Als Senior Experten in Südafrika. Wilde Fahrt, fremdes Land, Corona Virus, Stromausfall

Lebowakgomo, den 13.3.20

Mir sitzt noch immer der Schreck in den Knochen. Kein Wunder, ist ja Freitag der 13. Tsetse hat uns zu seinen Eltern mitgenommen, oben, an die Grenze zu Botswana, nach Lebowakgomo. Die vierspurige Autobahn, geradeaus zumeist über flaches, afrikanisches Savannen-Land, ist gut zu fahren. Nach 200 km, dort, wo die Hügel beginnen, geht es ab ins Gebüsch über Land. Und die gesamte Strecke fährt der Kerl 140, 150 km/Std. Auch die Landstraße. Auch, als es dunkel ist. Auch, wenn 80, ja 60 vorgegeben ist. Dann geht er mal runter auf 120. und beschleunigt den Automatik-Mini umgehen wieder auf Reisegeschwindigkeit. Auf die Frage, ob, wie wir es aus Tansania kennen, nachts unbeleuchtete alte Lastwagen unterwegs seien, kam die Antwort, in Südafrika müssten alle Autos beleuchtet sein. Prompt taucht ein unbeleuchteter Lastwagen halb auf der Straße stehend, vor uns auf. Er kann ausweichen, weil keiner entgegenkommt.

Wir kannten seine rasanten Fahrten aus Pretoria. Er fährt uns jeden Tag. Der nicht so große Mann hockt tief im Mini, mit der Nase auf Höhe Oberkante Lenkrad und gibt Gas. Wie ein Feuerball flitzt er durchs Gewühl, nach Rennfahrermanier dicht auffahrend, blitzschnell ausscherend, links, rechts, mittig überholend. Und telefoniert dabei mit einem seiner Handys. Das hab ich ihm ein wenig abgewöhnt, anfangs hatte er drei Handys. Er aber ist telefonsüchtig. Wenn ich dachte, diese täglichen Abenteuer seien einmalig, hatte ich nicht mit einer Steigerung gerechnet.

Wir hatten uns Sorgen gemacht über unbekannte Verhaltensregeln bei seinen Eltern. Doch die waren unkompliziert und zugänglich. Und haben herzlich über unsere Geschichten gelacht. Wenn sie lustig waren. Das Haus ist klein, das Wohnzimmer voll mit Couches und gemütlich, auf einem Sideboard läuft der kleine Fernseher und bringt Nachrichten über Corona.

Langsam fange ich an, mir Sorgen zu machen. Veranstaltungen in Capetown werden abgesagt, die ersten sind in Quarantäne, Lufthansa hat uns geschrieben, dass sie noch nicht wissen, wie es weiter geht. Und die Botschaft antwortet nicht. Rasselbande! Jetzt aber schauen wir erst mal auf heute und die Großfamilie. Für die Omas haben wir schicke Handtaschen gekauft. Und für die Kinder Springbälle, wie sie Klaus hat, Luftballons und Überraschungseier.

Samstag, den 14.3. Um Hotel kein Strom, Akeine Klimaanlage (die bei uns nach Tansania-Manier auf 27 Grad steht), Wasser nur tröpfelchenweise, kein Internet, kein Nix. Stromausfall ist üblich im Land, stundenlang hatten wir das auch schon in Pretoria. Das Land ist schlecht gemanagt und nutzt nach wie vor Kohle zur Erzeugung. Deutschland liefert das nächste Kohlekraftwerk. Es gibt, sagt die nette Bedienung beim Frühstück, eine App, mit der die Stromausfälle vorab mitgeteilt werden. 2 Mal am Tag ist normal.

Blick aus dem Fenster heute Morgen

Als Senior Experten in Südafrika; Uber, was bringen wir mit nach Limpopo?

Pretoria den 13.3.20

(M) Ich wollte einmal etwas über Uber schreiben für diejenigen, die den Fahrdienst noch nicht ausprobiert haben.

