Panamericana – meine Traumstrasse der Sehnsucht. Mit dem Bus auf dem Weg von Arequipa nach Paracas, Peru, den 28. März 2019 21:00 Uhr bis 29. März 10:00 Uhr

Der Bus war die Anden hinab auf die Panamericana gestoßen. Mit hoher Geschwindigkeit donnerte er durch Wüste und Nacht. Die Erinnerungen kamen. Dieselbe Strecke vor einem halben Jahrhundert. In einem Greyhound Bus über Arica nach Lima und weiter nach Guayaquil und Quito. Auf der Heimfahrt nach zwei Jahren Antofagasta. Auf der Panamericana, meiner Traumstrasse.

Verschlungen hatte ich Buch und Film, wollte nachreisen. Fast hätte ich es geschafft. In Etappen. Fast.

Von Antofagasta nach Santiago, weiter in den Süden Chiles, 2000 km bis dort, wo die Panamericana ins Meer abstürzte, regelrecht. Die Straße endete, eine Schranke, Wasser. Wir saßen auf den Stufen zur Anlegestelle der Boote, die auf der Rückfahrt vom Fang Krebse garten, sie heiß und frisch verkauften. Vanessa hatte mir beigebracht, wie man sie mit einem Schraubenschlüssel knackt. Sie holte Gläser Wein aus der Tienda gegenüber. Ein Fest am Ende der Panamericana.

1970 Lima, Tumbes Guayaquil, Quito. Da ahnte ich noch nicht, dass ich später fünf Jahre hier leben würde. Mit einer rappeligen Bus hinab in den Regenwald. Dort, wo die Straße am Fluss endete eine Baracke mit klammen Betten, einem dunklen Loch, die Küche, einem Verschlag, das Restaurant. Ich hatte Hunger. Es gab Sandwich. Es äschmeckte unbekannt, ich fragte. Hund. Mir wurde schlecht. Über den Fluss ein Stahlseil gespannt, daran eine Plattform ohne Begrenzung. Alles wurde darauf transportiert, Säcke, Hunde, Menschen, alles. Hinab auf die andere Seite ginge es im freien Fall, abgebremst am Ende durch Autoreifen. Ein Unterstand, die Bar mit BillardTisch und Coca-Cola Schild, das letzte. Reifenspuren verschwanden im Wald. Da lernte ich, kommen keine Cola- Schilder mehr, hört die westliche Welt auf. Rückwärts musste die Plattform gekurbelt werden. Hoch über dem Fluss wenig vertrauensvoll der Kurbler. Er hatte nicht immer Lust. Dann schimpften die Mitfahrer.

Ich habe später nach diesem Ort gesucht, ihn nie wieder gefunden.

Die Panamericana in Ecuador sind wir oft gefolgt, der höchste Pass 4500 m. Durch alle Klimazonen in die üppige Tropenlandschaft der Küstenregion. Und im Hochland hinauf zur Grenze nach Kolumbien.

Sehr viel später dann Bogota der Standort. Der Panamericana folgen wurde gefährlich, zu viele Entführungen. Die Botschaft riet ab. Gen Süden, hinab zum Magdalena Fluss, trauten wir uns. Sind es Uniformierte mit Schnürschuhen, sind’s Regierungssoldaten, sagte Juan Carlos. Haben sie Gummistiefel an, ist es die Guerilla. Dann fuhr er ganz vorsichtig. Auf dem Lastwagen vor uns nur Soldaten mit Gummistiefeln. Sie bogen ab in den Wald, wir atmeten aus.

Gen Norden bin ich der Panamericana in Kolumbien nur noch 50 km gefolgt. Fliegt, sagte die Botschaft. Wir flogen. Dann wurde ein Flugzeug entführt.

Heute, hat man mir erzählt, kann man wieder fahren. Und Bogota ist zu einer Perle südamerikanischer Städte geworden.

Auf Dienstreisen Guatemala und El Salvador auf der Panamericana durchquert. Mein Traum, ihr mit dem Motorrad durch die USA nach Kanada zu folgen, blieb ein Traum. Und Mexiko wäre auch noch schön gewesen. Nur Abstecher aus der Stadt waren vergönnt. Nicaragua, Panama, es fehlt einiges. Aber doch, aber doch, mit der Zeit wurden ein paar Träume wahr. Si Señor.

