II.3 Opa Heinrich Lenz

Opa Heinrich war ein Presbyter, ein Ältester. Er stand der Freien Evangelischen Gemeinde in Hommertshausen vor und war ein strenger, asketisch wirkender alter Herr, der sein Leben nach der Bibel ausrichtete. Die Frauen saßen in der Gemeinde rechts, hatten ihr Haar zu bedecken und nichts zu sagen. Männer saßen links und vorne auf dem ersten Platz saß Opa. Er leitete lange den Chor, die Bibelstunden, die Gebetsstunden, natürlich die sonntäglichen Versammlungen und die sporadischen Evangelisationen. Die Jugendstunde leitete er nicht. Das war gut so. Für ihn gab es auch den lieben, zumeist aber zornigen Gott, dessen Geboten man sich zu unterwerfen hatte. Egal ob jung oder alt.

Alles, was Opa tat, war ernst. Ob er im Gemüsegarten seine Pflänzchen mit der Schnur ausrichtete, mit Vater Krach mit Vater einen Streit anzettelte , weil der die vier Werkzeuge im Kasten nicht ordentlich ausgerichtet hatte oder wenn er die Bibel auslegte. Da gab es dann viele Sünden. Fernsehen war Sünde, Kino ebenso, trinken allemal und in die Kneipe gehen schon gar (da gingen nur die Weltlichen hin). Frauen hatte lange Haare zu tragen, tanzen war nur eine Einladung zum außerehelichen Geschlechtsverkehr, feiern war nur in der Gemeinde erlaubt und spielen war ihm auch nicht geheuer. Es lenkte ab vom Wesentlichen: beten, arbeiten, Gemeinschaft mit den Gläubigen und Gott gehorchen. Vermittelt durch Großvater. 

Opa war streng. Lachen war ihm fremd. Nach einem Witz, den er nicht verstand, erklärten wir ihm: du sitzt auf der Leitung. Worauf er seinen Stuhl hob und zur Seite rutschte. Vater war da besser. Er kriegte Opa manchmal dran: er stand am Fensterund verbog seinen Kopf als wenn er interessiert jemanden auf der Straße nachschauen würde. Opa, der neugierig war, kam jedes Mal um den Tisch, was is, was is und wurde sauer, wenn die Straße leer war. 

In der Versammlung konnte er weinen über die traurigen Geschichten der Prediger. Nie vergessen werde ich den Gottesdienst  mit einer Pfingstgemeinde aus dem Nachbardorf. Die trillernden Jubelrufe der Pfingstfrauen erschreckten mich sehr und der Laienprediger drückte auf die Tränendrüse. Es war schon nach 3.00 Uhr Sonntag Nachmittags, jeder wollte heim, Kaffe und Kuchen genießen und spazieren gehen. Bauern mussten um 6.00 schon wieder Vieh füttern und melken. Nur Opa saß da vorne, merkte nichts und die Tränen liefen ihm über die Backe. „Mach doch weiter“ beschied er dem Nachfragenden, der überzogen hatte. Und der legte noch mal richtig los.

Er konnte sehr zornig werden. Dann schlug er mit seiner 7-schwänzigen Peitsche, der drei Riemen fehlten. Sehr weh tat es nicht, er schlug auf den Po und der war abgefedert durch die Lederhose. Oma dagegen war eher für Drohung und Vergebung. Was ich getan hatte, weiß ich nicht mehr, aber Opa war fuchsteufelswild,  griff sich die Peitsche, ich rannte zur Tür raus und der alte Mann hinter mir her. Über den Hof, die Straße entlang, hinter dem Kirchhof das Gässchen durch und Opa laut schreiend ich soll stehen bleiben. Meine Rettung bei der Rückkehr ins Haus war Oma. Sie schob mich unter ihre Röcke – sie trug Tracht – und als Opa zur Tür rein keuchte, beschied sie ihm: Heinrich, jetzt äs genung. Und so war es dann. 