Man hat eine Uber-App auf dem Handy und wenn man in einer fremden Stadt irgendwohin fahren will, wird man freundlich begrüßt „Guten Morgen Marianne, wo soll‘s hingehen?“ Dann gibst du die Adresse ein und einen Moment später sagt er dir, was es kosten wird. Er zeigt dir auch die Route an. Er sucht dir einen Fahrer, schickt dir seinen Namen und ein Foto und das Autokennzeichen. Wo du dich befindest, weiß er. Wenn du akzeptierst, kommt er ein paar Minuten später. Du kannst auf dem Display genau sehen, wo er ist. Der Fahrer spricht dich mit deinem Namen an und los gehts. Da du die Nummer deiner Kreditkarte am Anfang hinterlegt hast, brauchst du nichts mehr zu machen als auszusteigen. Bezahlt ist schon. Du kannst später noch eine Bewertung der Fahrt abgeben, bis 5 Sternchen und ein Trinkgeld antippen. Fertig! Du bist sicher, du musst nicht um den Preis feilschen und wirst nett behandelt.

Ich habe es früher immer gehasst, irgendwo ein Taxi anzuhalten und nicht zu wissen, wer mich da fährt und ob der Fahrpreis einigermaßen realistisch ist.

Heute nach der Arbeit fahren wir mit Matsetsebale nach Limpopo, das liegt im Nordosten nahe der Grenzen zu Mozambik und Simbabwe und besuchen seine Familie. Ich bin sehr gespannt. Hoffentlich benehmen wir uns nicht daneben! Das kann schnell passieren, wenn man die Gepflogenheiten nicht kennt. (Wir benehmen uns ja sogar dort daneben, wo wir uns auskennen!).

Z.B. darf man Erwachsenen auf keinen Fall Süßigkeiten mitbringen, dann sind sie beleidigt. Süßigkeiten sind für Kinder! Wir wussten das schon aus Tansania, aber es gibt sicherlich mehr solcher Fallstricke…..

Wie kleidet Frau sich, schön, um ihnen zu zeigen, dass man sie wertschätzt (wie in Südamerika) oder ist das angeberisch? Oder einfach praktisch?

Als Senior Experten in Südafrika. Im Restaurant, Unterschiede und Karl Valentin

Pretoria den 13.3.20

Vier Restaurants haben wir, in denen wir abwechseln abends dinieren. Eins mit hauptsächlich Fleisch, eins mit Fisch, eins mit Hühnchen (afrikanisch, billig aber ohne Hühnerfüsse) und ein schönes mit afrikanischerem Dekor und Essen.

Abendessen im Ocean Basket: 2 Gin Tonic, 1/4 Weißwein (guter), 12 Austern, Reis mit mariniertem Lachs und Gemüse, panierte Garnelen, Kürbispüree. 2 Amarula. Gesamt : 30,-€. Die Fahrt mit Uber kostet für 4,5 km 3€ bis 3,60€. Bedienung und Fahrer (na, was meint ihr? Einen weißen Fahrer haben wir noch nicht getroffen) sind überaus freundlich. Wir freuen uns. Über den Service und die Preise. Heute Abend gehen wir ins Bahoba. Weil Donnerstag ist. Freitag fällt aus.

Unterschiede

Manchmal reißt es uns. Unsere Freunde im Projekt nehmen zum Mittagessen nur ungesunde Sachen. Chips und Cracker, Muffins, Pommes und so. Dazu trinken sie eklig aussehende Getränke. Heute das sah aus wie Unkrautvertilgungsmittel. Ich kaufe immer Wasser, M steuert Obst bei. Dann gucken sie dumm. Sensibilität in Plastikverwendung kennen sie nicht. Hatte ich schon geschrieben. Und Frauengleicheit kennen zumindest die Männer nicht. Keiner von denen rührt auch nicht einen Finger um aufzuräumen oder abzuwaschen. Das ist Frauentage. Die das prompt ohne Murren machen. Auch M!

Karl Valentin und die Deutsche Botschaft

Wir melden uns bei der DB, berichten, was wir machen, fragen nach Kooperationsmögluchkeiten. Diesmal interessiert uns auch ein Virus. Auf die Email von letzter Woche reagieren sie nicht. Heute der Versuch, abzurufen. Keine Verbindung. Dann besetzt. Dann nimmt niemand ab. Nochmal. Niemand da. Dann eine Stimme, drücken sie die 1, drücken sie die 2, Beethoven krächzt, nach drei Minuten fliege ich raus. Beim dritten Mal weiß ich, was ich drücken muss. Und fange an, Beethoven zu hassen. Endlich nimmt jemand an, spricht aber kein Deutsch, obwohl die 1 drücken Deutsch verspricht. Sie versteht nicht, was ich will. Und verbindet. Auch die weiß nichts mit meinem Anliegen anzufangen. Und verbindet weiter. Dann Stille, dann Beethoven, dann Abbruch und ich bin wieder draußen. Jetzt haben wir unser Anliegen per Email auf englisch formuliert.