Arequipa, Peru, den 28. März 2019. Von freundlichen Leuten, dummen Leuten und Alpaka Produkten

Das Hotel hat keinen Stern, freundliches Personal, steile, enge Treppen und oben geht es noch enger eine Metallstiege hoch aufs Dach. Da haben sie einen verglasten Kasten drauf gesetzt in dem nochmals ein verglaster Kasten unser Zimmer ist. Die Aussicht auf die Vulkane über Hinterhöfe hinweg ist spektakulär bei klarem Wetter. Das hatten wir am ersten Morgen. Die Passage del Solar, verwinkelte Gassen ohne Verkehr mitten in der Stadt, mit Liebespärchen unter Bougainville ist romantisch.

Im Historischen Museum waren wir. Die ältesten Fundstücke 8000 Jahre alt. Ich stell mir vor, wie sie über die Behring Strasse wanderten, noch zugefroren, 14000 Jahre her, langsam nach Süden sickerten auf ihrem Weg als Jäger und Sammler, so 3 bis 4 km am Tag wanderten und irgendwann nach Peru kamen. Kann man sich ja ausrechnen. Obwohl: Thor Heyerdahl hat bewiesen, dass sie auch aus der Südsee hätten kommen können. Wahrscheinlich ist beides richtig. Vor- Inkaische Funde sind ausgestellt, bekanntester Ort Nasqa, weniger wegen seiner bunten Keramik, denn seiner nicht zu deutenden Linien und Zeichnungen auf dem Wüstenboden.

Und dann die Schlachtengemälde des Unabhängigkeitskrieges. 1821 war es soweit, Spanien musste aufgeben, Peru war frei. Fast. Nur ein kleiner Ort….wir kennen es, nicht Obelix und Asterix widersetzen sich, nein, die spanientreuen Arequipenier. Sie hielten ihrem König im fernen Land die Treue, sperrten Indios und Mestizen aus ihrem weißen Zentrum und ließen sich nicht befreien. Erst 1824 gaben sie auf. Nicht aber ihren Stolz, Abkömmlinge der Spanier zu sein. Bald hätte es geklappt. 1864 kamen sie zurück mit einer Kriegsflotte, die Spanier, doch die Peruaner wehrten sich, gewannen wiederum. Keine Ahnung, ob Spanien die Unabhängigkeit ihrer ehemaligen Kolonien heute anerkennt. Die Ausstellung war voller Heldenbilder. Anscheinend haben sie alle Kriege gewonnen, auch die, die sie verloren.

Ein ganzes Abteil dem Salpeterkrieg gewidmet. Das ist der, bei dem Peru und Bolivien dachten, sie könnten den Reichtum der Atacama Wüste, gerade entdeckt, unter sich aufteilen. Und ziemlich eine auf den Deckel kriegten von Chile. Peru verlor den heutigen Nordteil Chiles und Bolivien den Zugang zum Meer. Wenigsten wurde in der Ausstellung der peruanische Kommandant von Arica zitiert, „heldenmütig bis zur letzten Kartusche kämpfen“ zu wollen. Und der Übermacht auf dem Marktplatz hätte weichen müssen. Na, das weiß ich besser. Der musste zwar der Übermacht weichen, aber oben im Fort weil er aus lauter Dummheit die Kanonen zum Hafen hin fest installiert hatte.
Es war so:
Ich war von Antofagasta die lange Strecke durch die Wüste mit dem Bus nach Arica gefahren um Angela zu besuchen und stieg mitten im Durcheinander junger Männer aus, alle in Uniformen aus dem 19. Jhdt. gekleidet. Sie spielten, wie jedes Jahr, ich nehme an, um die Peruaner zu ärgern, die Erstürmung des Fort nach. Der Morro,

Arica, Chile: El Morro de Arica, a site of an important battle during the War of the Pacific Published Boy Heretiq

wie ein Drache lang vor dem Hafen liegend und über der steil abfallenden Schnauze vom Fort gekrönt, den hatten die Chilenen einfach von hinten, vom Schwanz aus bestiegen und gestürmt. Auf die Idee waren die glorreichen Unterlegenen nicht gekommen. Der Kommandant soll sich mitsamt Pferd von der Klippe gestürzt haben. Von all dem steht nichts in der Ausstellung. Einzig, dass alle Helden waren und einer Übermacht getrotzt hätten. Das nenn ich nicht Heldentum sondern Blödheit.

