europäischer Herkunft. Kein Wunder, die Spanier haben die Ureinwohner fast ausgerottet, das Land wurde Siedlungsgebiet. Nur die Tapfersten und Härtesten schafften es über die Anden oder durch die Maghellan-Strasse. Stolz war Chile auf seine Geschichte, die europäische Kultur und demokratische Tradition, Erbe der Einwanderer. Das sollte sich leider ändern. Wir aber staunten und sahen Deutsche, Engländer, Spanier, Jugoslawen und später Chinesen im Norden und manchmal auch Indios. Und natürlich alle möglichen Mixturen dazwischen. Sie sprachen Spanisch mit solch einer Geschwindigkeit, dass kaum etwas zu verstehen war. Hinter der Stadt erhoben sich majestätisch die Anden mit schneebedeckten Gipfeln. Es sah aus, als würde Santiago in die Berge hineinwachsen, von ihnen bewacht werden. 

Sprachprobleme

Der chilenische Sprachlehrer hatte zum Eingewöhnen Empanadas empfohlen. In der chilenischen Variante wird die Teigtasche mit Hackfleisch gefüllt, viel Zwiebeln, einem gekochten Ei, Rosinen, Oliven und im Ofen gebacken. Einer traute sich und bestellte statt Empanadas Empleadas bien calientes. Wir wären beinahe rausgeflogen aus dem Lokal. Nicht heiße Teigtaschen, heiße Dienstmädchen hatten wir bestellt. 

Sie verstehen mich nicht, ich verstehe sie nicht  

Antofagasta, die Wüstenstadt am Pazifik, ist umgeben von der Atacama, einer der trockensten Gegenden der Erde.

Flug von Santiago nach Antofagasta über die Atacama

Im Inneren werden Kupfer, Nitrat und Salpeter abgebaut, ihre Verschiffung hat die Hafenstadt wachsen lassen. Die Wüste geht gleich hinter der Stadt los, manchmal weht der Sand durch die Straßen. Es ist heiß, trocken und wenn es alle Jahre lang mal regnet fließt das dreckige Wasser durch die Löcher im Blechdach des Hauses die Wände herab.  

 Zugeteilt wurde ich der Technischen Universität, Abteilung Lehrlingsausbildung. Entwicklungsländer haben in der Regel kein System der Facharbeiter-Ausbildung wie bei uns, Praxis und Theorie wird, wenn überhaupt, in eigenen Instituten vermittelt. Was können sie denn so, verstand ich mehr intuitiv als spanisch beim ersten Gespräch mit dem Leiter, einem älteren, ruhigen und sympathischen Mann. Drei Jahre hatte ich in statischen Versuchen am Senkrechtstarter Belastungsgrenzen der Flugzeugteile mit vermessen. Mittels Dehnmessstreifen konnten Material-Veränderungen auf 1/1000 mm genau bestimmt werden. Und tagelang musste ich auf einer ratternden Rechenmaschine Ergebnisse ermitteln und in Tabellen eintragen. Aha, Messtechnik haben Sie gemacht, das können wir brauchen. Im Keller ist ein Labor, da steht sogar eine Messmaschine mit hoher Genauigkeit, die ist geschenkt und keiner von uns kann sie bedienen. Da können Sie unterrichten. Und da war ich Lehrer. Die Klasse verstand mich nicht, ich verstand nicht, warum sie noch nicht einmal wussten, was 1 m ist. Das Missverständnis war doppelt: auch sprachlich waren wir Welten entfernt. Das besserte sich langsam, aber nie haben sie kapiert, warum man auf ein Zehntel, sogar auf ein Hundertstel und genauer messen soll. Jeden Vortrag musste ich ausarbeiten und korrigieren lassen. Sr. Hernandez, der Chef, war langmütig und hilfreich, doch als ich eines Morgens mit dickem Kopf nach einer langen Nacht kein Wort raus brachte und die Schüler heim schickte, war das zu viel. Die sollen lernen!