Oma war Bäuerin, versorgte das Vieh und versalzte die Suppe. Sie liebte es, heimlich mit einem Schnicken ihrer Hand das in ihren weiten Röcken versteckte Salz auf die Speisen zu streuen. Wenn meine Mutter sie erwischte sagte sie: nur noch e bisselche. Katzen konnte Oma nicht leiden, sie hatten Mäuse zu fangen und nichts im Haus zu suchen. Hunde ebenso wenig. Mein sehnlicher Wunsch nach einem Schäferhund wurde von Opa abgelehnt mit der Begründung: du brouchst en Hond der dei Ohschläje fresst (ein Hund der meine Wünsche/Anschläge frisst). Einzig nicht leiden konnte ich, wenn Oma meinen Kopf unter den Arm klemmte, auf ihre verkrustete Arbeitsschürze spuckte und mir das Gesicht sauber wischte. Vier Töchter hat sie geboren und nebenbei aufgezogen. Alle Geburten natürlich zu Hause. Bei einer, erzählte man mir, sei sie kurz vor der Niederkunft noch auf dem Feld gewesen, Mist zerren. Eine schwere Arbeit, den Mist unter ständigem rütteln mit der grossen Gabel auf dem Feld zu verteilen. Und drei Tage nach der Geburt habe sie die Arbeit fortgesetzt. 

Sie saß abends auf ihrem Stuhl, hatte die Hände im Schoß gefaltet und sinnierte vor sich hin. Soweit meine Erinnerungen. Mutter lehrt mich, dass Oma mehr gelesen hat als Opa, Bibel, Blättchen, Zeitungen, sogar Bücher mit Geschichten von Menschen. Und Strümpfe für alle hat sie auch gestrickt. Ich erinnere mich. Die langen waren kratzig. Später wurde sie blind. Sie hatte Angst vor dem Krankenhaus und der Operation ihres grauen Stars. Gestorben ist sie friedlich im Bett mit der Familie um sie herum.

Sylvester war schlimm. Um 8:00 abends begann der Gottesdienst, kurz vor Mitternacht die Gebetsstunde. Dann lagen die Männer auf den Knien, die Frauen saßen tief gebeugt und beteten leise. Die Männer laut. Einige von ihnen konnten wuchtige Worte beten. Wo sie das gelernt haben, weiß ich nicht. Es dauerte lange und ich wurde immer ungeduldiger. Draußen begannen die ersten Kracher, Raketen zischten, Leute lachten und Opa machte nicht Schluss. Seine Gemeinde und er wollten bis ins Neue Jahr mit ihrem Gott verbunden sein. Ich aber wollte raus. Wenn ich raus kam, war alles vorbei. Süße Brote und Kreppel (Berliner) gab´s bei dem gemütlichen Beisammensein anschließend. Den Wettbewerb, wer am meisten essen kann, gewann ich nie. 

Opa las. Die Bibel gründlich, das Gemeindeblatt auch, Zeitung, wenn wir welche hatten und fromme Traktate. Wenn er etwas Wichtiges fand, las er vor. Unerbittlich in jede laufenden Unterhaltung hinein. Das passiert mir heute auch. Weil er der  Gemeindeälteste war, kamen fremde Prediger nach dem Gottesdienst zu uns. Bei Missionaren  war ich gespannt auf ihre Geschichten und fragte zu viel. Da war es, das Tor zur Welt. Lange Zeit wollte ich Missionar werden.

Opa kannte seine Pflanzen mit lateinischem Namen. Er war Gärtner und hatte sich alles selbst beigebracht. Bekannt war er für seine Akkuratesse bei der Anlage von Gärten und beim Schneiden und Pfropfen von Bäumen. Preisgünstig war er, der niemanden übervorteilen wollte und lieber selbst wenig hatte. Er band Kränze und Bestecke für Trauerfeiern und Feiertage. Dann saß er in der Waschküche im Grünen und werkelte vor sich hin. Ich musste mit in den Wald um die Reiser zu holen. Im Winter war das kalt. Samen abmessen mit Messzylinder und Feinwaage stand im Spätherbst an. Bestellungen und Auslieferung in die Nachbardörfer übernahmen seine Töchter. Er brachte mir bei, wie man Jauche und Mist fährt und den Acker pflügt. Pflügen war am Anfang eine heikle Sache. Meine Furchen waren krumm und schief und Opa konnte das nicht ausstehen. 

