II.6 Lehre 1958-1961

 

Vater (links) und sein Bruder, Onkel Otto

Mit knapp 14 kam ich in die Lehre. Die Auswahl war einfach: entweder aufs Büro oder in den Betrieb. Aufs Büro wollte ich nicht, ich hatte meiner Meinung nach schon lange genug in der Schule gesessen. Mit Betrieb war die Fabrik gemeint, in der Vater Herde und Öfen ausmauerte, Onkel Ernst Fahrer war und Onkel Otto Betriebsingenieur. Ingenieur war die Vorstellung meiner Eltern. Der erste Tag war schlimm und hat mich sehr geprägt. Um 11.00 Uhr morgens dachte ich, der Tag müsse vorbei sein. Ich hatte genug von den Lärm und dem ungewohnten Betrieb in der Schlosserei. Die Uhr war in der Stanzerei. Mir fuhr ein riesiger Schreck in die Glieder. Das sollte ich nun ein Leben lang aushalten? 

Der niedrige Anbau mit Blechdach, in dem Drehbänke, Hobelbänke, Metallsägen, Werkbänke, Bohrwerke, Schleifsteine, eine Schmiede und andere Sachen eng an eng standen, war im Sommer sehr heiß und im Winter eisig kalt. Es gab nur einen Bullerofen, den ich als Stift zu bedienen hatte. Alle Maschinen waren alt, zum Teil  uralt. Die Drehbank, an der ich lernen sollte, wurde schon von Marx beschrieben, aber das wusste ich damals noch nicht. Sie war an ein Deckenvorgelege angeschlossen wie mehrere andere Maschinen.

Ziemliche Ähnlichkeit mit meiner ersten Drehbank

Ein Deckenvorgelege ist eine lange Welle unter der Decke, die von einem starken Motor getrieben wird. Die angeschlossenen Maschinen werden mit breiten Flachriemen, die von Scheiben an der Decke kommen, angetrieben. Zum Aus- und Einschalten schob man den Riemen auf eine Leerscheibe, zum Wechsel der Geschwindigkeit schlug man mit einem Knüppel den laufenden Riemen auf die nächste Stufe der verschieden dicken Scheiben. Die alten Fachmänner machten das mit der Hand. Das Vorgelege rappelte und die Riemen wimmerten. Waren alle Maschinen am Arbeiten, gab es kaum Kraft, war nur eine Maschine dran, musste das ganze Krach machende Ungetüm auch laufen. Heute kann man dieses Antriebssystem aus der Gründerzeit im Deutschen Museum in München bewundern.

Stift war der Lehrling. Und damit der unterste Dienstrang und für Dienstleistungen zu gebrauchen. Ich musste Werkzeuge holen, anreichen, festhalten, aushelfen, bei Reparaturen in die dreckigste Ecke und vor allem Essen holen. Zum Frühstück und zu Mittag. Dafür hatte ich eine Holzkiste und da kamen die Bestellungen rein. Hack Rind, Hack Schwein, Leberwurst mit oder ohne Grieben, Fleischwurst, Brötchen, Getränke. Einer wollte nur grünes Bier und das im Winter warm. Wehe ich brachte das Falsche. Dann flogen schon mal Eisenstücke. In der Stanzerei aushelfen war hart. Eine große Halle voller alter Stanzen, Blechbiegemaschinen, Bohrwerke, die jammerten und jaulten und krachend abwärts fuhren. Nur durch Schreien konnte man sich verständigen und der Fußboden vibrierte. Nach Feierabend brauchte das Gehör lange Zeit um auf Normalgeräusche umzuschalten. Stanzen war gefährlich. Sicherheitsvorrichtungen gab es kaum. Einem meiner jungen Kollegen hat es die Hand abgehackt als die Maschine beim Hochfahren nicht einrastete und zurück kam mit Wucht. Seitenbleche für Herde und Öfen wurden gestanzt.  Glück hatte ich. Mein Onkel, der Betriebsingenieur teilte mich nur selten ein. Dafür brachte er mir den Pythagoras  bei. Ich aber begriff nicht, für was der gut sein sollte. Überhaupt war mein Interesse gering. Lieber stand ich bei Fritz, dem Vorarbeiter, der mir die Grundzüge klassischer Musik und des Fotografierens beibrachte. Und die Geschichten der Facharbeiter interessierten mich ungemein. Besonders wenn sie von Liebe handelten.

