II.5 Von Verboten und Geboten, dem Mädchen aus dem Urwald und dem Nachbardorf

Der „schmale Weg“ der Pilgrims war ein nicht hinterfragbares Dogma, das mich umfangen hielt wie eine Fessel. Es gab mehr Verbote als Erlaubtes, der rechte Weg war mit Fallstricken weltlicher Freuden übersät. Auch für uns Jugendliche war Beten und Arbeiten vorrangig. Und die Vermutung, wir hätten nur Dummheiten im Kopf wenn wir uns ohne Aufsicht trafen, war nicht falsch.

Bis zum 15. Lebensjahr war ich noch nie im Kino. Das Vergnügen war weltlich und streng untersagt. Die Gruppe, die mich ab und an akzeptierte – ich durfte ja nichts – machte mich heiß. Von Liane, dem Mädchen aus dem Urwald, hatte ich gehört. Nackte Brüste sollte es da zu sehen geben. Wasser stand mir im Mund und ich ging mit ins Nachbardorf. Da wurde es schwierig. Sah mich jemand, der mich kannte – und als Opas Enkel war ich bekannt – war es um mein Heil geschehen. Den langen Gang huschte ich abgewandt hinunter und da war sie, die halb-nackte Marion Michael. Eine Wonne! So also sahen Frauen ohne Kleider oben rum aus! Und nach dem Kino ging es weiter mit den Freuden. Ein Mädchen war in der Gruppe übrig und ging mit mir. Es war kaum zu glauben: die Sünde wurde auch noch belohnt! In einem Bomben-Trichter in der Nähe des Waldes knutschten wir. Das war’s! Ich wollte nie mehr aufhören. Den inquisitorischen Fragen zu Hause konnte ich nur angstvoll und mit einer halben Lüge begegnen. Ich war ja wirklich im Wald gewesen.

Rauchen war auch verboten. Wir probierten es mit Zeitungspapier und dürren Blättern. Bis die Amis kamen. Eine Gruppe hatte ihr Manöverlager auf dem Fußballplatz im Nachbardorf aufgeschlagen. Wir wanderten hin. Meine erste Erfahrung mit Amis, lange Jahre davor, war negativ. Panzer rasselten um die Kurve, ich  winkte und hoffte. Von Schokolade und Kaugummi hatte ich gehört. Da schmiss einer ein kleines Päckchen in meine Richtung. Es schmeckte abartig. Es war ein Brühwürfel-was für ne Enttäuschung. Doch jetzt bekamen wir Zigaretten! Wir pafften und mir wurde schlecht. Zu Hause musste ich beichten, woher die Übelkeit kam. Sie sahen sie als gebotene Strafe an. Ich hatte mehr befürchtet.

Gefahr durch das weibliche Geschlecht drohte mir wenig. Ich hatte Pickel wie ein Streuselkuchen, mein ohnehin geringes Selbstbewusstsein sank ins Bodenlose. Mutter half nach, sandte das Päckchen mit der (teuren) „garantiert helfenden“ Anti-Pickel Salbe zurück und vertrieb die erste Freundin mit ihrer Clique vom Hof. Pickel, Fundamentalismus und Lerneifer halfen, der allgemein schnellen Heirat auf dem Dorf zu entgehen und mit Lesen Erfahrungen zu sammeln. Im Nachhinein danke ich Mutter. Die Freundin war Metzgertochter im Nachbardorf. Ich hatte nicht berücksichtigt, dass ein Metzgerschwiegersohn Verpflichtungen hat.

Irritierend war der fremde Prediger der, wie alle auswärtige Prediger, zu Besuch bei Opa war. Er brachte das Gespräch auf sündige Gedanken und Handlungen und bot sich an, mit mir zu reden. Alle mussten aus dem Zimmer und er setzte sich neben mich. 

