Panamericana, die Traumstrasse


PERU & ECUADOR 1970

Der „Traumstraße der Welt“, der Panamericana wollte ich von Antofagasta aus über Peru, Ecuador, Kolumbien folgen. Ich bestieg den Greyhound Bus in Antofagasta. 

Das war nicht mein Bus, aber so ähnlich sah er aus

In  Chile und Peru führt die Straße  2800 km der Küstenlinie entlang durch die Wüste und biegt in Ecuador in die Anden ab.

Mit der Panamericana nach Puerto Montt waren das über 7000 km auf meiner Traumstraße.

Faszinierend, was Wasser bedeutet. Ab und an tauchen Quebradas auf, lange Täler in der Wüste.

Der Bus schraubte sich die Hänge hinab, unten  alles grün und fruchtbar, gespeist durch einen unterirdischen Fluss. Drüben geht es wieder hinauf und weiter durch staubtrockene Landschaft. In Lima blieb ich nicht lange, sah viel Gold in Museen, ein wenig davon ist übrig geblieben, den Rest haben die Spanier geklaut. Ich lernte: Francisco Pizarro, ein schreibunkundiger Schweinehirte, zerstörte in den Anden die Hochkultur der Inka. Getrieben von der Gier nach Gold, löst der Spanier riesige Raubzüge aus. 

Dann Ecuador mit Guayaquil an der Küste und Quito in den Hochanden. Ich weiß noch, dass mir die Luft weg blieb, bei 3500 Höhenmeter kein Wunder. Viel kann ich nicht erinnern. Mit einer rappeligen Bus hinab in den Regenwald.

Dort, wo die Straße am Fluss endete, bot eine Baracke in einem dunklen Loch klamme Betten an, , die Küche, ein Verschlag, war das Restaurant. Ich hatte Hunger. Es gab Sandwich. Es schmeckte unbekannt, ich fragte. Es war Hund. Mir wurde schlecht.

Über den Fluss ein Stahlseil gespannt, daran eine Plattform ohne Begrenzung. Alles wurde darauf transportiert, Säcke, Hunde, Menschen, alles. Hinab auf die andere Seite ginge es im freien Fall, abgebremst am Ende durch Autoreifen. Ein Unterstand, die Bar mit Billardtisch  und Coca-Cola Schild, das letzte. Reifenspuren verschwanden im Wald. Da lernte ich, kommen keine Cola- Schilder mehr, hört die westliche Welt auf. Rückwärts musste die Plattform gekurbelt werden. Hoch über dem Fluss hängend konnte es vorkommen, dass der Kurbler keine Lust mehr hatte. Dann schimpften die Leute. 

Dass ich 12 Jahre später als Beauftragter des DED in dieses Land zurückkehren würde, war unvorstellbar. 

Dann hatte ich keine Lust mehr, wollte heim und schiffte mich in Guayaquil ein. Das italienische Kreuzfahrtschiff passte durch den Panamakanal, fuhr über Caracas, Curaçao, Barcelona nach Genua.

Über die Anden nach BOLIVIEN 1969.

Auf der Fahrt durch die Wüste wirbelte der alte, englische Zug eine lange Staubfahne hinter sich her. Hier oben, bei Antofagasta, ist Chile mit 250 km am breitesten gegenüber dem Durchschnitt von 50 km bis nach Feuerland. Durch die Weite der Landschaft, ihre Monotonie und geschliffenen Formationen merkt man das Vorankommen nicht und die Zeit wird ein  nebensächlicher Faktor. Abends bei Sonnenuntergang sahen wir von der hinteren Plattform aus ein skurriles Spiel von Sonnenstrahlen in wirbelndem Wüstensand. Es war noch immer heiß, obwohl die Strecke schon bergauf, Richtung Anden ging. Der Schaffner brachte für jeden 6 Decken, wir lachten und dachten uns unseren Teil. Bei dieser Hitze! In der Nacht aber wurde die Luft knapp und die Decken reichten nicht aus gegen die Kälte. Um 4:00 am Morgen kamen wir in Ollagüe an, dem Grenzbahnhof, auf 4000 m Höhe, ringsum schneebedeckte Bergriesen und noch höher gelegen eine Salpetermine. Keine Ahnung, wie Menschen es schaffen, hier noch schwer zu arbeiten. 

Die Fahrt über den Altiplano, die Hochebene von Bolivien, war eintönig trotz der pittoresken Indigenas mit ihren Trachten und Hüten, der ausgetrockneten Salzseen, der Lamas und der verfallenen Dörfern. Wir waren zu dritt, ich hatte mich zwei Amerikareisenden angeschlossen und wollten erst einmal über Oruru, Potosi, Sucre, Monteaguro die Anden runter in den Urwald nach Camiri.  

