Männlichkeitswahn

Der Erfolg der afd erschreckt mich. Bisher war ich ruhig. Bösartige alte Männer und Frauen gibt es überall, Protestwähler sind temporär. Im EU Durchschnitt, dachte ich, liegen wir gut {1}. Schon in meiner Zeit in Erfurt ermittelte eine Shell Studie für Thüringen, dass über 30% aufgeschlossen sind für rechtsextremes Gedankengut. Die neuesten Zahlen zeigen zwischen 8% und 12% mit extremer rechter Einstellung und ca. 20% mit Annäherung an faschistische Ideen. Das zeigt sich in Bayern deutlich: über 30% der Wähler haben rechts von der csu gewählt. Mit den 18% für die afd in Hessen schimmert dahinter eine neue Qualität. Die Schwelle, Faschisten zu wählen ist gesunken. Weil, und das ist neu, außer dem zentralen Kern immer mehr vormalige Protestwähler an die Heilsversprechen der demokratiefeindlichen Menschenfänger mit ihrem konservativen, radikalen männlichkeitsorientierten und menschenverachtendes Weltbild glauben.

Offensichtlich sind weiße Männer nicht nur in den USA besorgt um ihre Machtstellung. Noch immer gilt ein Mann gesellschaftlich mehr als der Rest der Menschen. Überall (außer in den communidades mit weiblicher Vorherrschaft, aber das sind nicht viele). Die gesamte Diskussion um Gender und Klohäuschen ist einzig geeignet, intellektuelle Eliten (oder die sich dafür halten) zu befriedigen. Natürlich hab ich einiges gelernt. Aber offensichtlich sind dieselben Informationen nicht geeignet um die Mehrheit zu erreichen. Die Wahl hat gezeigt, dass sie nicht gewillt ist, diesen plakativen Vorgaben zu folgen. Vor allem, weil sie andere, konkretere, praktische Sorgen hat.

Da wird ihr vorgegaukelt, die Industrienation Deutschland sei auf dem Abwärtsgleis (irre, die viertgrößte Industrienation geht pleite – nicht, weil unser Reichtum verlustig geht sondern weil wir WENIGER EXPANDIEREN). Oder unsere Autoindustrie, führend? MADE IN GERMANY führend, oder? Jetzt will die Frau auch noch, dass ich meine Schlappen selbst anziehe und einkaufen gehe (Brunetti macht auch nichts im Haushalt). Alles von dem links-grünen Gesocks vorgegeben. Und kein Fleisch essen! Fleisch, die Basisnahrung für starke Männer, am besten gegrillt. Und das brumm brumm Auto, sein Lieblingsspielzeug, soll er zumindest langsamer bewegen wenn nicht still legen in Zukunft. E-Autos ist was für Softies. Die Welt, in der Männer bisher dominierten, löst sich auf. Gegen diese Tendenz gilt es sich zu wehren meinen offenbar immer mehr Menschen (ja, ja, auch Frauen. Und Jugendliche). Und wählen entsprechen konservativ bis rechtsextrem. Lieber das als Umdenken. Wobei denken und Mann nicht oft zusammenpassen.

Die zweite Lehre aus dieser Wahl ist für mich noch erschreckender. Um die Klimakatastrophe nicht ganz zur Katastrophe werden zu lassen, müssten Maßnahmen ergriffen werden, die weh tun, an das Eingemachte, Althergebrachte gehen. Ich schätze, dass unsere Nachkommen unseren Lebensstandard nicht halten können wenn wir unser Leben und Wirtsvhaften nicht änder. Aber der SUV ist wichtiger als das Wohl der Enkel. Eine ungemeiner Egoismus schwappt für mich über, der schon bei den zaghaften Ansätzen der Änderung an der bisherigen Energievergeudung die Gefolgschaft verweigert. Nochmals: es wird kosten, wirtschaftlich und privat um energiearm und nachhaltig unsere Welt zu bewahren.

Wie aber sollen Unternehmen, die auf Deuwel komm raus Profit erwirtschaften müssen (Marx: bei Strafe des Untergangs) letztendlich insgesamt reduzieren? Ein Wirtschaftssystem, das auf Wachstum gründet, auf Ellenbogen, auf Gier nach mehr, neigt dazu, das, was sie einsparen durch Wachstum zu nivellieren. Und nur dann einzusparen, wenn sie unbedingt müssen.

Wenn also das Wenige der Ampel schon zu halben Volksaufständen und Abstrafungen an der Urne führt, wie sollen wir da über die Runden kommen und Klimaziele erreichen? Die CDU Hessen will Änderungen, aber vorsichtig. Wie die Mutter der Porzellankiste.