Klassische Musik hören, war in unserem Haus verpönt. Ich sollte christliche Musik oder Volksmusik im Radio anmachen. Mein Anreiz war, dass Vorarbeiter Fritz sich ab und an im sonntäglichen Wunschkonzert ein Musikstück wünschte. Dann saß ich Stunden am Radio. Es war für mich etwas Besonderes, jemanden zu kennen, der im Radio genannt wurde. Und um Bilder abzuziehen, hab ich mir einen Kopierrahmen gebaut und ein Labor unterm Dach eingerichtet. Es war faszinierend, wenn die Fotos im Entwickler zum Leben erwachten. 

Um 6:30 Uhr fing die Arbeit an. Um 8:10 Uhr kam der Schnellzug Marburg-Siegen vorbei. Wann immer es ging stand ich draußen und schaute ihm nach. Er fuhr in die große, weite Welt meiner Träume.

Meine Drehbank war rechtsdrehend.

Die zweite Drehbank war etwas moderner (Archivbild,

Nach 3 Lehrjahren war die Bewegung, den Schlitten ein und auszufahren, verinnerlicht. Bei der Gesellenprüfung gaben sie mir einer Maschine, die ich nur aus  Büchern kannte. Und der Schlitten des modernen Gerätes war linksdrehend! Eine Katastrophe. Ich fuhr das Werkzeug permanent in das Drehstück hinein statt heraus. Entsprechend sahen Gewinde und Kegel aus, das Passstück, das auf 1/100 mm genau zu sein hatte, war völlig mit Rillen übersät. Eine 4 war das Resultat. Da hatte ich schon wieder Glück. Mit einer 5 wäre ich durchgerasselt auch mit der 1 in Theorie. 

Die Werkstatt war zuständig für Metallarbeiten im Betrieb. Noch heute habe ich Hochachtung vor der Leistung meiner Kollegen. Es gab nichts, was sie nicht konnten. Komplizierte Werkzeuge, Formen, Drehstücke wurden hergestellt und alles repariert was kaputt ging. Onkel Otto konstruierte Hydraulik gesteuerte Fließbänder für die Produktion, die wurden ebenso gebaut wie genaueste Stanzformen und schmiedeeiserne Gitter. Schmieden mochte ich. An der Esse stehen, den Stahl weiß und schmiegsam zu erhitzen und auf dem Amboss zu formen war Kunst. Bei großen Stücken schlug ich mit dem Schmiedehammer im langsamen Takt auf den Stahl, mit dem kleinen Handhammer formte der Meister das Stück im Zwischentakt. Schmieden im Tandem konnte ein Trommelkonzert sein.

Viel musste ich lernen. Drehen, aber auch Schweißen, Bohren, Fräsen, Schleifen, Rohre Biegen, Meißeln, Feilen natürlich und Schmieden. Interesse hatte ich, wenn Arbeiten in extremen Situationen hoch oben oder tief drinnen gefordert waren. Oder wenn es darum ging, den Männern Geschichten zu entlocken.

Die Lehrmethoden waren rau. Ohrfeigen gab es keine mehr, dafür eins mit dem Hammer auf die Finger, wenn ich nicht konzentriert und mit voller Kraft die Formen zusammenpresste. Ich wurde verarscht und rein zufällig mit Wasser übergossen, zu Besorgungen gescheucht und beschimpft. Nur selten war Böswilligkeit dabei, man kannte Ausbildung nicht anders. Die Berufsschule war ein Rückzugsort und lernen konnte man da auch noch. Onkel Otto hat mich vor zu häufigen, sonst üblichen Produktionseinsätzen von Lehrlingen durch den Besitzer bewahrt. Der hatte eine Villa nebenan, einen Mercedes und einen Sohn, der sein Abitur nur nach verschiedenen Privatschulen schaffte. Dafür fuhr er einen offenen Sportwagen. Manchmal habe ich ihn beneidet, aber nie als Sohn des Besitzers.

