Korruption in Peru

Meine exzellent informierte Schwester hat mir das hier geschrieben:

Liebe Grüße auch von mir. Gestern sah ich Bilder aus Lima im Fernsehen, die mich erschreckt haben. Und Ihr mittendrin! Was Ihr schreibt, Manfred und Reinhold, Ihr habt ja unbedingt recht. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander, erschreckend schnell. Auch im Hinblick auf die Klimakrise. Oxfam sagt, das reichste 1 Prozent der Weltbevölkerung schädigt das Klima doppelt so stark wie die gesamte ärmere Hälfte zusammen.
Aber die politischen Mechanismen in Peru sind dann doch nicht so schematisch einfach wie Du das schreibst, Reinhold. Ich glaube das nicht. Natürlich ist es gerade in Lateinamerika schon immer so gewesen, dass die Reichen die Macht an sich reißen und ihren Reichtum vergrößern wollen. Und schön wäre es, wenn es dann anders läuft mit einem Präsidenten wie Du ihn beschreibst. Siehe Brasilien, wo alle Welt von Herzen hofft, dass Lula es schafft, den von Bolsonaro angerichteten schaden halbwegs zu beseitigen. Aber zurück zu Peru, der abgesetzte Präsident Castillo war aber kein Lula und er hat versucht, die Demokratie auszuhebeln und er war korrupt und inkompetent, so meine Informationen. Als er zur Wahl antrat, wollte er genau so ein korruptes System ablösen, und er war wohl der einzige Kandidat, dem man keine Korruption vorwerfen konnte. Ein.echter Lichtblick und viel Hoffnung auf eine Verbesserung! Die Gegenkandidatin Fujimori war in Skandale verwickelt, genauso wie die anderen 17 Kandidaten. Bis auf Castillo. Alle anderen gehörten der peruanischen Elite an. Also eine gute Alternative und endlich jemand, der es anders machen wird. Aber leider ist es so nicht gekommen. Warum? Korrumpiert Macht immer? Jetzt ist seine Vertreterin an der Spitze und sie kommt auch aus dem linken Lager, aber soweit ich es mitbekomme, gehen die Proteste jetzt gegen sie.
Korrigier mich gerne, wenn es anders war und ist. Ich lese ja nur unsere Presse hier. Jedenfalls scheint weit und breit keine Lösung in Sicht und Ihr da mittendrin – das gefällt mir garnicht.
Passt bitte auf Euch auf!
Liebe Grüße aus dem mit Schnee bepuderzuckerten Dietzenbach.

Dann gehen wir gerne ins Detail.

Verehrte Schwester,
deine Darstellung der letzten Wahl ist weitgehend korrekt und ausführlicher, als ich es grosso modo skizziert habe. Castillo war Lehrer und hat einen großen Streik organisiert. Das war die einzige politische Erfahrung die er hatte. Er wäre nie gewählt worden, wenn die Gegnerin nicht Fujimoro geheißen hätte. Für viele hieß die Wahl: Fujimoro verhindern.

KeiKo (Fujimoro) Geht Nicht! #Fujimoroniewieder

Vater und Tochter sind der Inbegriff der korrupten Elite, die sich mit allen Mitteln an die Macht Klammern. Klar hatten wir alle mehr von Castillo erwartet. Nur war das eine unbegründete Hoffnung. Castillo ist nicht Lula wie du richtig schreibst, und der kann auch nicht durchregieren, weil auch in Brasilien Kongress und Bundesländer weitgehend konservativ-elitär geblieben sind. Castillo ist ein kleines Licht, sein Schachzug, den Kongress auszuhebeln, hatte vorher bei anderen Präsidenten, nämlich Fujimoro (1992) und Vizcarra (2019) schon mal geklappt. Fujimoro verkörperte die Elite und hatte Teile des Militärs hinter sich. Vizcarra konnte sich nicht mehr lange halten. Ich hätte es den meisten im Kongress gegönnt, wenn sie in die Wüste gejagt worden wären. Dass sie sich dagegen wehren, die Reihen schließen und Castillo abwählen, ist kein Wunder. 68 von 120 Abgeordneten erwartet ein Korruptionsprozess wenn sie ihre Immunität verlieren.