Ihr werdet umgehend verhaftet, ihr Gringos mit Bärten, sagten sie uns. Das nahe ehemalige Kampfgebiet von Che Guevara war immer noch militärisch abgeschirmt und Regis Debray, der französische Intellektuelle und Unterstützer des Che, saß im Gefängnis der Stadt.

Schamhafte Freudenmädchen

Der verhörende Offizier war freundlich, notierte alle Daten und Pläne, ließ uns fotografieren, zur polizeilichen Anmeldung bringen und gab uns bis zum Hotel einen Adjutanten mit. Nein, nicht als Bewachung, nur zur Sicherheit, sagte der. 

Das Hotel hatte eine Bar vor einem Innenhof, in dem Mädchen gegen Bezahlung arbeiteten. Sie waren nett, wir luden sie ein zu einem Ausflug und fuhren am nächsten Morgen mit der Gruppe junger  käuflicher Damen an den Fluss. „Aber ja nicht zusehen wenn wir baden!“. Wir mussten weit  weg gehen und hörten sie lachen.

Katapultstart

Bisher waren wir mit Bussen, Jeeps und Lastwagen gereist. Santa Cruz war besser mit dem Flugzeug zu erreichen. Der Flugplatz, eine hoppelige Wiese, sah nicht vertrauenserweckend aus. Zu allem Unglück schob sich vom Westen her ein schweres Wetter über die Bäume, davor schaukelte eine alte DC und setzte zur Landung an. Der Regen begann, im Eiltempo wurde aus- und eingeladen und schon stand das Flugzeug wieder am Ende der Wiese, startbereit. Der Regen war heftiger geworden und der Pilot beorderte alle Mann auf dem Rollfeld zum Festhalten des Fahrwerks. Er gab Gas bei voller Bremse, ließ sie frei, die da draußen purzelten herum, das Flugzeug schoss voran wie von einem Katapult und schaffte es, von Böen geschüttelt, knapp über die Baumwipfel.  

In Santa Cruz erhielt ich meine erste bleibende Lektion in Moskitos. Ich wollte auf der Veranda schlafen, drinnen war es zu stickig, sie warnten mich, och, macht mir nichts aus, ich schlief ein und wachte kurz darauf mit völlig zerstochen Gesicht wieder auf. Diese Nacht habe ich jeden Moskito auf seiner Flugbahn verfolgt aber keinen erledigt. 

La Paz

Spät am Nachmittag sahen wir einen Rauchpilz wie von einer Atomexplosion. Es war der Dampf von La Paz, tief in die Schüssel des Plateaus gesenkt aber immer noch atem(be)raubend wegen der 3 600 m Höhe, der bunt gekleideten Bevölkerung, von Indigenas und Mestizen dominiert, seiner Lage an den Wänden des Kraters und der Vulkane drumherum. 

Ich fuhr über Arica allein zurück nach Antofagasta. Globetrotten liegt mir nicht. Lesen war besser, war wie Abtauchen in andere Welten. Heine lernte ich kennen, Ghandi, Mann, Chrustschow, Lenz, Tucholsky, Hemingway. Manchmal fand ich Ruhe. 

Chile 1968-1970

Träume du weiter, beschied ihm ein Freund im Dorf. Aber die Wirklichkeit ist hier. Sprachs, fuhr 50 Jahre lang täglich in den Nachbarort zum Arbeiten, heiratete und baute sich ein Haus. Meine Träume sahen anders aus. 

Zulassung zum Hochschulstudium (1973)

Das Wetter war trübe, ich kam aus dem Gebäude, das aussah wie ein Gymnasium und auch eins war, benommen, konnte es noch nicht begreifen und glauben. Auf meiner Urkunde stand: „Zulassung zum Hochschulstudium ohne Reifezeugnis“. Gut, das mit der offenbar mangelnden Reife juckte ein wenig, aber was soll´s, das Studium wartete. Soziologie und Volkswirtschaft sollten die Lücke in meinem Verständnis der Welt schließen, die mir in Chile bewusst  geworden war. Ein Traum wurde wahr, den ich noch nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Wer konnte auch den Weg von der Dorfschule über Dreher, Schmalspur-Ingenieur, Entwicklungshelfer bis zur Universität voraussehen? Zufall, dachte ich.

Entwicklungshelfer 1968-

Begonnen hatte die Wende in meinem Leben in Chile. Zwei Jahre als Entwicklungshelfer waren geprägt durch Nichtverstehen. In Antofagasta, einer Hafenstadt im Norden von Chile, 1400 km von der Hauptstadt Santiago entfernt, war ich 1968 gelandet. 