Ps: die Schwalben hatten Recht. Der Regen donnert auf das Blechdach und das Gewitter nähert sich

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Als Senior Experten in Südafrika. Pretoria den 11.3.2020

M. Heute sind wir sehr zufrieden. Haben viel und intensiv gearbeitet (der Leiter, Matsetsebale, der immer ziemlich viel redet, war nicht da). Jetzt hängen alle Wände voller Wandzeitungen. Als wir fertig waren mit dem, was wir uns vorgenommen hatten, haben wir uns allgemeineren Themen zugewandt und uns besser kennen gelernt. Thabang erzählte, dass es neben Afrikaans und Englisch noch neun einheimische Sprachen gibt, viele mit Klicklauten. Diese sind je nach Sprache verschieden und für uns unaussprechbar.

Die Wände hängen mittlerweile voller Wandzeitungen und Post-its

Als Senior Experten in Südafrika. Pretoria 11.3.20

Ein kleines Abenteuer

Ich hatte es gelesen, Südafrika hat ein Strom Problem. Prompt hat es uns erwischt. Wir waren essen abends, auf der Hinfahrt fiel der Strom aus. Die Küche funktionierte mit Ofen, nur bezahlen konnten wir nicht. Das Netz war ausgefallen, Kartenzahlung ging nicht, mit Bargeld läuft man hier tunlichst nicht rum. Der Bankautomat in der Nähe, betrieben mit Notaggregat, verlangte 5% Gebühr. Wie sollten wir nach Hause kommen? Uber war nicht erreichbar, Telefone und Handys waren ohne Netz. 1 1/2 Std laufen durch das dunkle Pretoria war angstbesetzt und mühsam. Das Management des Lokals bemühte sich, fand eine junge Frau deren Handy ging und schlussendlich kamen wir nach Hause. Sogar unser Tor ließ sich mit der Fernbedienung öffnen.

Ganze Kompanien von Schwalben fliegen niedrig über uns herum. Kündigen sie Regen an? Oder kündigen afrikanische Schwalben anders an? Oder kommen die aus Europa und sind gar nicht afrikanisch? Ich freue mich, so lange keine Schwalben in dieser Anzahl gesehen.

Im Büro

Afrikanische Männer und Emanzipation, das scheint noch nicht zu passen. Genauso wenig wie die Vermeidung von Plastik. Wir haben Gläser gekauft. Selbstredend spülen M und Nene ab, reinigen den Tisch, räumen Plastikflaschen und Verpackung ab. Die Männer nutzen und gucken auf ihre Handys. M hat sich heute den Praktikanten geschnappt und zum Abspülen mitgenommen. Der war verdattert, wusste nicht, wie das geht. Jetzt weiß er es.

Kein Thema

Plastik, Umweltschutz, sogar Klimaveränderung ist kein Thema. Thabang erklärt. Die Probleme, die die meisten Südafrikaner haben, sind so gravierend und auf das tägliche Überleben ausgerichtet, dass kein Platz für zukünftige Probleme bleibt.

Unser Projekt ist immanent politisch.

Hat uns heute Thabang erklärt. 60% der jungen Südafrikaner zwischen 18 und 35 sind arbeitslos. Ohne jegliche Chance auf Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse. Die südafrikanische Wirtschaft ist wieder in eine Rezession gerutscht, das bedeutet, Arbeitsplätze nehmen ab, nicht zu, wie es müsste. 8 % der weißen Bevölkerung besitzt nach wie vor 75% des bewirtschaftbaren Landes. Die heute zumeist schwarze Regierung ist völlig korrupt, Thabang sagt, von der Wirtschaft gekauft. Der (schwarze) Präsident gehört zu den reichsten Menschen in Afrika. Ihre Versprechungen bleiben Versprechungen. Nur das Nötigste wird getan. Südafrika ist weltweit das Land mit der größten Differenz zwischen arm und reich. Sagt Thabang. 1 Prozent der Bevölkerung besitzt 90 Prozent des Reichtums.

