II.4 Kindergottesdienst zu Weihnacht

Jugendzeit 1950-1958

In meiner Jugend hat es Weihnachten oft geschneit. Dann waren die Wege, Häuser und Plätze weiss gepudert, die Luft war kalt und alle Geräusche waren gedämpft. Weihnachten war weiss und begann immer am 24. abends um 7.00 Uhr mit dem Kindergottesdienst.

In der Vorweihnachtszeit haben wir zu Hause viel gesungen, Opa hat mit der Zither begleitet und Bratäpfel brutzelten auf dem Herd. Bei Frost kamen Eisblumen auf die Fenster und wir mussten dagegen hauchen um durchsehen zu können. Vorweihnachtszeit hieß auch, Gedichte auswendig lernen, Texte einüben, Lieder im Chor singen, den Kindergottesdienst vorbereiten.

Weihnachten gehörte den Kindern in der Gemeinde. Dann hatten sie das Sagen und mussten die Mitglieder beglücken. Das gelang regelmäßig, besonders den Kleinsten. Die einen krähten leiernd ihren Text herunter, den anderen blieben die Worte im Hals stecken und die Sonntagsschule-Tante musste vorsagen. Es gab verschmitzte und verschlagene Kinder, liebe und herzige und alles stöhnte und freute sich mit, wenn sie ihre kleinen Gedichte aufsagten, fein angezogen von ihren Muttis. Blieb ein Kind stecken, war das eine Katastrophe für die Familie. Aufgeregt wie die Hühner ruckelte der Clan auf seinen Plätzen rum und konnte doch nicht eingreifen, auch wenn die Mama das ganze Gedicht konnte. Sie wollten helfen und scheiterten mit ihrem Kind. Noch lange war das Weihnachtsversagen ein heikles Gesprächsthema.

Dann kamen die Großen dran. Einige hatten lange Gedichte aufzusagen, die .anderen mussten ein Spiel spielen, Maria und Josef modern. Das war schwierig für uns Dorfkinder, weil es sich nicht reimte. Am Reim konnte man sich festhalten, bei der Prosa hatte der Text einen undurchsichtigen Inhalt. Mir war nie bewusst, was wir da spielten, viel zu aufgeregt und konzentriert auf nicht stecken bleiben war ich. Besonders irre war es, wenn wir uns verkleiden durften und Bühnendekoration gebraucht wurde. Dahinter konnte man sich ein wenig verbergen. Immer wieder war einer dabei, der mit seinen Text hängen blieb. Das regte noch besonders auf, als ob die eigenen Aufregung nicht schon genug wäre.

Die Räumlichkeit im alten Gemeindesaal war beengt, Weihnachten besonders, dann war es übervoll. Ein dicker Bullerofen, mit Holz geheizt, ließ die Leute in seiner Umgebung vor Hitze brüten, an den Rändern und nahe an der Tür hinten zog es wie Hechtsuppe. Neben dem Podium an der Stirnseite standen Bänke längs, rechts vom Podium aus gesehen saßen wir, links davon der Chor. Dahinter die Reihen quer mit den Gemeindemitgliedern und Gästen. Die Gedichte wurden vom Podium aus vorgetragen, die Spiele davor. Es war nur wenig Platz vorhanden, die Kontakte mit den Zuhörern waren hautnah. Als Belüftung diente neben der zugigen Tür nur eine Klappe in der Decke, die mit einem Seil aufgezogen wurde. Die Luft war schlecht und ein Mal hat es einen erwischt. Er ist vor Aufregung und schlechter Luft im ersten Satz umgefallen. Das war vielleicht ein Aufstand!

