Vom Fernweh, Drehbänken, Fachschule, Goggo, Twen, Besäufnis und anderen Erlebnissen

Zwischenzeit 1961.1964

Noch immer stand ich morgens 8:15 draußen vor der Werkstatt, sah dem Schnellzug nach und hatte Fernweh. Noch immer war es die gleiche Werkstatt. Noch immer strampelte ich morgens kurz nach 6:00 die 4 km zum Arnold,  manchmal nahm mich Vater mit, der im selben Betrieb Herde und Öfen ausmauerte. Um 1/2 7 fing die Arbeit an und um 4:00 waren wir zurück für die „Nebenerwerbstätigkeit“ (so der verschrobene Terminus Technicus)  auf Hof und Feld. Aber jetzt war ich Facharbeiter und verdiente 400 DM im Monat. Ich musste nicht mehr Bier und Brötchen holen, bekam keine mehr auf die Finger, wenn ich die Werkstücke beim Schweißen ungenügend zusammenhielt und die Stanzerei holte sich andere Stifte zur Aushilfe. Dafür hatte ich eine eigene Drehbank, moderner zwar als die mit dem Deckenvorgelege, aber schon recht betagt und dazu einen wackeligen Spind mit Drehwerkzeugen. Ein Bild von zwei wie Tänzer dahin gleitenden Schlittschuhläufern hatte ich mir hineingehängt. Seltsamerweise tröstete mich das Foto, es strahlte die Ruhe einer anderen Welt aus. Meine Welt war Bolzen drehen, Gewinde schneiden, Passungen auf 1/100 mm genau hinkriegen, Reparaturstücke anfertigen. Traurige Wahrheit war, dass diese Arbeit immer so bleiben würde. Allenfalls Gewinde mit spiegelglatter Oberfläche hinkriegen war eine befriedigende Kunst, die mir selten gelang. Mehr als das tote Material interessierten mich die Menschen. Wann immer möglich versuchte ich sie zum Reden zu bringen. 

Onkel Otto war der Betriebsingenieur und mein Mentor. Ich sollte in seine Fußstapfen treten. Was auch sonst. Alternativen waren nicht bekannt. Ingenieur zu werden war machbar. Also ran. Zuerst die Fachschulreife, sie war eine der Eingangsvorraussetzung für das Studium. Angenehm war der Gedanke nicht, doch immer noch besser als Facharbeiter bleiben. 

Die Fachschule in der Kreisstadt war abends und eine bessere Alternative, als auf dem Feld arbeiten. Meist fuhr ich die 10 Km mit dem Fahrrad.

Vater lieh mir das Goggomobil. Ich packte 7 junge Männer rein. Wir wollten die Pause nutzen, zum Marktplatz fahren, frische Luft in der Nase haben und den Mädchen nachschauen. Nach 9 Stunden im Betrieb und anschließendem Unterricht kamen solche Gelüste hoch. War das ein Spaß in dem übervollen Goggo! Endlich mal was Anderes! Und dann passierte das Unmögliche. Ich bog auf dem Marktplatz mit der tief liegenden Blechbombe ein, hielt,  öffnete beide Türen und heraus quoll einer nach dem Anderen unter Gelächter und Geschrei. Plötzlich stand Vater neben mir mit entsetztem Blick, er, der nie abends in Biedenkopf war. Der Goggo war sein erstes Auto, er war nicht mehr Wind und Wetter ausgesetzt, musste nicht mehr Görike fahren, das kleine Motorrad. Und sein Sohn, dem er vertraut hatte, behandelte seine schwer erarbeitete Errungenschaft mit solcher Geringschätzung!. Vor Scham wurde ich ganz klein mit Hut. .

Es war langweilig mit all dem theoretischem und technischen Zeug, das da geballt unterrichtet wurde. Das Niveau zog an, blieb aber trocken und leblos. Den Pythagoras hatte Onkel Otto schon erklärt, ich aber hatte nicht verstanden, wo der praktische Nutzen liegt wenn a im Quadrat plus b im Quadrat gleich c im Quadrat ergibt. Jetzt ging’s ans Kräfteparallelogramm, an Jaul und Pi und Ohm, der ganze Schrott.