Ja doch, Drehen war die Hauptbeschäftigung. Faszinierend fand ich Gewinde schneiden auf der Drehbank. Das waren große, armdicke Gewinde. Meine alte Maschine hatte noch Zahnräder zum Wechseln, das Übersetzungsverhältnis musste ich ausrechnen. Diese Welle zog den Schlitten mit dem Drehstahl exakt in der Geschwindigkeit vorwärts um das Gewinde aus dem sich drehenden Drehstück herauszuschneiden. Wenn mit dem letzten Schnitt die Oberfläche des Gewindes glitzerte und das Gewinde passte, war die Arbeit gelungen. Gelang mir nicht oft.

Kaffee gab es in den Pausen umsonst. Der war durchsichtig bis auf den Tassenboden. Nur der alte Kollege vom Vater trank schwarzen Kaffee. Er hatte noch nie seine Tasse gewaschen. Zum Frühstück und Mittag ging ich an den Arbeitsplatz meines Vaters. Der saß mit seinen Kollegen zwischen gestapelten Herden und Öfen auf Brettern und Schemeln. Wir aßen die Brote von Mutter und ganz selten kriegten wir 50 Pfennig um von der Metzgerin zu kaufen. Das war normal der größte Betrag, den Vater im Portemonnaie hatte. Nach dem Essen legte sich mein Vater auf die Werkbank und schlief 10 Minuten.  

Die Hölle war los in der Gießerei. Onkel Otto war der Meinung, dass ihn die Entstehung von Gussteilen technisch gebildet habe. In einem alten dunklen Fabrikgebäude aus der Gründerzeit liefen halbnackte schwarz verdreckte Männer herum, sporadisch erhellt durch Feuerausstöße des Hochofens und schleppten Behälter mit geschmolzenem Guss. Kam der Guss mit Wasser in Berührung, spritzte geronnene Schlacke im Regenbogen durch die Halle. Was sie traf, verbrannte. Für den Fall, dass die Schlacke in die Schuhe rutschte, waren große Kübel mit Wasser aufgestellt. Da musste man reinspringen. Wer da arbeitet, erschrickt den Teufel. Nie wieder möchte ich dahin zurück.

Auch nicht in die Werkstatt. Obwohl: 2 Gesellenjahre musste ich noch aushalten. Aber das ist eine andere Geschichte.