Ernste Worte troffen ihm aus dem Mund, er wies mich an, ja meine Hände von mir zu lassen, die Sünde sei entsetzlich. Und kam zu Einzelheiten und näher. Seine Hand umfasste meinen Oberschenkel, ein Gefühl von Wonne und Entsetzen erfasste mich und ich floh wie einst Josef in Ägypten vor der Frau des Potifar. Verwirrt wusste ich: der nicht, auch wenn es ein gutes Gefühl war. Aber warum war es verboten wenn es sogar von einem Prediger gemacht wird? Darüber sprechen war unmöglich.

Im Dorf war die Unterscheidung einfach. Da gab es die Weltlichen und die Bekehrten. Beide Gruppen lebten getrennt und verschieden. Die Einen gingen ins Wirtshaus, soffen, tanzten, stritten, hurten, lebten, wenn sie konnten, in Saus und Braus. Das wurde uns so indoktriniert. Die anderen gingen in den Gottesdienst und versuchten sich an dem schmalen, entsagungsvollen aber christlichen Weg, der für sie zum ewigen Leben führt. Ich aber wollte mehr. Die „Twen“ lesen, Jazz hören, dunkle Bars zogen mich an, Frauen waren ein aufregendes Rätsel, mit meiner Sexualität wusste ich nicht, wohin damit. Je mehr ich las umso mehr rückten andere Lebenskonzepte in meinen Blickpunkt. Es war ein Spannungsfeld, in dem meine Bedürfnisse und Wünsche wie Elektronen hin und her sausten und nach Entladung strebten.

Ein Erlebnis hat sich mir eingeprägt. Ich war schon in der Lehre, musste morgens um kurz nach 6:00 mit dem Fahrrad los zur Fabrik, den ganzen Tag tun was nicht meins war, am späten Nachmittag in der Landwirtschaft helfen, Abends in Gottesdienst, Bibelstunde, Jugenstunde, Gesangsstunde, Missionsstunde. Das waren Anforderung, der ich nur noch halbwegs genügte. 

Wie immer musste ich Sonntags mit spazieren gehen. Und dann kam das Dorf wieder in Sicht und mich überfiel ein tiefer Schreck und der Gedanke schoss hoch: 

„Das kann doch nicht alles gewesen sein.“

Nein, war es nicht!

2 Kommentare zu „II.5 Von Verboten und Geboten, dem Mädchen aus dem Urwald und dem Nachbardorf

  1. Hallo Reinhold, eine toller Bericht aus deinem Leben.

    Die Aufteilung in eine christliche und eine weltliche Jugend gab es auch in den siebziger Jahren noch.
    Wir weltlich erzogenen Jungs und Mädels fuhren jedes Wochenende in die Disco nach Gladenbach, Lohra oder in die Glastanzdiele nach Hermershausen. Dort traf man auf bekannte Gesichter aus dem ganzen Hinterland, nur die Christlichen (wir nannten sie die Frommen) waren dort nie zu sehen.
    Irgend wann an einem Wochenende kam ein jugendlicher von uns auf die Idee, lasst uns mal woanders hinfahren, ich habe gehört in Frankenberg gibt es eine tolle Disco.
    Kurz geprüft, wer hat genügen Sprit im Tank für die lange Fahrt und dann gings los.
    Als wir die Disco betraten trauten wir unseren Augen nicht, dort saß fast die gesammte männliche Jugend der freien Gemeinde aus Hommertshausen. Einigen sah man an das es ihnen etwas peinlich war von uns überrascht zu werden aber den Meisten war es egal und wir haben zusammen ein paar Bier getrunken.
    Ich glaube wir hatten alle einen schönen Abend denn die Musik in dieser Laden war klasse, besser als in anderen Discos.

    ps: mit dem Ort Frankenberg bin ich mir nicht mehr sicher, es war auf jeden Fall kein Ort im Kreis Biedenkopf.

    1. Tja, das „Weltliche“ zieht gewaltig an. Und wer rechnet schon damit, dass ihr euere Vergnügungsstätte wechselt! Schönes Beispiel, Achim. Heute, hab ich den Eindruck, ist es bei vielen anders. Da gibt es bei den jungen Menschen offenbar nur wenig Unterscheidung. Nur bei den extremen Christen ist es noch anders.

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