Sendboten Des guten Deutschland

Schon die 3 Monate Vorbereitung in Wächtersbach öffneten Tore. Landeskunde, Sprachen, Geschichte, da wurden Inhalte geboten, die interessant waren. Den Deutschen Entwicklungsdienst gab es noch nicht lange, wir gehörten zu den Pionieren und mussten Orientierungsläufe im Wald absolvieren. Falls wir mal verloren gehen sollten in den Entwicklungsländern. Wir lebten in einem verwunschenen Schloss in Erkern, Turmstuben, umgebauten herrschaftlichen Räumen und Dienstzimmern eng zusammen. Eine Gruppe ging nach Asien, die andere nach Afrika, wir waren die Latinos. Dafür hatte ich mich entschieden nicht nur wegen der Urwaldmädchen in meinem Buch, das Interesse an Lateinamerika begann mit einem Sanella-Einklebebuch. Bilder, Fahnen, Daten mussten von Margarine-Packungen gesammelt werden und die spannende Reisen eines Jungen durch Argentinien, Chile, Bolivien, Brasilien faszinierten mich. 

Nun war es soweit, selbst Erleben war in Reichweite. Dafür lernten wir, bildeten Gruppen, hatten Spaß. Wenig Glück hatte ich bei den jungen Frauen, der Tölpel aus dem Dorf kam zu oft durch und so kam ich zu einer bleibenden französischen Vokabel: jamais – niemals. Die Antwort kriegte ich nach einer erotischen Rangelei , die ich mit einem Welpenspiel verwechselte und zubiss. Da hatte ich eine Freundin weniger und ein Wort mehr. Die Abschiedsfeier fand im Rittersaal statt. Wir seien Sendboten des guten Deutschland, hatte der Leiter gesagt und benahmen uns aus Übermut wie Russen. Das Gläser-hinter-sich-Werfen war nicht einfach, unsereins ist vorsichtig beim mutwilligen Zerstören.

Staunenswertes Chile 

Wir flogen über Rio nach Santiago, und alles war neu. Die Umgebung war vorsichtig zu erkunden, die Kreise, die wir zogen, waren erst mal eng. Santiago de Chile, ein Konglomerat aus Reich und Arm, Alt und Neu, Vertrautem und Unbekanntem verwirrte. Die wuchtigen, historischen Gebäude aus spanischer Zeit im Zentrum kamen uns bekannt vor, solche Armut wie am Rande der Stadt machte sprachlos.  Die Menschen gingen langsamer, spielten Schach auf der Strasse, Schuhputzer waren da, ambulante Verkäufer und alle sahen anders aus als erwartet. Während die Verkäufer eher Indios glichen, waren doch die meisten offenbar europäischer Herkunft. Kein Wunder, die Spanier haben die Ureinwohner fast ausgerottet, das Land wurde Siedlungsgebiet. Nur die Tapfersten und Härtesten schafften es über die Anden oder durch die Maghellan-Strasse. Stolz war Chile auf seine Geschichte, die europäische Kultur und demokratische Tradition, Erbe der Einwanderer. Das sollte sich leider ändern. Wir aber staunten und sahen Deutsche, Engländer, Spanier, Jugoslawen und später Chinesen im Norden und manchmal auch Indios. Und natürlich alle möglichen Mixturen dazwischen. Sie sprachen Spanisch mit solch einer Geschwindigkeit, dass kaum etwas zu verstehen war. Hinter der Stadt erhoben sich majestätisch die Anden mit schneebedeckten Gipfeln. Es sah aus, als würde Santiago in die Berge hineinwachsen, von ihnen bewacht werden. 

Sprachprobleme

Der chilenische Sprachlehrer hatte zum Eingewöhnen Empanadas empfohlen. In der chilenischen Variante wird die Teigtasche mit Hackfleisch gefüllt, viel Zwiebeln, einem gekochten Ei, Rosinen, Oliven und im Ofen gebacken. Einer traute sich und bestellte statt Empanadas Empleadas bien calientes. Wir wären beinahe rausgeflogen aus dem Lokal. Nicht heiße Teigtaschen, heiße Dienstmädchen hatten wir bestellt. 

Sie verstehen mich nicht, ich verstehe sie nicht  

Antofagasta, die Wüstenstadt am Pazifik, ist umgeben von der Atacama, einer der trockensten Gegenden der Erde.

Flug von Santiago nach Antofagasta über die Atacama

Im Inneren werden Kupfer, Nitrat und Salpeter abgebaut, ihre Verschiffung hat die Hafenstadt wachsen lassen. Die Wüste geht gleich hinter der Stadt los, manchmal weht der Sand durch die Straßen. Es ist heiß, trocken und wenn es alle Jahre lang mal regnet fließt das dreckige Wasser durch die Löcher im Blechdach des Hauses die Wände herab.  