Wir haben dann noch Handwerkskunst besichtigt. Hast du eine Auswahl gesehen, hast du alle gesehen. Alpaka in Überfluss. So viel Alpakas gibts gar nicht wie Wollprodukte angeboten werden. In einem Luxusabteil haben sie uns einen Mantel aus Vikunja Wolle gezeigt. Mit dem Mund geblasen oder so. 6000,- Euro.

Heute Abend Bus nach Paracas. 13 Stunden.

Arequipa, Peru, den 28. März 2019, 10:00 Uhr, 21 Grad wolkig.

Die Mexikaner verlangen eine Entschuldigung von Spanien und dem Vatikan für begangene Gräueltaten der Konquistadoren. Kann ich gut verstehen. Schlächter waren sie, die Eroberer. Aber die heiligsten Namen haben sie ihren Orten gegeben. Villa de Nuestra Señora de la Asunción del Valle Hermoso de Arequipa zum Beispiel. Arequipa ist geblieben. Und: „die weiße Stadt“. Wahrscheinlich weniger wegen des schönen weißen Vulkangesteins, aus dem Kirchen und Paläste der Altstadt gebaut wurde. Ich finde die Interpretation schlüssig, dass die „weißen„ Spanier unter sich bleiben wollten und Indios den Zutritt verwehrten.

Nachts aufgewacht. Die Nase blutet, hört nicht auf. Höhe, Alkohol und Aspirin waren wohl zu viel für sie. Heute Morgen gehts ihr wieder gut. Muss auch, sind noch einige Kirchen und schöne Plätze zu besichtigen. Abend um 9:00 fährt der Bus nach Paracas. 12 Stunden.

Geordnet, quadratisch und sauber das alte Zentrum um die Plaza de Armas herum, wie es sich für ein Weltkulturerbe gehört. Chaotisch der Rest der Stadt. Häuser im wilden Baustil ineinander, aufeinander geschachtelt, zerfallen, angebaut. Chaotisch der Verkehr in den engen Gassen rauf und runter. Am Rande der Altstadt hören die Touristenströme auf. Wir sind schnell wieder umgekehrt zurück in das geordnet historische.

Und haben das Kloster Santa Catalina besucht. Sehenswert. Allein der Farben wegen. Und der Größe wegen. Eine kleine, altertümliche Stadt in der Stadt. Stunden in einer anderen Welt. http://www.santacatalina.org.pe/index.php/es/

Coca Bonbons stellen Sie her. Gegen den Soroche, die Höhenkrankheit. Die lutsch ich jetzt.

Tagsüber sind die Gebäude grau, hellgrau, weiß. Nachts angestrahlt in romantisch gelbem Licht. Und alle Touristen sagen: ahhh, ohhh, wie schön. Wir auch.

Arequipa, den 27. März 2019. Kalt die Luft heroben

Ich hab ihn gehört heute Nacht. Der Berg grollte. Ein tiefes Fauchen, mehrmals. Pause. Wieder. Drei Vulkane erheben sich hinter der Stadt gen Norden. Sechstausender, fünfeinhalb der kleinste, schneebedeckt. Einer davon aktiv. Leichte Angst macht er mir, erinnert mich an unser Leben in Quito. Wie hier auf 2400 m die Wohnung, dem Pichincha gegenüber, knapp 5000 m hoch, manchmal mit einem Schneekranz versehen. Den haben wir bestiegen und in seinen Krater geschaut. 1999 war der Guagua Pichincha aktiv. Hier werde ich nichts besteigen, bin froh, ohne Luftnot in der Stadt herumzulaufen. Täglich soll es Erdbeben geben. Dabei ist der von einem schweren Erdbeben zerstörte Glockenturm noch nicht lange wieder hergestellt. In Lima fällt einem der Himmel auf den Kopf, hier sind es Steine. Ich hasse Erdbeben!