11 Kommentare zu „II.6 Lehre 1958-1961

  1. Lieber Reinhold, du wirst es mir verzeihen aber wegen der Ähnlichkeit unserer Erfahrungen kommen mir bei deinen Erzählungen auch immer meine eigenen Erinnerungen hoch.
    Wie du hatte ich keine Ahnung was ich werden wollte. Alleine mit der Frage, was ich denn werden wolle, wurde ich erstmal einsortiert und es wurde mir vermittelt noch niemand zu sein ! Das wurde von solchen Sprüche meiner Mutter unterstützt wie „früh krümmt sich was ein Häkchen werden will “ und ähnlichen, die ihre verinnerlichte Klassenzugehörigkeit reflektierte. Wir wussten wo wir herkamen und wo wir hin gehörten. Währen des Krieges waren wir in ein Dorf evakuiert worden in dem es nur eine Zwergschule gab. Woher der Begriff kam weiß ich nicht , der war aber wegen der geringen Anzahl der Schüler und dem mageren Unterrichtsstoff ganz berechtigt. Weil mit 5 eingeschult, war ich mit 13 schon durch und voll ausgebildeter Zwergschüler, wie mein älterer Bruder lästerte.
    Zurück in Köln stand die Berufswahl an. Zur Auswahl standen die bekannten Berufe wie etwa Bäcker, Schlosser und Schreiner. Verwaltung und kaufmännische Berufe waren schon eine bessere Kategorien , wozu meine Schulbildung schon nicht mehr ausreichte. Die Wahl viel auf Schlosser bei der Firma Klöckner. Wir Ausgewählten, „viel Schulterklopfen- gute Firma – hast jetzt eine Zukunft “ wurden an einen Schraubstock gestellt, bekamen eine große Feile in die Hand und mussten als erste Aufgabe an einem Winkeleisen feilen ich bekam, weil ich für den Schraubstock zu klein war und die Feile gar nicht auflegen konnte, eine Bank unter die Beine. Los gings ! Acht Stunden lang feilen ! Es war eine Quälerei mit Händen voller Blasen, die auf gingen und schlecht heilten. Die Klos waren halboffenen Kabinen ohne jede Privatheit zu denen man sich beim Ausbilder den Schlüssel holen musste und der einem für sein Geschäft 5 Minuten zu gestand. Vor lauter Erschöpfung bin ich regelmäßig auf dem Klo eingeschlafen , was dann jedes mal Ärger gab. Nie vergessen habe ich die Porno Bilder die ein anderer Lehrling mitbrachte. Der Ekel ist mir lange haften geblieben. Nach der Arbeit musste ich mit der Straßenbahn nach Hause fahren, in der ich, kaum wenn ich mich hingesetzt hatte einschlief , deshalb meinen Ausstieg verpasste bis zur Endstation fuhr, vom Fahrer aufgeweckt zurück fuhr , um nun, wieder eingeschlafen, bis zum anderen Ende der Stadt zu fahren. Nach einer Woche habe ich meinen Eltern verkündet „da gehe ich nicht mehr hin“.
    Uh, ich komme ins erzählen! Genug für heute. Schön wäre ein Treffen oder mehrere bei denen wir uns austauschen können.

    1. Guten Morgen Werner!
      Ich hoffe, bei euch ist es wärmer. Hier sind es 5 Grad unter Null. Igitt. Ab Mitte Januar sind wir wieder bei Frank in Lima. Da sind angenehmere Temperaturen.
      Es ist frappierend wie sich Lebensläufe von uns gleichen. Ich lese dich mit Erstaunen und Kopfschütteln: gibts sowas? Offenbar ja. An den Block aus Eisen zum rechtwinklig feilen kann ich mich mit Grausen erinnern. Ich hatte dieses traurige Kapitel der Lehre offenbar verdrängt. Bei Siemens haben sie einem Lehrling den Kopf in den Schraubstock geklemmt. Gabs damals schon Menschenrechte? Für Lehrlinge nicht. Zwergschule dachte ich immer, kommt von Heinrich Lübke, der fand die gut. Sie war und ist prima geeignet, um die niederen Klassen da zu halten wo sie nach Ansicht der höheren Klassen hingehört: Unten. Das ist ein Satz wie aus einem kommunistischen Lehrbuch. Und stimmt bis heute. Wie ging’s bei dir weiter? Wir können doch parallel schreiben. Ich bin gespannt auf deine Fortsetzung.
      Grüße an Claudia und denk an die Bilder

