Madrid, 17.1.2023, 22:48 Uhr

Diesmal war ich sicher, nur wenige Leute fliegen nach Lima. Aber es scheint eine vergebliche Hoffnung. Wenn Leute fliegen können, fliegen sie. Unsere Entschuldigung ist die Familie mit den zwei neuen Enkeln (ja, ja, ich bin stolz, Frank ist in meine Fußstapfen getreten mit seiner Liebe für Lateinamerika). Kann sein, dass es einen Bürgerkrieg gibt, kann sein, dass die Proteste eskalieren. Bisher hat es mehr als 50 Tore bei Demos gegeben. Die Polizei schließt scharf und trifft. Sie haben den Bauernpräsidenten abgesetzt. Und seine Vertreterin zur Präsidentin gemacht. „Sie“, das ist die Oberschicht, die in der Geschichte des Landes schon immer herrschte.

Lima 1. Tag

Die Luft ist zumeist grau, Nebelschwaden hängen zwischen den Hochhäusern, die Sonne sieht sich dieses trübe Wetter nur ab und zu an.

Warm ist es. Gut verträglich warm. Das ist schon mal was wenn man aus der Kälte kommt. Bei unserer Abfahrt in Hommertshausen vorgestern hatte es geschneit.

Ich fühle mich wohl, fast wie zu Hause. Allein die Sprache klingt so schön. Und ich bin stolz, wenn ich fast alles verstehe. Noch stolzer, wenn sie mich auch verstehen. An die Großzügigkeit der Regelauslegung im Straßenverkehr muss ich mich jedes Mal erst gewöhnen. Risiko wird groß geschrieben, aber ist Risiko nicht auch Vergnügen? Klar fühle ich mich bei uns im Straßenverkehr sicherer. Klar ist mir die Sicherheit bei uns angenehmer, Sicherheit durch Absicherung gegen Schwankungen des Lebens. Und doch kann Sicherheit träge machen und Unsicherheit kann stimulieren. Und dann diese Langsamkeit. Es kann dir passieren, dass an der Kasse im Supermarkt die Kassiererin ein Schwätzchen hält mit dem Kunden. Und alles wartet ruhig. Soviel Zeit muss sein. Auch der Handwerker verkalkuliert sich oft in der Zeit und kommt Tage später – wenn überhaupt. Das ist uns nach unserer Rückkehr aus Ecuador in Bonn auch passiert, wir fühlten uns gleich zu Hause bei den Nachkommen der Römer. Andererseits kannst du verzwazeln an der langsamen Bürokratie mit ihren 7 Durchschlägen. M sagt, das war einmal, heute haben sie Computer. Die beschleunigen die Vorgänge auch nicht. Soziale Kontakte, Unlust, anderweitige Verpflichtungen stehen eindeutig vor korrekter Bearbeitung. Aber auch dafür gibt es Schmiermittel. Wem es wert ist. Sturheit bringt beiden Seiten wenig (bei der letzten Einreise war Ms Pass weniger als sechs Monate gültig, nein, sie kann nicht einreisen. Muss zurück. Eindeutig. Später stellen wir fest, dass steht wirklich in den Bestimmungen. Wir haben so lange die Familie als Reiseziel erklärt, die Enkel, Corona, lange Zeit nicht gesehen, Sehnsucht. Die Zöllnerin verschwand, sprach mit dem und jenem, kam zurück, zückte den Stempel und haute 3 Monate Aufenthalt in den Pass. Das hätte kein deutscher Beamter der Migration gemacht.)

Wir sind reich in einem Land, in dem die meisten Menschen arm sind. Dienstleistungen sind für uns gut bezahlbar. Friseure, Taxis zum Beispiel. Schade, dass mein Garten nicht hier liegt. Dann könnte ich mir jederzeit einen Gärtner leisten. Der kommt mit seinem alten Fahrrad, daran sind die drei Geräte, die er braucht, angebunden. Und auf dem Gepäckträger transportiert er seinen klapprigen Rasenmäher. Und ein Dienstmädchen, das 24 Std zur Verfügung steht, könnten wir uns ebenfalls leisten, müssten dann allerdings ein winziges Zimmerchen anbauen, was wir definitiv nicht wollen. Überall wird man gut bedient, meist auch gut behandelt.

Da irgendwo liegt der Hund begraben, verläuft die Ursache des Konfliktes. Die einen scheffeln, die anderen haben wenig bis nichts. Es fehlt an allem für die Mehrheit. Schlechte Gesundheitsversorgung, schlechte Schulen, schlechte Straßen im Inneren, Raubbau durch Konzerne. Heute sind Grossdemos in Lima. Wir bleiben hier, in unserem Viertel sind die Menschen reich, haben Haus und Auto und beschweren sich höchstens über faule Dienstboten. Die noch reichere Elite wohnt woanders in Ghettos und diktiert die Politik. Der Kongress ist in ihrer Hand, jeder Versuch, ihre Macht und Einkommen zu beschneiden, wird eisern abgeblockt. Der letzte Präsident, ein Indigena aus dem Süden, Volkschullehrer und Gewerkschaftsführer, hatte seinen Wählern viel versprochen und sie, die Aymara oder Quechua sprechenden Einheimischen waren stolz, endlich, nach 200 Jahren Unabhängigkeit von Spanien einen Präsidenten aus ihren Reihen zu haben.