 Zugeteilt wurde ich der Technischen Universität, Abteilung Lehrlingsausbildung. Entwicklungsländer haben in der Regel kein System der Facharbeiter-Ausbildung wie bei uns, Praxis und Theorie wird, wenn überhaupt, in eigenen Instituten vermittelt. Was können sie denn so, verstand ich mehr intuitiv als spanisch beim ersten Gespräch mit dem Leiter, einem älteren, ruhigen und sympathischen Mann. Drei Jahre hatte ich in statischen Versuchen am Senkrechtstarter Belastungsgrenzen der Flugzeugteile mit vermessen. Mittels Dehnmessstreifen konnten Material-Veränderungen auf 1/1000 mm genau bestimmt werden. Und tagelang musste ich auf einer ratternden Rechenmaschine Ergebnisse ermitteln und in Tabellen eintragen. Aha, Messtechnik haben Sie gemacht, das können wir brauchen. Im Keller ist ein Labor, da steht sogar eine Messmaschine mit hoher Genauigkeit, die ist geschenkt und keiner von uns kann sie bedienen. Da können Sie unterrichten. Und da war ich Lehrer. Die Klasse verstand mich nicht, ich verstand nicht, warum sie noch nicht einmal wussten, was 1 m ist. Das Missverständnis war doppelt: auch sprachlich waren wir Welten entfernt. Das besserte sich langsam, aber nie haben sie kapiert, warum man auf ein Zehntel, sogar auf ein Hundertstel und genauer messen soll. Jeden Vortrag musste ich ausarbeiten und korrigieren lassen. Sr. Hernandez, der Chef, war langmütig und hilfreich, doch als ich eines Morgens mit dickem Kopf nach einer langen Nacht kein Wort raus brachte und die Schüler heim schickte, war das zu viel. Die sollen lernen!

Die Mondlandung fand ohne mich statt

Die Stadt war öd. Im Zentrum gab es einige kümmerliche grüne Pflanzen, die dauernd bewässert werden mussten. Einzig in der Nähe der Universität war ein langer, schmaler Park mit üppigen Palmen. Die Erde, so erzählte man mir, kommt aus Europa. Segelschiffe, die Kupfer oder Salpeter in Chile luden, , brachten Erde als Ballast mit, die hier aufgeschüttet wurde. Meine erste praktische Lektion in einseitigen Handelsbeziehungen, auch Ausbeutung genannt. Die Minen gehörten Ausländern, Gewinne wurden abgeschöpft und ins Ausland transferiert und den Chilenen blieb Erde. Um 17:00 war „Once“, Teatime, von den Engländern abgeschaut, die lange das Land wirtschaftlich beherrschten, aber keiner wusste, woher die Bezeichnung „Once“(Elf) kam.(Da die Leute früher keine Uhren hatten, begann der Tag bei Sonnenaufgang um 6 Uhr. Nach dieser Zählung war es um 17 Uhr elf, also once.) Um 18:00 war Plaza-Rundgang, ganze Familien schlenderten um den Platz, junge Mädchen präsentierten sich, junge Männer schauten zu und der deutsche Braumeister fuhr mit seinem offenen Mercedes die 3 asphaltierten Straßen rauf und runter, machmal hatte er Glück und eine Frau dabei. Sein Bier war gut. Dann kam schnell die Nacht und zaghafte fingen Lichter an zu flirren. Die Ereignisse der Welt gingen an uns vorbei, Fernsehen gab es kaum, die Mondlandung ging ohne unsere Teilnahme gut über die Bühne. Erst viel später erfuhr ich davon.

1969 starb mein Opa. Er hat mir viel bedeutet. Als das Telegramm kam, war er schon beerdigt worden

Wer Sind Neruda und Allende?

Enteignungen ungenutzter Ländereien, Übergabe an landlose Bauern, Diskussionen über Verstaatlichung der Minen, soziale Politik, all das war in Chile an der Tagesordnung der Christsozialen Regierung. Dann kam der Wahlkampf.  Wahlplakate mit Pablo Neruda als Präsidentschaftskandidaten tauchten auf und verschwanden, als die Kommunisten sich der Unidad Popular anschlossen und Allende zum Kandidaten nominierte.

Weder wusste ich, wer Neruda war, noch begriff ich, dass Allende eine neue Politik der sozialen Gerechtigkeit für das Land wagen wollte. Noch heute bedauere ich, kein Wahlplakat mit Neruda zu haben.