      1. Ja, die Gewissheit , das da jemand ist der die eigene Erfahrung nicht nur nachvollziehen , sondern auch nachfühlen kann macht der Austausch mit dir ganz besonders. Also hier die Fortsetzung:
        Meiner Familie war die Erklärung „da gehe ich nicht mehr hin“ ein erstmal ein Schock. Neben der Frage, die immer im Raum hing „was soll den mal aus dem Jungen werden“ war auch immer die Existenzfrage gestellt. Erfahrung wie die in einem Winter nicht in die Schule gehen zu können weil ich keine Schuhe hatte, waren nicht vergessen. In der Familie bestand aber niemand darauf mit der Lehre weiter zu machen. Ich war der jüngste unter 2 Schwestern und einem Bruder und von allen Umsorgt. Meine Familie habe ich denn auch als sehr fürsorglich und liebevoll erfahren. Das hat mich mit dem Grundvertrauen ausgestattet, um in späteren Jahren in die Welt zu ziehen.
        Die Lösung war dann eine Lehre als Modellbauer. Die Stelle hatte mir mein Bruder verschafft , der , 8 Jahre älter als ich, als Kaufmann in einer Gießerei arbeitete und wusste was Modellbauer machen. Welche Wende`! Ich kam zu einem Familienunternehmen mit 12 angestellten und jeweils einem Lehrling im zweiten und dritten Lehrjahr. Die Gesellen waren freundliche Leute und der Sohn des Eigentümers, der die täglichen Arbeit leitete, behandelte mich wie einen kleinen Bruder – und ließ mir alles durchgehen. Nicht gut für mich. Den Abschluss schaffte ich denn auch gerade so. Ein älterer Geselle sagte mir damals, nach seiner Erfahrung wären aus den schlechten Modellbauern alles erfolgreiche Leute im späteren Leben geworden. Der Satz ist mir haften geblieben weil er etwas tröstliches für mich hatte.
        Es war die Zeit in der ich nicht mehr alles unsortiert las was mir in die Hände viel. Zu Hause, noch in der Schule, hatte ich die Liebesromane meiner Schwestern gelesen , die man als Groschenhefte beim BASTEI Verlag kaufen konnte. Mein Vater hatte aber auch eine wöchentlich erscheinendes Heft abonniert, , Readers Digest , das Auszüge aus anderen Publikationen brachte mit einem Querschnitt aus dem sozialen und kulturellen Leben und mit dem ich, wegen der Breite der Themen, eigene Vorlieben entwickeln konnte und dann wurde das Lesen der bestimmende Faktor meines Lebens.
        Meinen Vater hatte ich als hauptsächlich lesend wahrgenommen. Er saß am Kopfende des Tisches rauchte Stumpen und drehte mit dem Zeigefinger an einer ständige Locke im Stirnhaar. Wir durften ihn von hinten umarmen und ihm einen Kuss auf die Harre drücken , was er brummig akzeptierte, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen ließen meine Schwestern aber oft nicht nach, worauf er „kribitzig “ unwirsch wurde, wie meine Mutter das nannte. Ein Familienritual. Bei mir nahm durch sein Verhalten die Neugier zu über das was er dann da las. Beim Nachschlagen konnte ich oft vieles nicht verstehen aber die Neugier war geweckt und durch mein, wenn auch zunächst unsortiertes lesen, war mein Sprachvermögen gewachsen, Das viel dem Rektor meiner Schule auf, der gerade eine Pfarrbücherei gegründet hatte und mich deshalb einlud Bücher auszuleihen. Er sprach mit mir über die Bücher die ich gelesen hatte und empfahl mir weitere. Ich wurde süchtig nach lesen , las jede freie Minute und überall. Auf meiner Lehrstelle las ich in den Pausen, auf dem Klo und in der Straßenbahn bei der An-und Abfahrt und natürlich zu Hause. Man musste mich immer mehrmals ansprechen bis ich hörte und es hieß schon “ mit dem stimmt etwas nicht“
        Nun, mein Verstehen über die Welt wuchs und gleichzeitig meine Faszination dafür. Nur wuchsen die Möglichkeiten mir die Welt zu erschließen erstmal nicht mit.

        Schick mir doch mal deine e-mail, damit ich dir Fotos schicken kann .
        Hier die meine: werner.ohligschlaeger@hotmail.com

      2. Ich habe gerade an einem Text geschrieben, der dann plötzlich weg war weil ich sicher aus Versehen eine falsche Taste gedrückt habe, Ist bei dir etwas angekommen ?