Pedro Castillo,

Das ging von Anfang an nicht gut. Die Elite schloss ihre Reihen und bekämpfte alles, was der neue Präsident wollte. Viel wollte der ja gar nicht, auch das war zu viel. Und ein wenig korrupt war er auch, der neue Präsident samt seiner Familie. Nichts gegen seine Kontrahenten, die hätten ihm zeigen können, wie korrupt geht. Fast alle Präsidenten der letzten Jahre waren es im Großen Stil und mussten gehen (oder brachten sich um bei der Verhaftung, Señor Staatsanwalt, ich muss noch mal mit meinem Rechtsanwalt telefonieren). Und im Kongress halten viele Abgeordnete eisern an ihren Posten fest weil danach der Staatsanwalt wartet. Meist wegen Korruption. Jetzt haben sie ihn abgesetzt, den neuen Präsidenten und ins Gefängnis gesteckt. Und seine Anhänger sind wütend. Seit Jahr und Tag werden die Reichen immer reicher.

Im Fernsehen eine Dauerübertragung. Demonstration im Zentrum. Ich sehe nicht viel, die Kameramänner halten sich hinter den Polizistenketten. Es liegen Steine auf den Straßen, ein Baum brennt, offenbar noch keine Verluste. Die neue Regierung, geführt von der ehemaligen Vertreterin des geschassten Präsidenten, hat sich mit seinen Gegnern zusammen getan und setzt auf Härte.

Die letzten Bilder erschrecken. Ein großes Wohnhaus brennt, Flammen greifen auf andere Häuser über, Feuerwehrleute werden angegriffen, es scheint zu eskalieren.

6 Kommentare zu „Madrid, 17.1.2023, 22:48 Uhr

  1. Danke für Deinen lebendigen Bericht. Toll, wie Du Deine Gefühle und Empfindungen beschreibst. Ich kann das sehr gut nachempfinden!
    Einige Gedankensplitter:
    – Die Reichen immer reicher…die Armen immer ärmer…überall das Gleiche. Besonders schlimm: in Krisenzeiten (Corona, Ukrainekrieg) wird diese Entwicklung noch beschleunigt.
    – Bedrückend: die Machtstrukturen in Lateinamerika. Aber: ist es bei uns so viel besser. Dem Kapital ist es egal, wer regiert, Hauptsache sie verdienen. (Harbeck hat einen hohen Vertreter von Black Rock in seinem engsten Beraterstab)
    – Ich staune über die vielen Menschen im Flughafen.
    – „Bürokratie mit menschlichem Zügen“ (Passverlängerung von M.), das ist doch eine gute Lösung !
    Euch wünsche ich noch eine gute Zeit in dem Land „Eurer großen Liebe“. ..

    1. Lieber Manfred,
      erstmal Grüße in die Heimat. Wie bin ich froh, ab und an mal hier zu sein. Ich bin aber auch froh, zu Hause zu sein. Es ist ein Gefühl, als wenn ich zwischen den Welten existieren würde.
      Zu deiner Frage, ob es bei uns so viel besser mit den Machtstrukturen sei: nö! Unser Gesellschaftssystem ist so gebaut, dass es besonders die belohnt, die was haben. Es ist eine Frage des Niveaus. Relativ haben wir überall im Kapitalismus den Effekt der auseinander gehenden Schere zwischen arm und reich, oben und unten. Absolut allerdings gibt es große Unterschiede zwischen einem Indigena aus dem Hochland Perus und – sagen wir malt einem Harz 4 Empfänger aus Hommertshausen. Wir beklagen, dass nur alle 2 Std. ein Bus fährt, die Frau aus dem Dorf im Hochland von Peru wird hinten auf dem Laster über Schotterstraßen zur Stadt chauffiert. Wenn sie Glück hat.
      Und genau, was für eine menschliche Lösung, das mit dem Pass. Gelle!
      Bis dann,
      Grüße aus Peru

