II Jugendzeit 1950-1958

II.1 Volksschule

Mein Jahrgang
Brezel statt Tüte

1950 kam ich in die Volksschule.

Das Backsteingebäude hatte hohe Fenster und zwei Räume in zwei Stockwerken. Die erste bis vierte Klasse war ein Zug, die 5. und 6. Klasse der 2. Zug und die Großen bis zur achten Klasse bildeten den 3. Zug. Jeweils abwechselnd musste ein Zug nachmittags in die Schule. Mein erster Lehrer war ein ehemaliger Offizier der Wehrmacht, den man umgeschult hatte. Für uns Kinder vom Dorf sollte er genügen. Viel Wissen konnte er uns nicht beibringen.  Es war ihm nicht gegeben. Dafür kam er gerne zum Wurstsuppe Essen beim Schlachtfest und ging jeden Nachmittag mit seiner Mutter spazieren. Erst bei Lehrer Milbrod lernten wir einiges in den zwei letzten Jahren. Er hat mich ermuntert zu lesen und stellte mir die Bibliothek zur Verfügung. Zu Hause wurde gar nicht gerne gesehen, dass ich las. Ich war eine Arbeitskraft, die gebraucht wurde. Meine Rückzugsmöglichkeiten zum Lesen waren das Klo und unter der Bettdecke nachts. Auf dem Klo war ich so lange, bis sie  mich aufstöberten.

Heute sind Wohnungen in der ehemaligen Volksschule

Ohrfeigen, an den Haaren und Ohren ziehen und auf die Finger schlagen zählte für Lehrer und Eltern zur pädagogisch sinnvollen Wissensvertiefung. Wir waren es gewohnt. Mein Cousin saß seit der 1. Klasse neben mir. Er hatte nicht aufgepasst, Lehrer H. befahl, Finger auf die Tafel, er legte sie drauf, H. schlug mit seinem Stöckchen zu und Manfred zog zurück. Da war die Schiefertafel kaputt.

Ich sang gerne und in den letzten Jahren bei dem neuen Lehrer sangen wir viel. Die Jungen vor mir im Chor redeten miteinander, Milbrod sprang vor und knallte mir eine aufs Ohr. Ich war entsetzt, ich hatte nichts getan. Von meinen Eltern verlangte ich Protest gegen die ungerechte Behandlung.  Doch ihrer Meinung nach war die Ohrfeige sicher für was gut. Auch für Lehrer war die handgreifliche Leichtigkeit nicht immer ungefährlich. Ein Mitschüler auf der anderen Bankseite sollte bestraft werden, da zog der seinen genagelten Schuh aus der Bank und trat dem Lehrer vors Knie. Voll. War erschreckend schön.

Mit 10 sollten Manfred und ich aufs Gymnasium, sagte der Lehrer. Ein halbes Jahr fuhren wir nach Biedenkopf zur Eliteschule. Da waren alle Söhne und Töchter der Honoratioren aus dem Städtchen versammelt. Sie waren anders und brachten immer alle Hausaufgaben mit. Ich verstand das meiste nicht. Morgens mussten wir 4 Km mit dem Fahrrad zur Bahnstation fahren, dann 8 Km mit dem Zug und dann noch mal 10 Min laufen. Mittags zurück. Meine Konstitution war nicht so gut, das Fahren fiel mir schwer, Manfred fuhr mir davon.  Nach einem halben Jahr war das Abenteuer vorbei. Meine Eltern haben mich unterstützt so gut sie konnten, aber bei Grammatik und Englisch waren sie überfordert. Einmal ist Vater mit mir auf der Görike, seinem kleinen Motorrad, Sonntags zu allen möglichen Bekannten gefahren, weil ich eine Englisch Deklination nicht verstand (das hatten wir noch nicht mal in Deutsch gelernt). Niemand konnte helfen. Also zurück auf die Volksschule. 