Cousin Manfred lernte von Schulbeginn an meiner Seite. 8 Klassen lang saßen wir nebeneinander. Wir hatten zusammen das Gymnasium erprobt, waren nach dem ersten Halbjahr zurückgekehrt in die Dorfschule wo wir hingehörten, hatten Dreher gelernt, er in einem modernen Betrieb, ich in einer Klitsche, gingen zusammen auf die Fachschule, wollten Ingenieur werden. Manfred begriff die Technik besser, war fleißig. Sonntags spielten wir Schach und hörten klassische Musik. Manchmal mussten wir auch spazieren gehen. Er war Vorbild für meine Eltern.

Freie Kurse gab es, die zogen mich an. Ich belegte Fotografie und später eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Bild-Zeitung beschäftigte. Das Lehrer-Ehepaar war anders als alle bisher bekannten Lehrer. Sie fragten, hörten zu, ließen Kleingruppen selbst arbeiten und sahen die Bild-Zeitung kritisch. Was für ein Ding! Die Zeitung, die zu meinem Alltag gehörte, soll lügen, manipulieren, einseitig orientieren? Aber die Meldungen, mit anderen Zeitungen, Pressemitteilungen, Quellen verglichen, zeigten es deutlich. Bild lügt. Manchmal. Eine Offenbarung. Die Sicht auf die bekannte Welt bekam einen Riss. 

Die freundlichen Lehrer luden Schüler zu sich nach Hause ein. Das gab es also auch, persönliche Kontakte mit oben Stehenden. Ich gehörte zu den Auserwählten, sie fragten nach: Was meinst du zu dem Problem? Und der junge Mann vom Dorf engagierte sich mit seinem bescheidenen Wissen, wollte dabei sein, gefragt werden, mehr erfahren. 

Die erste Fahrt durch Berlin im Bus war wie ein Vorhang, der sich öffnete. Diese Stadt, die Größe, die vielen Menschen, Plakate, Bahnen und Busse, Strassen, Häuser, Monumente. Einiges kam bekannt vor, anderes war völlig fremd. Ich hupfte auf meinem Sitz herum und gab unsinnige Kommentare ab. Nachts hauten wir ab in eine Disko. Eine Treppe tief hinab ging es, ein Eingang zu unbekannten Freuden. Musik wurde lauter, die Tür öffnete sich und da waren Lichtexplosionen, ohrenbetäubender Lärm, Rauch, Gewühle. Das war nicht das, was ich erwartet hatte. Sicher, da waren auch Frauen, aber sie tanzten in einem Menschenknäuel, einige standen herum, tranken und redeten. Wie sollte denn der unsichere Junge Mann mit Pickel da ran kommen? Nein, das traute ich mir nicht zu. Später gingen wir an Nachtlokalen vorbei mit halb-nackten Frauenbildern im Fenster, an Türstehern, die aufforderten, ein zu treten. Das war eine Welt, die ich kennen lernen wollte. Meine Kollegen gingen weiter, ich musste mit.    

Meine große Liebe schon aus Schulzeiten begehrte ich von ferne. Sie hieß Thea, wohnte in der Nachbarschaft und wenn ihre Mutter sauer war, beugte sie sich um die Ecke und schrie Dorothea. Dann wussten alle Bescheid, denn sonst wurde sie Thea genannt. Die Mutter war aus Berlin in das Dorf verschlagen worden und eine schöne Frau. Der Vater, ein Schlawiner, der nicht ins Dorf passte, verzog sich zwei mal in die Fremdenlegion und entzog sich schlussendlich ganz der Familie. Schon früh war Thea wohlproportioniert und in meinen Augen wunderschön. Ihr gepflegtes Deutsch hob sie heraus aus der Masse, die gerade mal Platt konnte und in der Volksschule Hochdeutsch lernte. Einmal habe ich mich getraut und meine Liebe gestanden. In ihrem Schulheft. Da war sie sauer.