Was bleibt den jungen Menschen übrig? Sie werden kriminell. Oder sie schließen sich der Rot mit schwarzem Barett gekleideten Revolutionären Bewegung und Partei an, die den Umsturz und den Bürgerkrieg propagiert.

In diesem Spannungsfeld trägt unsere NGO zum Dialog zwischen Regierung und Jugendlichen bei. Damit die Regierung hört, was Jugendliche bewegt. Das haben sie schon gemacht und wollen vertiefen. Das Präsidentenamt ist offenbar nicht abgeneigt, mitzumachen. Es ist ihnen zu raten. Sonst, sagen die Fachleute, ist in 10 Jahren die bewaffnete Revolte da. Sagt Thabang.

Thabang

Als Senior Experten in Südafrika. Pretoria 10.3.2020

Steve Biko begegnet einem überall. Die Große Straße einen Blick weiter durch das Tal, den Berg hinauf auf die andere Seite ist nach ihm benannt. Das Krankenhaus auf unserem Weg heißt Steve Biko. Auf Plakaten erscheint sein Gesicht, großer Liedermacher und Sänger haben ihn besungen, in Buchhandlungen liegt seine Geschichte mehrfach aus, die Witwatersrand benannte ein Institut nach ihm, ja sogar in Salvador de Bahia gibt es an der Universität ein Institut, das nach ihm benannt ist. Und ein Bleiglasfenster in einer holländischen Kirche zeigt ihn. Er hat leider nichts mehr von seinem Ruhm. Südafrikanische Polizisten haben ihn 1977 bei einem Verhör tot geschlagen.

Saint Ana Church in Heerlen, Niederlande. Quelle: Wikipedia

Biko, ein studentischer Aktivist gegen die Apartheid, hat die Bewegung „Black Consciousness“ mit gegründet. Der Slogan “Black is beautiful” stammt von ihm. Gestärktes schwarzes Bewusstsein war für die weißen Rassisten am Kap ein rotes Tuch, auf den die Apartheid-Ochsen los gingen. Er wurde jahrelang gebannt, ein beliebte Mittel der weißen Minderheitsregierung, Aktivisten mundtot zu machen. Verbannt in ihre Wohnungen war jeder Kontakt mit mehr als einer Person verboten, im Extremfall nicht einmal mit anderen sprechen. Biko hat dagegen verstoßen, wurde gefasst, nackt angekettet, 24 Stunden am Stück verhört, gefoltert, mit schweren Kopfverletzungen in der Zelle liegen gelassen, nackt hinten auf einem Pick Up 1000 km nach Johannesburg transportiert und da ist er ohne Hilfe gestorben. 20 000 Menschen haben an seinem Begräbnis teilgenommen. Weltweit war die Bestürzung groß, die Apartheid stürzte weiter ab in Isolation.

Biko wurde eine Ikone der Anti-Apartheid Bewegung, bis heute geehrt und bewundert (kritisiert wird er auch als schwarzer Nationalist, sogar als Sexist, aber das führt jetzt zu weit). Mir schnürt es das Herz zu, wie die weißen Herrenmenschen ihn behandelt und umgebracht haben. Der zuständige Minister ließ verlauten, Biko sei im Hungerstreik verstorben.

Ich schrieb von heißer Luft im Projekt, dahinter sei nicht viel. Es ist mehr da, obwohl ich noch immer nicht kapiere, wie viel. Sie rücken nicht richtig raus. 50 000 Follower haben sie in Facebook. Sagen sie. Als ich nachschaue, sind da überwiegend fromme und erbauliche Sprüche, die hunderte von Usern sich anschauen und gut befinden. Ist das eine andere Welt, die ich nicht verstehe? Eine Reihe Veranstaltungen weisen sie aus, in Kooperation mit Universitäten. Wer hat das organisiert, wer finanziert? Bisher sagen sie es mir nicht. Heute will ich tiefer nach haken. Sie haben sich ein großes Paket an Tätigkeitsfeldern definiert. Wir kommen zu der Aufgabenverteilung und Zuordnung. Für drei Freiwillige!