Gestern Abend angekommen, vom Flughafen aus geht es hinunter in die Stadt und wieder hinauf auf die Plaza voller Menschen. Er ist schön der Platz, umgeben von doppelstöckigen Arkaden und beherrscht von einer Basilika, die die gesamte Breite einnimmt, mit ihren beiden Türmen filigran wirkt und Dauerblitzgewitter aushält. Der Platz ist rammelvoll mit Touristen, Schlepper mit schlechtem Englisch nötigen zu Lokalbesuchen, Verkäufer nachgemachter Silberketten halten einem ihre Produkte vor die Nase und ältere Herren mit Safari Westen und Fotoapparaten vor dem Bauch ersetzen die früher so beliebten Kastenkameras mit Tuch, hinter der der Fotograf verschwand und wie mit Zauberhand ein verschwommenes Bildchen schuf. Fällt mir gerade ein: wo sind die Schuhputzer? Lohnt es nicht mehr bei den Tennis tragenden Touristen?

Lima, Peru, den 26. März 2019; diesig, 22 Grad

Lima ist hässlich, Lima ist schön!

Langsam hab ich die Schnauze voll von den anderen Welten. Ist das Fass voll? Fällt es mir schwerer, mich auf andere Kulturen einzustellen? Hab ich vielleicht Heimweh??? Es dauert noch. Erstmal fliegen wir heute nach Arequipa. Ich wollte unbedingt, war noch nie da, immer nur vorbei gefahren. Soll schön sein.

Lima ist hässlich. Lima ist heiß. Voller Autos, voller Krach, voller Leute, voller Staub und wenn du Pech hast, auch voller Nebel. In Lima regnet es nicht. Es nebelt. Der kalte Humboldt Strom stößt auf heißes Wüstenklima, Nebelschwaden ziehen zwischen häßlich, verkommenen Hochhäusern neben verglasten Prachtbauten hindurch, decken kleine nachgemachte Kolonialbauten zu, eingezwängt zwischen wuchtigen Klötzen ohne Charakter. Manchmal ist ihnen das Geld ausgegangen, Skelette bröckeln vor sich hin.

Und dann der Verkehr. In den Stoßzeiten morgens, mittags und abends verstopfen Autos Straßen. Peru - 144Dazwischen die kleinen und großen Busse, alt, privat, zusammengeflickt. Wehe, wenn sie losgelassen! Kaum sind einige Meter frei, donnern sie in kleinste Lücken, Meter um Meter sich vorwärts drängelnd. Möglichst den Konkurrenten die Fahrgäste klauen. Beifahrer hängen aus den verklemmten Türen, schreiend wie Markthändler ihre Ziele anpreisend. Einen hab ich gesehen, der wollte unbedingt den Fahrgast gewinnen, er hatte ihn am Arm, drängte zur Tür, doch der wollte ganz woanders hin. Der Fahrpreis ein Peso, 25 Cent nach Euro Geld, ist moderat, davon kann man offenbar nix investieren. Fernbusse neuester Provenienz tauchen hie und da wie weiße Schwäne dazwischen auf.

Hatte ich nicht geschrieben, Latinos bewegen sich langsam? Limetten (oder wie heißen die Bewohner Limas?) nicht. Bewegt sich wer langsam, sind es wir oder Menschen vom Land. Hier wird gehetzt. Vielleicht wollen sie das Elend um sie schnellstmöglich hinter sich lassen und um die Ecke biegen.

Denn Lima ist schön. Biegt man um die Ecke, ist plötzlich der Lärm zum Hintergrundrauschen abgesunken, nette Häuser, kleine Parks, Menschen mit Kindern spielen darin, Wächter und private Polizisten passen auf, dass der Idylle nichts passiert. Dicke Autos mit schönen Frauen darin fahren langsam um die Ecken, schlanke Menschen auf Fahrrädern wagen sich in den Verkehr. Neuerdings flitzen Elektroroller dazwischen hin. Und öfters finden sie Radwege, eigene, freie Spuren falls nicht gerade einer der Luxuswagen dortselbst abgestellt wurde.

Frank wohnt in solch einem Viertel, gegenüber der Deutschen Schule. Eine ruhige, angenehme Gegend, durch die ein kühlender Wind weht. Staubig ist es auch hier, doch eifrige Dienstboten kehren fleißig.

