Wie gut ist Kapitalismus

Lieber Friedemann, Du hast in deinem Kommentar wichtige Aspekte positiver und negativer Effekte des Kapitalismus benannt. Es ist in der Tat ein Thema von großer Tragweite: wie gut ist Kapitalismus.

Er ist wohl, wie die Demokratie, ein System mit vielen Facetten und Entwicklungsmöglichkeiten. Demokratie ist sicher nicht die beste Regierungsform die wir uns vorstellen können, wir haben allerdings über die Zeit gute Erfahrungen mit ihr gemacht. So auch mit dem Kapitalismus. Über die Zeit hat er enorme ökonomische Ergebnisse erbracht. Für viele. Auf der ganzen Welt. Und besonders bei uns. Das gilt für China aber auch für Afrika und Lateinamerika. Asien sowieso.

Doch der Kapitalismus ist nicht überall gleich. Und er wandelt sich. China hat es geschafft, einen zentral regierten Staat mit diesem auf ökonomischer Freiheit basierenden Wirtschaftssystem zu verbinden. Wie sie das machen, weiß ich immer noch nicht so genau. Aber es geht und hat gewisse Sympathien meinerseits. Siehe Corona Krise.

Wir hatten mal ein anderes kapitalistisches Wirtschaftssystem mit dem ich sympathisiere. Die soziale Marktwirtschaft. Auch Rheinischer Kapitalismus genannt. Er beruht darauf, jeden was vom Kuchen abzugeben. Leve un leve losse. Bis Thatcher, Reagan, Schröder, Blair kamen. Und Egoismus samt Marktradikalismus die Oberhand gewann. Bis dato war der Staat ein wichtiger Agent, nun sollte er nach der Neoliberalen Theorie fast verschwinden aus dem Wirtschaftgefüge. Und seine Schätze privatisieren. Friedmann und Konsorten hatten es in Chile vorgemacht. Fast alles, vom öffentlichen Verkehr bis zum Krankenhaus war danach in privater Hand. Und weil es Gewinn einbringen musste, teuer. Der Mittelstand verschwand, immer mehr Menschen wurden arm. Doch die Wirtschaft boomte.

Ungefähr hier wurde der Paradigmawechsel gesellschaftsfähig (Friedmann erhielt den Nobelpreis). Doch immer mehr Menschen in Chile ging es schlechter. Das neue Paradigma hieß: Priorität der Wirtschaft um jeden Preis. Seitdem haben wir ihn wieder, den Manchesterkapitalismus aus dem 19.Jhdt. Den wir überwunden glaubten. Wenn der Gewinn oberste Priorität im ökonomischen Gefüge hat, werden alle sozialen Belange untergeordnet. Krankenhäuser sind für mich das beste Beispiel. Wie kann man mit der Gesundheit von Menschen Gewinn machen wollen? Ich stehe fassungslos davor.

Maximierung der Marktmacht um jeden Preis folgt umgehend. VW musste unbedingt der weltweit größte Player werden und begann, die Abgase zu manipulieren. Größer werden war wichtiger als Gesundheit oder gar Ehrlichkeit. Der entfesselte Kapitalismus mit wenig staatlichen Regelungen und immerwährender Unterstützung durch die Regierenden falls mal was gegen die Wand gefahren wurde, sind seither dominant. Weil ja die Wirtschaft das Wichtigste ist. Es geht nicht mehr darum, Menschen mit Waren zu versorgen, es geht darum, Gewinn zu machen. Um jeden Preis. Und dann wird ausgelagert, mit just in time die Autobahnen als Warenlager genutzt, alles um des schnöden Mammons Willen.

Und dann gibt es noch einen negativen Aspekt der mir ins Auge sticht. Diese Art des Kapitalismus fördert Schlitzohren, skrupellose Menschen, die Menschen nicht mehr wahrnehmen, deren Welt nur aus schwarzen und roten Zahlen besteht. Die werden was im neuen Manchesterkapilismus. NO

Ich steh noch immer fassungslos vor der Nachricht, dass BMW Kurzarbeit angemeldet hat und gleichzeitig 1,6 Milliarden Euro als Dividenden auszahlt. 800 000,-€ alleine an die Quants. Sie schämen sich bestimmt nicht und kassieren auf der anderen Seite unsere Steuergelder ohne Skrupel. Die gesamten Dax geführten Unternehmen planen für dieses Jahr eine Dividenden Ausschüttung, mit der könnte ein Drittel des Kurzarbeitergeldes finanziert werden. Aber das ist nur ein Nebeneffekt. Cuponschneider gabs schon bei Marx.