Die Mondlandung fand ohne mich statt

Die Stadt war öd. Im Zentrum gab es einige kümmerliche grüne Pflanzen, die dauernd bewässert werden mussten. Einzig in der Nähe der Universität war ein langer, schmaler Park mit üppigen Palmen. Die Erde, so erzählte man mir, kommt aus Europa. Segelschiffe, die Kupfer oder Salpeter in Chile luden, , brachten Erde als Ballast mit, die hier aufgeschüttet wurde. Meine erste praktische Lektion in einseitigen Handelsbeziehungen, auch Ausbeutung genannt. Die Minen gehörten Ausländern, Gewinne wurden abgeschöpft und ins Ausland transferiert und den Chilenen blieb Erde. Um 17:00 war „Once“, Teatime, von den Engländern abgeschaut, die lange das Land wirtschaftlich beherrschten, aber keiner wusste, woher die Bezeichnung „Once“(Elf) kam.(Da die Leute früher keine Uhren hatten, begann der Tag bei Sonnenaufgang um 6 Uhr. Nach dieser Zählung war es um 17 Uhr elf, also once.) Um 18:00 war Plaza-Rundgang, ganze Familien schlenderten um den Platz, junge Mädchen präsentierten sich, junge Männer schauten zu und der deutsche Braumeister fuhr mit seinem offenen Mercedes die 3 asphaltierten Straßen rauf und runter, machmal hatte er Glück und eine Frau dabei. Sein Bier war gut. Dann kam schnell die Nacht und zaghafte fingen Lichter an zu flirren. Die Ereignisse der Welt gingen an uns vorbei, Fernsehen gab es kaum, die Mondlandung ging ohne unsere Teilnahme gut über die Bühne. Erst viel später erfuhr ich davon.

1969 starb mein Opa. Er hat mir viel bedeutet. Als das Telegramm kam, war er schon beerdigt worden

Wer Sind Neruda und Allende?

Enteignungen ungenutzter Ländereien, Übergabe an landlose Bauern, Diskussionen über Verstaatlichung der Minen, soziale Politik, all das war in Chile an der Tagesordnung der Christsozialen Regierung. Dann kam der Wahlkampf.  Wahlplakate mit Pablo Neruda als Präsidentschaftskandidaten tauchten auf und verschwanden, als die Kommunisten sich der Unidad Popular anschlossen und Allende zum Kandidaten nominierte.

Weder wusste ich, wer Neruda war, noch begriff ich, dass Allende eine neue Politik der sozialen Gerechtigkeit für das Land wagen wollte. Noch heute bedauere ich, kein Wahlplakat mit Neruda zu haben.

Wie ich zum Schmuggeln kam

Das Haus aus Hohlblocksteinen, nicht verputzt und tapeziert, war sichtbar Marke Eigenbau. Wohnkooperativen erhielten Baumaterial aus einem Regierungsprogramm und bauten ihre Häuser gemeinsam. Da wohnte Vanessa, la Comtessa bei ihren Eltern, wenn sie in Santiago war. Der Vater nahm mich mit zu seinen Freunden, wir tranken aus Kokosnüssen, die mit Schnaps verstärkt waren, gingen zum Fußball und spielten mit den Kindern. Die waren süß, nannten mich Monito – Äffchen – weil ich einen Bart hatte und wollten mich als Vater. Vanessa, die ich in einem Nachtlokal in Antofagasta kennengelernt hatte,  wechselte vom Tanzen  zum Schmuggeln. Ich half, wenn ich konnte. Arica, die nördlichste Stadt Chiles, 2000 km von Santiago entfernt, war Freihandelszone und billiger. Da kauften wir ein und transportierten die Koffer im Bus.  An der Hälfte der Strecke nach Antofagasta war in einem tief eingeschnittenen Cañon die Zollstation, alle mussten raus, nur wir wurden nicht kontrolliert, weil ich Ausländer und fern des Verdachtes auf systematisches Zollvergehen war. Es war zu wenig, was übrig blieb, mein geringes Unterhaltsgeld reichte nicht, die Eltern hatten nur ein Einkommen zum Überleben und Vanessa verschwand wieder, um mehr Geld zu verdienen. 