        1. Nein, nichts angekommen. Ich schreibe alles vor in einem Schreibprogramm, kopiere es und setze es ein in den neuen Artikel. Das ist die sichere Seite. Schönen Sonntag noch. Wir sind in Leipzig. Waren gestern Abend im Weihnachtsoratorium. Und als wir raus kamen, war die Welt weiß

          1. In Leipzig wohnen meine Söhne. Die habt ihr als kleine Kinder gekannt.

            Zurück zur Erzählung .
            Ja, nun war ich nach 3 1/2 Jahren Lehre Geselle. Ich fand meine Situation aber überhaupt nicht befriedigend. Modellbau war zwar recht anspruchsvoll und einen Beruf musste man ja haben aber das war’s denn auch schon. Ich empfand meine Situation als trostlos weil aussichtslos, denn und auf die Frage “ und was jetzt “ hatte ich keine Antwort. Bei einem einmal erlernten Beruf blieb man den Rest des Lebens, das war die Regel. Zum Nachdenken bliebt dann erstmal gar keine Zeit, weil mein Ausbildungsbetrieb bankrott ging. Als Modellbauer wusste man wo es sonst noch Modellbau in Köln gab und kannte deren Ansprüche. Als junger Geselle war man noch ganz unten an der professionellen Leiter und bis man in der Lage war einen ganzen Motorblock zu bauen dauerte es auf jeden Fall noch Jahre . Das setzte Ambitionen voraus, die ich nicht hatte und meine Lust in einem solchen Betrieb eine Stelle zu suchen, war entsprechend gering.
            Diese Haltung hatte eine Vorgeschichte. Als Schüler einer Zwergschule hatte ich einige Lektionen gelernt. Wenn man irgendwo zu schlecht abschnitt gab es ärger und wenn man sich hervortat brachte das Aufmerksamkeit und Risiken , auf jeden Fall aber die Missgunst der Mitschüler gegenüber dem Zugereisten, der ihren Dialekt nicht sprach. Ich lerne Die Taktik des mittelmäßigen Schülers, die darin Bestand, nach keiner Seite auf zu fallen . Vergessen habe ich nie die Behandlung meines ersten Lehrers. Als Nesthäkchen der Familie war ich lustig und auch in der Schule lebhaft. Für ihn vermutlich zu vorlaut. Bei einer Gelegenheit, deren Ursache ich vergessen habe, gab es dann Schläge auf den Hintern, wozu man sich über die erste Bank der Klasse beugen musste. Während er mir auf den Hintern haute, schnitt ich Fratzen in die Klasse, die laut lachte. Er hat mich dann so verprügelt bis ich nur noch ein weinendes Bündel war und meine Mitschüler nur noch Schrecken in den Gesichtern hatten. Mit brennendem Hinter durfte ich dann auf den Klo ,wohin ich gar nicht wollte und mich statt dessen versteckt. Weil ich nicht zurück kam, musste mich die ganze Klasse suchen. Von meinem Bruder habe ich mich schließlich finden lassen aber mit der Ankündigung nicht wieder in die Klasse zu gehen. Nach meiner Erinnerung hat er mich nicht wieder geschlagen. Er hatte wohl seinerseits eine Lektion gelernt. Wenn ich mal ein Buch schreiben sollte, wäre der Titel “ Das Leben eines mittelmäßigen Schülers“
            Nun, wie wir im Leben unterwegs sind steht in direkter Abhängigkeit zu unserer Erfahrung und der Interpretation der Selben. Und dann gibt es oft noch eine Erfahrung davor., vor der erfahrenen Erfahrung so zu sagen. Meine habe ich erst viele Jahre später in einer Therapie entdeckt.
            Soviel für heute und mit Nietzsche : „Ja ich weiß woher ich stamme…..Licht wird alles was ich fasse, schatten alles was ich lasse“