Bevor die Mähmaschine unseren kleinen Hof erreichte, musste Gras und Getreide mit der Hand gemäht werden. Bei großen Flächen begann die Arbeit morgens um 4.00 Uhr. Um 6:00 gingen die Männer zur Arbeit und die Frauen machten weiter. Mähen will gekonnt sein. Wichtig ist der korrekte Schwung. Wichtig aber ist auch, dass die Sense gut gedengelt ist. Am Amboss wird mit einem Spezialhammer die Schneide der Sense hauchdünn ausgetrieben. Das helle dingdingding, das Opa erzeugte, war im Sommer oft meine Aufwachmusik. Er konnte gut dengeln. Ich war stolz, sein Enkel zu sein. In der ganzen Gegend brauchte ich nur zu sagen: Ich bin der Enkel vom Hennches Heinrich, und wurde gut aufgenommen. Ein Fahrrad hatte er nicht, die Strecken in die Nachbardörfer lief er. Früher war er bis ins Siegerland gelaufen um Arbeit zu finden.

Die Hitler-Clique hat er offenbar schnell durchschaut. Auf seine Art. Für ihn waren sie Anti-Christen, also negativer zu beurteilen als „Weltliche“. Seinen vier Töchtern verbot er jeden Kontakt. Und die mussten schweren Herzens auf attraktive Angebote der Mädchenorganisationen verzichten, die Reisen anboten, Wandern, Geselligkeiten, all das, was es im Dorf nicht gab und für Gläubige schon gar nicht. Opa hat seine Töchter allerdings damit auch vor Schulungsabenden in Anti-Menschentum geschützt. 

Problematisch bei ihm war seine Haltung den Juden gegenüber. Die hatten seinen Jesus ermordet. Den Spagat, dass es 2000 Jahre her war und heutige Juden damit wahrlich nix zu tun haben, den kriegte er wie viele Christen nicht hin. Für Oma war es einfacher. Ihren Kleiderschrank und die Betten hatte ein Gladenbacher Jude hergestellt und die hielten Generationen. Ein guter Mensch!

Hasen halten bedeutet Futter holen, Ställe sauber machen – die Tiere machen einen stinkigen Dreck! – füttern, sorgen. Mein Wunsch wurde erfüllt und ich hatte Hasen. Mit der Zeit ließ meine Euphorie nach und Opa übernahm protestierend die Pflicht. Er drohte, er werde die Hasen beim nächsten Schlachtfest mit schlachten. Ich war entsetzt. Es waren doch meine Hasen. Bei der nächsten Hausschlachterei traf mich der Schlag. Ich sah morgens aus dem Fenster als das Schwein seinen letzten Quieker tat und da hingen sie an der Wäscheleine, meine Hasen. Als Felle.

Nicht bei uns, aber so sah es in der Waschküche aus (langerphoto.de)

Zwei mal im Jahr wurde geschlachtet. Morgens war das eine Schweinerei, abends ein Fest. Das Schwein wurde mit dem Bolzenschussgerät betäubt, Blut wurde abgezapft und das Tier in einem großen Bottich mit heißem Wasser entborstet. Dann aufgehängt, aufgeschnitten, ausgenommen und dann kam der Fleischbeschauer mit seinem Mikroskop und schaute nach Trichinen im Fleisch. Ich durfte auch durchschauen. Es war eine andere Welt. Danach wurde die Wurst gemacht, der Schinken, die Koteletts. Undurchdringliche Schwaden von Wasserdampf und kochendem Gedärm aus den großen Kesseln waberten durch die Waschküche und mittendrin der Schlachter mit beiden Armen in der Wurst und walkte sie durch. Dann probierte er und schüttete noch eine Tüte Salz oder Pfeffer oder Gewürz rein. Es roch gut. Scharf. Dampfend. In der Küche lief der Siede- und Kochprozess ebenfalls auf Hochtouren, alles musste am selben Tag konserviert sein denn die Kühltruhe war noch Jahre entfernt. Abends kamen Gäste. Es gab Wurstsuppe, Siedefleisch, Sauerkraut und Nierchen. Die wollte niemand. Im Flur schepperte es, das waren Kinder, die ihre Blechtöpfe hereinwarfen. Da hinein gab es Reste.

Vater und Mutter hatten nicht viel zu sagen. Vater hat mir sein Prinzip, wie eine Familie friedfertig zu halten ist, mit gegeben: immer den untersten Weg gehen. Es ist ihm bestimmt nicht immer leicht gefallen. Aber es wirkte. Krach gab es nur dann, wenn Opa aufbrauste. Das aber legte sich schnell. Nachtragend war er nicht.

Als Opa älter wurde, konnte er nicht mehr gut beißen. Das Brot war oft hart, weil nur jeden Monat selbst gebacken wurde. Dann schnitt er sich seine Kruste ab, füllte seine Untertasse mit Milchkaffee und weichte die Kruste ein. Die bestrich er sich mit Butter und Marmelade und mampfte. Manchmal kriegte ich was ab.