Pünktlichkeit ist nicht überall eine Zierde

Der Umgang mit der Zeit war schwierig zu erlernen. Um 20:00 Uhr war ich eingeladen und stand geschniegelt und gebügelt vor der Tür. Das verursachte ein größeres Dilemma. Die Hausfrau hatte noch die Lockenwickler eingedreht, der Hausherr lag in der Badewanne. Ich wurde zwischengeparkt und bekam diplomatisch verpackt meine Lektion. Eine Stunde später erscheinen ist immer noch zu früh. Sonntags machen sie einen Churrasco am Strand, sagte der  Kollege, mit ihren Frauen, Wein, viel grillen und guter Laune, Gringo komm mit, um 9:00 an der Uni. Bis elf wartete ich, da kam der Erste.

Grillen am Strand mit Kollegen und Frauen

Am Wochenende hat die Zeitangabe nur symbolischen Charakter. Alles vor 12:00 bedeutet Vormittag. In der Tecnika war das anders.  Disziplin war wichtig, Verspätungen wurden geahndet. 

Oreja de Burro

Der Yachtclub hatte 4 alte Holzboote und residierte auf der Mole, die vordem zum Beladen der Segelschiffe diente. Gleise auf dem baufälligen Holzsteg und alte Schuppen zeugten noch davon. Von hier aus wurden die Schaluppen beladen, die hinaus zu den Seglern fuhren, Kupfer mitnahmen und Sand brachten. Am Ende des Stegs über dem Wasser stand eine Holzhütte, das Clubhaus.

Mole mit Clubhaus am Ende

Jorge war als Nachfolger Kontikis Einhand nach Honolulu gesegelt und hielt Kurse. Oreja de burros bezeichnete plastisch die wie Eselsohren abstehende Fock und Hauptsegel, wenn sie nach beiden Seiten ausgestellt mit Wind von hinten sich blähten. Andere Techniken waren schwerer zu lernen. Wir Deutsche EHs segelten zusammen in einem Boot die Osterregatta. Bei der letzten Einzelwertung schafften wir den Sprung auf den 2. Platz in der Gesamtwertung. Einfach dadurch, weil alle versuchten, mit dem Spinnacker, dem großen, bauschigen Vorsegel, im Wechselwind von hinten zurecht zu kommen, nicht zurecht kamen, wir diese Technik nicht beherrschten und mit den oreja de burros als 1. einliefen. Zuverlässig wie die Alemanes, lobte man uns.

Es muss schmecken

Seeigel war für die Chilenen eine besondere Köstlichkeit. Verkäufer mit ganzen Bündeln dieser stacheligen Viecher waren schnell ihre Ware los. Scharf gewürzt mit Pfeffer und Salz, zermatscht und mit Petersilie überstreut war die rot-glitschige Masse offenbar eine Leckerei. Mir war übel. Du musst das 5 mal essen, dann schmeckt es wunderbar. Beim vierten Versuch fing es an, besser zu schmecken. Oder Kutteln, Magen, Darm mit Saubohnen in einer braunen Soße gekocht.

Die Bohnen schmeckten, die Kutteln waren glibbrig. Und die Hausfrau schaute neugierig zu. Es musste schmecken. 

Cola de Mono

Drei Tage dauert das jährliche Fest zum Gedenken an den Sieg über die Spanier und die Unabhängigkeit. Im Stadion waren Buden aufgebaut, Cola de Mono war das Getränk der Nationalfeiertage, ich lernte es kennen. Sein kakaoähnlicher Geschmack überdeckt den Pisco, ich trank zuviel und kam nur mit Schwierigkeiten durch das Stadiontor. 