Als SES Experten in Südafrika. Pretoria 7/8. März 2020

Bis Mittwoch ging’s nicht gut, seitdem geht’s besser. Nein, es war nicht der Jetlag, wir sind nur eine Stunde weiter als Deutschland. Es war der Unterschied zwischen Papiervorlage (wonach das Projekt sehr dürftig und bedürftig aussah) und der Realität. Die war erschreckend noch weniger. Fast nix an Struktur und wenig Möglichkeit, sie aufzubauen. Nach einem Tag schwankendem Boden unter den Füßen hab ich mich erholt, M hat mich aufgebaut und jetzt gehts voran. Soweit die Füße (und unsere Fähigkeiten) tragen. Drei junge Leute (es sollen noch drei mehr sein), Freiwillige, die benachteiligten Jugendlichen über Leadership Training ihre Lebensbedingungen verbessern wollen. Das Büro ist privat angemietet, der Tisch von der GIZ (Matsetsebale hat drei Jahre dort gearbeitet und gekündigt, weil er sich auf sein Projekt konzentrieren wollte) sonst gähnend leer. Er hat noch 8 Plastikstühle gekauft. Und ja, es gab schon einige Veranstaltungen, Reden zumeist, jetzt sollen Aktionen in Schulen und mit anderen Organisationen dazu kommen. Die Polizei soll auch involviert werden. Und ja, wir sind dabei, ein Programm zu schmieden, das dem Anspruch gerecht werden kann. Zumindest auf dem Papier. Und eine Organisationsstruktur. Und wir werden versuchen, finanzielle Unterstützung zu finden. Das nämlich ist ihr Traum: einen Job zu finden, der sie auch noch inhaltlich befriedigt. Es wird erstmal viel heiße Luft werden, aber vielleicht kann man die verkaufen? Und vielleicht, und vielleicht…

Auf Spurensuche

Mandela ist für mich der großartigste Mensch seit ich politisch denke und handle. Ein Vorbild. Ach, was schreibe ich. So weit entfernt, ich komme nicht in die Nähe dessen, was er vorgelebt hat. Ein Beispiel:1964 hat ihn und andere Führungsmitglieder des ANC ein Richter zu lebenslangem Zuchthaus unter härtesten Bedingungen verurteilt. Einzig, weil sie ein Miteinander mit den Weißen forderten, eine Beteiligung an der Macht, am Reichtum, am guten Leben für die erdrückende Mehrheit der Südafrikaner, von Weißen die ihr gutes Leben mit Apartheid organisiert hatten. Einem System der Unterdrückung, der Segregation, dem Einsatz der 90 Prozent nicht weißen Bevölkerung als Arbeitssklaven, die aus den Städten vertrieben wurden. Diese Männer und Frauen, für deren Leid und Kampf Mandela als Sinnbild steht, hatten alles Recht der Welt, auf Menschenrechte zu verweisen, auf die UN Charta, die sie unterstützte. Doch der kleine, eifernde Richter, der kaum Verteidigung zuließ, schickte sie nach Robben Island. 27 Jahre lang saß Nelson Mandela dort ein. Und als er frei kam, was macht er? Er lädt diesen Richter zum Tee.

Gestern haben wir die Stationen seines Lebens hier in Johannesburg besucht. Einen Tag lang. Alexandra, ein elendiges Township mit zusammengezimmerten Häuschen aus Blech, Holz und Pappe, auch aus Stein. Ohne Wasser, viele ohne Strom und sanitäre Anlagen. Sein Zimmer, das er in den 1940er Jahren bewohnte, wird von anderen Leuten genutzt, Raum für ein Museum geht nicht. Außen Bilder, Hinweise, er war so arm, dass er oft nur Sonntags warm aß. Und studierte. Und politisch aktiv war. Bis zum Schluss lobte er das Zusammenleben im Elendsquartier. Alexandra „was a treasured Place in my Heart“

Mandelas Zimmer in Alexandra

Sein Haus in Soweto ist ein Touristenattraktion. Drumherum Restaurants, Bars, Verkaufsstände, junge Leute, die tanzend und singend auf einen kleinen Obolus warten. Das, was wir von Soweto gesehen haben, ist nicht mit dem Township Alexandra zu vergleichen. 1,2 Mio Menschen leben hier, es gibt Straßen, Schulen, Krankenhäuser. Die Regierung, sagte man uns, tut viel, um unhaltbare Zustände in einigermaßen haltbare umzuwandeln. Die kleinen, offiziell gebauten Häuschen mit Sonnenkollektoren auf den Dächern , Matchboxes genannt, sind hier ein wenig größer und erschwinglich.