  2. Liebe Grüße auch von mir. Gestern sah ich Bilder aus Lima im Fernsehen, die mich erschreckt haben. Und Ihr mittendrin! Was Ihr schreibt, Manfred und Reinhold, Ihr habt ja unbedingt recht. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander, erschreckend schnell. Auch im Hinblick auf die Klimakrise. Oxfam sagt, das reichste 1 Prozent der Weltbevölkerung schädigt das Klima doppelt so stark wie die gesamte ärmere Hälfte zusammen.
    Aber die politischen Mechanismen in Peru sind dann doch nicht so schematisch einfach wie Du das schreibst, Reinhold. Ich glaube das nicht. Natürlich ist es gerade in Lateinamerika schon immer so gewesen, dass die Reichen die Macht an sich reißen und ihren Reichtum vergrößern wollen. Und schön wäre es, wenn es dann anders läuft mit einem Präsidenten wie Du ihn beschreibst. Siehe Brasilien, wo alle Welt von Herzen hofft, dass Lula es schafft, den von Bolsonaro angerichteten schaden halbwegs zu beseitigen. Aber zurück zu Peru, der abgesetzte Präsident Castillo war aber kein Lula und er hat versucht, die Demokratie auszuhebeln und er war korrupt und inkompetent, so meine Informationen. Als er zur Wahl antrat, wollte er genau so ein korruptes System ablösen, und er war wohl der einzige Kandidat, dem man keine Korruption vorwerfen konnte. Ein.echter Lichtblick und viel Hoffnung auf eine Verbesserung! Die Gegenkandidatin Fujimori war in Skandale verwickelt, genauso wie die anderen 17 Kandidaten. Bis auf Castillo. Alle anderen gehörten der peruanischen Elite an. Also eine gute Alternative und endlich jemand, der es anders machen wird. Aber leider ist es so nicht gekommen. Warum? Korrumpiert Macht immer? Jetzt ist seine Vertreterin an der Spitze und sie kommt auch aus dem linken Lager, aber soweit ich es mitbekomme, gehen die Proteste jetzt gegen sie.
    Korrigier mich gerne, wenn es anders war und ist. Ich lese ja nur unsere Presse hier. Jedenfalls scheint.weit und breit keine Lösung in Sicht und Ihr da mittendrin – das gefällt mir garnicht.
    Passt bitte auf Euch auf!
    Liebe Grüße aus dem mit Schnee bepuderzuckerten Dietzenbach.

    1. Verehrte Schwester,
      deine Darstellung der letzten Wahl ist weitgehend korrekt und ausführlicher, wie ich es beschrieben habe (es gibt Freunde, die sich nicht so gut auskennen, deshalb mein Überblick). Castillo war Lehrer und hat einen großen Streik organisiert. Das war die einzige politische Erfahrung die er hatte. Er wäre nie gewählt worden, wenn die Gegnerin nicht Fujimoro geheißen hätte. Vater Fujimoro ist der Inbegriff der korrupten Elite, die sich mit allen Mitteln an die Macht klammert. Oder andersrum ausgedrückt: sie beanspruchen die Macht als gottgegeben für sich. Klar hatten wir alle mehr von Castillo erwartet. Nur war das eine unbegründete Hoffnung. Castillo ist nicht Lula wie du richtig schreibst, und der kann auch nicht durchregieren, weil auch in Brasilien Kongress und Bundesländer weitgehend konservativ-elitär geblieben sind. Castillo ist ein kleines Licht, sein Schachzug, den Kongress auszuhebeln, hatte vorher bei einem anderen Präsidenten, nämlich Fujimoro, schon mal geklappt. Nur war der konservativ, hatte ein Teil der Elite und des Militärs hinter sich. Ich hätte es den meisten im Kongress gegönnt, wenn sie in die Wüste gejagt worden wären. Dass sie sich dagegen wehren, ist kein Wunder, eine Reihe Abgeordnete erwartet ein Korruptionsprozess wenn sie ihre Immunität verlieren. Und dann nimmt der dusselige Castillo ein Taxi, nachdem er verloren hatte und abgesetzt war, um in die mexikanische Botschaft zu fahren, die ihm Asyl angeboten hatte. Ein Taxi! Durch die Hauptstraßen. Wie dusselig kann man eigentlich sein?
      Und dann die Frage der Korruption. Nach meinen Informationen war er auch hierbei ein kleines Licht, wollte er auch ein wenig vom Kuchen für sich und seinen Clan. Alan Garcia, der Präsident, der sich umgebracht hat, hatte von der Baufirma Odebrecht anscheinend 6 Mio. Dollar für seinen Wahlkampf erhalten. Und bei Castillos Mitarbeiter haben sie im Klo 20 000 Dollar gefunden. Ja, ja, er hat seine Familie bei Vertragsabschlüssen mit internationalen Konzernen eingeschaltet, solche Leute kriegen dann ein paar Prozent der Vertragssumme. Peanuts. Von Beginn an war Kongress und Elite eisern gegen ihn. Der hatte nie eine Chance. Im Süden wurde er mit bis zu 80% Stimmenanteil gewählt. Die Menschen auf dem Land sehen nur mal wieder, dass jeder Ansatz einer Verbesserung ihrer Lebenssituation im Keim erstickt wird. Viele sind wütend. Ein Wunder?
      Ach ja, die Nachfolgerin. Als Vertreterin des Präsidenten hatte sie angekündigt, sofort zurück zu treten, wenn Castillo gehen muss. Was tut sie? Sie verbündet sich mit der konservativen Elite. Macht korrumpiert? Bei der eindeutig.
      Hier, außerhalb des Zentrums von Lima, merken wir nichts vom Aufstand. Ein Haus hat gebrannt. Prompt sagt der Innenminister, das waren linke Chaoten. Die Anwohner sagen, es war die Polizei mit ihren Tränengasgeschossen. Nur zur Beruhigung, wir sind keineswegs mitten drin. Gestern wollten wir an die Steilküste, das haben wir schön sein lassen. Heute gehen wir.

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