Unser Lieblingsstrecke gehen wir möglichst täglich. Peru - 407Oben an der Steilküste entlang, 160 Meter über dem Wasser, durch frisch grün gehaltene, großzügig angelegte Parks mit Fußgängerwegen und Radwegen und Spielwiesen und Sportgeräten und Tennisanlagen und Skaterplätzen und dem Plateau mit dem Start- und Landeplatz für Gleitschirmfliegen. Zumeist fliegen sie Tandem, vor bis zum Larco Mar, dem Luxus-Einkaufszentrum ,das wie ein Vogelnest in die abfallende Küste geschlagen wurde, an den großen Hotels vorbei, zurück an die Küste bis hoch gen Callao. Die Kamera am langen Selfi-Arm hält Schrecken und grandiose Aussicht für Freunde fest. Auch wenn es billiger wäre, mich kriegt keiner dazu, mit Anlauf vom Felsen zu stürzen. Zurück unten am Wasser, an Surfern und Badenden vorbei, Welle um Welle rollt heran mit ohrenbetäubenden Krach den steinigen Strand bewegend. In Abständen Schilder, die Fluchtwege bei Tsunami-Warnungen kennzeichnen. Mir wird beim Aufstieg zum Hochplateau sehr heiß.

Dann ist da noch zu nennen die gut restaurierte Altstadt mit dem Präsidentenpalast, der Kirche und den Patrizierhäusern mit ihren Holzbalkonen, voller Touristen, Peru - 139Fremdenführern und Taschendieben. Schön ist er schon, der Platz. Einige Straßen weiter wird die Altstadt immer älter. Und die Straßen sind wieder grau und verstopft. Wie gehabt.

Frank lebt gerne hier. Er ist Peruaner geworden.

Lima, Peru, Samstag, den 23. März 2019, 9:30, 25 Grad, diesig.

Meine Momi, meine Momi, kräht sie, die süße Maus, läuft hinter M her, nimmt ihre Hand und strahlt sie an. Frank hatte mal wieder „meine Mutti“ gesagt. Sie rennt durch die Gegend, schwenkt die Arme, lacht und spricht zumeist spanisch.Unsere MarieLuchi. Groß ist sie geworden. Das Schämeriche am Anfang ging schnell weg. Sie ist mit mir in den Park hinterm Haus, durch die Hintertür raus gegangen. Da ist ein Denkmal für Alexander von Humboldt, das hat sie umarmt. Da hatte ich sie beide, meine bevorzugten Latinos. Und wenn sie nicht will, schreit sie NONONO! Nix zu machen, sie will nicht.IMG_0755IMG_0753

Gestern Morgen, Freitag, um 2:00 Uhr aufgestanden, um 4:50 ging der Flug. Die Uhr musste nochmals 1 Stunde zurück gestellt werden, Peru liegt 6 Std. von Deutschland entfernt. Die Stadt, ein Verkehrschaos. Wie immer. Frank hatte Frühstück zubereitet, ich war müde und konnte nicht schlafen. Abends im neuen Lokal von Gastón Acurio. Acurio ist der berühmteste Koch von Peru. In seiner Kochschule lernen junge Menschen aus armen Gegenden, von Starköchen aus den Lokalen Arcurios unterrichtet. Koch werden ist zum Traumberuf junger Menschen geworden. Und die Küche von Peru gehört zu der besten auf der Welt.

Heute gehen wir in die Stadt. Und an der Steilküste spazieren. Sie ist unvergleichlich schön. Ich wüsste gerne, wann dieser Küstenabschnitt abgesunken ist.Peru - 169

Warum mir die Latinos gefallen (die, die nicht in der Zeitung stehen)

Unser letzter Tag, morgen, Freitag um 4:50 Uhr geht der Flug nach Lima. Kurz nach Mitternacht müssen wir aufstehen. Die spinnen, die Flieger. Heute Abend hat Juan Pablo zum Churrasco eingeladen. Richtig Fleisch gibt es noch mal. Ich bin aufgeregt. Und überlege, warum mir das auf diesem Kontinent so gut gefällt.