Ungemein bildend wirkte die „twen“.  Die Zeitschrift war großformatig in einem ästhetischen Grafikdesign gestaltet, hatte Anfangs noch s/w, später Farbfotos  von hervorragenden Fotografen, dazwischen immer wieder aparte Frauen wie Uschi Obermeier und Artikel von Hemingway, Faulkner, von Philip Roth, Ben Shahn, Irving Penn, von Will McBride und Guy Bourdin – in „twen“ publizierten nur die Besten. Sogar einen eigenen Modestil kreierte die Twen. Ich aber traute mich nicht, die lässigen Sachen zu bestellen, zu teuer und extravagant. Marylin Monroe lernte ich begehren, Henry Miller, Jeanne Moreau, interessante Filme faszinierten, Geschichten von Bars, Getränken, Tanzen, Flirten lockten. Joachim E. Berendt erklärte Jazz und die bemerkenswerte Schallplattenserie orientierte meinen Musikgeschmack. Eine Aufbruchstimmung sprang mich an, das da war sie, meine Welt. 

Nachts las ich im Bett, manchmal bis weit nach Mitternacht. Dann waren die Augen rot am Morgen wenn die Mutter um 1/4 vor 6.00 weckte. Die Decke über den Kopf, um nicht durch den Lichtschein unter der Tür verraten zu werden, schmökerte ich durch die Welt. Das Buch über Brasilien hatte Bilder von Indianermädchen aus dem Urwald. Das also waren Frauenbrüste, die berühmten. Sie waren anders als vorgestellt, weniger aufregend, obwohl es spannend genug war, so ein Buch zu besitzen. Ein Missionar aus Brasilien war zu Besuch. Dem wollte ich imponieren. Aber die Bilder, die Bilder, ein Aufschrei würde das Haus wecken und ich wäre verloren. Auf Erden und im Himmel. Das Zeigen Wollen war stärker und so riss ich die Seiten mit den blanken Brüsten raus, zerschnippelte sie und führte mein Wissen vor. Der Missionar interessierte sich nicht sehr.    

Vater half, ein einfaches Fotolabor auf den Dachboden zu bauen. Wasser musste im Eimer hoch geschleppt werden und der Staub schlug sich auf die Fotopapiere. Mehr als Kontaktabzüge war nicht drin, ein Vergrößerungsgerät war zu teuer und auf dem Speicher war kein Anschluss für Elektrogeräte. Von den 6×6 Filmen meiner Kamera ließen sich kleine Bildchen machen. Mich faszinierte, wie aus dem Nichts im Entwickler langsam Umrisse und Bilder hervortraten. Der Sandsack zum Boxen, der auf dem Speicher von einem Balken hing, war Eigenproduktion und zu hart. Die Knöchel schwollen. Handschuhe waren nicht erschwinglich. Armin Hary war 1960 die 100 m als Erster in 10 Sekunden gelaufen und hatte im gleichen Jahr zwei Goldmedaillen gewonnen. Der war mein Vorbild. Mit dem Halbrennrad trainierte ich schon länger, nun fing ich an zu laufen, alleine, im Feld. Den Hang hinter Krauses hoch bis zum Wald, an dem lang, im hohen Bogen an der schrägen Waldwiese vorbei, dahinter Hang abwärts, über einen kleinen Hügel hinweg, hoch zum Kaiser Willhelmsplatz und zurück nach Hause. Auch im Winter lief ich die Strecke. Im Betrieb baute ich mir eigene Startblöcke, Onkel Otto half sogar. Und dann sah ich in der Kreisstadt in einem Schaufenster Spikes liegen. Sie waren billig, weil der eine Schuh durch das Sonnenlicht braun geworden war. Nun war ich stolzer Besitzer von Spikes. Was für ein Glück. Das Training brachte nicht viel. Beim Sportfest wurde ich siebter.