Soweto

Und Mandela ist der Vater dieser Entwicklung. Hunderte kommen täglich, zu sehen, wo er mit Winnie und seiner Familie lebte. Als er im Gefängnis war, hat die Polizei immer wieder auf sein Haus geschossen und Winnie hat eine Mauer im Zimmer vor die Fenster gebaut, damit sie vor den Kugeln geschützt waren. Das kleine Haus mit seinen drei 8-10 qm großen Zimmerchen ist voll. In einer Nische ein Herd, 50 cm hoch, holzbeheizt. Wie kann man darauf kochen?

Constitution Hill war ein Gefängnis auch für politische Gefangene. Tausende saßen in den völlig überfüllten Blöcken, säuberlich getrennt nach schwarz und weiß. Weiße hatten Privilegien, Schwarze wurden gedemütigt. In den Einzelzellen lebten manche Gefangene bis zu 180 Tage ohne Tageslicht und Kontakt zur Außenwelt in einem 2qm großen Raum angekettet. Auch Gandhi und Mandela waren hier. Ghandi war hart im Nehmen nach dem Motto, was mich nicht umbringt, macht mich härter. Über seine Frau schreibt er:

Am meisten hat mich Liliesleaf erschüttert. Das war eine Farm außerhalb Johannesburg, die Anfang 1960 längere Zeit der ANC Führung als Refugium und geheimer Tagungsort diente. Da waren sie schon bekannt und wurden verfolgt. Die schwarzen Führer waren als Dienstboten verkleidet (Mandela als Gärtner!), eine weiße Familie mit Kindern fungierte als Alibi. Und doch sind sie aufgeflogen. Die Polizei hat den gesamten Führungskreis ausgehoben. Und alle in einem Hochverrats Prozess zu lebenslang verurteilt (nur die Alibiweißen wurden frei gesprochen). Das hat den ANC über lange Zeit hinweg das Genick gebrochen. Die Apartheid hatte gewonnen.

Polizeifoto nach dem Überfall. Eines der ANC Autos sieht man

All das samt der Geschichte der Apartheid ist dokumentiert, mit Filmen, Fotos und Dokumenten minutiös und publikumswirksam aufbereitet. (Ein Raum ehrt die DDR die mit Ausbildung, Geld und Antiapartheidbewegung führend in der Unterstützung waren. Ein anderer Raum ehrt Schweden und Olof Palme. Nur die BRD wird nicht geehrt). Wir beide, M und ich, waren immer Unterstützer, wussten einiges. Doch am Ort des Geschehens zu sein, die Bilder, Filme, Handschriften zu sehen, zu fühlen, was diese Menschen gefühlt haben müssen, als ihre Peiniger kamen, zu wissen, dass Apartheid un-menschlich war und bis heute nachwirkt, das hat mich zutiefst berührt.

Als Senior Experten in Südafrika Pretoria, 6. März 7:00 Uhr

M: Heute früh um 5:00 bin ich in Panik mit klopfendem Herzen aus dem Schlaf geschreckt. So wie mir ging es den vielen Vögeln, Ibisse und andere Wasservögel, die ein paar Meter von unserem Gelände in einem Feuchtgebiet leben. Sie verließen laut schreiend ihre Plätze und beruhigten sich erst nach langer Zeit.

Jede Nacht und heute noch gegen 4:30 finden auf den gut ausgebauten breiten Straßen hier im Nordteil von Pretoria Motorradrennen statt, dem Geräusch nach auch Autorennen. Die Motoren werden bis zur Schmerzgrenze hochgejubelt. Wir können sie nicht sehen, aber der Lärm ist ohrenbetäubend und bedrohlich und ich rechne ständig mit quietschenden Bremsen und lautem Scheppern und Schreien, weil jemand die Kurve nicht mehr gekriegt hat.

Nachdem wir vorgestern hier im Hotel alleine gearbeitet hatten, hat uns gestern Matsetsebale, kurz Tsetse, mit seinem zweitürigen Mini abgeholt. Ich habe mir die Rückbank mit 8 Stühlen geteilt, die er fürs Büro gekauft hat.

Im Büro wurde gerade ein großer Konferenztisch aufgebaut, und wir konnten anfangen zu arbeiten.

