
Die Nachricht von Jörgs Tot am 18.1.2026 war ein schwerer Schock für mich.
In meinem Blog habe ich am 19. Januar geschrieben:
Gestern Abend ist Jörg gestorben. Ganz überraschend. In Berlin. Einfach so. Jörg, das kannst du doch nicht machen. Ich fass es nicht. Einfach so. Und dann noch vor mir.
Jörg, Jörg, mach’s gut. Wer soll mir denn jetzt erklären, was für Käfer das sind? Wer?
Das waren meine ersten Gedanken. Meiner Schwester hat mich gefragt, ob ich die Trauerrede halte. Gerne. Ich habe überlegt, was war an Jörg so besonders? Was bleibt von ihm? Wie werde ich an ihn denken? Jeder weiss für sich die Antwort. Das hier ist meine Version.
Wenn es das denn gäbe, wünschte ich mir, Jörg wäre in den ewigen Jagdgründen. Da wäre er zu Hause. Den ganzen Tag Vögel beobachten, ihre Arten bestimmen, katalogisieren, er könnte den kleinen Tieren nachforschen, besonders den Käfern, die hatten es ihm angetan. Dann kam er an, der Käfer kroch an seiner großen Hand entlang und Jörg sagte: Schaut mal, was ich gefunden habe. Oft eine Rarität. Und dann fotografierte er seine Lieblinge. Dafür war seine Kamera extra ausgerüstet. Wunderbare Dokumente.
Geboren wurde er mit seiner Zwillingsschwester Gaby exakt am 24.12.1955. Weihnachten ist ungeeignet für Geburtstage. Das Christkind dominiert, aber wir feierten, bis auf die letzten Jahre, immer gemeinsam im großen Familienkreis bei Bruder Klaus und Marga. Auch Jörgs Geburtstag. Jörg war Bestandteil unserer Familienzusammengehörigkeit und immer ein gesuchter Gesprächspartner besonders der jüngeren Leute. Leider hatte das nachgelassen. In letzter Zeit sonderte er sich gerne ab. Er hatte seine Probleme.
Jörgs Kindheit war bewegt, denn den Bewegungen der Eltern an verschiedene Orte musste er folgen. Geboren in Biedenkopf, Frühkindheit in Breidenstein. Dann Siegen, Mönchengladbach, noch mal Siegen und schlussendlich wieder Breidenstein. Bis er zur Bundeswehr und danach nach Frankfurt kam.
Er war mein ältester und bester Freund. Jörg wirkte auf mich groß und stark, wie ein Fels in der Brandung. Wahrscheinlich war er auch mal weich. 1977 sind wir, Jörg, meine Schwester und ich, in Frankfurt in einer Wohngemeinschaft zusammen gezogen, unterm Dach juchhe in der Rückertstraße. Wir haben uns unterstützt, er mich, wenn ich Probleme hatte, ich ihn. Das schweißt zusammen. Er hat mir erzählt, wie er meine Schwester im Gymnasium in Bad Laasphe gesehen und sich für immer verliebt hat. Und so blieb es. Unerschütterlich.
Wir haben uns zusammen eine Doppelhochzeit gegönnt. Das war 1982 am 19. März. Vor unserer Ausreise nach Ecuador.
Jörg und Hanne haben uns überall besucht, wo wir waren (außer Kolumbien, das war zu unserer Zeit zu gefährlich). In Rio de Janeiro und Tansania gleich zwei Mal. Und uns tiefe Einsichten in Flora und Fauna der Gastländer vermittelt. Wissenschaftliche Exkursionen waren die Fahrten mit ihnen.
Ein Beispiel: In Ecuador mussten wir von Quito aus über einen 4000m Pass, drüben, nach dem Altiplano, dem karstigen Hochland, runter durch den Regenwald bis in den Urwald. Wir kamen nur langsam voran. Kurz hinter dem Pass ruft meine Schwester: Halt, halt, hast du die Condore gesehen? Hatte ich nie. Mit dem Fernrohr waren sie gut zu beobachten. Nicht lang danach Jörg: Halt halt, ich glaube es nicht, diese Epiphyten, gerade schreibe ich eine Arbeit darüber, bei uns sind sie sooo klein. Überall riesige Epiphyten, hatte ich auch nicht gesehen. Und so ging es weiter. Die Fähre kriegten wir am Abend gerade so. Überall, wo wir waren, haben die beiden die Natur erkundet.