Das schönste Geschenk meiner Eltern war der Halbrenner, umgebaut aus einem Tourenrad, ausgestattet mit Rennlenkstange, Felgenbremse, Kettenschaltung und bunt angemalt. Im Windschatten des Omnibus die Landstraße nach Silberg hoch strampelte ich mir die Seele aus dem Leib um den Mädchen hinten im Bus zu imponieren. Zu selten sah eine raus. Nach Duisburg wollte ich, da wohnten Freunde der Familie, die es im Krieg nach Hommertshausen verschlagen hatte. Abends bekam ich Zoff mit Vater und morgens um 5:00 zog ich los wie ein Abenteurer. 200 km wollte ich schaffen. Schon hinter Laasphe die Berge hoch kamen Bedenken. Vor Hagen hatte ich nur noch ein Pedal, beim anderen war der Verbindungsstift ausgeschlagen, es war Samstag, keine Chance auf Reparatur. Da fuhr ich froh und glücklich die letzten 100 km mit der Bahn. Bei den Duisburgern gab es Bücher mit Sex, ich durfte schmökern und sonntags zum Frühschoppen. Ein Bier und ein Schnaps genügten, den Tag wundersam werden zu lassen. Zu Hause hatte es einen Skandal gegeben. Der Nachbar liebte es zu lauschen, hatte den Streit mit Vater und meine frühe Abfahrt mitgekriegt und erzählte überall, ich wäre abgehauen. 

Ein Gläschen Wein war erlaubt, trinken, gar saufen, streng verboten. Die Meute der Jungen im Dorf hänselte mich. Trau dich mal was, komm mit, du Feigling, du bist kein Mann, ein Hampelmann eher. Sie hatten eine Party organisiert, die Eltern waren nicht zu Hause. Es gab Bier, Schnaps, Coca Cola und Rainer neben mir schüttete nach, komm, sei ein Mann. Musik war da, auch Mädchen saßen herum. Ich ließ mich nicht zwei Mal bitten und schluckte Schnaps und nach Luft. Dann drehte sich alles, ich war besoffen und hatte einen Fadenriss. Am nächsten Morgen gaben die Beine unter mir nach als ich aufstehen wollte, ich landete am Spiegel, rutsche daran herunter und sah ein mir unbekanntes Gesicht. Zur Arbeit musste ich. Tage später erzählten sie mir, was passiert war. Du bist umgefallen, wir haben versucht, dich die steile Treppe runter zu bringen, da bist du die ganzen Stufen abwärts  gepurzelt. Wieso hast du dir nichts getan? Wir haben dich in der Schubkarre gefahren, laufen war nicht mehr drin. Und zu Hause bist du auf allen Vieren die Treppe hoch. Wieso konntest du arbeiten? Ich hab lange keinen Schnaps mehr angefasst.

Klaus war 6, Hanne 12 Jahre jünger. Der Abstand war zu groß um mit den Geschwistern zusammen was unternehmen zu können. Hanne wollte lernen wie ich, Klaus arbeiten. Und zwar Speis machen. Ansonsten stand er rum, hatte die Hände in der Tasche und rauchte spitze Stöckchen. Das wurde ihm eines Tages zum Verhängnis. Er lief den Hof hinunter, stolperte, fiel und stach sich den Stock in den Rachen. Was für eine Aufregung. Mutter kam hinten auf die kleine Görike, Klaus im Schoß. Im Nachbarort hat der Arzt den Jungen ohne Betäubung genäht. Samstags war unsere Aufgabe, den Hof zu kehren. Er oben, das kleinere Stück, ich unten. Klaus trödelt, ich wollte fertig werden. Denn nach dem Kehren kam nur noch Baden, dann war Feierabend für die Woche. Regelmäßig musste ich einen Großteil seines Bereichs mit kehren. Aber wenn es Speis zu machen gab, dann nahm er die Hände aus der Tasche und packte zu. Vater und Sohn arbeiteten freudig nebeneinander, ich versuchte zu verschwinden, wurde für das Wasser gebraucht und machte schweren Herzens mit. Meine kleine Schwester war liebenswert, sie verehrte mich und ich beschützte sie. Erst später habe ich sie richtig kennen und lieben gelernt. 