    • Menschen sind herzlich, viele
    • Sind freundlich, begrüßen mit Abrazo-Umarmung
    • Haben Freude am Leben
    • Feiern und Freunde treffen ist wichtig
    • Sind sehr gastfreundlich
    • Bewegen sich ruhiger, langsamer, träger. Frauen gehen aufrecht wie Königinnen. (Sogar die Belegschaft im Supermarkt). Einige auch ganz schön sexy
    • Leben ist entstresster. Arbeit ist notwendig aber nicht der Mittelpunkt
    • Bäume dürfen stehen bleiben, auch wenn sie den Bürgersteig völlig aus den Fugen heben. (Hier in Santa Cruz gibt es eine Bürgerinitiative, die Bäume schützt)
    • Es muss nicht alles so sauber und ordentlich aussehen, als wäre es gestern erschaffen. Obwohl: die Häuser sind oft schön
    • Das Klima ist überaus angenehm. Nun ja, dafür können die Menschen nichts. Und in den Hochanden und in Patagonien ist es rau.
  • Mein Auge freut sich – ich gebe es zu – an den vielen schönen Frauen

Ich glaube, summa summarum ist es die einfachere Lebensart und die Freundlichkeit vieler Menschen. Der Fokus liegt nicht auf Arbeit, Sauberkeit, Vorankommen. Er liegt eher auf dem Miteinander. Und dann erst kommt das Andere, (Über)Lebensnotwendige. Ich fühl mich einfach wohl. Auch wenn sie uns schon auf den Kopf geschlagen haben. Das waren die, die oft in der Zeitung stehen.

Ach ja, hätte ich bald vergessen: Man streitet sich nicht bei festlichen Anlässen in der Familie und bei Freunden. Meinungen werden stehen gelassen, konfliktive Themen ausgeklammert. Für politische Auseinandersetzungen gibt es Gremien. Das hat man uns schon vor langer Zeit in Ecuador erklärt. In Südamerika können wir es berücksichtigen, in Deutschland fällt es schwer.

Und wo bleibt das Negative, Herr R?
Damit fang ich gar nicht an, das verdirbt mir die Stimmung

Santa Cruz Bolivien
Fußgängerweg von Bäumen angehoben
p1020041
Herzlicher Abrazo

Bolivien: Santa Cruz Zentrum der Opposition II

Unsere Freunde sind alle gegen ihn, den Cocabauern vom Hochland, den Präsidenten, der es nicht sein dürfte. Alfredo erzählt, was alles schief läuft. Alles läuft schief. Sagt er. Wir sind fassungslos. Viele offiziellen Angaben sind positiv, seit er an der Regierung ist, aber sie erkennen es nicht an. Es stimmt, die Schulen, die wir kennen, sind arm. Krankenhäuser sind überbelegt und unterversorgt. Und der Anteil am Gesundheitswesen, den die Regierung finanzieren muss, der kommt nicht, sagt Alfredo. Es gibt gute Nachrichten und es gibt schlechte. Bei allen Erfolgen ist Bolivien noch immer das Armenhaus Südamerikas.

Was wir wissen ist:

Das Land ist geteilt. Die Mehrheit der Indios im armen Andenhochland sind für Präsident Morales, das reiche Tiefland möchte sich am liebsten separieren. 21F und „No es No“steht auf den Plakaten, an Mauern, wird im Karneval groß im Zug mit getragen. Und eine mächtige (und reiche) Oppositionsgruppe hat sich unter diesem Slogan organisiert. Am 21. Februar 2016 fragte Morales das Volk in einem Referendum, ob er sich 2019 nochmals als Präsident zur Wahl stellen dürfe. Das Volk sagte mehrheitlich Nein. Doch Morales möchte umbedingt die Feier zur 200jährigen Unabhängigkeit von Spanien als Indiopräsident anführen. Und der Welt zeigen, dass 200 Jahre weißer Oberschichtendominanz vorbei ist. Und Spanier samt Nachfolger nun endgültig abgelöst sind.

In der Tat hat sich die Verteilung des Reichtums seit der Wahl von Morales zum Präsidenten 2006 verändert. Grundlegend. Die Spanier wurden zum reichsten Land der damaligen Welt, sie beuteten die exorbitanten Vorkommen an Silber und Zinn so extensiv aus, dass heute nicht mehr viel vorhanden ist. Der sierro rico (reicher Berg) in Potosi war mal fast ganz aus Silber, ich habe in bestiegen, er sieht aus wie ein löchriger Käse. Im Salzsee Salar de Uyuni liegen die weltweit größten abbaubaren Vorkommens an Lithium, wichtigstes Leichtmetall für die Produktion von wiederaufladbaren Batterien. Und im tiefer gelegene Teil des Landes werden die größten Erdgasvorkommen Südamerikas gefördert und Landwirtschaftsgüter exportiert.