In den höheren Klassen gab es eine Belohnung, um die alle stritten. Auf dem Dachboden mussten die Verdunkelungen geflickt werden. Wahrscheinlich kamen sie noch aus dem Krieg, wurden jetzt aber gebraucht um die Räume für Filmvorführungen abzudunkeln. Die Fenster waren schmal und hoch, entsprechend waren die Sperrholzrahmen. Sie wurden mit Packpapier beklebt und gingen leicht durch Transport und Einschieben kaputt. Der Dachboden war hoch und voller Geheimnisse. Da wurden alte Akten des Dorfes gelagert genauso wie defekte oder ausrangierte Schulmöbel und Geräte. Wir sahen zu, dass wir möglichst lange da oben blieben. Einmal kam der Lehrer die Treppe hoch um nachzuschauen, wo wir blieben. Mein Kollege sprang mit beiden Beinen in den Rahmen und behauptete mit treuem Blick, gerade sei der Rahmen wieder gebrochen beim Aufheben.

Manchmal gab es Kulturfilme oder Hörspiele aus dem riesigen, sonst weggeschlossenen Radio. Das waren Sternstunden. Eine andere Welt kam in mein Leben. Ansonsten war der Unterricht bei dem ersten Lehrer, dem ehemaligen Offizier langweilig. Wie auch sonst? Und seinem Naturell entsprach eher, mit seiner Mutter zum Kurkonzert zu gehen. Nicht Bauernlümmel zu unterrichten. Für Rechenaufgaben hatte er Kärtchen, die er vorlas. Es kam vor, dass seine vorgedruckten Ergebnisse nicht stimmten. Wir hatten zwei gute Kopfrechner in der Klasse. Dann war er sauer. Schönschreiben haben wir viel geübt. Erst auf der Schiefertafel. Das quietschende Geräusch beleidigt noch heute mein Ohr. Später hatten wir Hefte. Meines sah nicht gut und ordentlich aus. Ordnung war wichtiger als gut zu sein. In Religion bekam ich immer eine 1, nur einmal eine 2. Die guten Noten hatte ich meinem Opa zu verdanken, der war Vorsteher der Freien Evangelischen Gemeinde. Deshalb, wie ich vermute, nicht wegen Leistungen.

Im Winter wurde das Klassenzimmer mit einem Bullerofen geheizt.

So schlimm wars nicht, aber ähnlich

Obenauf eine große Heringsdose voll mit Schnee, wegen der guten Luft. Lehrer H. kam am Morgen als Letzter die Treppe hoch, wir mussten still sitzen, wenn er die Tür aufmachte, aufspringen und ihn kollektiv mit „Guten Morgen Herr Lehrer“ begrüßen. Dann legte er seinen Hut auf die Fensterbank, rieb sich die Hände und ging zum Thermometer hinter der letzten Bank. Kalt heute, sagte er und kontrollierte, ob wir bleiben oder wegen Kälte nach Hause konnten. Das nutzten wir aus. Wir packten das Thermometer in Schnee, eine Stafette signalisierte, wenn er kam, das Thermometer wurde trocken gerieben und manchmal durften wir gehen. Die steigende Temperatur hatte noch nicht Unterrichtswerte erreicht. Zwei Stunden fuhren wir Schlitten.

So sah der Abakus aus. Foto aus Wikipedia

Auf dem Dachboden ging es immer wilder zu. Einer kam im Winter auf die Idee, die faustdicken Kugeln eines großen Rechenrahmens auf ein Seil zu fädeln.

Er kletterte auf das Dach und ließ die Kugeln in den Kamin hinab. In den beiden Klassenzimmern stob unverzüglich dicker Rauch und Ruß aus den Luftklappen. Wir hatten wieder schulfrei. Der nächste Streich war, Wochen später, eine Glasplatte auf den Kamin zu legen. Wieder hatten wir frei. Diesmal zwei Tage. Denn der Schornsteinfeger kontrollierte den Kaminzug, indem er einen Spiegel unten in den Kamin hielt und prompt kein Hindernis sah. Bis sie auf die Glasplatte kamen, dauerte es. Als dann eine Gruppe begann, die alten Akten vom Dach zu werfen, war der Spaß vorbei. Es gab Gerichtssitzungen mit Einzelverhören und alles kam raus. Nie wieder durften wir Verdunkelungen kleben.

In den letzten beiden Jahren bei Milbrod mussten wir lernen bis die „Schwarte krachte“, wie wir es ausdrückten. Gut für mich. Eine Ahnung blieb hängen, dass Lernen Spaß macht. Das ist bis heute geblieben.

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