Sonntags spazieren gehen gehörte wie der Gottesdienst, das gute Mittagessen, Kaffee und Kuchen und Chorsingen abends zum festen Programm. Mir lief die Zeit davon. Was hätte ich nicht alles lesen und hören können in der Zeit. Aber ich musste neben den Eltern und Geschwister her traben und die Natur genießen. Ich hatte es versucht, wollte Waldläufer werden, Naturbursche, der im Freien zu Hause ist. Einen Hund wollte ich haben und mit ihm zusammen durch die Wälder streifen. Opa beschied knapp, du brauchst einen Hund, der deine Anschläge frisst, sonst keinen. Wahrscheinlich eine weise Entscheidung von Opa, denn ich fasste keinen Fuß im Wald. Sie war nichts für mich, die freie Natur. Aber jeden Sonntag musste ich wieder spazieren gehen. Das latente Unbehagen über mein Leben erreichte seinen Höhepunkt auf einem kleinen Hügel vor dem Dorf. Da war ich hoch geklettert, die anderen gingen weiter. Ich sah auf das Tal, das Dorf, die Enge, und eine Frage nahm Besitz von mir: Das soll es gewesen sein?

Die Reklame der privaten Technischen und Wissenschaftlichen Fachschule war interessant. Studium zum Techniker in 6 Monaten, zum Ingenieur in zwölf. Ein  verlockendes Angebot weil kürzer als die 6 Semester auf der Ingenieurschule. Onkel Otto prüfte und erklärte die Lehrinhalte für ausreichend. Meine Eltern hatten viel von meinem Lohn gespart – ich kam mit einem geringen Taschengeld aus – und mit einem Zuschuss von zu Hause konnte ich gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: keine Fachschule mehr, die ungeheuer lange Studienzeit ließ sich verkürzen und ich kam von zu Hause weg. Was für eine Aufregung. Statt nach Gießen gings nach Stockach am Bodensee. Vor der Abreise waren die Nachbarn zu verabschieden, ich sprang von Bordstein zu Bordstein, rutschte ab und hatte eine schlimme Verstauchung im Knöchel. Die Reise mit dick umwickelten Bein war wie eine Vorausschau auf die Technikerlaufbahn: immer etwas behindert. Auf dem Abschlusszeugnis stand „TEWIFA.Ingenieur“.

6 Kommentare zu „Vom Fernweh, Drehbänken, Fachschule, Goggo, Twen, Besäufnis und anderen Erlebnissen

  1. Hallo El Barbudo, du bist einfach nicht kleinzukriegen! Toll, was ihr alles erlebt habt. Ich bin jetzt über die 80er Altersgrenze, habe über 30 Kliniken hinter mir, als letztes ein Prostata OP, die Folgen werden mich noch einige Zeit begleiten, gehe deshalb kaum unter Leute, bis seit 7 Jahren gehörlos, habe 2 Implantate im Kopf, verstehe nur Einzelpersonen, keine Musik, lese viel, sonst geht es mir-na! Ja!

    Schöne Feiertage wünscht Euch

    Wolfgang

    1. Hola Charly!
      Freut mich, von dir zu hören und freut mich wieder nicht. Wegen des Inhalts. Das es dir Na-ja geht ist kein Wunder. Mann oh Mann, Prostata Op hatte ich gerade mal, aber ansonsten hast du die schlechteren Karten gezogen. Ich hoffe, ich kann dich ein bisschen unterhalten.
      Aus dem Hinterland grüßt dich
      Barbudo (Bart hab ich immer noch)