Vor Aufregung schwitzten die Hände schon beim Hergehen in der eiskalten Luft. Schluckbeschwerden stellten sich ein, der Mund war trocken und das Herz klopfte bis zum Hals. Der Auftritt begann. Und ging vorbei wie im Nebel. Und war immer ein Erfolg, wenn man nicht stecken geblieben war. Dann kam der Höhepunkt des Jahres. Nein, er kam noch nicht. Opa Vorsitzender  musste noch die Weihnachtsgeschichte lesen, obwohl sie Teil des Kindervortrages gewesen war. Dann musste er noch auf die Wichtigkeit der aus Kindermund gehörten Worte verweisen und sie mit einer eigenen Predigt krönen. Dann aber sagte er: Jetzt, liebe Kinder, hat die Sonntagsschule noch was Schönes für euch. In Erinnerung sind mir die Suppenteller mit dem Weihnachtsmotiv am Boden und im Halbkreis darüber: Sonntagsschule Freie Evangelische Gemeinde Hommertshausen 1954.

2 Kommentare zu „II.4 Kindergottesdienst zu Weihnacht

  1. Wart ihr eine evangelische Familie? Arbeitsmoral und Pflichtauffassung kommen von dieser Seite, sagen die Soziologen (Max Weber). Als Katholik und insbesondere als Kölscher sah die Welt anders aus.“ Wir sind alle kleine Sünderlein“ heißt es in einem alten Karnevalslied- man muss sich also nicht Zuviel sorgen um das Sündigen machen, soll das bedeuten. Man konnte ja beichten und dann unbeschwert von neuem Sündigen. Der Trick war natürlich erstmal ein schlechtes Gewissen zu vermitteln. Bei meiner ersten Beichte wurde ich gefragt ob ich mich denn angefasst habe. Ich verstand die Frage gar nicht weil ich noch gar nicht soweit war, sagte aber vorsichtshalber ja und musste dann zum Ablass fünf Vater unser beten. Und so begann die Farce, die mich schon als Jugendlicher aus der Kirche trieb. Als dann sexuelle Fantasien auftauchten war ich völlig verwirrt mit einem schlechten Gewissen weil ich glaubte die Objekte meiner Fantasien hätten gar keine sexuellen Bedürfnisse. Das ließ mich als ganz schlechter Mensch da stehen und weil ich mit dieser Ambivalenz nicht zurecht kam , hielt ich mich von den Mädchen länger fern als üblich.
    Nun, wir sind ein Produkt unserer Geschichte und der Interpretation derselben. Die unterschiedlichen Lebensphasen waren oft nicht einfach aber heute kann ich sie einordnen und verstehen und Verstehen war und ist das Anliegen meines Lebens.

    1. Ja, Evangelisch-Puritanisch. Kam aus England. Und weisst du wie? Hier im Siegerland, wo unsere Vorväter hin mussten um Arbeit zu kriegen, denn dort gab es Eisenerz und Verhüttung, da hatte man englische Ingenieure angeheuert, die kannten die damals modernsten Techniken. Und die brachten den Puritanismus mit. Und den haben meine Vorväter aufgesaugt wie einen Schwamm und ins Hinterland mitgenommen. Das war exakt, wie du schreibst, strikte Religion mit Arbeitsmoral und Pflichterfüllung gepaart. Ihr Katholen hattet es dabei leichter, da ist der liebe Gott letztendlich nicht so streng wenn der Pfarrer nicht will (obwohl diese geilen Hunde, egal ob Kathole oder Evangele, offenbar sehr interessiert sind an der Sexualität kleiner Knaben). Wir haben ein schönes Erlebnis mit dieser lascheren Denkart aus Rio. Unsere Freunde ließen Karneval nichts aus. Als M fragte, wie sie das mit ihrem Glauben, nicht zu sündigen vereinbaren kam die Antwort: wir versuchen es ja, doch Gott vergibt am Aschermittwoch alles. Und wirklich, die hatten an dem Tag so ziemlich alle ein Kreuz auf der Stirn.
      Dein Kommentar ist im Spam gelandet. Frag mich nicht warum. Hab ihn erst eben gesehen.

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