Was will ich sagen? Unser heutiges kapitalistisches System ist Neoliberalismus, dominant seit Schröder. Es hat dem Wirtschaftssystem nochmals einen besonderen Kick nach noch mehr Warenproduktion und Gewinnmöglichkeiten gegeben. Wir brauchen nicht noch mehr Waren. Wir brauchen eine gerechtere Verteilung! Und eine geringere und nachhaltigere Ausbeutung der Ressourcen. Es müsste, es muss gehen mit einer sozialen Ausrichtung unserer Wirtschaftssystems. So wie beim Rheinischen Kapitalismus. Und unter Beteiligung des Staates. Wenn der es mal wieder schafft runter zu kommen von der Abhängigkeit und der Durchdrungenheit neoliberaler Wirtschaftstheorien. Da glauben die mehrheitlich dran. Glaube kann man verändern. Es ist nicht mehr der Glaube der Väter.

6 Kommentare

  1. Hallo, eine Demokratie lebt durch die Mitbestimmung des Volkes. Das Volk muss deshalb gut informiert werden und braucht vor allem eine gute Bildung haben um diese Informationen zu verstehen. Ich bin mir sicher, an einer breiten Bildung mangelte es in den letzten Jahren (Jahrzehnten?). Fachidioten haben wir genug. Nur eine gebildete Gesellschaft wir dem Kapitalismus die Zügeln anlegen und die Auswüchse begrenzen. Der Kommunismus mit seiner Gleichmacherei scheiterte auch durch den Individualismus der Menschen. Nur eine Demokratie mit einer soziale Marktwirtschaft wir den Fortbestand unserer Zivilisation sichern.

    Gruß Achim

  2. Lieber Reinhold, das geht genau in die Richtung: pauschal den Kapitalismus für alle Übel und Probleme der Welt verantwortlich zu machen hilft nicht wirklich weiter, solange wir nicht eine eindeutig bessere Lösung anbieten können. Klar ist aber auch: wenn dem Kapitalismus keine Zügel angelegt werden, dann führt er immer wieder in größere Katastrophen (Finanzkrisen, Umweltkatastrophen, Pandemien (die durch das System zumindest verstärkt werden)). Deshalb wäre eine starke soziale Gegenkraft so wichtig, nicht umsonst galt die „soziale Marktwirtschaft“ ja lange als erfolgreiches Modell. Deshalb gibt es auch eine ganze Reihe von Superreichen (wie z. B. Warren Buffet, Bill Gates o.ä.) die eine stärkere Rolle des Staates einfordern (z.B. durch höhere Steuern speziell für Reiche) weil sie sehen, dass die Gesellschaft sonst gegen die Wand gefahren wird. Das Wirtschaftssystem selbst kann dies aus sich heraus nicht leisten – hier geht es nur um Gewinn-Maximierung und Marktmacht und alle „Mitspieler“ sind Gefangene dieses Systems.
    Wenn sie nicht mitspielen, werden sie entweder ihrer Posten enthoben oder verlieren schnell große Teile ihres Vermögens (und damit ihrer Macht). Deshalb kann die Regulierung nur von außen kommen, durch starke gesellschaftliche Gegen-Bewegungen.

    Das Bedrohliche ist vermutlich, dass es der Kapitalismus speziell amerikanischer Prägung (der sich dann auf die ganze Welt ausgebreitet hat) geschafft hat, auch viele „kleine Leute“ zu Mitgefangenen des Systems zu machen. Zum Beispiel beruht die Altersvorsorge von vielen Amerikanern (nicht nur in der Ober- und Mittelschicht) zum größten Teil auf Aktienbeteiligungen. Läuft die Wirtschaft nicht so gut, gibt es einen kleinen Knick im ungezügelten Wachstum, dann ist ihre Altersvorsorge massiv bedroht. Und schon haben Trump und Konsorten wieder viele Anhänger, die ihre neoliberalen Ideen unterstützen. Eigentlich sollten die Krisen der vergangenen Jahre zeigen, dass selbst in den reichen Ländern die meisten Menschen nicht bzw. zumindest nicht ausschließlich auf solch ein System bauen dürften. Krisen sollten eigentlich die Möglichkeit bieten, innezuhalten und umzudenken. Aber ich bin da nicht mehr sehr optimistisch.