Großvaters Lehre: Wenn dir einer auf die rechte Backe haut, halte ihm die linke hin, hatte er von Jesus und bläute sie mir ein. Jahrelang hat mich diese passive Handlungsanweisung abgehalten, mich durch zu setzen. Allerdings hat sie mir auch geholfen, Konflikte zu minimieren. Ob mich sein rigides, alttestamentarisch ausgerichtete Christentum gestört hat, weiß ich nicht mehr. Er war in seiner Art für mich konsequent, dann mussten die Handlungsanweisungen wohl so sein. Seinen Weg konnte ich nicht gehen. Es hat lange gedauert, bis sein Einfluss sich abschwächte.

Opa ist arm gestorben, er hatte nie viel. Der zähe Mann hat ein halbes Jahr gebraucht. Ich war 1969 als Entwicklungshelfer in Chile und erhielt erst 10 Tage nach seinem Tod das Telegramm. Es war mir schwer. Er war meine Kindheit, meine zentrale Bezugsperson. Vater kam erst aus französischer Gefangenschaft heim als ich 4 Jahre alt war

5 Kommentare zu „II.3 Opa Heinrich Lenz

  1. Juhu, wie schön wieder Neues (Altes) von dir zu lesen! Ich freue mich jedesmal, wenn wieder eine Benachrichtigung in meinem Mailpostfach auftaucht. „Andere Welten“ ist wirklich ein passender Titel! Manchmal weiß ich nicht, ob die Berichte aus Afrika und Südamerika oder doch die Erzählungen von deiner Kindheit in Hommertshausen fremder für mich sind. Herzliche Grüße, Margrit

    1. Danke Margrit! Das ist auch mein Gefühl im Nachhinein: andere Welten haben bei mir früh angefangen. Und dann ist mir noch was aufgefallen: wir haben ökologische Landwirtschaft betrieben als es den Begriff noch nicht gab. Grüße an euch und bis bald! R

  2. Lieber Bruder, danke für den schönen Bericht über unseren Opa. Er war ein ganz besonderer Mensch. Er hatte seine Prinzipien, seinen festen Glauben, seine Abwesenheit von Humor, der unseren Vater so auszeichnete, sein Leben war aber auch geprägt durch eine große Menschlichkeit. Ich habe nicht so explizite Erinnerungen an ihn, Du hast, glaube ich, als Kind eine sehr viel engere Bindung an ihn gehabt, gerade auch, weil Du ja keine frühkindliche Bindung zum Vater knüpfen konntest, der so lange in Kriegsgefangenschaft war.
    In einer Sache muss ich Dich korrigieren, nein sogar in zweien. Also: Niemals hat Opa Milchkaffee getrunken. Er hasste Milch, und alle Milchprodukte waren von unserem Tisch verbannt, zumindest von seinem Teller. Sehr zum Leidwesen von Oma, die ihre Milchsuppe (mich schaudert es noch heute) innig liebte. Ich denke, Opa hatte eine Laktoseintoleranz, und sein Körper hat sich auf diese Weise zur Wehr gesetzt. Das Zweite: Oh doch, es gab Liebhaber für die Nierchen beim Schlachtfest- das waren Papa und ich, Unser Vater hat sie mir als die größte Köstlichkeit des Schlachtessens verkauft und wir beide haben sie vergnügt verzehrt. Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen. Ich auf seinem Schoß sitzend und er füttert mich mit kleinen Müffelchen mit Nierchen und Sauerkraut. Ich traue es mich kaum zu sagen: Neben den Nierchen verzehrten wir ebenso vergnügt die Schweinefüsschen auf die gleiche Weise.

    P.S. Wer hat eigentlich dieses schöne Foto von uns gemacht? Ich habe keine Erinnerung daran.

  3. Lieber Reinhold, danke für Deine schönen Berichte!! An Opa Lenz habe ich auch ein paar Erinnerungen, auch wenn die infolge meiner „Jugend“ und der Entfernung zu „Hennches Haus“ nicht so lebendig sind, wie Deine.