Und dann sind da auch noch diese vielen dunkelhäutigen jungen Männer (obwohl ich glaube, die sexuelle Komponente kommt bei uns weniger zum Tragen als in den USA) und Frauen sind ungewohnt verhüllt. Ein strammer Mann hat klare Vorstellungen, wie eine Frau auszusehen hat. So nicht! Das wird man doch noch mal sagen können. Und dann sagt er gleich noch mit, dass wir eine Wagenburg brauchen und dass Deutschland den Deutschen gehört. Doch die eingängige Lösung der afd – Grenzen dicht! – ist so ein Bsp. der Menschenfängerei. Tausende Kilometer deutscher Grenze lassen sich nicht abriegeln. Fragt die Amis. Nur die Dänen kriegen das hin, falls einer fragen sollte. Die aber haben nur eine 68 km lange Grenze.

Fremdheit irritiert. Solange wir existieren haben wir uns in Gruppen zusammen gefunden um gemeinsam besser zu überleben. Fremde störten, waren oft Feinde. Ich glaube, diese Reflexe liegen noch immer in uns. Fremde stören eingefahrene Gemeinschaften. Haben wir in unserer Gutmenschen-Euphorie bei der ersten Flüchtlingswelle das übersehen? Ich lerne aus den Einwanderungsländern USA und Brasilien. 1854 und 1862(?) sind die ersten Einlofts nach Brasilien ausgewandert. Mit ziemlicher Sicherheit in den Süden, wo schon andere Deutsche siedelten. Mit deutschen Schulen, Kirchen, Sozialgefügen. Erst nach dem WK I (Deutsche waren Feinde) drehte sich das Blatt, sie integrierten sich. Heute sind sie Brasilianer mit deutscher Kultur.

Ähnlich in den USA. Ganze Viertel waren von Deutschen, Italienern, Polen besetzt und es hat Generationen gedauert, aus ihnen Bürger der USA zu machen. Heißt: wer meint, Integration wäre mal eben schnell zu schaffen, irrt. Integration dauert bei den meisten Einwanderern Generationen und zusammen hocken muss erlaubt sein. Dann kann daraus mit der neuen, vermischten Kultur eine Bereicherung werden. Aber es dauert. Wir brauchen den langen Atem. Das musste auch mal gesagt werden.

{1} Rechtspopulistische Parteien bekamen bei den letzten nationalen Wahlen in Italien 34,8 Prozent, in der Schweiz 25,6 Prozent, in Schweden 20,5 Prozent, in Österreich 16,2 Prozent, in Frankreich 13,2 Prozent und in den Niederlanden 10,8 Prozent der Stimmen. Sie regieren nicht nur in Ungarn und Polen, wo es übrigens rechts der Regierungsparteien noch unappetitlichere Akteure gibt, sondern auch in Italien; in Finnland und Schweden sind sie an der Regierung beteiligt, demnächst vielleicht in den Niederlanden. (Spiegel)
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RE

3 Antworten auf „Männlichkeitswahn

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  1. Lieber Reinhold,

    Danke für diesen Ausbruch, der ziemlich genau meine Stimmungslage
    trifft. Was machen wir nur alle mit dieser Welt?

    Liebe Grüße, Adda

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  2. Nun, alle Gewissheiten sind weg. Kirche und Religion haben für viele ausgedient, Spiritualität ist nur für wenige zugänglich und alle sind aus der Trägheit der Wohlstandsjahre aufgeschreckt durch die auftauchenden vielfältige Bedrohungen wie etwa der Umweltproblematik und/oder der Informatik von der keiner weis wohin die Reise geht und welche Konsequenzen diese haben wird. Auch ist das Wachstumsmodell in Frage gestellt und bisher ohne aufgezeigte, gangbare Alternativen. Das verursacht Angst und Aggression die einen Adressaten braucht. Also wird nach einer Erklärung da draußen gesucht, denn selbst ist man ja nur Opfer. Solche Situationsbeschreibungen gibt es in vielen noch ausbaubaren Varianten.
    Das ist aber besten Falls die Hälfte der Erklärung . Es braucht Antworten auf die Fragen “ warum tun wir was wir tun“, “ warum bin ich wie ich bin“. Beide Dimensionen sind nicht zufällig, denn das Gesetz von Ursache und Wirkung hat keine Ausnahmen. Soll heißen , ich und wir sind die Verursacher dieser Welt, so wie sie ist. Sie ist aus unseren Handlungen entstanden. Besser gesagt aus unserem unbewussten Handeln, denn kaum einer kann auf die Frage antworten „warum tust du was du tust“
    Trieb und emotional gesteuert macht das gefräßige Tier in uns alles platt. Euer Opa hat davon gewusst und mit einem asketischen Lebenswandel geantwortet. Moderne Gesellschaften reagieren mit Zivilisation , mit Recht und Ordnung, um Zusammenleben zu ermöglichen. Immerhin fallen die deutschen Stämme nicht mehr übereinander her (oder nur noch verbal ,wie Söder der Bavare) und in Europa auch nicht mehr. Genug davon.

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