Chile 1968-1970

Träume du weiter, beschied ihm ein Freund im Dorf. Aber die Wirklichkeit ist hier. Sprachs, fuhr 50 Jahre lang täglich in den Nachbarort zum Arbeiten, heiratete und baute sich ein Haus. Meine Träume sahen anders aus. 

Zulassung zum Hochschulstudium (1973)

Das Wetter war trübe, ich kam aus dem Gebäude, das aussah wie ein Gymnasium und auch eins war, benommen, konnte es noch nicht begreifen und glauben. Auf meiner Urkunde stand: „Zulassung zum Hochschulstudium ohne Reifezeugnis“. Gut, das mit der offenbar mangelnden Reife juckte ein wenig, aber was soll´s, das Studium wartete. Soziologie und Volkswirtschaft sollten die Lücke in meinem Verständnis der Welt schließen, die mir in Chile bewusst  geworden war. Ein Traum wurde wahr, den ich noch nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Wer konnte auch den Weg von der Dorfschule über Dreher, Schmalspur-Ingenieur, Entwicklungshelfer bis zur Universität voraussehen? Zufall, dachte ich.

Entwicklungshelfer 1968-

Begonnen hatte die Wende in meinem Leben in Chile. Zwei Jahre als Entwicklungshelfer waren geprägt durch Nichtverstehen. In Antofagasta, einer Hafenstadt im Norden von Chile, 1400 km von der Hauptstadt Santiago entfernt, war ich 1968 gelandet. 

Sendboten Des guten Deutschland

Schon die 3 Monate Vorbereitung in Wächtersbach öffneten Tore. Landeskunde, Sprachen, Geschichte, da wurden Inhalte geboten, die interessant waren. Den Deutschen Entwicklungsdienst gab es noch nicht lange, wir gehörten zu den Pionieren und mussten Orientierungsläufe im Wald absolvieren. Falls wir mal verloren gehen sollten in den Entwicklungsländern. Wir lebten in einem verwunschenen Schloss in Erkern, Turmstuben, umgebauten herrschaftlichen Räumen und Dienstzimmern eng zusammen. Eine Gruppe ging nach Asien, die andere nach Afrika, wir waren die Latinos. Dafür hatte ich mich entschieden nicht nur wegen der Urwaldmädchen in meinem Buch, das Interesse an Lateinamerika begann mit einem Sanella-Einklebebuch. Bilder, Fahnen, Daten mussten von Margarine-Packungen gesammelt werden und die spannende Reisen eines Jungen durch Argentinien, Chile, Bolivien, Brasilien faszinierten mich. 

Nun war es soweit, selbst Erleben war in Reichweite. Dafür lernten wir, bildeten Gruppen, hatten Spaß. Wenig Glück hatte ich bei den jungen Frauen, der Tölpel aus dem Dorf kam zu oft durch und so kam ich zu einer bleibenden französischen Vokabel: jamais – niemals. Die Antwort kriegte ich nach einer erotischen Rangelei , die ich mit einem Welpenspiel verwechselte und zubiss. Da hatte ich eine Freundin weniger und ein Wort mehr. Die Abschiedsfeier fand im Rittersaal statt. Wir seien Sendboten des guten Deutschland, hatte der Leiter gesagt und benahmen uns aus Übermut wie Russen. Das Gläser-hinter-sich-Werfen war nicht einfach, unsereins ist vorsichtig beim mutwilligen Zerstören.