Was zeichnete ihn noch aus? Er erinnerte mich an einen Kommissar in einem Portugal Krimi. Der war Eidetiker, behielt alles fotografisch. Sie nannten ihn „Das wandelnde Lexikon“. So war Jörg. Was man ihn fragte, Jörg wusste in der Regel Antworten. Er hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant.
Apropos Elefant: wenn’s darauf ankam, waren die Vögel wichtiger. Ich erinnere mich an eine Tierbeobachtungstour in Tansania. Vor uns eine Herde Elefanten, die aus dem Schlammbad kamen und die Straße überquerten. Jörg und Hanne hinter mir stehend im Geländewagen unterhielten sich: Siehst du den Rallyestreifen? Welchen Rallyestreifen, die Elefanten sind glänzend schwarz. Ich dreh mich um, und siehe da, die beiden beobachten einen bunten Vogel. Beide hatten Biologie, im Spezialfach Ornithologie studiert. Und beide blieben wissenschaftlich interessierte Ornithologen für immer.
Und ich muss ein eigenes Kapitel aufmachen bei Jörg, den Vielschichtigen. Er war ein Künstler. Ein Autodidakt von Jugend an, mit verschiedene Schaffensphasen, die jeweils durch unterschiedliche Materialien geprägt sind. Als ich ihn kennen lernte war er Maler. Lange haben wir uns gestritten, ob die naturalistische Blume, an sich schön, nicht schief stehe. Er hat versucht, mir künstlerischen Ausdruck an dem Beispiel zu verdeutlichen. Ich war damals ( vielleicht heute noch) Ignorant in Kunstsachen. Jörg wechselte zu Plastiken deren Rohstoffe in der Natur zu finden waren. In Ecuador war es das Skelett eines großen Fisches. Er nahm es, trotz üblen Geruch, mit, putzte es, baute es weitgehend wieder zusammen und hob das Fischskelett weiß heraus. Es war wunderschön. Ob kunstvoll geschnitzte Spazierstöcke, Plastiken aus Baumresten, Bänke die er aufmöbelte, Klotüren in Kubismusart und Baumstämme, denen er Strahlen vermachte. Einer der letzten mit einer Kamera fotografierte er nicht nur seine Käfer und Vögel. Beispiele seiner Sichten aus Vietnam in dunkel-hell geben einen prägnanten Einblick in diese andere Welt und hängen in seinem Wohnzimmer. Da sollen sie auch bleiben. Sein Garten steht voll von verschiedensten Plastiken die mich oft an indigenen Kunst Nordamerikas erinnernt. Sein Haus war und ist ein kleines Museum.
Jörg hatte keinen geraden Berufsweg.
Nach dem Abitur 1975 Bundeswehr als Sanitäter. Erst wollte er Medizin studieren. Stattdessen wurde die Biologie prägend für sein Leben.
In Frankfurt begann er sein Studium zusammen mit seiner geliebten Freundin, meiner Schwester. Es zog sie nach draußen. Gemeinsam arbeiteten sie in einer universitären Forschungsgruppe in Schlüchtern und widmeten sich der Ornithologie. Sie untersuchten Stadtbiotope in Frankfurt und verglichen sie mit Gebieten im Spessart. Ich bin ein paar mal mitgegangen. Bei Wind und Wetter, Tag und Nacht musste beobachtet, vermessen, katalogisiert werden. Geduld und Ausdauer bestimmten diese Zeit.
Nach dem Studium arbeitete er als Umweltberater, viele Jahre bei der Stadt Dietzenbach, zeitweise auch als stellvertretender Amtsleiter. Er legte Biotope an, betreute sie, kümmerte sich um Naturschutz im Alltag. Nach Umstrukturierungen begleitete er noch den Ausbau der Kläranlage. Danach verlor er seine Stelle. Das war eine schwere Phase.