          2. Als etwa Zweijähriger hatte ich einen Nabelbruch und musste in das etwa 15 km entfernte Krankenhaus zur Operation. Ich konnte schon sprechen , war sauber und meldete mich wenn ich auf den Topf musste. Nach der Operation kam ich in ein Kinderbett mit rundum hohen Gittern. Wie ich erst später verstand, stand das Bett hinter der Zimmertür mit einem hohen Schrank am Fußende. Beim aufwachen war es eine dunkel, es herrschte absolute Ruhe, ich wusste nicht wo ich war und es kam niemand. Das Panikgefühl, das mich überkam war unbeschreiblich. Jahrzehnte später bin noch mit der gleichen Panik in dunklen Räumen aufgewacht. Das eigentliche Drama begann aber erst als ich auf den Topf musste. . Auf mein Rufen kam meist niemand und wenn doch, verstand mich niemand, weil ich dafür ein eigenes Wort hatte, das nur die Familie kannte. Also versuchte ich aus dem Bett zu klettern , um an den Topf unter dem Bett zu kommen und viel dabei auf den Boden davor. Weil sich das wiederholte wurde ich mit verbänden an Händen und Füßen an den Seitengittern festgebunden und so von meinem Vater bei meiner Entlassung vorgefunden. Um mich abzuholen hatte er sich einen Wagen mit Pferd bei einem Bauern geliehen . Meine Geschwister waren auch dabei und freuten sich alle mich wieder zu sehen. Ich wurde vorne neben meinen Vater auf die Bank gesetzt und bekam ein Butterbrot in die Hand. Alle redeten auf mich ein aber ich antwortete nicht und hielt nur mein Brot ohne zu essen. Mir war das Sprechen vergangen.
            Heute hat man den Begriff Hospitalismus für das hier beschriebene Phänomen . Zu verstehen ist die ganze Geschichte aber nur aus der Situation die alle Beteiligten erfuhren.
            Es war 1947 und Deutschland hungerte. Wir waren im Krieg in ein oberbergisches Dorf evakuiert, das nur aus Kleinbauern bestand. Wir hatten buchstäblich nichts und lebten in einem Behelfsheim, einer Bretterbude. Meine Geschwister gingen Hamstern, was darin bestand alles Familiengut zu verhökern was Interesse fand gegen Essen aller Art. Kartoffel, Gemüse oder schon mal ein Huhn. Die Bauern hatten selber genug zu Essen aber wenig mehr und Fremden gegenüber war man misstrauisch. Nach den Berichten meiner Geschwister, war bei den katholischen Dörfern am Wenigsten zu bekommen.
            Zeit mich im Krankenhaus zu besuchen hatte niemand, die tägliche Essenbeschaffung hatte Vorrang und mein Vater kam nur selten zu Besuch aus Köln. Einen öffentlichen Transport gab es nicht und Pferdewagen für längere Strecken nicht geeignet – wie mal gerade einen Besuch im Krankenhaus. Neben dem Transport fehlte es an allem. An Ärzten, Krankenschwestern und Medizin. Davon habe ich halt ein paar Schrammen abbekommen.
            Wegen dem liebevollen Nest, das mir meine Familie immer war, habe ich an Geist und Seele überlebt.

          3. Nun, nichts im Leben ist zufällig. Meine Vorgeschichte war der Grund für meine Unlust am Ende meiner Lehre einfach eine neue Arbeit zu suchen. Ich hatte eine Lebenstechnik entwickelt, die eine Überlebenstechnik war. Damit kam ich gut durch, Bestätigung bekam ich aber von nirgendwo und die Selbstzweifel wuchsen. So aufgestellt suchte ich in alle Richtungen, um dem vorgeschriebenen Weg zu entkommen, und fand eine Stelle bei der Deutschen Luft und Raumfahrt. Die erforschten in ihren Versuchsanlagen die wissenschaftlichen und technischen Grundlagen für den Bau eines Senkrechtstarters und brauchten dazu einen Modellbauer, der die Modelle für die unterschiedlichen Windkanäle baute und variierte. Meine neuen „Kollegen“ waren Ingenieure und Wissenschaftler. Einige von denen hatten noch als Assistenten mit Wernher von Braun in Peenemünde gearbeitet, und erzählten von einer Welt, die sich mir nach SF anhörte. Unter Handwerkern hatte ich eine Art des sich gegenseitigen Anmachens kennen gelernt, hier nun wurde ich freundlich und respektvoll behandelt. Es waren ein paar entspannte Jahre. Die Arbeit war keine besondere Herausforderung und das Umfeld angenehm. Aber auch in dieser Situation, oder gerade wegen derer, wurde mir meine Ausweglosigkeit erneut bewusst. Ich hatte angefangen Englisch zu lernen und bei der kanadischen Botschaft nachgefragt ob ich nach Kanada auswandern könne. Das ginge, wurde mir gesagt, weil ich aber erst 18 war, benötige es die Zustimmung meiner Eltern. Da brauchte ich erst gar nicht nachzufragen.
            Der Senkrechtstarter wurde schließlich, weil zu teuer, nicht gebaut, man gab mir aber Zeit eine neue Stelle zu suchen.
            Ich fand den DED und es begann eine neue Lebensphase.