Staunenswertes Chile 

Wir flogen über Rio nach Santiago, und alles war neu. Die Umgebung war vorsichtig zu erkunden, die Kreise, die wir zogen, waren erst mal eng. Santiago de Chile, ein Konglomerat aus Reich und Arm, Alt und Neu, Vertrautem und Unbekanntem verwirrte. Die wuchtigen, historischen Gebäude aus spanischer Zeit im Zentrum kamen uns bekannt vor, solche Armut wie am Rande der Stadt machte sprachlos.  Die Menschen gingen langsamer, spielten Schach auf der Strasse, Schuhputzer waren da, ambulante Verkäufer und alle sahen anders aus als erwartet. Während die Verkäufer eher Indios glichen, waren doch die meisten offenbar europäischer Herkunft. Kein Wunder, die Spanier haben die Ureinwohner fast ausgerottet, das Land wurde Siedlungsgebiet. Nur die Tapfersten und Härtesten schafften es über die Anden oder durch die Maghellan-Strasse. Stolz war Chile auf seine Geschichte, die europäische Kultur und demokratische Tradition, Erbe der Einwanderer. Das sollte sich leider ändern. Wir aber staunten und sahen Deutsche, Engländer, Spanier, Jugoslawen und später Chinesen im Norden und manchmal auch Indios. Und natürlich alle möglichen Mixturen dazwischen. Sie sprachen Spanisch mit solch einer Geschwindigkeit, dass kaum etwas zu verstehen war. Hinter der Stadt erhoben sich majestätisch die Anden mit schneebedeckten Gipfeln. Es sah aus, als würde Santiago in die Berge hineinwachsen, von ihnen bewacht werden. 

Sprachprobleme

Der chilenische Sprachlehrer hatte zum Eingewöhnen Empanadas empfohlen. In der chilenischen Variante wird die Teigtasche mit Hackfleisch gefüllt, viel Zwiebeln, einem gekochten Ei, Rosinen, Oliven und im Ofen gebacken. Einer traute sich und bestellte statt Empanadas Empleadas bien calientes. Wir wären beinahe rausgeflogen aus dem Lokal. Nicht heiße Teigtaschen, heiße Dienstmädchen hatten wir bestellt. 

Sie verstehen mich nicht, ich verstehe sie nicht  

Antofagasta, die Wüstenstadt am Pazifik, ist umgeben von der Atacama, einer der trockensten Gegenden der Erde.

Flug von Santiago nach Antofagasta über die Atacama

Im Inneren werden Kupfer, Nitrat und Salpeter abgebaut, ihre Verschiffung hat die Hafenstadt wachsen lassen. Die Wüste geht gleich hinter der Stadt los, manchmal weht der Sand durch die Straßen. Es ist heiß, trocken und wenn es alle Jahre lang mal regnet fließt das dreckige Wasser durch die Löcher im Blechdach des Hauses die Wände herab.  

 Zugeteilt wurde ich der Technischen Universität, Abteilung Lehrlingsausbildung. Entwicklungsländer haben in der Regel kein System der Facharbeiter-Ausbildung wie bei uns, Praxis und Theorie wird, wenn überhaupt, in eigenen Instituten vermittelt. Was können sie denn so, verstand ich mehr intuitiv als spanisch beim ersten Gespräch mit dem Leiter, einem älteren, ruhigen und sympathischen Mann. Drei Jahre hatte ich in statischen Versuchen am Senkrechtstarter Belastungsgrenzen der Flugzeugteile mit vermessen. Mittels Dehnmessstreifen konnten Material-Veränderungen auf 1/1000 mm genau bestimmt werden. Und tagelang musste ich auf einer ratternden Rechenmaschine Ergebnisse ermitteln und in Tabellen eintragen. Aha, Messtechnik haben Sie gemacht, das können wir brauchen. Im Keller ist ein Labor, da steht sogar eine Messmaschine mit hoher Genauigkeit, die ist geschenkt und keiner von uns kann sie bedienen. Da können Sie unterrichten. Und da war ich Lehrer. Die Klasse verstand mich nicht, ich verstand nicht, warum sie noch nicht einmal wussten, was 1 m ist. Das Missverständnis war doppelt: auch sprachlich waren wir Welten entfernt. Das besserte sich langsam, aber nie haben sie kapiert, warum man auf ein Zehntel, sogar auf ein Hundertstel und genauer messen soll. Jeden Vortrag musste ich ausarbeiten und korrigieren lassen. Sr. Hernandez, der Chef, war langmütig und hilfreich, doch als ich eines Morgens mit dickem Kopf nach einer langen Nacht kein Wort raus brachte und die Schüler heim schickte, war das zu viel. Die sollen lernen!