Er arbeitete freiberuflich, unterrichtete, und folgte schließlich seinem langjährigen Interesse an Medizin und Pflege. Als Pflegehelfer arbeitete er in Altenheimen, bis es gesundheitlich nicht mehr ging. In der Zeit hat er seine Schwester liebevoll bis zu ihrem Krebstod gepflegt und begleitet.
Und dann war da die Erziehung seiner Kinder. Egal, was passierte, Jörg blieb immer lieb, immer freundlich, immer sanftmütig. Unfassbar. Ich kann mir vorstellen, dass das für den Partner, der auch mal emotional reagiert, manchmal nicht einfach war. Die Kinder, glaube ich, liebten ihn dafür. Nicht nur die eigenen!
„Jörg ist Teil meiner schönsten Kindheitserinnerungen“ schreibt Stella:
Sie erinnert sich: ….von der Schule zusammen nachhause kommen, Jörg und Max machen uns die Tür auf „Na, Mädels?“, Jörg hat für uns gekocht, immer so lecker, immer etwas Gutes, nie Mist!
Jörg hat uns als Kinder ernst genommen und er hat Witze mit uns gemacht…..Jörg hatte Autorität ohne ein strenger, kalter Vater zu sein. ….
Mark, der Besondere, nannte ihn Jörg „Akeback“. Dann hat Jörg dem Jungen die Hand auf die Schulter gelegt „Mark mein Freund! Wie geht’s?“. Die beiden haben sich verstanden.
Nicht nur für junge Leute war er da. Ein Beispiel in einem Schreiben an Katharina:
„Ich erinnere mich jetzt daran, wie dein Vater vor vielen Jahren mit unendlicher Geduld bis spät in die Nacht auf uns gewartet hat, bis wir ankamen. Wir übernachteten bei ihnen, deinen Eltern, nach einem Konzert, ich glaube, es war in Würzburg. Er erwartete uns mit etwas Warmem zu essen, und wir unterhielten uns an diesem Abend lange. Ich erinnere mich auch daran, wie er dich besuchte und etwas ganz Besonderes für die ganze WG zu essen zubereitete. Bei dieser Gelegenheit schenkte er mir eine gusseiserne Pfanne, die ich bis heute in liebevoller Erinnerung bewahre“.
Jörg kochte gerne und gut. Ich sehe ihn vor mir, wenn wir zu Besuch kamen. Dann stand er in seiner Küche, ruhig, gelassen, überlegt. Grinste und haute mir fest auf die Schulter. Irgendwann war das Essen fertig, ganz still und leise.
Und da war dann noch Glenn Gould. Von seinem Lieblingspianisten kannte er alles. Gespieltes, geschriebenes, gesprochenes. Seine Platten- und CD-Sammlung, auch der anderen Klassiker, ist umfangreich. Wie gerne habe ich mich von ihm weiterführen lassen in seine Welt der Musik.
Jörg hatte viele Höhen und Tiefen. Wir hatten Nähe und Entfernung, Freude und Trauer, wir hatten Abenteuer im Urwald und lange Exkursionen in Städten, Gespräche am Abend bis in die Nacht, liebten den Griechen unter uns, trösteten den Anderen wenn es nötig war und konnten zusammen lachen. Am Ende seines Lebens war er krank. Er veränderte sich, mir schien er introvertierter, antriebsloser zu werden. Und blieb Jörg, mein Freund.
Lukas schrieb mir, ihm kam er ausgewogener vor. Das freut mich. Die Bildern mit seinem Enkel einen Tag vor seinem Tod bestätigen das. Er war sichtlich glücklich. Ging nach Hause und starb im Schlaf.
Die letzten Jahre war er wieder öfters draußen. Oft bei den Kolkraben, seinen Lieblingsvögeln, hinten beim Friedwald. Dort stand er still, schaute, hörte zu.

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