Es kann los gehen

Nicht umsonst hat er Kommunikation studiert: er kann reden wie ein Buch, ebenso sein Freund Thaban, ehemaliger Studentenführer. Auch die Website ist beeindruckend und ich war erstmal baff, was sie da alles auf die Beine gestellt haben. Wenn wir aber nach längerfristigen, konkreten Inhalten und Ergebnissen gesucht haben, war da nichts.

Das Ziel soll sein, benachteiligte Jugendliche in und nach der Schule zu befähigen, ihre Interessen zu vertreten in einem lebenswerteren Süd-Afrika ohne Rassismus, Gewalt und soziale Ungleichheit. Hört sich gut an und sie haben auch schon einige Kontaktleute im Bildungsministerium und bei der Polizei. Was fehlt, sind Strukturen , Inhalte und ein Plan, wie kontinuierlich gearbeitet werden kann. Über das Internet sind sie bekannt geworden und sie haben auch viele Teilnehmer bei ihren Veranstaltungen gewinnen können, aber das war einmal pro Jahr. Es war eine Luftblase.

Wir sind dabei, einen Zeit-und Arbeitsplan zu entwickeln mit festen Verantwortlichkeiten für die Themen und Mitarbeiter.

Mir schwebt als ein Thema auch die Mediation vor, eine Methode der friedlichen Konfliktlösung, die an vielen Schulen in Deutschland, den USA aber auch zwischen Juden und Palästinensern angewandt wird. Ausgebildete Mediatoren bilden Lehrer und Schüler aus, ebenfalls als Streitschlichter zu arbeiten. Die Erfolge sind beträchtlich. Vielleicht wäre das was?

Die Rennbahn

Als Senior Experten in Südafrika 4. März 2020 Pretoria.

Angst im Bauch beim Spaziergang durch das Viertel. Zwengs der vielen Warnungen vor jungen Männern (warum nicht vor jungen Frauen? Können sie einen nicht überfallen?). Reichenviertel. Bungalows umgürtet mit hohen Zäunen, meist Natodrahtrollen obendrauf, Schilder, es wird umgehend geschossen. Junge Frauen unterwegs von der Arbeit, weiße Menschen zu Fuß sehen wir nicht. Sie fahren Auto, oft sehr dicke Schlitten. (Doch, doch, colored people fahren auch große Wagen, aber weniger). Im Supermarkt werden wir selbstredend auf Afrikaans angesprochen, es ist die Sprache der Apartheid. Und erinnert mich an die leidvolle Zeit der 60er und 70er Jahre, als die Herrenrasse ihre Herrensprache in den Schulen einführte und massiven Widerstand provozierte. Hunderte Menschen, viele Schüler wurden von der weißen Staatsgewalt erschossen, erschlagen, tot gefoltert. Ich kann nichts dafür, daran muss ich oft denken. Soweto, dort, wo der Aufstand begann, liegt in der Nähe. Und ist noch immer ein Slum in dem über 1 Mio. Menschen in Blechhütten leben. Die Regierung, hab ich gelesen, tut viel um die unhaltbaren Zustände zu verbessern. Hoffentlich. Viel, so scheint mir, ist von Mandelas Vision der Regenbogennation und des sozialen Ausgleichs noch nicht erreicht. Ja doch, es gibt eine neue Oberschicht der colored people, doch sie ist klein und 75% des landwirtschaftlich nutzbaren Landes gehören noch immer Weißen. Die gerade mal 9% der Bevölkerung ausmachen.

Wir arbeiten zu Hause, versuchen, uns einen Überblick zu erarbeiten, viel an Struktur und Programm ist noch nicht da. Steht ja auch in der Anforderung. Organisation und Inhalt sollen wir ihnen beibringen. Machen wir glatt, wenn sie uns lassen. Heute hatte Tsetse, der Mann für alles, keine Zeit. Er will das Büro einrichten. Gestern haben wir die leeren Räume besichtigt. Sie sind ein gutes Sinnbild der Gruppe. Den Rahmen gibt es. Und gute Ideen. Und einige organisierte Jugendkonferenzen. Wer Lust hat, kann sich ein paar Filmchen in YouTube anschauen. Nach „Agape Youth Movement“ suchen.

Die Sonne scheint, Jakarandabäume überspannen die Straßen und geben Schatten, Pretoria ist grün wie eine Gartenstadt. Eigentlich schön.