Die Mondlandung fand ohne mich statt

Die Stadt war öd. Im Zentrum gab es einige kümmerliche grüne Pflanzen, die dauernd bewässert werden mussten. Einzig in der Nähe der Universität war ein langer, schmaler Park mit üppigen Palmen. Die Erde, so erzählte man mir, kommt aus Europa. Segelschiffe, die Kupfer oder Salpeter in Chile luden, , brachten Erde als Ballast mit, die hier aufgeschüttet wurde. Meine erste praktische Lektion in einseitigen Handelsbeziehungen, auch Ausbeutung genannt. Die Minen gehörten Ausländern, Gewinne wurden abgeschöpft und ins Ausland transferiert und den Chilenen blieb Erde. Um 17:00 war „Once“, Teatime, von den Engländern abgeschaut, die lange das Land wirtschaftlich beherrschten, aber keiner wusste, woher die Bezeichnung „Once“(Elf) kam.(Da die Leute früher keine Uhren hatten, begann der Tag bei Sonnenaufgang um 6 Uhr. Nach dieser Zählung war es um 17 Uhr elf, also once.) Um 18:00 war Plaza-Rundgang, ganze Familien schlenderten um den Platz, junge Mädchen präsentierten sich, junge Männer schauten zu und der deutsche Braumeister fuhr mit seinem offenen Mercedes die 3 asphaltierten Straßen rauf und runter, machmal hatte er Glück und eine Frau dabei. Sein Bier war gut. Dann kam schnell die Nacht und zaghafte fingen Lichter an zu flirren. Die Ereignisse der Welt gingen an uns vorbei, Fernsehen gab es kaum, die Mondlandung ging ohne unsere Teilnahme gut über die Bühne. Erst viel später erfuhr ich davon.

1969 starb mein Opa. Er hat mir viel bedeutet. Als das Telegramm kam, war er schon beerdigt worden

Wer Sind Neruda und Allende?

Enteignungen ungenutzter Ländereien, Übergabe an landlose Bauern, Diskussionen über Verstaatlichung der Minen, soziale Politik, all das war in Chile an der Tagesordnung der Christsozialen Regierung. Dann kam der Wahlkampf.  Wahlplakate mit Pablo Neruda als Präsidentschaftskandidaten tauchten auf und verschwanden, als die Kommunisten sich der Unidad Popular anschlossen und Allende zum Kandidaten nominierte.

Weder wusste ich, wer Neruda war, noch begriff ich, dass Allende eine neue Politik der sozialen Gerechtigkeit für das Land wagen wollte. Noch heute bedauere ich, kein Wahlplakat mit Neruda zu haben.

Wie ich zum Schmuggeln kam

Das Haus aus Hohlblocksteinen, nicht verputzt und tapeziert, war sichtbar Marke Eigenbau. Wohnkooperativen erhielten Baumaterial aus einem Regierungsprogramm und bauten ihre Häuser gemeinsam. Da wohnte Vanessa, la Comtessa bei ihren Eltern, wenn sie in Santiago war. Der Vater nahm mich mit zu seinen Freunden, wir tranken aus Kokosnüssen, die mit Schnaps verstärkt waren, gingen zum Fußball und spielten mit den Kindern. Die waren süß, nannten mich Monito – Äffchen – weil ich einen Bart hatte und wollten mich als Vater. Vanessa, die ich in einem Nachtlokal in Antofagasta kennengelernt hatte,  wechselte vom Tanzen  zum Schmuggeln. Ich half, wenn ich konnte. Arica, die nördlichste Stadt Chiles, 2000 km von Santiago entfernt, war Freihandelszone und billiger. Da kauften wir ein und transportierten die Koffer im Bus.  An der Hälfte der Strecke nach Antofagasta war in einem tief eingeschnittenen Cañon die Zollstation, alle mussten raus, nur wir wurden nicht kontrolliert, weil ich Ausländer und fern des Verdachtes auf systematisches Zollvergehen war. Es war zu wenig, was übrig blieb, mein geringes Unterhaltsgeld reichte nicht, die Eltern hatten nur ein Einkommen zum Überleben und Vanessa verschwand wieder, um mehr Geld zu verdienen. 