Wie ich zum Schmuggeln kam

Das Haus aus Hohlblocksteinen, nicht verputzt und tapeziert, war sichtbar Marke Eigenbau. Wohnkooperativen erhielten Baumaterial aus einem Regierungsprogramm und bauten ihre Häuser gemeinsam. Da wohnte Vanessa, la Comtessa bei ihren Eltern, wenn sie in Santiago war. Der Vater nahm mich mit zu seinen Freunden, wir tranken aus Kokosnüssen, die mit Schnaps verstärkt waren, gingen zum Fußball und spielten mit den Kindern. Die waren süß, nannten mich Monito – Äffchen – weil ich einen Bart hatte und wollten mich als Vater. Vanessa, die ich in einem Nachtlokal in Antofagasta kennengelernt hatte,  wechselte vom Tanzen  zum Schmuggeln. Ich half, wenn ich konnte. Arica, die nördlichste Stadt Chiles, 2000 km von Santiago entfernt, war Freihandelszone und billiger. Da kauften wir ein und transportierten die Koffer im Bus.  An der Hälfte der Strecke nach Antofagasta war in einem tief eingeschnittenen Cañon die Zollstation, alle mussten raus, nur wir wurden nicht kontrolliert, weil ich Ausländer und fern des Verdachtes auf systematisches Zollvergehen war. Es war zu wenig, was übrig blieb, mein geringes Unterhaltsgeld reichte nicht, die Eltern hatten nur ein Einkommen zum Überleben und Vanessa verschwand wieder, um mehr Geld zu verdienen. 

Pünktlichkeit ist nicht überall eine Zierde

Der Umgang mit der Zeit war schwierig zu erlernen. Um 20:00 Uhr war ich eingeladen und stand geschniegelt und gebügelt vor der Tür. Das verursachte ein größeres Dilemma. Die Hausfrau hatte noch die Lockenwickler eingedreht, der Hausherr lag in der Badewanne. Ich wurde zwischengeparkt und bekam diplomatisch verpackt meine Lektion. Eine Stunde später erscheinen ist immer noch zu früh. Sonntags machen sie einen Churrasco am Strand, sagte der  Kollege, mit ihren Frauen, Wein, viel grillen und guter Laune, Gringo komm mit, um 9:00 an der Uni. Bis elf wartete ich, da kam der Erste.

Grillen am Strand mit Kollegen und Frauen

Am Wochenende hat die Zeitangabe nur symbolischen Charakter. Alles vor 12:00 bedeutet Vormittag. In der Tecnika war das anders.  Disziplin war wichtig, Verspätungen wurden geahndet. 

Oreja de Burro

Der Yachtclub hatte 4 alte Holzboote und residierte auf der Mole, die vordem zum Beladen der Segelschiffe diente. Gleise auf dem baufälligen Holzsteg und alte Schuppen zeugten noch davon. Von hier aus wurden die Schaluppen beladen, die hinaus zu den Seglern fuhren, Kupfer mitnahmen und Sand brachten. Am Ende des Stegs über dem Wasser stand eine Holzhütte, das Clubhaus.

Mole mit Clubhaus am Ende

Jorge war als Nachfolger Kontikis Einhand nach Honolulu gesegelt und hielt Kurse. Oreja de burros bezeichnete plastisch die wie Eselsohren abstehende Fock und Hauptsegel, wenn sie nach beiden Seiten ausgestellt mit Wind von hinten sich blähten. Andere Techniken waren schwerer zu lernen. Wir Deutsche EHs segelten zusammen in einem Boot die Osterregatta. Bei der letzten Einzelwertung schafften wir den Sprung auf den 2. Platz in der Gesamtwertung. Einfach dadurch, weil alle versuchten, mit dem Spinnacker, dem großen, bauschigen Vorsegel, im Wechselwind von hinten zurecht zu kommen, nicht zurecht kamen, wir diese Technik nicht beherrschten und mit den oreja de burros als 1. einliefen. Zuverlässig wie die Alemanes, lobte man uns.

Es muss schmecken

Seeigel war für die Chilenen eine besondere Köstlichkeit. Verkäufer mit ganzen Bündeln dieser stacheligen Viecher waren schnell ihre Ware los. Scharf gewürzt mit Pfeffer und Salz, zermatscht und mit Petersilie überstreut war die rot-glitschige Masse offenbar eine Leckerei. Mir war übel. Du musst das 5 mal essen, dann schmeckt es wunderbar. Beim vierten Versuch fing es an, besser zu schmecken. Oder Kutteln, Magen, Darm mit Saubohnen in einer braunen Soße gekocht.

Die Bohnen schmeckten, die Kutteln waren glibbrig. Und die Hausfrau schaute neugierig zu. Es musste schmecken. 

Cola de Mono

Drei Tage dauert das jährliche Fest zum Gedenken an den Sieg über die Spanier und die Unabhängigkeit. Im Stadion waren Buden aufgebaut, Cola de Mono war das Getränk der Nationalfeiertage, ich lernte es kennen. Sein kakaoähnlicher Geschmack überdeckt den Pisco, ich trank zuviel und kam nur mit Schwierigkeiten durch das Stadiontor. 