    Ja, Opa war ein streng gläubiger Mann, der den Glauben auf seine Art sehr konsequent lebte. Zweifel am Glauben oder an der wortwörtlichen Auslegung der Bibel waren nicht erlaubt. Das war Sünde und wurde mit der ewigen Verdammnis bestraft. Entsprechend waren auch seine Töchter geprägt und gaben das wieder an ihre Kinder weiter. So war lange jedwede Kritik oder Zweifel an der Bibel-Exegese durch die Gemeinde-Ältesten oder die Prediger nicht nur verpönt sondern Sünde – und damit verboten.
    Opa war Zeit seines Lebens sehr arm und musste von klein auf bis ins hohe Alter hart arbeiten. Bis auf die sonntäglichen Gottesdienste, die Bibel- und Gebetstunden und die Gesangsstunden kannte er wohl so gut wie keine Freizeit-Beschäftigungen. Entsprechend gering war auch sein Verständnis, wenn sich seine Kinder oder Enkel irgendwelchen anderen („weltlichen“) Vergnügungen hingaben. Wenn ich auf der Wiese hinter unserem Haus mal wieder mit Freunden Fußball gespielt hatte, schimpfte er sehr. Wir hatten dabei oft das Gras ordentlich malträtiert und er hatte Mühe, mit der Sense das Gras für seine Kühe abzumähen. Seit dem ich selber mit der Sense zu mähen versuche, kann ich ihn gut verstehen.
    Überhaupt wurde meine Begeisterung für Fußball weder von meiner Mutter und noch weniger von meinem Opa für gut befunden. Ich wäre gerne in den dörflichen Fußball-Verein gegangen. Das war so ziemlich die einzige nicht-kirchliche Aktivität, für die ein Verein existierte (irgendwann gab es wohl auch einen „Verschönerungsverein“ – aber meines Wissens nach hat es beim Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ nicht zu großen Erfolgen gereicht). Zurück zum Fußball-Verein: weder als Junge noch als Jugendlicher war es mir erlaubt, in den Verein einzutreten. Das galt für alle Jungen, deren Eltern in die „Freie Evangelische Gemeinde“ gingen. Schließlich gingen viele Fußball-Spieler nach dem Spiel in eine Gaststätte, um ein Bier zu trinken (manchmal auch ein paar zu viel) – und das war Sünde. Wie vieles andere: z.B. im Dorfgemeinschaftshaus Fernsehen zu schauen – oder Romane zu lesen, die nicht vom christlichen Verlag herausgegeben wurden – oder zu tanzen etc. Die Liste war lang.
    Mit 27 Jahren musste ich für ein Jahr wieder zurück nach Hommertshausen. Dann habe ich mir meinen „Jugendtraum“ erfüllt und in der Mannschaft des SSV Hommertshausen Fußball gespielt.

    Wenn Opa auf den Feldern hinter unserem Haus ackerte, kam er oft bei uns vorbei, um bei „seinem Lieschen“ eine Tasse Kaffee zu trinken und ein Stück Kuchen zu essen. Dann schimpfte er auch häufig über das Essen und den Kaffee in „Hennches Haus“, wo er ganz offenkundig weder mit dem Essen seiner Frau noch seiner Tochter zufrieden war. Bei einem seiner Besuche bei uns berichtete er, wie viele Schritte er beim Pflügen oder Eggen (ich weiß nicht mehr genau, was er gerade gemacht hatte) gegangen war. Damit vertrieb er sich offensichtlich die Langeweile bei der doch recht eintönigen Arbeit. Ich denke, davon kommt ein Teil meiner Begeisterung für Statistik .
    Opa war auch dafür bekannt, dass er sehr jähzornig sein konnte. Er schimpfte dann sehr heftig mit allen, die ihm in die Quere kamen. Ich denke, Oma hatte eine Menge auszuhalten. Später hat mir mal eine Bäuerin („Käfersch“ Anna) erzählt, dass sie meine Oma sehr bedauert hat. Sie arbeitete öfter auf einem benachbarten Feld und hörte dann öfter als ihr lieb war, wie Opa mit unserer Oma schimpfte, wenn sie mal wieder etwas gemacht hatte, was ihm so nicht passte. Anna meinte zu mir, dass sie es keine 4 Wochen mit unserem Opa ausgehalten hätte (und ich denke, die Anna hatte alles andere als ein leichtes Leben…).