Pünktlichkeit ist nicht überall eine Zierde

Der Umgang mit der Zeit war schwierig zu erlernen. Um 20:00 Uhr war ich eingeladen und stand geschniegelt und gebügelt vor der Tür. Das verursachte ein größeres Dilemma. Die Hausfrau hatte noch die Lockenwickler eingedreht, der Hausherr lag in der Badewanne. Ich wurde zwischengeparkt und bekam diplomatisch verpackt meine Lektion. Eine Stunde später erscheinen ist immer noch zu früh. Sonntags machen sie einen Churrasco am Strand, sagte der  Kollege, mit ihren Frauen, Wein, viel grillen und guter Laune, Gringo komm mit, um 9:00 an der Uni. Bis elf wartete ich, da kam der Erste.

Grillen am Strand mit Kollegen und Frauen

Am Wochenende hat die Zeitangabe nur symbolischen Charakter. Alles vor 12:00 bedeutet Vormittag. In der Tecnika war das anders.  Disziplin war wichtig, Verspätungen wurden geahndet. 

Oreja de Burro

Der Yachtclub hatte 4 alte Holzboote und residierte auf der Mole, die vordem zum Beladen der Segelschiffe diente. Gleise auf dem baufälligen Holzsteg und alte Schuppen zeugten noch davon. Von hier aus wurden die Schaluppen beladen, die hinaus zu den Seglern fuhren, Kupfer mitnahmen und Sand brachten. Am Ende des Stegs über dem Wasser stand eine Holzhütte, das Clubhaus.

Mole mit Clubhaus am Ende

Jorge war als Nachfolger Kontikis Einhand nach Honolulu gesegelt und hielt Kurse. Oreja de burros bezeichnete plastisch die wie Eselsohren abstehende Fock und Hauptsegel, wenn sie nach beiden Seiten ausgestellt mit Wind von hinten sich blähten. Andere Techniken waren schwerer zu lernen. Wir Deutsche EHs segelten zusammen in einem Boot die Osterregatta. Bei der letzten Einzelwertung schafften wir den Sprung auf den 2. Platz in der Gesamtwertung. Einfach dadurch, weil alle versuchten, mit dem Spinnacker, dem großen, bauschigen Vorsegel, im Wechselwind von hinten zurecht zu kommen, nicht zurecht kamen, wir diese Technik nicht beherrschten und mit den oreja de burros als 1. einliefen. Zuverlässig wie die Alemanes, lobte man uns.

Es muss schmecken

Seeigel war für die Chilenen eine besondere Köstlichkeit. Verkäufer mit ganzen Bündeln dieser stacheligen Viecher waren schnell ihre Ware los. Scharf gewürzt mit Pfeffer und Salz, zermatscht und mit Petersilie überstreut war die rot-glitschige Masse offenbar eine Leckerei. Mir war übel. Du musst das 5 mal essen, dann schmeckt es wunderbar. Beim vierten Versuch fing es an, besser zu schmecken. Oder Kutteln, Magen, Darm mit Saubohnen in einer braunen Soße gekocht.

Die Bohnen schmeckten, die Kutteln waren glibbrig. Und die Hausfrau schaute neugierig zu. Es musste schmecken. 

Cola de Mono

Drei Tage dauert das jährliche Fest zum Gedenken an den Sieg über die Spanier und die Unabhängigkeit. Im Stadion waren Buden aufgebaut, Cola de Mono war das Getränk der Nationalfeiertage, ich lernte es kennen. Sein kakaoähnlicher Geschmack überdeckt den Pisco, ich trank zuviel und kam nur mit Schwierigkeiten durch das Stadiontor. 