Hier das Rezept:

1Flasche Pisco,  Aguardiente oder Vodka

5 Ltr. gezuckerte Milch oder 5 Dosen süße Kondensmilch

2 Tassen Mokka (stark)

Schalen von 3 kleinen Zitronen

2 Zimtstangen, 5 Nelken, 2 Vanilleschoten, 2 Prisen Muskat

Milch mit Nelken, Zitronenschalen, Zimt aufkochen, kalt werden lassen (24 Std.), Kaffe dazu geben, 5 Min ziehen lassen, durchsieben (sieht aus wie Spülwasser, Goran hat das fertige Produkt mal weggeschüttet weil er mir beim Aufwaschen helfen wollte) und dann zum Schluss den Schnaps dazu und mit Muskat würzen. In Flaschen abfüllen und schnell verbrauchen. Bei einem größeren Fest kein Problem.

PS: Mit Eis schmeckt er auch gut

Von Langusten und deutschen revolutionären

Der Süden des Landes ist grün und fruchtbar. Wir saßen auf der Mole in Puerto Montt, Fischer legten an, verkauften die auf dem Boot frisch gekochte Langusten. So was hatte ich noch nicht gesehen, geschweige gegessen. Wir liehen uns einen Hammer, ich lernte die Scheren zertrümmern, wir tranken Wein aus der Flasche und hatten ein Festmahl. 

Die Gegend war überwältigen schön mit den Seenplatten und dem Vulkan ähnlich Fujiyama, erinnerte an die Schweiz und ist  deutsch.

Puerto Montt 2009 Wikipedia

Nach der bürgerlichen Revolution 1848 hatte der chilenische Präsident gescheiterte deutsche Revolutionäre als Kolonisten angeworben, um die Seenregion in das Mutterland einzugliedern. Ihre Nachkommen sind immer noch da. 

Tsunami

Mit dem Boot durch Mangrovenwälder gelangt man zu einer Bucht und einem Fischerdorf. Nur oben auf der Steilküste stehen noch Häuser. Schon auf der Fahrt waren die überschwemmten Wälder aufgefallen und Schiffe, die an Berghängen gestrandet waren. Die Leute erzählten noch immer, als ob es gestern gewesen wäre. 1960, am 22. Mai, hatte die Erde gebebt wie noch nie seit Menschengedenken. Von Valdivia bis Puerto Montt und weiter waren Städte und Dörfer zusammengefallen. Das schlimmste Beben, das es jemals gegeben hat, löste einen Tsunami aus, der über Hawaii bis nach Südafrika Verwüstungen anrichtete. Die Menschen nannten es Seebeben und erzählten, wie das Meer weg ging, weit, weit, sie sahen den Meeresboden KM entfernt mit hüpfenden Fischen und dann kam die Riesenwelle zurück, zerschlug die Fischerdörfer am Strand, nahm Schiffe und Boote mit, rollte den Fluss hoch, trug Dampfer und Häuserreste auf die Berghänge und erreichte die Stadt. Es war nach dem Beben die zweite Katastrophe. Die dritte drohte Wochen später. Das Erdbeben hatte den Ausfluss eines Sees in den Bergen zugeschüttet. Das aufgestaute Wasser hätte die Stadt gänzlich vernichtet. Im letzten Moment konnten Sprengungen den Lauf verändern. Noch 1969 waren die Schäden zu sehen. 

Adobe Hütten sind auch nicht das Wahre

Eine Zeitlang wohnte ich  in Notunterkünften. Adobe-Hütten aus selbstgebrannten Lehmziegeln mögen atmungsaktiv sein, meine bröckelte und staubte in der Hitze. Auch andere EH formulierten Kritik an der Vorgesetzten, wir schafften es, sie abzusägen. Ich kriegte zwar keine bessere Wohnung aber einen Stolz auf den Erfolg. Meine erste Protestaktion gegen die da oben! Von der Studentenrevolte hatte ich zu dem Zeitpunkt keine Ahnung. Die war an mir vorbeimarschiert.  

Ein langer Weg nach Hause 

Der Arzt hat eine Überdosis Arsen in mir festgestellt plus noch einige Mikroben. Darf kein Leitungswasser mehr trinken, Alkohol muss aushelfen.Die Kollegen raten, zu heiraten, Latinas seien ihr Leben lang dafür dankbar. Den Rat folgten sie selber und verlobten sich. Der DED bot eine Verlängerung an. Ich konnte mich nicht entschließen, schob die Entscheidung hinaus. Ich machte mich 1970 auf den weiten Weg per Bus und Schiff und Vanessa ging zu ihrem Mann zurück. 