Hier das Rezept:

1Flasche Pisco,  Aguardiente oder Vodka

5 Ltr. gezuckerte Milch oder 5 Dosen süße Kondensmilch

2 Tassen Mokka (stark)

Schalen von 3 kleinen Zitronen

2 Zimtstangen, 5 Nelken, 2 Vanilleschoten, 2 Prisen Muskat

Milch mit Nelken, Zitronenschalen, Zimt aufkochen, kalt werden lassen (24 Std.), Kaffe dazu geben, 5 Min ziehen lassen, durchsieben (sieht aus wie Spülwasser, Goran hat das fertige Produkt mal weggeschüttet weil er mir beim Aufwaschen helfen wollte) und dann zum Schluss den Schnaps dazu und mit Muskat würzen. In Flaschen abfüllen und schnell verbrauchen. Bei einem größeren Fest kein Problem.

PS: Mit Eis schmeckt er auch gut

Von Langusten und deutschen revolutionären

Der Süden des Landes ist grün und fruchtbar. Wir saßen auf der Mole in Puerto Montt, Fischer legten an, verkauften die auf dem Boot frisch gekochte Langusten. So was hatte ich noch nicht gesehen, geschweige gegessen. Wir liehen uns einen Hammer, ich lernte die Scheren zertrümmern, wir tranken Wein aus der Flasche und hatten ein Festmahl. 

Die Gegend war überwältigen schön mit den Seenplatten und dem Vulkan ähnlich Fujiyama, erinnerte an die Schweiz und ist  deutsch.

Puerto Montt 2009 Wikipedia

Nach der bürgerlichen Revolution 1848 hatte der chilenische Präsident gescheiterte deutsche Revolutionäre als Kolonisten angeworben, um die Seenregion in das Mutterland einzugliedern. Ihre Nachkommen sind immer noch da. 

Tsunami

Mit dem Boot durch Mangrovenwälder gelangt man zu einer Bucht und einem Fischerdorf. Nur oben auf der Steilküste stehen noch Häuser. Schon auf der Fahrt waren die überschwemmten Wälder aufgefallen und Schiffe, die an Berghängen gestrandet waren. Die Leute erzählten noch immer, als ob es gestern gewesen wäre. 1960, am 22. Mai, hatte die Erde gebebt wie noch nie seit Menschengedenken. Von Valdivia bis Puerto Montt und weiter waren Städte und Dörfer zusammengefallen. Das schlimmste Beben, das es jemals gegeben hat, löste einen Tsunami aus, der über Hawaii bis nach Südafrika Verwüstungen anrichtete. Die Menschen nannten es Seebeben und erzählten, wie das Meer weg ging, weit, weit, sie sahen den Meeresboden KM entfernt mit hüpfenden Fischen und dann kam die Riesenwelle zurück, zerschlug die Fischerdörfer am Strand, nahm Schiffe und Boote mit, rollte den Fluss hoch, trug Dampfer und Häuserreste auf die Berghänge und erreichte die Stadt. Es war nach dem Beben die zweite Katastrophe. Die dritte drohte Wochen später. Das Erdbeben hatte den Ausfluss eines Sees in den Bergen zugeschüttet. Das aufgestaute Wasser hätte die Stadt gänzlich vernichtet. Im letzten Moment konnten Sprengungen den Lauf verändern. Noch 1969 waren die Schäden zu sehen. 

Adobe Hütten sind auch nicht das Wahre

Eine Zeitlang wohnte ich  in Notunterkünften. Adobe-Hütten aus selbstgebrannten Lehmziegeln mögen atmungsaktiv sein, meine bröckelte und staubte in der Hitze. Auch andere EH formulierten Kritik an der Vorgesetzten, wir schafften es, sie abzusägen. Ich kriegte zwar keine bessere Wohnung aber einen Stolz auf den Erfolg. Meine erste Protestaktion gegen die da oben! Von der Studentenrevolte hatte ich zu dem Zeitpunkt keine Ahnung. Die war an mir vorbeimarschiert.  

Ein langer Weg nach Hause 

Der Arzt hat eine Überdosis Arsen in mir festgestellt plus noch einige Mikroben. Darf kein Leitungswasser mehr trinken, Alkohol muss aushelfen.Die Kollegen raten, zu heiraten, Latinas seien ihr Leben lang dafür dankbar. Den Rat folgten sie selber und verlobten sich. Der DED bot eine Verlängerung an. Ich konnte mich nicht entschließen, schob die Entscheidung hinaus. Ich machte mich 1970 auf den weiten Weg per Bus und Schiff und Vanessa ging zu ihrem Mann zurück. 