Hier das Rezept:

1Flasche Pisco,  Aguardiente oder Vodka

5 Ltr. gezuckerte Milch oder 5 Dosen süße Kondensmilch

2 Tassen Mokka (stark)

Schalen von 3 kleinen Zitronen

2 Zimtstangen, 5 Nelken, 2 Vanilleschoten, 2 Prisen Muskat

Milch mit Nelken, Zitronenschalen, Zimt aufkochen, kalt werden lassen (24 Std.), Kaffe dazu geben, 5 Min ziehen lassen, durchsieben (sieht aus wie Spülwasser, Goran hat das fertige Produkt mal weggeschüttet weil er mir beim Aufwaschen helfen wollte) und dann zum Schluss den Schnaps dazu und mit Muskat würzen. In Flaschen abfüllen und schnell verbrauchen. Bei einem größeren Fest kein Problem.

PS: Mit Eis schmeckt er auch gut

Von Langusten und deutschen revolutionären

Der Süden des Landes ist grün und fruchtbar. Wir saßen auf der Mole in Puerto Montt, Fischer legten an, verkauften die auf dem Boot frisch gekochte Langusten. So was hatte ich noch nicht gesehen, geschweige gegessen. Wir liehen uns einen Hammer, ich lernte die Scheren zertrümmern, wir tranken Wein aus der Flasche und hatten ein Festmahl. 

Die Gegend war überwältigen schön mit den Seenplatten und dem Vulkan ähnlich Fujiyama, erinnerte an die Schweiz und ist  deutsch.

Puerto Montt 2009 Wikipedia

Nach der bürgerlichen Revolution 1848 hatte der chilenische Präsident gescheiterte deutsche Revolutionäre als Kolonisten angeworben, um die Seenregion in das Mutterland einzugliedern. Ihre Nachkommen sind immer noch da. 

Tsunami

Mit dem Boot durch Mangrovenwälder gelangt man zu einer Bucht und einem Fischerdorf. Nur oben auf der Steilküste stehen noch Häuser. Schon auf der Fahrt waren die überschwemmten Wälder aufgefallen und Schiffe, die an Berghängen gestrandet waren. Die Leute erzählten noch immer, als ob es gestern gewesen wäre. 1960, am 22. Mai, hatte die Erde gebebt wie noch nie seit Menschengedenken. Von Valdivia bis Puerto Montt und weiter waren Städte und Dörfer zusammengefallen. Das schlimmste Beben, das es jemals gegeben hat, löste einen Tsunami aus, der über Hawaii bis nach Südafrika Verwüstungen anrichtete. Die Menschen nannten es Seebeben und erzählten, wie das Meer weg ging, weit, weit, sie sahen den Meeresboden KM entfernt mit hüpfenden Fischen und dann kam die Riesenwelle zurück, zerschlug die Fischerdörfer am Strand, nahm Schiffe und Boote mit, rollte den Fluss hoch, trug Dampfer und Häuserreste auf die Berghänge und erreichte die Stadt. Es war nach dem Beben die zweite Katastrophe. Die dritte drohte Wochen später. Das Erdbeben hatte den Ausfluss eines Sees in den Bergen zugeschüttet. Das aufgestaute Wasser hätte die Stadt gänzlich vernichtet. Im letzten Moment konnten Sprengungen den Lauf verändern. Noch 1969 waren die Schäden zu sehen. 

Adobe Hütten sind auch nicht das Wahre

Eine Zeitlang wohnte ich  in Notunterkünften. Adobe-Hütten aus selbstgebrannten Lehmziegeln mögen atmungsaktiv sein, meine bröckelte und staubte in der Hitze. Auch andere EH formulierten Kritik an der Vorgesetzten, wir schafften es, sie abzusägen. Ich kriegte zwar keine bessere Wohnung aber einen Stolz auf den Erfolg. Meine erste Protestaktion gegen die da oben! Von der Studentenrevolte hatte ich zu dem Zeitpunkt keine Ahnung. Die war an mir vorbeimarschiert.  