  2. Lieber Reinhold, wie du an meinen Texten sehen kannst, inspirieren mich deine Erzählungen . Meine Beiträge sind aber keine Kommentare und dürften deine weiteren Leser kaum interessieren. Ich fühle mich wie jemand ,der mit seinen Geschichten in das Wohnzimmer einer Familie hinein platzt. Was ist eine gute Umgehens weise mit dieser Situation?
    Peru hat bis Mitte Januar eine Ausgangssperre verhängt. Das ist lästig für deinen Sohn und seine Familie aber nicht gefährlich, solange die Leute nicht auf die Straße gehen. Die Sperre kann auch noch länger dauern mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit auch für Besucher. Was wollt ihr machen ?

    1. Guten Morgen Werner!
      Ich weiß von meiner Schwester, dass sie deine Beiträge liest. Für mich sind sie mittlerweile begleitende Geschichten aus einer fast vergessenen Zeit. Eben auch „Andere Welten“. Ich würde mich freuen, wenn du weiter machst.

      Die Parallelität unserer Leben ist erstaunenswert. Manchmal unglaublich. Gestern allerdings dachte ich, den Text muss ein Roboter geschrieben haben, der dich (also mich) kennt. Es kann nicht sein, dass Werner auch am Senkrechtstarter gearbeitet hat. Wie können denn zwei Lebenswege fast schon synchron verlaufen? Über Zwergschule, die ungeliebte Technik zu VJ 101 und dann der DED. Über mein Erlebnis mit dem Senkrechtstarter werde ich demnächst berichten.

      Lieber Werner, mach weiter. Wir haben der heutigen Welt einiges zu erzählen aus anderen Welten.
      Grüße Reinhold

      1. Danke für deine Rückmeldung. Deine Erzählungen animieren mich zur eigenen Reflektion und der Austausch in anekdotischer Form ist locker und macht mir Lust auf mehr,.
        Dein letzter Beitrag war nach meiner Empfindung der persönlichste. Man kann erkennen was dich bewegt (e). Wir sprechen viel über unsere Erfahrungen in der objektiven Welt aber wer ist denn das, der diese Erfahrung macht ? Oder anders gefragt: warum tue ich was ich tue ? Das hat doch offensichtlich mit unserer Historie, mit unserer Erfahrung zu tun. Mit dem der ich bin. Und das ist für die meisten Menschen eine dunkle Kiste. Die Neurowissenschaften sagen, das wir mit unserer Konditionierung früh aufgestellt sind und in der Adoleszent üben, um zu lernen was sich bewährt. Daraus entwickeln wir dann Lebenstechniken ,welche die meisten Menschen nie wieder ändern und je enger der Raum der Erfahrung ist , umso kleiner fällt die Interpretation der Welt aus. Es hat mich immer wieder verblüfft in aller Welt auf Menschen zu treffen, die eine komplette Interpretation der Welt hatten. Ich hatte, wie du auch, das Lesen beim Heranwachsen entdeckt und einen Referenzrahmen für mein Sein und Handeln gefunden. Ich wusste, sicher zuerst intuitiv und dann mehr und mehr explizit, dass es da draußen noch eine andere Welt gibt, die es zu entdecken galt. ( Wie passend der Titel dieser Seite!!) Ich bin im Grunde immer noch der kleine Junge vom Dorf, der beim Kühe hüten auf eine Decke liegend, in den Himmel schaute und glaubte, dass es hinter den Wolken noch etwas anderes geben muss.

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