  2. Hallo mein lieber Bruder, schön, Dich wieder ein Stück auf Deinem Weg begleiten zu dürfen.. Einiges weiß ich, anderes nicht. Leider kann ich mich an nichts aus dieser Zeit, die Du beschreibst, erinnern. Aber schön, zu lesen, dass Du ein paar wenige Erinnerungen an mich hast. Der Altersunterschied war einfach zu groß. Richtig kennen gelernt habe ich Dich erst später, als Du aus Chile zurück kamst. Trotzdem musst Du Einfluss auf mich gehabt haben, denn die Sehnsucht, zu lesen, zu lernen und die Welt außerhalb des Dorfes kennenzulernen, die hatte ich auch.
    An Deine Spikes und die Twen und das Fotolabor kann ich mich noch erinnern. Sie blieben ja im Haus, als Du schon lange weg warst und wurden immer stolz gezeigt, für mich der Beweis, dass Du schon immer etwas Besonderes warst. Auch von der Fahrt mit dem Fahrrad nach Duisburg wurde voller Anerkennung gesprochen. Auch wenn ich mich nicht erinnern kann, dass wir jemals zusammen gespielt hätten – es war von Anfang an spannend, Deine kleine Schwester zu sein. Und ist es bis heute geblieben.
    Schreib weiter!

  3. Gestern hatte ich schon einen Kommentar geschrieben. Den sehe ich hier nicht. Ich hoffe der taucht noch auf. Deine letzte Erzählung inspiriert mich auch diesmal zur eigenen Reflektion mit der ersten Wahrnehmung, ach, ich hatte ja gar keine Familie wie du außer Papa, Mama und Geschwister. Das hat es mir sicher leichter gemacht in die Welt zu ziehen und obwohl ich eine Beziehung zu Köln habe, ging und geht mir das ganze Heimat Gedöns, wie das in kölschen Liedern bis zum Überdruss besungen wird, immer herzhaft auf die Nerven . Zwar ist mein Bedürfnis irgendwie dazu zu gehören gering aber dennoch ist es ambivalent geblieben. Irgendwo zugehören müssen wir schon und in deiner letzten Erzählung wird das schön sichtbar, wenn du von deiner Familie sprichst und dabei eine gewisse Wärme rüber kommt. Trotzdem hat es dich in die Welt gezogen. Ein wärmendes Soziotop engt auch gleichzeitig ein und die Neugier , einmal geweckt, lässt sich nicht mehr abstellen.
    Nach unserer Rückkehr nach Köln hatte ich einen Ersatz für die fehlende Familie bei den Pfadfindern und in der katholischen Jugendbewegung der Pfarre gefunden und war eine Zeit lang Pfarrjugendführer. In dem Kölner Vorort waren wir alle Zugezogene und es brauchte Gemeinschaft. Die Kirche, miefig wie sie war, bot den Rahmen dazu und unterstützte mit Räumlichkeiten. Der Pfarrer hieß ausgerechnet Babylon und kam so alt rüber wie der antike Ort selbst. Wir machten u. a. Tanzkurse und Sexualaufklärung feierten und tranken Bier, nichts was der Pfarrer und die Kirche gut hieß. Es war aber gerade für viele , die mit der Diskokultur nichts anfangen konnten , ein wichtiger Treffpunkt.
    1963 machten wir eine Reise nach Israel. Wir hatten uns bei den Emmaus Brüdern, die 1949 vom Abbe Pier zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit und der Armut gegründet wurde engagiert und mit Lumpensammlungen 6000,- DM erwirtschaftet. Die wollten wir an ein Kibbuz in Israel übergeben und dort einige Wochen verbringen. Von der Stadt Köln hatten wir 3 VW-Busse für die Reise bekommen die über Österreich , Jugoslawien, Griechenland , der Türkei, Syrien und Jordanien gehen sollte. Wir sind nie angekommen. Es wurde ein richtiges Abenteuer. Der Kölner Stadt Anzeiger hatte von unserer Reiseabsicht berichtet und die Syrische Botschaft in Köln den Artikel offensichtlich auch gelesen. An der syrischen Grenze wurden wir schon erwartet und ganz gezielt nach dem Visum für Israel gesucht von dem sie wussten, dass wir es hatten. Gefunden haben sie das Visum nicht , ließen uns aber trotzdem nicht einreisen und die Türken nicht mehr zurück. Wir hingen dann mehr als eine Woche im Niemandsland und die Botschaft in Ankara musste intervenieren um uns da wieder raus zu holen. Wir sind dann mit dem Schiff über Zypern und Griechenland zurück nach Deutschland. Die Reise war voller großer und kleiner Geschichten und persönlichen Erfahrungen, die einige von uns an ihre Grenzen brachte. Ich denke ich werde mal gesondert darüber schreiben.
    Sehr berührt hat mich der Kommentar von Wolfgang über seine Gesundheit mit Chips im Kopf. Wir sind jetzt in unserer letzten Lebensphase – danach kommt nix mehr. Das Leben schein gelebt. und die Gegenwart von unserem Gesundheitsstatus und der Erinnerung bestimmt. Sicher ist es richtig beide Dimensionen unseres Seins wahr zu nehmen , es gibt aber noch eine interessante Dritte. Wir haben unser Leben lang Erfahrungen gemacht, gelernt und Verstanden und sind auf der Höhe unserer Fähigkeit zur Reflektion. Ich glaube sogar , das Verstehen der Sinn unseres Daseins ist . Also reden wir doch darüber, oder ?