Ein langer Weg nach Hause 

Der Arzt hat eine Überdosis Arsen in mir festgestellt plus noch einige Mikroben. Darf kein Leitungswasser mehr trinken, Alkohol muss aushelfen.Die Kollegen raten, zu heiraten, Latinas seien ihr Leben lang dafür dankbar. Den Rat folgten sie selber und verlobten sich. Der DED bot eine Verlängerung an. Ich konnte mich nicht entschließen, schob die Entscheidung hinaus. Ich machte mich 1970 auf den weiten Weg per Bus und Schiff und Vanessa ging zu ihrem Mann zurück. 

15 Kommentare zu „Chile 1968-1970

  1. Schön erzählt ! Aber was machst du danach, wen du alles erzählt hast? Was ist denn die Reflexion , was waren denn die „lessons learned “ am Ende des Lebens ? Das sind Fragen die mich bewegen, die ich mir selber stelle und deshalb auch dir. Können wir darüber reden? Geht da was ?

    1. Ja natürlich können wir darüber reden, gerne! Ich glaube, es war letztendlich eine eigene Art erwachsen zu werden mit einem breiteren Horizont. Melde dich wie auch immer. R

      1. In Cali, Kolumbien bin ich. Deine Beiträge über Peru und Bolivien habe ich so zu sagen aus der “ Nähe“ verfolgt und vieles wieder erkannt wovon du erzählt hast – nach meinen vielen Jahren der Arbeit in Kolumbien, Chile und Zentral Amerika.
        Bei deinem letzten Beitrag über deine Kindheit, Jugend, Ausbildung und Bildung ist mir aufgefallen, wie ähnlich unsere Lebensläufe sind. Das hat meine Fragen motiviert, die auch Fragen an mich selbst sind, wenn ich auf mein Leben zurück blicke. Viele interessante Dinge gemacht zu haben, ist ja noch keine Begründung für ein Leben. Mich bewegen die Fragen wofür ich hier bin, ob es denn ein gelungenes Leben war, was ich denn verstanden habe und ob noch Baustellen bleiben.

        1. Lieber Werner, wann bist du mal wieder in Bonn? Über den Sinn des Lebens und über die Frage, ob unser Leben gelungen war, darüber sollten wir persönlich reden. Ich kann als erste Annäherung nur soviel sagen, dass ich immer wieder erstaunt bin, was mir alles im Leben passiert ist. Ausgehend von der Enge des Dorfes hab ich das Gefühl, da hat sich viel geöffnet. Da sind Perspektiven ermöglicht worden, die in der Kleinheit des Dorfes, ja auch der Eingeschränktheit unseres Landes nicht erreichbar sind. Gut, es gibt Menschen, die über Lesen ihre Perspektiven ausweiten. Ist bei mir auch wichtig, nach wie vor. Aber ich wäre nie auf die Universität gelangt ohne Chile. Nie zu der Wissensakkumulierung, ohne eigenes Erleben in den Ländern, in denen wir waren. Und diese Erlebnisse waren nicht nur positiv. Es ist für mich diese große Spanne, es sind diese Ausschläge, die mich dankbar machen. Nicht unbedingt durchweg glücklich. Dazu gehört noch mehr. In dieser Konstellation liegt der Sinn meines Lebens in den Erfahrungen. (Das nur eine erste Annäherung an das Thema). Was bei mir definitiv hinzu kommt ist die Familie. Nach wie vor haben wir einen guten Verband, sind füreinander da und mögen uns bei allen Unterschieden.
          So, erstmal genug. Grüße nach Cali
          Reinhold