Um die Verteilung dieses Reichtums geht es im Konflikt. Die reicheren Provinzen sitzen auf lukrativen Ressourcen und möchten sie weitestgehend für sich behalten. Der Lebensstandard in Santa Cruz ist der höchste im ganzen Land, mehr reiche Menschen auf einem Haufen gibt es sonst nicht in Bolivien. Alfredo ist der Meinung, das komme davon, weil so viele tüchtige Menschen hier her ziehen, Geschäfte und Industrien aufbauen würden. Man sieht es, im Industriegürtel wird nach europäischem Standard produziert, in der Stadt eher traditionell-chaotisch. Und Santa Cruz wächst in Höhe und Breite. Einige Hochhäuser sind sehr schön. In ihnen, stelle ich mir vor, sitzen die reichen Herren und organisieren den Widerstand. Es war der Gouverneur von Santa Cruz, der als Erster die Zusammenarbeit mit der Regierung aufkündigte. Seine Kollegen aus dem Halbmondgürtel, da, wo die Schätze in und auf der Erde liegen, zogen nach. Sie reden nicht mit der Regierung.

Evo Morales begann nach seiner Wahl 2005, jahrhundertalte Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Die Gasförderung wurde verstaatlicht, direkte Steuereinnahmen aus dem Gasgeschäft, die bisher den ressourcenreichen Provinzen zugute kamen, fließen verstärkt in die ärmeren Regionen. Soziale Projekte haben die Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung verbessert, die extreme Armut ist zurück gegangen. Doch die reicheren Provinzen sehen darin eine neue Ungerechtigkeit. Seitdem streben sie nach mehr Unabhängigkeit von der Zentralregierung. Sie wollen den Präsidenten bestimmen, der die 200 Jahre alten Oberschichtenverhältnisse wieder herstellt. Bei der nächsten Wahl im Herbst 2019 haben sie die Möglichkeit. Ihre Chancen stehen schlecht, die Indios sind aufgewacht. Und halten dagegen.

Letztes Jahr haben wir heftige Demonstrationen gegen den Präsidenten erlebt. Das ganze Land wurde mit einem Streik lahmgelegt, wir sind lässig auf der Hauptverkehrsstraße spazieren gegangen. Gruppenweise haben sie die bolivianische Fahne geschwenkt, es war lustig. Nicht so lustig war es in Konfliktzentren, staatliche Einrichtungen wurden gestürmt, es gab Tote und Verwundete. Schon 2008 schrieb die internationale Presse, das Land sei geteilt, für den Präsidenten unregierbar geworden. Bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten, von Oppositionellen angeheuerte bewaffnete Gruppen junger Leute griffen pro-Evo Demonstrationen an, töteten und verwundeten wahllos. Morales konnte die aufmüpfigen Provinzen nicht mehr betreten. Das hat sich verbessert, die Wucht und der Wille, ihn zu stürzen, wie auch immer, nicht. 

In Einem  verstehen wir unsere Freunde. Wer ein Referendum verliert, muss es anerkennen. Er aber hat das Verfassungsgericht und die Wahlkommission dazu gebracht, ihn trotzdem zuzulassen. Nun ja, bei Trump hat uns das aufgeregt, als der die obersten Verfassungsgremien mit seinen Leuten besetzte. Die dann mehrheitlich in seinem Sinn abstimmen sollten. Regt mich auch bei Morales auf. Obwohl ich ansonsten vieles gut finde, was er macht. Vieles nicht. Er regiert seit 12 Jahren. Und neigt zu Machtdünkel. Schade. Kommt davon, wenn man vom Cocabauern zum Präsidenten aufsteigt, obwohl – das passiert auch woanders.

PS: Ich komme ins Grübeln. Bin ich wirklich solch ein lupenreiner Demokrat? Sie haben getrickst, die Gewinner des Referendums, dem Präsidenten im Vorfeld der Abstimmung in großabgelegten Kampagnen moralisches Fehlverhalten, uneheliche Kinder, Geliebte, Nepotismus untergeschoben, mit Fakten, Halbwahrheiten und Fehlinformationen beeinflusst. Mit Halbwahrheiten und Lügen haben sie in England die Abstimmung zum Brexit auch gewonnen. Und beim Brexit hätte ich nichts dagegen, dass das Referendum wiederholt wird. Andererseits: Bei Evo weiß ich nicht, was wahr und was nicht wahr ist. Alfredo sagt: alles ist wahr. 

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