Mennoniten in Bolivien

In Santa Cruz kommt man am großen Markt um die Ecke und dann sind sie da, die hochgewachsenen Männer in ihren blauen Latzhosen mit Cowboyhut oder Baseballmützen, die Frauen in langen Röcken mit Schürze, breiten Strohhut, der mit einem Band unterm Kinn geknüpft ist und den weißen Wollstrümpfen, die bei Hitze sicherlich mächtig kratzen. Sie stehen herum, kaufen ein, verkaufen ihre Produkte und verschwinden wieder so schnell sie können aus dem Sündenbabel. Und auf dem Land traut man seinen Augen nicht, sie fahren altertümlich mit ihren Kutschen oder sind zu Fuß unterwegs. Mich faszinieren sie, die Mennoniten. 100 000 sollen es mittlerweile in Bolivien sein, die südlich und nördlich von Santa Cruz siedeln. Aus der Zeit gefallene Christen, die ihre Religion konsequent leben, so wie sie sie interpretieren. Sie führen einen bewußt einfachen Lebensstiel, arbeiten zumeist in der Landwirtschaft, lehnen den Militärdienst ab, sind Pazifisten, sprechen ihre alten Sprachen, sind gegen Modernisierung, halten an ihren Traditionen fest, fordern Gemeindeautonomie, praktizieren die Bekenntnistaufe von Erwachsenen, lesen als einziges Buch die Bibel und nehmen sie wörtlich.

Und wenn sie das nicht haben können, ziehen sie weiter auf der Suche nach einem ruhigen Ort, wo man sie leben lässt wie sie leben. Und bei den Alt-Kolonier, den extremsten Traditionalisten, kommen Männer zu wichtigen Gottesdiensten in hohen Schaftstiefel. Das, sagen sie, steht in Epheser 6,15 „und an den Beinen gestiefelt“. Tja, wer glaubt, wird selig. Sie müssen eine sehr alte Bibel haben. Neuere übersetzen „Sandalen“.

Kaum hatte Luther die Evangelen gegründet, gab es Spaltungen. Die Wiedertäufer waren die radikalsten, lehnten die Obrigkeit ab, wollten selbst bestimmen. Da war sogar Luther gegen. Empfahl Verfolgung. Die war dann radikal. Mennon Simons war einer ihrer Anführer. Seine Theologie gefällt mir. Er nahm die Bergpredigt und das Prinzip christlicher Gewaltfreiheit ernst und formulierte eine pazifistische Theologie.

So ähnlich wie heute müssen sie schon damals gelebt haben. Arbeitsam wie sie waren holte sie Friedrich der Großen, unfruchtbare Gegenden zu kultivieren, Katharina bot ihnen an der Wolga Unterschlupf. Immer, wenn ihre Art zu leben bedroht war, zogen sie weiter. Als sie in Russland zum Militärdienst gezogen werden sollten, emigrierten sie nach Kanada. Als der kanadische Staat sie zwingen wollte, in den Schulen Englisch zu lehren, zogen die Mehrheit nach Mexiko. Und als die Mexikaner Ihnen Spanisch beibringen wollten, bot Bolivien Ihnen an, die aride Gegend hinter Santa Cruz fruchtbar zu machen. Und leben zu können, wie sie wollen.

2009 geriet sie wegen dutzender Vergewaltigungsfälle in die Schlagzeilen: Acht Männer der Kolonie Manitoba in Bolivien 150 km nördlich von Santa Cruz, hatten monatelang Frauen, Männer, Kinder mit einem Narkosemittel für Kühe betäubt und vergewaltigt. 2011 wurden die Täter zu jeweils 25 Jahren Haft verurteilt. Der Tierarzt, der das Betäubungsmittel geliefert hatte, zu zwölf Jahren. In einem Interview mit einem der Täter beschuldigte der Oberhäupter der Familien, ihre Töchter zu missbrauchen, ohne belangt zu werden.

https://www.stern.de/familie/leben/mennoniten-in-bolivien–das-fuerchterliche-idyll-3480082.html

http://derstandard.at/2000040710149/Strengglaeubige-Mennoniten-Buxtehude-liegt-in-Bolivien

Wie wir im Frankfurter Bahnhofsviertel landeten

„Ihr Flug Amsterdam-Frankfurt ist gecancelt“. Prima, unser Flug aus Lima war eh schon zu spät weg gekommen, die Umsteigezeit in Amsterdam mit einer Stunde recht kurz (warum bietet KLM diese Verbindung an? Eine halbe Stunde Fußweg plus Sicherheitskontrolle plus Passkontrolle, unmöglich) und die Wartezeit von fast fünf Stunden kein Problem. Und wir können immer noch nach Hommertshausen kommen. Der letzte Zug vom Flughafen FFM geht um 22:35 Uhr. Wenn alles klappt und der Flug um 21:45 Uhr ankommt…

Tja: zu spät von Lima weg, der gebuchte Flug gecancelt und der spätere Ersatzflug nach Frankfurt kam nicht weg. Die Crew war nicht da! Nur der traurige Kapitän. Er murmelt was von Ruhezeiten zwischen zwei Flügen. Der letzte Zug verschwand in der Ferne. Und Mirjam schrieb von Schneefall und Glatteis im Hinterland. Schwierig, uns in Marburg abzuholen. Dann bleiben wir halt in Frankfurt, ersparen uns die Mitternachtsfahrt und ruhen aus. Eine Stunde später hoben wir ab.