          1. Erstaunlich die Ähnlichkeiten unserer Lebensläufe. Auch ich komme aus einem kleinen Dorf ( im Oberbergischen Land ) und Lesen war mein Zugang zur Welt und letztlich der Grund warum ich in die Welt gezogen bin. Es war die Suche nach Antworten auf Fragen, die ich anfänglich gar nicht stellen konnte. Erfahren habe ich Afrika, Asien und Latein Amerika und dabei die Welten der Magic, der Mythen und der Mystik kennen gelernt, in der Konfrontation mit meiner europäischen rationalen Sichtweise der Dinge – und es wurde mir klar, das ich alle meine Konzepte, mit denen ich losgezogen war, in der Pfeife rauchen konnte. Mit der Einsicht landete ich wieder da wo ich losgezogen war – bei mir selber.
            Ich schreibe dies insbesondere weil ich deine Aussage oben „was dir alles passiert ist“ für eine reduzierte Wahrnehmung halte. Wir finden nichts, was wir nicht gesucht haben. Es passiert uns das auf das wir uns eingelassen haben. Sonst wären wir nicht die Autoren unseres Lebens. Wir können Fragen “ warum tue ich was ich tue“ , bekommen Antworten und werden uns selber bewusst.
            Heute weiß ich von mir, das Verstehen mein Anliegen war und die reichhaltige Erfahrungen das Material dazu waren. Das ist bei dir ja auch so. Du kannst aus dem Vollen deiner Lebenserfahrung schöpfen. Nutzen wir das doch zur Reflektion in unserer letzten Lebensphase damit die Geschichte ,unser Lebenszyklus rund wird. Carpe diem !

          2. Es ist nicht zu glauben, Werner
            wie nicht nur unsere Lebensläufe sich gleichen, anscheinend auch unser Zugang zum Verstehen der anderen Welten. Begonnen hat es mit Lesen und danach war das Eintauchen in die Kulturen. So genau kann ich das gar nicht ausdrücken, merke ich gerade. Du hast ja noch Asien erlebt. Lateinamerika, glaube ich, ist einfacher zu er-leben. Mit-leben. Da ist vieles näher durch die Spanier. Zumindest in den Städten. In Afrika war das schon schwieriger (obwohl von deutscher Kolonialgeschichte noch einiges zu sehen war). Auf dem Land war das natürlich eine gänzlich andere Welt. Asien dagegen scheint mir sehr ferne. Ich hätte es zu gerne auch erlebt. Aber dafür reicht mein Leben nicht mehr.

            Es gibt bei mir, so scheint es, eine Ausgewogenheit an Zufällen und Zugreifen. Doch, ich hatte manchmal Glück, das aber hab ich umgehend beim Wickel gepackt wenn es zupass kam. Und dann hab ich häufig genossen. Ja, ja, auch eine und mehrere auf den Deckel gekriegt, aber letztendlich hab ich viel von einem Hedonisten. Nach Sinn frag ich wenig. Das Dasein in angenehmer, spannender, befriedigender Umgebung ist mein Ziel. Und mehr erfahren darüber WIE andere leben. Und manches davon annehmen. All das hat meine Wahrnehmung verbreitert, lässt mich die Welt anders sehen als viele meiner Zeitgenossen es tun. Hier in D finde ich den Eurozentrismus und Egoismus besonders stark. Richtig: Carpe diem.
            Jetzt weiß ich auch, warum wir uns so gut verstehen!
            Mach’s gut. Wann bist du mal wieder hier in diesem unseren Ländle?
            Liebe Grüße auch an Claudia