Rückschau: Von Einem der auszog…. (2007)

Mein Dorf

liegt an den Ausläufern des Rothaargebirges klein und fein eingepackt in Hügelketten. Geboren bin ich hier. „Ich stieg im Jahre 1963 in einen Zug, wie man in einen Traum gerät. Die Hauptsache war, wegzukommen“ (bei Josef Conrad geklaut weils so schön passt).

Der Kreis hat sich geschlossen, ich bin wieder in H gelandet, dem Dorf, dem ich vor über 40 Jahren entflohen bin. Da waren die Jahre der Arbeit in Afrika und Lateinamerika, das Abenteuer, die Liebe mit M, die Freunde, das Feiern, immer wenn es ging aus dem Vollen. Da waren diese Menschen in anderen Kontinenten, menschlicher oft als uns bekannt, manchmal auch nicht. Ich will es aufschreiben, nun, da mein Leben einigermaßen zum Stillstand gekommen ist.

19 Jahre dörflicher Indoktrination haben nachhaltige Wirkung gezeitigt. Fleißig, sauber, sparsam, treu, brav, angepasst und Samstag muss die Straße gekehrt werden ist noch immer irgendwo in mir. Meine Bücher musste ich auf dem Klo oder nachts unter der Decke lesen. Heute lese ich auch tagsüber – und habe prompt ein schlechtes Gewissen. Um mich herum arbeiten Männer und Frauen, Motoren kreischen, Werkzeuge scheppern, Menschen eilen – ja sie rennen von einer Arbeit zur anderen. Nach Afrika fällt das besonders auf. Da geht man mit Würde. Und Arbeit ist eine Notwendigkeit. Keine Selbstbestätigung.

Manchmal werden wir noch als Senior Experten eingesetzt. In Mosambik, Südafrika, Rumänien, Bolivien. Vor einem neuen Einsatz habe ich Respekt. Die Anforderung, in maximal 3 Monaten Strukturen zu ändern, belastet. Andererseits will ich weitere Abenteuer, Erfahrungen, von hier verschwinden, abtauchen, dann wieder auftauchen mit neuen Geschichten.

2. Rio und warum zurück im Dorf

Rio war die schönste Zeit. Die Ausschläge im Spannungsfeld Leben extrem. Von rauschenden Festen bis Überfall. Von Caipirinha bis anderes Christentum. Von hoher Politik bis Favela-Elend. Von Liebe & Leidenschaft bis Todesnähe. Und über allem der Corcovado mit seinem Christo, diese wundervolle Stadt bewachend mit ihren Hügeln und Tälern, den Stränden und Menschen. Ich glaube, er passt ab und zu nicht auf, der Christo. Weil er den Tangas nachschaut, nehme ich an. 5 Jahre hatten wir pralles brasilianisches Leben.

Hier auch der Schlüssel zur Rückkehr in mein Dorf. Wir wurden überfallen. In unserer Wohnung an der Copacabana. M. arg verletzt. Pistolen am Kopf, ausgeraubt. Wenn wir nicht 10 000 $ kriegen, erschießen wir euch. Gefesselt. Hilflos. Verwundet. An Leib und Seele. 1 arger Schock, die Sicherheit seiner Wohnung und sich selbstzu verlieren. Behandlung. Beide. Die Sehnsucht, Sicherheit zurück zu gewinnen. Der Psychologe lässt mich einen Traum zeichnen. Adler über H. Und ein Holzhaus. Das haben wir uns dann gebaut. Und nach dem Einsatz in Tansania sind wir zurück gekommen. Zum ersten Mal all unsere Erinnerungen zusammen an einem Platz.

Das Haus und die Lage vor dem Tal, das Grün und im Herbst Buntes auf den Hügeln ringsum. Aber alle Freunde weit verstreut, in Deutschland und überall. Da beginnt es schon, mein Problem.