    1. Weiß der Himmel, eigentlich sollte es anders sein, doch genau die Klientelgruppe der am meisten durch die Neoliberale Politik betroffenen wählen Trump.
      Danke Friedemann, eine Linie

  3. Ich möchte auch noch einige Gedanken zu diesem Thema beitragen:
    Ich unterstütze alle Ideen, Kommentare und Erkenntnisse, die ihr oben gepostet habt, will aber eine „Erkenntnis“ die oben schon anklingt, erheblich verstärken und in den Vordergrund stellen. Ich fasse meine Meinung in drei Thesen zusammen:
    a) Die menschliche GIER nach „GELD“, „MACHT“ und „GRÖSSE“ ist ein nicht zu zähmendes, „Raubtier“, das stärker ist, als alle guten Ideen für „gerechte“ Wirtschaftsordnungen), für „Menschlichkeit“ und für die „Bewahrung der Schöpfung“.
    b) Der Kapitalismus ist das „Revier“, in dem das „Raubtier“ ideale Bedingungen vorfindet
    c) Das Aufbäumen („der Kampf“) gegen das „Raubtier“ ist gleichwohl unendlich wichtig und darf nie aufgegeben werden. Er ist nicht zu gewinnen, aber: es hat schon wichtige Erfolge gegeben: z.B.die weitgehende Abschaffung der Sklavenhaltung und die weitgehende Anerkennung der Menschenrechte. („Steile“ These, die nicht zum Thema gehört: beide Erfolge wären ohne den Einfluß des Christentums auf das „christlichen Abendland“ kaum möglich gewesen. OK, da mache ich ein Faß auf….)

    Anhang:
    – Die Thatchers, Reagans und Schröders sind kein „Betriebsunfall“ nach dem Motto „Pech gehabt“. Diese Rückwärtsbewegung ist systemimmanent und erfordert immer wieder den „Kampf der Guten“
    – Die „Gier“ kann selbst die beste Wirtschaftsordnung aushebeln. Das beste Beispiel ist für mich ein Vorfall aus dem alten Israel: Sie hatten das Gebot des „Hall- und Jubeljahres“. Das schrieb vor, das alle 50 Jahre die ursprünglichen Eigentumsverhältnisse auf Grund und Boden wieder herzustellen waren und zwar kostenlos !. (Grund und Boden waren praktisch die einzigen „Produktionsmittel“). Wenn man die Folgen durchdenkt: revolutionär !
    Wie oft ist das Hall- und Jubeljahr zur Ausführung gekommen? Nicht ein einziges Mal!..und das hatten bestimmt nicht die „Witwen und Waisen“ zu verantworten!
    – Mich hat bei diesem Thema schon immer des Modell der „Hutterer“ und der „Amish“ interessiert, ja angezogen. Die „Hutterer“ ist eine der wenigen (christlichen) Gruppen (mit immerhin fünfstelligen Mitgliederzahlen), die bewußt auf Privateigentum verzichten und damit der „Gier“ keine Chance geben
    Michael Holzach, seinerzeit ein „Starjournalist“ hat ein Jahr in Kanada bei den Hutteren gelebt und seine Erfahrungen (positive und nagative) in einem Buch veröffentlicht: „Das vergessene Volk“
    Holzach ist leider tödlich verunglückt, sein Buch ist in Vergessenheit geraten.
    – Die „Gier“ überholt sich manchmal selbst: Deutschland hätte eine gute Chance gehabt, den 1. Weltkrieg zu gewinnen (was nicht gut gewesen wäre!), wenn die maßgeblichen Generäle (Hindenburg und Ludendorf) nicht von der „Gier“ beherrscht worden wären. (Das begründe ich jetzt nicht mehr)

  4. Lieber Manfred! Gut zusammengefasst! Menschliche Gier, Raubtier Mensch, Kapitalismus ist der Rahmen, der diesen negativen humanen Eigenschaften Auftrieb gibt.
    Nicht so skeptisch bin ich bezüglich des politischen Spielraums. Den Rahmen gibt immer noch die Politik vor. Generell. Wenn sie will. Wer den Neoliberalismus Auftrieb geben kann, kann ihn auch wieder zähmen.
    Richtig ist, im Kapitalismus wohnt ein Mechanismus inne, der zu Oligopolen und Monopolen strebt (Marktmacht). Dagegen gibt es anti -Monopolgesetze. Politik. Oder bei der großen Depression in den USA der 30er Jahre. In Deutschland hat die Politik in der Weltkriese das Land tot gespart (und Hitler ermöglicht), Roosevelt hat den New Deal aufgelegt, investiert wie verrückt und gewonnen. Da stand Keyns hinter. Und dessen Rezepte, wie man Krisen bewältigt, sind sozial und bis heute gültig. Die SPD hat lange auf keynsianisch Wirtschaftspolitik gesetzt. Bis eben Schröder kam. Warum sollten sie es nicht wieder tun und soziale demokratisch handeln? Ich geb die Hoffnung nicht auf.
    Was meine ich mit sozial demokratisch handeln? Zu allererst den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Das meine ich damit. Und dazu könnte Corona beitragen. Könnte!
    Danke, Manfred

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