    Noch etwas zu Opas ambivalenten Verhältnis zu den Juden: Reinhold, wie du richtig schreibst mochte er die Juden nicht, weil sie „seinen Jesus“ ans Kreuz gebracht hatten. Aber wie mir meine Mutter erzählte, hat er schon früh während der Nazizeit gesagt, dass es mit Hitler kein gutes Ende nehmen könnte, weil der sich an den Juden (Gottes Volk) versündige. Und in der Bibel steht ja, dass alle, die sich an Gottes Volk versündigen, umkommen werden. Auch deshalb hat er wohl seinen Kindern verboten, in Nazi-Organisationen zu gehen – wobei er dann, soweit ich weiß, das Verbot bei seiner jüngsten Tochter Lydia nicht mehr durchsetzen konnte. Da waren dann die Nazis schon zu stark geworden und ließen Ausnahmen nicht mehr zu.

    Ich habe Opa bei weitem nicht so gut gekannt wie du, Reinhold. Aber mir hat immer etwas die „Wärme“ gefehlt, die ich von meinem (und auch deinem) Vater kannte. Die ging ihm ab, genauso wie jede Art von Humor. Sicherlich hat ihn das harte und auch entbehrungsreiche Leben geprägt und sein sehr strenger Glaube, der mehr durch Verbote als durch Freude oder Liebe geprägt war.

    Viele Grüße F.

    1. Mein Dank, lieber Cousin!
      Es ist faszinierend für mich, welche Facetten von Opa noch auftauchen. Wir haben ihn alle im Kern gleich gesehen (humorloser, oft zorniger alter Mann, verzweifelt bemüht, den rechten Weg zu gehen) und doch hat jeder seinen eigenen Blick und seine eigene Erinnerung. Du mit dem Fußball, den du nicht spiele durftest, ich mit meinen Hasen, die wegen Unterversorgung eines Morgens auf der Leine hingen. Als Fell! Dass er Hitler richtig einschätzte halte ich als Positivum fest. Auch wenn seine Begründung diametral sich stoßen: einmal haben „die Juden„ seinen Jesus umgebracht und waren verdammenswert um gegenteilig früh in Hitler den zu sehen, der er war: ein Judenmörder. Nach seiner Bibel war er damit verdammt. Das beschreibst du gut, ich hab nur den ersten Teil erfahren. Und in Klammern: warum haben die anderen Christen nicht bemerkt, dass in ihrer Bibel dasselbe steht?

      Ja, Opa war jähzornig, ich hab es öfters erfahren. Aber der Zorn ging schnell vorbei. Und geschimpft hat er mit allen, wer war denn auch in der Lage, Pflanzen nach der Schnur kerzengerade zu setzen? Außer ihm niemand und er hielt es für lebenswichtig. Es tut mir in der Seele leid, dass er Oma öfters behandelt hat wie du es schilderst. Oma war herzensgut, kochen allerdings konnte sie nicht, sie hatte zu viel Salz in ihrer Rocktasche. Deine Mutter war da besser. So, so, auch den Muckefuck in Hennches Haus mochten er nicht? Meine Mutter war in solchen Sachen wie Kaffeepulver verbrauchen kniepig, ich lach mich schubbelig, und da ist Opa zu seiner anderen Tochter mit dem besseren Kaffee gegangen und hat sich beschwert. Das hätte ich nie geglaubt. Einzig Milchprodukte aß er nicht und wenn es Netzches gab, fleischliche Reste der Woche mit Zwiebelsosse, die Pellkartoffeln in Dreiecke geschnitten, auf die Gabel gespießt und „im Sud genetzt“, also mit der Kartoffel wie mit einem Schieber durch die Pfanne gefahren, da machte er nicht mit und kriegte gesondert auf den Teller.

      Er war mit all seinen Facetten für mich ein besonderer Mensch. Hanne hat darauf hingewiesen, dass er in meinen ersten vier Lebensjahren die primäre männliche Bezugsperson war, Vater war in Frankreich in Gefangenschaft und mir fremd, als er zurück kam. Opa war eine eigene Institution, fiel aus der Bewertung heraus, war beständig in seiner Art und bekannt über Hommertshausen hinaus. Wo ich hinkam (gut, ich kam nicht oft wohin) musste ich nur sagen ich sei dr Enkel vo Hennches Heinrich und schon war alles klar und ich wohlwollend aufgenommen. Er war ein eigener Charakter, in seiner Art konsequent ohne Rücksicht auf Verluste. Das macht ihn für mich einzigartig. Nicht inhaltlich, als in seiner Einzigartigkeit besonderer Mensch.

      Danke F, das wir uns über ihn austauschen können

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