Um 1/2 12:00 nachts checken wir ein. Das Hotel ist billig, vier Minuten vom Bahnhof entfernt und entpuppt sich als phantasievoll, einer kleinen, leeren Bar mit Bettwäsche in der Ecke, einem netten Concierge und neugierigen vorbei gehenden Damen in Herrenbegleitung. Bei Whiskey, Bier und Sekt mit Käse aus Holland und Pringles aus dem Automaten als Abendessen beschließen wir die lange Reise. Hommertshausen läuft uns nicht davon.

Glühwein statt Pisco sour

„Es ist arschkalt geworden“, schreibt Hanne. Sieht so aus auf der Wetterkarte. Und regnen soll es wie aus Kübeln. Keine schönen Aussichten.

Liegt das an uns? Oder will uns das Wetter sagen: bleibt wo ihr seid?

Wir tauschen

Sag mir einer, was schöner ist!

Morgen fliegen wir zurück

Denk ich an Deutschland in der Nacht bin ich um den Schlaf gebracht“. Heines Stimmung kann ich nachvollziehen. Kalt und regnerisch grinst mich die Wettervorhersage an, die Corona Landkarte ist pechschwarz, der Gesundheitsminister orakelt, die Stimmung sei besser als die Lage – und stimmt eine Aufhebung fast aller Restriktionen zu. Ja spinnen die? Peru hat doppelte Maskenpflicht in allen öffentlichen Räumen, auch draußen! Es ist allerdings auch die einzige Vorgabe, die mir hier besser gefällt. Frank will ja, dass wir hier bleiben. Wandern zwischen den Welten ist manchmal nicht einfach.

Fußballfieber gestern Abend, es krachte und knallte überall, die Fans liefen seit Tagen in weißen Fußballshirts mit rotem Querstreifen rum. Und dann gewinnt diese Rumpelmannschaft gegen Paraguay 2:0 und darf hoffen, doch noch zu WM zu fahren. Ihre Qualität liegt eher darin, auf den Boden zu fallen.

Paraguay war nicht zimperlich
Im Spiel gegen Uruguay fühlten sie sich um ein Tor beklaut. Hasta en el fotbol nos roban- sogar im Fußball werden wir betrogen.

Nächste wichtige Nachricht (interessiert sich jemand für peruanische Politik? Blicken noch nicht mal Peruaner durch). Der Indio-Präsident hat sein zweites Amtsenthebungsverfahren überstanden. Das ist der mit dem großen Hut. Letztens hat er ihn nicht mehr auf. Er hat ihn, kolportiert man, dem brasilianischen Präsidenten Bolsonaro geschenkt. Beide zeigt ein Foto wie sie sich ohne Maske in den Armen liegen.

Neue Freunde Castillo&Bolsonaro

Castillo war angetreten mit dem Slogan „Keine Armen mehr im reichen Land“. Doch in Castillos Amtszeit gibt es „nur Hut und wenig Vieh“ (viel Blabla und nix getan).

Ihm wird vorgeworfen, lieber halte er und seine Verwandtschaft die Hand auf für mildtätige Spenden. Nun ja, die ihm das vorwerfen sind wahrscheinlich sauer, dass sie die Spenden nicht selbst kriegen. Der Kongress in seiner Mehrheit wimmelt von rechten Konservativen, von denen ich keinen Gebrauchtwagen kaufen würde.

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt, behaart und mit böser Visage, dann hat man sie aus dem Urwald gelockt, die Welt asphaltiert und aufgestockt, bis zur 30en Etage.“ (Kästner hatte recht)

Aus welchem Grund in diesen überwiegend armen Land die Menschen nach wie vor reiche, korrupte Ganovengesichter wählen, will mir nicht in den Sinn. Aber mir will vieles nicht in den Sinn.

Wir gehen nochmal in den Park über den Klippen. Unser Lieblingsweg.

Ein letzter Blick auf die Rosa Nautica

Dialog R und M

Am vorletzten Tag des Krankenhausaufenthalts auf „Signal“

M: Jetzt hat eine junge Lernschwester an mir geübt, wie und wo man Infusionen legt. So sehe ich auch aus,

R: Kriegst du das bezahlt?

M: Ich hatte meinen volksnahen Tag und hab sie ermuntert, es nochmal zu versuchen, nachdem es beim 1. Mal schief gegangen ist. Am Ende hat es dann doch die Chefin gemacht.

R: Und du hast neue Tätowierungen!

M: Brauch ich nicht. Das sind die Abenteuer der älteren Leute.

Nach 5 Tagen