    1. Guten Morgen Werner!
      Ja, dein Kommentar von gestern ist angekommen. Ich hab auch schon geantwortet. Müsste unter „Kommentare“ zu sehen sein.
      Was für ne Reise nach Israel, alles drin was bei einem Abenteuer drin sein muss. Ja, schreibs mal auf. Wie wärs denn, wenn du deinen eigenen Blog machst? Nur, damit unsere Geschichten aus unseren nicht alltäglichen Welten nicht verloren gehen. Wäre zu schade.

      Was letztendlich der Auslöser für meine Sehnsucht nach der Ferne war, das weiß ich nicht genau. Gut, da waren immer die Missionare, die Abends nach ihren Berichten in der Versammlung noch bei Opa waren und weiter erzählten. Da wollte ich auch hin. Missionar war mein erster Berufswunsch. Und da war da dieser Sanella Katalog mit den Einklebebildchen von den Abenteuern des Jungen quer durch Südamerika. Das Einzige Album, bei dem ich alle Bilder schaffte. War sehr lehrreich. Jetzt wusste ich, was Mestizen sind und das die schlitzäugig um die Ecke linsen.
      Ja, unsere Familie hat bis heute diese Wärme erhalten — und uns überall besucht. So hatten wir beides: Familie und Ferne.

      Mein Leben ist noch nicht gelebt. Jeder Tag bringt Neues und jeder Tag kann Überraschungen bringen. Klar, Einschränkungen nehmen zu. Und das Leben ist nicht mehr so, wie vor einiger Zeit. Aber auf jeder Stufe will ich meine Lust behalten so lange es geht. Ob ich Fähigkeiten zur Reflexion habe um die Gründe zu durchleuchten, weiß ich nicht. Ich sehe mein Leben als ein Ablauf von Geschichten, gesteuert durch Zufälle, die ich flugs beim Wickel griff wenn sie vorbei kamen. Und die meinen Horizont erweitert haben. Ein Beispiel: Deutschland und seine Probleme sehe ich aus der Perspektive des Südens. Wenn du eine kolumbianische Zeitung aufschlägst, ist auch mal was über Deutschland drin. Und die Verwunderung schwingt mit, wie man sich auf solch einem hohen Standard solche Probleme machen kann. Mein Blick ist weiter geworden, nicht mehr einzig auf das Umfeld konzentriert. Ein Perspektivenwechsel. Und das gefällt mir.
      Schreib mal, wie du deine Reflexion siehst.

