„Es ging spazieren vor dem Tor ein kohlpechrabenschwarzer Mohr. Die Sonne schien ihm aufs Gehirn, da nahm er einen Sonnenschirm.“
Dieser, im Struwwelpeter voranschreitende junge Mann dunkler Hautfarbe, also unempfindlicher auf Sonneneinstrahlung reagierend als wir, die wir nach unserer Migration aus Afrika langsam die dunkle Pigmentierung aufgaben und nun empfindlicher sprich: rötlicher auf starke Sonne reagieren, war schlauer als ich. Typisch deutsch hatte ich der Familie einen Spaziergang verordnet vor dem Mittagessen am Aussichtspunkt in Barranco, einer meiner Lieblingslokale. Bewegung tut Not. Ansonsten zweifle ich diesen typisch deutschen Drang zum Spaziergang an, heute nicht. Zum Zeitpunkt, als die Tropensonne hier in Lima voll breit vom Himmel knallte. Und natürlich ohne Trinkwasserflasche! Das Ergebnis war nicht so gut. Sogar Maluchi, ansonsten fit auf den Beinen, konnte nicht mehr. Von mir wollen wir garnicht reden. Wie blöde muss man eigentlich sein zum spazieren gehen in der Tropensonne. Das Ergebnis war entsprechend.

Eine Flasche Wasser, ein Corona und ein Pisco sour hat mich langsam wieder ermuntert. Fischsuppe gab’s. Es sind die speziellen Gewürze plus die frischen Zutaten die diese Gerichte einmalig machen.
Ps: Ich ahnte es! Bei Wikipedia sind es nur deutsche, die den Spaziergang kultiviert haben. (Ein amerikanischer Freund vom M hat sie entgeistert gefragt: was machen die da).
Es gab den lustwandelnden Adel in feinen Gärten, es gab Wanderschaften der Wandersleute, es gab flanieren und promenieren zu dem eigens Promenaden geschaffen wurden. Spaziergänge kamen später.
Nach dem Ausflug in napoleonische Selbstbestimmungs- und Mitbestimmungsansätzen hatte Adel und Kirche auf dem Wiener Kongress 1815 die Macht wieder an sich gerissen und mit den Karlsbader Beschlüssen 1819 ein restriktives Überwachungsregime installiert. Die Reaktion des Bürgertums: Es zog sich zurück und ging spazieren. Buchstäblich.

Wikipedia: „Insbesondere nach den Karlsbader Beschlüssen1819 flüchten die Romantiker vor dem Hintergrund ihrer eher individualistischen Grundeinstellung in Melancholie und in phantastische, unwirkliche oder biedermeierliche Welten, um sich eskapistisch aus dem gesellschaftlichen Leben weitgehend zurückzuziehen oder einer kleinstädtischen Idylle zuzuwenden. Ihre Themen sind vor allem Liebe und Natur“
Und Goethe hat’s auf die Spitze getrieben: Ich ging im Walde | so für mich hin,| und nichts zu suchen,| das war mein Sinn. Donnerlitch. Mein Gehirn schlägt bei solche Gängen Kapriolen. Und Schiller setzt noch einen drauf: Und die Sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns. Beim Spaziergang!!!
Ist ja alles nicht so schlimm im Eichenwald und auf der Heid. Aber hier? In der prallen Sonne. Die Leute wissen, warum sie Spaziergänge meiden. Was hat mich geritten? Jetzt hab ich einen dusseligen Kopf. Maluchi auch

21:00 Uhr. Gerade sind sie gegangen, meine beiden Lieblinge. Jeden Abend liegen sie eine halbe Stunde neben mir auf dem Bett und schauen unsägliche Kinderfilme. Und lachen. Wenn Kinder lachen lacht mein Herz. Die Mutter ruft, fertigmachen zum schlafen. Schaut Sophie kurz zurück, nickt, Opi, kommst du nochmal? Ein Lied und ein Kuss?

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