Als SES Experten in Südafrika. Pretoria 7/8. März 2020

Bis Mittwoch ging’s nicht gut, seitdem geht’s besser. Nein, es war nicht der Jetlag, wir sind nur eine Stunde weiter als Deutschland. Es war der Unterschied zwischen Papiervorlage (wonach das Projekt sehr dürftig und bedürftig aussah) und der Realität. Die war erschreckend noch weniger. Fast nix an Struktur und wenig Möglichkeit, sie aufzubauen. Nach einem Tag schwankendem Boden unter den Füßen hab ich mich erholt, M hat mich aufgebaut und jetzt gehts voran. Soweit die Füße (und unsere Fähigkeiten) tragen. Drei junge Leute (es sollen noch drei mehr sein), Freiwillige, die benachteiligten Jugendlichen über Leadership Training ihre Lebensbedingungen verbessern wollen. Das Büro ist privat angemietet, der Tisch von der GIZ (Matsetsebale hat drei Jahre dort gearbeitet und gekündigt, weil er sich auf sein Projekt konzentrieren wollte) sonst gähnend leer. Er hat noch 8 Plastikstühle gekauft. Und ja, es gab schon einige Veranstaltungen, Reden zumeist, jetzt sollen Aktionen in Schulen und mit anderen Organisationen dazu kommen. Die Polizei soll auch involviert werden. Und ja, wir sind dabei, ein Programm zu schmieden, das dem Anspruch gerecht werden kann. Zumindest auf dem Papier. Und eine Organisationsstruktur. Und wir werden versuchen, finanzielle Unterstützung zu finden. Das nämlich ist ihr Traum: einen Job zu finden, der sie auch noch inhaltlich befriedigt. Es wird erstmal viel heiße Luft werden, aber vielleicht kann man die verkaufen? Und vielleicht, und vielleicht…

Auf Spurensuche

Mandela ist für mich der großartigste Mensch seit ich politisch denke und handle. Ein Vorbild. Ach, was schreibe ich. So weit entfernt, ich komme nicht in die Nähe dessen, was er vorgelebt hat. Ein Beispiel:1964 hat ihn und andere Führungsmitglieder des ANC ein Richter zu lebenslangem Zuchthaus unter härtesten Bedingungen verurteilt. Einzig, weil sie ein Miteinander mit den Weißen forderten, eine Beteiligung an der Macht, am Reichtum, am guten Leben für die erdrückende Mehrheit der Südafrikaner, von Weißen die ihr gutes Leben mit Apartheid organisiert hatten. Einem System der Unterdrückung, der Segregation, dem Einsatz der 90 Prozent nicht weißen Bevölkerung als Arbeitssklaven, die aus den Städten vertrieben wurden. Diese Männer und Frauen, für deren Leid und Kampf Mandela als Sinnbild steht, hatten alles Recht der Welt, auf Menschenrechte zu verweisen, auf die UN Charta, die sie unterstützte. Doch der kleine, eifernde Richter, der kaum Verteidigung zuließ, schickte sie nach Robben Island. 27 Jahre lang saß Nelson Mandela dort ein. Und als er frei kam, was macht er? Er lädt diesen Richter zum Tee.

Gestern haben wir die Stationen seines Lebens hier in Johannesburg besucht. Einen Tag lang. Alexandra, ein elendiges Township mit zusammengezimmerten Häuschen aus Blech, Holz und Pappe, auch aus Stein. Ohne Wasser, viele ohne Strom und sanitäre Anlagen. Sein Zimmer, das er in den 1940er Jahren bewohnte, wird von anderen Leuten genutzt, Raum für ein Museum geht nicht. Außen Bilder, Hinweise, er war so arm, dass er oft nur Sonntags warm aß. Und studierte. Und politisch aktiv war. Bis zum Schluss lobte er das Zusammenleben im Elendsquartier. Alexandra „was a treasured Place in my Heart“

Mandelas Zimmer in Alexandra

Sein Haus in Soweto ist ein Touristenattraktion. Drumherum Restaurants, Bars, Verkaufsstände, junge Leute, die tanzend und singend auf einen kleinen Obolus warten. Das, was wir von Soweto gesehen haben, ist nicht mit dem Township Alexandra zu vergleichen. 1,2 Mio Menschen leben hier, es gibt Straßen, Schulen, Krankenhäuser. Die Regierung, sagte man uns, tut viel, um unhaltbare Zustände in einigermaßen haltbare umzuwandeln. Die kleinen, offiziell gebauten Häuschen mit Sonnenkollektoren auf den Dächern , Matchboxes genannt, sind hier ein wenig größer und erschwinglich.

Soweto

Und Mandela ist der Vater dieser Entwicklung. Hunderte kommen täglich, zu sehen, wo er mit Winnie und seiner Familie lebte. Als er im Gefängnis war, hat die Polizei immer wieder auf sein Haus geschossen und Winnie hat eine Mauer im Zimmer vor die Fenster gebaut, damit sie vor den Kugeln geschützt waren. Das kleine Haus mit seinen drei 8-10 qm großen Zimmerchen ist voll. In einer Nische ein Herd, 50 cm hoch, holzbeheizt. Wie kann man darauf kochen?

Constitution Hill war ein Gefängnis auch für politische Gefangene. Tausende saßen in den völlig überfüllten Blöcken, säuberlich getrennt nach schwarz und weiß. Weiße hatten Privilegien, Schwarze wurden gedemütigt. In den Einzelzellen lebten manche Gefangene bis zu 180 Tage ohne Tageslicht und Kontakt zur Außenwelt in einem 2qm großen Raum angekettet. Auch Gandhi und Mandela waren hier. Ghandi war hart im Nehmen nach dem Motto, was mich nicht umbringt, macht mich härter. Über seine Frau schreibt er:

Am meisten hat mich Liliesleaf erschüttert. Das war eine Farm außerhalb Johannesburg, die Anfang 1960 längere Zeit der ANC Führung als Refugium und geheimer Tagungsort diente. Da waren sie schon bekannt und wurden verfolgt. Die schwarzen Führer waren als Dienstboten verkleidet (Mandela als Gärtner!), eine weiße Familie mit Kindern fungierte als Alibi. Und doch sind sie aufgeflogen. Die Polizei hat den gesamten Führungskreis ausgehoben. Und alle in einem Hochverrats Prozess zu lebenslang verurteilt (nur die Alibiweißen wurden frei gesprochen). Das hat den ANC über lange Zeit hinweg das Genick gebrochen. Die Apartheid hatte gewonnen.

Polizeifoto nach dem Überfall. Eines der ANC Autos sieht man

All das samt der Geschichte der Apartheid ist dokumentiert, mit Filmen, Fotos und Dokumenten minutiös und publikumswirksam aufbereitet. (Ein Raum ehrt die DDR die mit Ausbildung, Geld und Antiapartheidbewegung führend in der Unterstützung waren. Ein anderer Raum ehrt Schweden und Olof Palme. Nur die BRD wird nicht geehrt). Wir beide, M und ich, waren immer Unterstützer, wussten einiges. Doch am Ort des Geschehens zu sein, die Bilder, Filme, Handschriften zu sehen, zu fühlen, was diese Menschen gefühlt haben müssen, als ihre Peiniger kamen, zu wissen, dass Apartheid un-menschlich war und bis heute nachwirkt, das hat mich zutiefst berührt.

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