      1. Lieber Reinhold, ich habe einige deiner Erzählungen noch einmal gelesen und ja, wegen der großen Nähe unserer Erfahrungen, inspirieren mich diese immer wieder zu Vergleichen. Zum Beispiel hatte ich keine Familien – und Dorfgemeinschaft wie du sie erfahren hast. Und damit, diesen frühen Erfahrungen, ist unsere unterschiedliche Interpretation der Welt begründet. Was wir habe sind halt nur Interpretationen der Welt, wie Kant konstatiert und der Buddhismus lehrt. Das können wir verstehen und akzeptieren, wenn wir unsere persönlichen und kulturellen Erfahrungen reflektieren. Es bedeutet aber auch alle Gewissheiten aufzugeben. Und das ist schwer zu ertragen. Unser Selbstbild ist damit in Frage gestellt. Wir formen ein Bild von uns, das aus lauter Attributen besteht. Familienvater , Profession, weit gereist ect. aber wenn die wegfallen, was bleibt dann übrig?. Wir erzählen uns gegenseitig Geschichten von uns und über unsere Welt und halten das für die Wahrheit und die Wirklichkeit. (Das machen die Russen gerade wieder) Es sind aber nur Interpretationen, die aus unserer Kultur, Historie und persönlichen Erfahrungen resultieren. Damit warst du selbst bei deinen Reisen um die Welt konfrontiert. Jeder hat eine andere Wahrheit , „jeder Jeck es anders“ resümieren die Kölsche das Phänomen. Für diese Einsichten war ich lange unterwegs und Reflektion darüber ist mir ein Anliegen geblieben. Begonnen hat der Weg mit Botsuana. Von der Komplexität des Seins war ich wenig berührt als ich nach Botsuana ging. Mit Selbstbewusstsein, Geld und dem Konzept der Selbsthilfe ausgestattet, glaubte ich Antworten zu haben, war aber eigentlich nur arrogant und ignorant. Die Menschen in Botsuana verstanden mich nicht und ich sie nicht. Andere, die wie ich mit einem ähnlichen Auftrag unterwegs waren, externalisierten das Problem zur eigenen Entlastung und erklärten die Schwarzen für doof, wenn sie an ihrem Auftrag scheiterten. Das war lt. einer Studie bei der Mehrheit der DED – lern der Fall.
        Ich war auch dabei zu scheitern und hatte eine existenzielle Krise. Alles was ich wusste und konnte brachte mich nicht weiter. Ich suchte nach Verstehen und hatte alle Antennen ausgefahren. Ich wusste schon, dass das Problem im Nicht-Verstehen der Magic lag, fand aber keinen Zugang. Die Antwort kam durch einen Lutherischen Missionar, der mir an einem Abend bei einem Glas Wein auf seiner Missionsstation unsere – und meine Kulturbefangenheit aufdeckte. Er sprach Setswana auf einem völlig anderen Niveau und gab mir die Beispiele: wir sagen , ich habe meine Geldbörse verloren,. sie sagen. die Geldbörse hat mich verloren. wir sagen: ich habe mich an dem Stein gestoßen, sie sagen: der Stein hat mich gestoßen. Das ist die Welt der Magic. Sie ist voller guter und böser Geister die man beachten muss und beeinflussen kann. Dafür gibt es den Schamanen, der sich damit auskennt. Dem Franz, so hieß der Missionar, bin ich ewig dankbar, denn er hat mir einen Weg entdeckt andere Welten zu verstehen. Es war der Anfang der Auseinandersetzung mit der eigene rationalen Kultur, ein Lernweg zur Erfassung der Mystik in Asien und später der Passion der Latinos. Der Weg zum Verstehen der Magic war noch länger, ich hatte aber einen Anfang. Als man mich zum ersten mal „Mono Mogolo“ ,“ der Alte“ nannte war ich angekommen. In Botswana habe ich mit Yoga angefangen – später durch Meditation ergänzt und die Spiritualität als transzendentales Thema trat in mein Leben. Es war ein Lernweg, auf dem ich heute noch bin und Reflektion ist die Methode.
        Soviel für heute.

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