            PS: schick mal ein Bild

          3. Beim lesen über deine Jugendzeit musste ich erst mal lachen und feststellen“ kenne ich doch alles“. In dem Dorf in dem ich aufgewachsen bin war Wohnen und Stall in einem und der Mist gleich vor der Tür. Der entsprechende Geruch hing wie eine Glocke über allem, weil wir aber Teil von dem Dunst waren, haben wir das als normal empfunden. Ja, und beim Jauche ausfahren saß ich auf dem Fass und habe bei jeder Wende den Schieber auf und zu gemacht.
            Wir waren eine während dem Krieg aus Köln evakuierte Familie und so arm, dass ich im ersten Winter eine Zeit nicht in die Schule konnte, weil ich keine Schuhe hatte. Dann, ab dem nächsten Frühjahr ,habe ich die Kühe für einen Bauern gehütet und wurde dafür im Herbst mit Kartoffeln für die Familie bezahlt. Welcher Stolz! Auf der Wiese mit den Kühen , auf einer Decke liegend, habe ich dann meine Gedanken schweifen lassen und mich gefragt was denn wohl hinter den Wolken ist und den lieben Gott ein Arschloch genannt, um mal heraus zu finden ob es ihn überhaupt gibt. Denn wenn ja, würde der ja wohl reagieren. Hat er aber nicht und ich bin mein Leben lang kein gläubiger Christ geworden sondern einer der immer gezweifelt hat an den Credos der Erwachsenen. Meine Eltern , ohne nennenswerte Bildung, vom Leben gebeutelt und ratlos über das was ihnen geschah, waren da keine Hilfe. Ja und dann die Lehrer! Von vielen hatte ich den Eindruck , dass sie Kinder nicht mochten. Richtige Zuwendung bekam man von denen, wenn es Schläge auf den Hintern gab. Das hat meine Resistenz gesteigert. Während der Lehrer mir – über eine Bank mit den Gesicht zur Kasse auf den Hinteren haute, machte ich Fratzen in die Klasse, die alle lachten und worauf der noch fester zuschlug. Ich hatte gelernt wie Erwachsene reagieren wenn sie hilflos sind. Im Dorf gab es zwei Zwergschulen, eine evangelische und eine katholische, in der jeweils alle Schüler vom ersten bis zum achten Schuljahr unterrichtet wurden. Von denen wurden wir als voll ausgebildeter Zwergschüler entlassen – wie mein Bruder gerne lästert. Scheint keine gute Ausgangslage für den Start ins Leben. Und doch habe ich diese Phase in guter Erinnerung. Zuletzt hat das Gute, das Wahre und das Schöne überwogen -wie die Philosophen das Leben im Hier und Jetzt benennen. Deine Wahrnehmung, deine Interpretation als Hedonist passt da gut dazu.
            Nun, das Leben ist noch nicht zu Ende und mein Unterwegsein noch nicht abgeschlossen. Da muss noch mehr hinter den Wolken sein ( Smiley)
            Ich habe keine Fotos von mir. Ich frag mal Claudia – deine Grüße haben sie gefreut- sie hat bestimmt jede Menge.
            Nach Deutschland komme wir im nächsten Jahr. Ein Datum haben wir noch nicht, wir sagen natürlich rechtzeitig bescheid.

          4. Tja, wie sich die Geschichten gleichen! Du beschreibst es sehr gut. Müsstest du auch veröffentlichen. Ich weiss nicht, ob es geholfen oder behindert hat, unser Leben zu leben. Schliesslich sind wir da gelandet, wo wir heute sind. Und das ist eine ganze Menge, was wir erreicht haben. Gut, wir hatten es schwerer in unserem Bildungsgang als die bis heute gängigen höheren Bildungsgänge, offenbar mehrheitlich vorbehalten für Söhne und Töchter der höheren Bürger. Aber wir haben eine gehörige Summe an Widerstandskraft, mit verschiedenen Welten fertig zu werden. Das haben diese Söhnchen und Töchterchen der „gehobenen“ Klasse normalerweise nicht so. Denk ich mal. Es war einfach so. Manchmal gut, manchmal schlecht und in der Summe unser Leben. Ich möchte es nicht missen.
            Es freut mich sehr von Claudia zu hören. Seit Bonn bin ich ein Fan von ihr. Hast du meine Email um Fotos zu schicken?
            Bis dann und nochmals Grüße (Marianne bereitet gerade Feijoada vor, wir kriegen Besuch und Freunde kommen)
            PS: M sagt, ich hätte eine fundierte Halbbildung

  2. Danke, dass Du Deine Erinnerungen mit uns teilst. Ich wusste wenig bisher aus Deiner Zeit in Chile. Ich war ja ein Schulkind damals. Aber ich weiß noch, dass ich wahnsinnig stolz war, einen Bruder zu haben, der so in der Welt herumkommt.

    1. In der Welt herumgekommen, das stimmt. In der ersten Fassung hab ich noch viel über meine seelischen Zustände geschrieben. Und die waren nicht gut. Oft. Mich von Hommertshausen und Opa zu lösen, das hat gekostet und gedauert

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