Und dann nimmt der dusselige Castillo ein Taxi, nachdem er verloren hatte und abgesetzt war, um in die mexikanische Botschaft zu fahren, die ihm Asyl angeboten hatte. Ein Taxi! Durch die Hauptstraßen. Wie dusselig kann man eigentlich sein?
Und dann die Frage der Korruption. Nach meinen Informationen war er auch hierbei ein kleines Licht, wollte auch ein wenig vom Kuchen für sich und seinen Clan. Alan Garcia, der Präsident, der sich umgebracht hat, hatte von der Baufirma Odebrecht anscheinend 6 Mio. Dollar für seinen Wahlkampf erhalten (sagt der Staatsanwalt, es kam ja nicht zum Prozess). Und bei Castillos Mitarbeiter haben sie im Klo 20 000 Dollar gefunden. Ja, ja, er hat seine Familie bei Vertragsabschlüssen mit internationalen Konzernen eingeschaltet, solche Leute kriegen dann ein paar Prozent der Vertragssumme. Peanuts. Von Beginn an war Kongress und Elite eisern gegen ihn. Der hatte nie die geringste Chance. Im Süden wurde er mit bis zu 80% Stimmenanteil gewählt. Die Menschen auf dem Land sehen wieder, dass jeder Ansatz einer Verbesserung ihrer Lebenssituation im Keim erstickt wird. Viele sind wütend. Ein Wunder?

Lima Freitag. Foto: La Republica


Ach ja, die Nachfolgerin. Als Vertreterin des Präsidenten hatte sie angekündigt, sofort zurück zu treten, wenn Castillo gehen muss. Was tut sie? Sie verbündet sich mit der konservativen Elite. Macht korrumpiert? Bei der eindeutig.

Ein Aufstand ist das noch nicht. Der angekündigte Generalstreik funktioniert kaum, der Sturm auf Lima war eine Demonstration von 7000 Teilnehmern (die Polizei sagt 3500), Gott sei Dank ohne Tote. Das ist in den Städten im Süden anders, bisher sind 60 Tote zu beklagen, Polizei und Militär schiessen scharf. Anders als in Brasilien mit ähnlichem Konflikt, bei dem es bisher keine Tote zu beklagen gab, haben in Peru schiesswütige öffentliche Kräfte Rückendeckung. Ein Haus hat gebrannt. Prompt sagt der Innenminister, das waren linke Chaoten. Die Anwohner sagen, es war die Polizei mit ihren Tränengasgeschossen. All das scheint mir noch keine revolutionäre, explosive Situation. Kann aber noch werden.

Hier draußen in den reicheren Vorstädten merken wir nichts. Die Dienstboten der Stadt und privat arbeiten, Straßenhändlerinnen bieten ihre drei Waren an (wovon leben die???) und wir gehen essen auf der Plaza Kennedy, sitzen draußen, trinken Pisco Sour und wenn Soldaten auftauchen, gehen wir.

Das zur Beruhigung, wir sind keineswegs mitten drin. Am Freitag, dem Tag der Demo, wollten wir an die Steilküste, das haben wir schön sein lassen. Gestern sind wir unsere Lieblingsstrecke wieder entlang gelaufen. Es war wie immer. In den Parks spielende Kinder und Hunde, Gruppen machten Gymnastik und im chinesischen Garten schwammen die Fische ruhig ihre Bahn. Das kann sich ändern.

Und wie soll es weiter gehen? Vorgezogene Wahlen, wie es die Demonstranten fordern? Das würde genau dieselben Machtverhältnisse wie bisher weiter zementieren. Kleinparteien splittern die Stimmen auf (Keiko Fujimoro kam mit 19% der Erststimmen in die Stichwahl gegen Castillo). Eine Verfassungsreform wie in Chile ist meiner Ansicht nach notwendig. Bei diesem Kongress allerdings in weiter Ferne. Meine Befürchtung ist, dass die Militärs wieder eingreifen und die Macht übernehmen.

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